Ist Online-Unterricht weniger wert?

Corona hat die Aus- und Fortbildung vom Hörsaal ins Netz gezwungen. Studierende in den USA fühlen sich dadurch um Teile ihrer horrenden Studiengebühren betrogen, die ihnen mit dem Argument abgeknöpft werden, dass sie von den Lehrkräften persönlich und in kleinen Gruppen unterrichtet werden und Wissenschaft hautnah erleben– ganz abgesehen von den Sport- und Freizeitaktivitäten, die jetzt eingestellt sind.

Jetzt werden laufend Hochschulen von Studierenden verklagt, sie einen Teil ihrer Studiengebühren zurückfordern.

Das alles mag auf Studierende und DozentInnen in Europa exotisch wirken, für die Studiengebühren meist das geringste finanzielle Problem sind.

Aber da ist ein Argument, das aufhorchen lassen muss (und an die Diskussionen im Vorfeld der Abiturs- und Maturitätsprüfungen erinnert): Die Studierenden befürchten, dass ihr Uni-Abschluss weniger wert sein wird:

When universities across the U.S. shut their doors because of the coronavirus pandemic and sent students home, many did offer partial refunds of dorm and activities fees. But, these lawsuits argue, they should have refunded more, because not only did students lose access to the gym, the dining hall, the in-person networking and parties, but their diplomas will always have an asterisk because they finished their degrees online. (Zitat NPR)

Hier geht es nicht mehr um Dienstleistungen, die ihnen vorenthalten werden, sondern um angebliche didaktische Einbußen. Nun klar: Wenn ich praktische Übungen im Chemie-Labor nicht selbst durchführen kann, geht mir etwas verloren. (Aber was? Ist es das Problem, dass ich im späteren Leben vergesse, die Schutzbrille anzuziehen?)

Aber was bedeutet es für die Vorlesungen und Seminare?

NPR zitiert eine Juristin, die behauptet:

“In my personal opinion, I can deliver the same quality of education online as I could in person.”

Nein! Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wahr. Es stimmt nur dann, wenn sie in Online-Unterricht (bzw. Online-Rhetorik) ausgebildet ist. Dazu würde gehören, dass sie die Gesetze des Mediums reflektiert hat und ihren Stoff entsprechend aufbereitet und präsentiert.

Dazu gehören etwa die folgenden Dinge:

  • Neustrukturierung des Stoffs
  • Neue Formen der Aktivierung der Studierenden
  • Anpassung von Sprache, Sprechweise und Körpersprache an das neue Medium

Das ist viel mehr, als nur eine Veranstaltung im leeren Hörsaal als zu streamen.

Zum Beispiel die klassische Vorlesung:

Es ist nicht nur tödlich, online 15 Lektionen zu verfolgen. Das zeigen die Klicks praktisch aller derartigen Angebote.

Wer sich statt ans Rednerpult vor die Kamera stellt, kann sein altes Manuskript vergessen. Und sollte die eigene Rolle als Informationsvermittler hinterfragen. Statt dass er oder sie 45 Minuten lang monologisiert, wäre es besser, dass die Studierenden sich mit anderen Medien (z.B. dem Medium Buch) ins Thema einarbeiteten und die Online-Veranstaltung darauf aufbaut.

Mehr dazu demnächst.

Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 6: Du

Viele Menschen berichten über Schwierigkeiten beim Reden, über Angst vor dem Auftritt, über Lampenfieber. Die bisherigen Beiträge sollten zeigen, wie einige von ihnen damit umgegangen sind. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Tipps zum Thema Lampenfieber

Es gibt äußerst nützliche Bücher zum Thema Lampenfieber. Lampenfieber von Claudia Spahn und Vom Lampenfieber zur Vorfreude von Irmtraud Tarr sind (neben Erklärungen zur Entstehung von Lampenfieber) voll von guten Übungen, die helfen, mit seinem Körper, seinen Gedanken und seinen Gefühlen anders umzugehen.

Solche Lehrbücher können vorbehaltlos empfohlen werden, auch wenn sie sich vor allem an Menschen in künstlerischen Berufen wenden.

Wir aber haben das Glück, dass wir als Amateure des Redens ein ganz anderes Ziel haben: Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Jan Masaryk, Heinrich Gretler

Jan Masaryk, Diplomat, Außenminister, und in der Erinnerung vieler auch „kosmopolitischer Lebemann“, hielt in seinem Leben eine Unmenge Reden. Er war ein gefragter Redner, und ihm war bewusst: Um seine Ziele zu erreichen, musste er sich immer wieder einem großen Publikum stellen und es informieren – über die Situation der slavischen Völker, über die soziale Lage der Arbeiterschaft, über den Alkoholmissbrauch… Berühmt sind seine Rundfunk-Ansprachen aus dem Londoner Exil während des Zweiten Weltkriegs. Und auch wenn er sich selbst für einen schlechten Lehrer hielt, sprach er während seiner Zeit als Universitätsdozent in vollen Hörsälen.

Masaryk aber sagt von sich (in den Gesprächsbänden, die Karel Čapek herausgegeben hat), er habe eine Scheu vor Menschen:

Ich spreche ungern; so oft ich vortragen und in Versammlungen oder in der Schule reden sollte, immer hatte ich Lampenfieber. Und dennoch, wie viele Reden habe ich gehalten! Auch heute leide ich an Lampenfieber, wenn ich öffentlich auftreten oder eine Rede halten soll.

Und er hat sich trotzdem immer wieder dazu überwunden. Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Greta Thunberg, Konrad Lorenz und andere

Greta Thunberg steht vor einigen hundert Zuhörerinne und Zuhörern, einsam auf einer riesigen Bühne, die auch älteren Rednern Ehrfurcht einflößen würde. Man sieht ihr an, dass sie sich nicht wohl fühlt. Aber sie redet trotzdem. Sie sagt: Ich habe das Asperger-Syndrom, und das bedeutet, dass ich nur spreche, wenn es notwendig ist. Und dann fügt sie hinzu: Jetzt ist es notwendig.

Later on, I was diagnosed with Asperger syndrome, OCD and selective mutism. That basically means I only speak when I think it’s necessary – now is one of those moments.

Sie hält ihre Rede, weil sie überzeugt ist, dass sie gebraucht wird, um die Letzten aufzurütteln, die noch nicht an den Klimawandel glauben.

Das Gegenteil von Dialog

Ihr Blick geht mal hierhin, mal dorthin. Sie vermeidet Blickkontakt, wohl weil das auch etwas ist, das Aspergern schwerfällt. Viele andere haben es leichter, wenn sie eine Person im Publikum finden, der sie in die Augen schauen können. Greta weicht aus und verfolgt ihren Faden, ohne näher hinzusehen.

Dass sie trotzdem erfolgreich ist, bringt einen Rhetorik-Dozenten in Argumentationsnöte, der seit Jahren empfiehlt: Such dir im Publikum ein freundliches Gesicht, zu dem du reden kannst, und alles geht besser. Für Greta geht auf die Weise nichts besser. Deshalb schaut sie lieber nicht hin. Oder besser: Sie lässt ihren Blick über das Publikum schweifen, ohne sich auf Blickkontakt einzulassen. Manchmal hält sie einen Sekundenbruchteil inne. Sie sieht die Leute, so scheint es, aber sie schaut sie nicht an.

Man kann es so machen, wenn es nicht anders geht. Statt den Dialog zu suchen, hast du das Publikum als anonyme Masse vor dir. Du brauchst dazu ein ausgefeiltes Manuskript, aber es geht. Es funktioniert so, wie es schon vor hundert Jahren der Weltumsegler John Voss beschrieb:

Ein paar Tage, bevor der Vortrag stattfinden sollte, warnte mich ein erfahrener Redner, der mich in die Kunst des Vortrags einführte, vor Lampenfieber. “Wenn Sie die Bühne betreten”, sagte er, “und Sie das Publikum vor sich sehen, werden Sie vielleicht nervös und können nicht mehr sprechen, wie es Anfängern oft passiert. Wenn das so ist, stellen Sie sich einfach vor, dass all die Köpfe vor Ihnen nichts anderes sind als ein Feld voller Kohlköpfe, und gleich wird es Ihnen wieder gut gehen!” (Voss 1913, S. 164)

Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was ich predige. Wer mit dieser Einstellung redet, hat sich für den Monolog entschieden, für die Vorführung, bei der nichts schief gehen darf. Mit Kohlköpfen ist man nicht im Dialog. Kohlköpfe braucht man nicht ernst zu nehmen. Kohlköpfe flüstern einem auch nichts zu, wenn man mal den Faden verloren hat. Aber wenn du keine Lust auf Dialog hast und dennoch glaubst, dass die Welt untergeht, wenn sie deine Rede nicht hört, dann ist das mit den Kohlköpfen ein Weg. Du hast deine Rede gut eingeübt und arbeitest mit einer gut funktionierenden Gedächtnisstütze. Die Leute erwarten von dir Präsentation, nicht Interaktion. Wie im Kino setzen sie sich hin und lassen deine Rede vor sich ablaufen.

Die Botschaft ist wichtiger

Dennoch reden: Dafür entscheiden sich einige, die eigentlich am liebsten in ihrem Elfenbeinturm sitzen geblieben wären, die aber von ihrer Botschaft so überzeugt sind, dass sie ihr Lampenfieber doch immer wieder überwinden.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz war so jemand, der “immer wieder mit Lampenfieber am Rednerpult gestanden” hat, denn er war “im Laufe seines Lebens mehr und mehr davon überzeugt, auf diese Weise wirken zu müssen.” (Wuketits 1990, 67)

Man findet auf Youtube Ausschnitte aus seinen Vorträgen, die er im hohen Alter gehalten hat und wo man ihm noch immer ansieht, dass ihm das Reden nicht leichtfällt und er auf sein Manuskript angewiesen ist. Aber er sprach über seine Arbeit, darüber, was ihm wichtig war. Das half ihm und dafür war sein Publikum gekommen – nicht, um ihn brillieren zu sehen, sondern um von ihm zu lernen.

Ein paar Tipps

Also: Was sollst du tun, wenn du dich nicht im Stande fühlst, eine konstruktive Rhetorik, also eine Rhetorik des Dialogs anzuwenden – dir das Reden zu erleichtern, indem du darauf achtest, was vom Publikum zurückkommt? Was sollst du tun, wenn du es einfach nur hinter dich bringen musst?

  • Ein Tipp ist, für einen möglichst steten Blick zu sorgen, dabei aber nicht in jemandes Gesicht zu sehen, sondern auf den Scheitel – also den obersten Rand seines Schädels. Das ist für das restliche Publikum kaum zu unterscheiden und macht es der introvertierten Rednerin etwas einfacher. Sie bleibt ein paar Sekunden bei dieser Blickrichtung, um nachher entschieden in einen anderen Teil des Publikums zu sehen.
  • Wenn die Person, zu der man blicken sollte, nahe genug ist, kann man sich statt auf die Augen auf die Nasenwurzel konzentrieren. Die will nichts von dir und es gibt nur eine einzige, nicht zwei, zwischen denen du im schlimmsten Fall hin und her springst.
  • Und dann würde ich jedem, der öfter reden muss, empfehlen, für ein gutes Körpergefühl zu sorgen. Übe, auf beiden Beinen zu stehen. Übe atmen, ohne dich dabei zu beengen. Das sind lauter Techniken, die man unabhängig vom öffentlichen Reden, ganz für sich und bei jeder beliebigen Gelegenheit trainieren kann. Ich selbst habe mich oft beim Warten an der Fußgängerampel gefragt, wie ich denn gerade dastehe. Und dann versucht, die kurze Zeit so zu stehen, dass ich mich sicher fühle und nicht “auf dem Sprung”: mit dem Gewicht auf beiden Beinen und dem Schwerpunkt in der Körpermitte (und nicht irgendwo außerhalb).

Erlaube dir Entwicklungsschritte

Der Prediger Gordon Atkinson [http://gordonatkinson.net] beschreibt, wie er seine Entwicklung zum Redner durchgemacht hat. Er erzählt zunächst von der frühen Phase, die alle kennen. Er vermied es, irgendjemanden anzusehen, und kam damit durch. Allerdings hatte dies den negativen Effekt, dass er auch die Zustimmung nicht wahrnahm, die ihm aus dem Publikum entgegengekommen wäre:

And so I would toss my words out into the congregation, then turn abruptly and sit down quickly, I never saw the love that would have been visible in their faces if only I had looked. (Atkinson 2007, S. 11)

Nun – das war Phase eins. In Phase zwei war er schon etwas mutiger: Er versuchte den frei flottierenden Blick.

Ich vermied es, irgendjemanden in den Bankreihen anzusehen. Ich starre über ihre Köpfe hinweg oder bewegte meine Augen so schnell, dass ich nicht bei irgendeinem Gesicht hängen blieb. Ich hatte zu viel Angst davor, was ich in ihren Gesichtern sehen könnte.

Das versuchen viele Anfängerinnen und Anfänger. Sie lassen ihren Blick über die Köpfe wandern, ohne jemanden anzusehen. Das ist immerhin besser, als in eine Ecke zu starren.

Ein deutlicher Schritt vorwärts war für Atkinson die persönliche Ansprache:

Ich stellte mir vor, dass ich zu einem einzelnen Menschen sprechen würde. “Vergiss die Menge”, sagte ich mir, “und tu einfach, als ob du zu deinem besten Freund sprächest.”

Das ging gut – außer dass seine Predigt manchmal zu privat geriet. Es ist wichtig, sich bewusst zu bleiben, dass in jeder Rede alle gemeint sind, nicht nur ein Einzelner. Zwar ist die Vorstellung nützlich, dass man sich an einen einzelnen Menschen wendet; wenn dieser aber zu konkret wird (wenn du nur noch deine Freundin oder deine Großmutter vor dir siehst), schließt man die anderen aus.

Das Allerletzte, was Atkinson lernte, war Atmen. Er erwarb eine Technik der Entspannung, die ihm erlaubte, tief und kraftvoll zu atmen. Auf diese Technik konnte er zurückgreifen, und endlich konnte er das Reden auch genießen.

Ich konnte in die Gesichter meiner Freunde sehen und von dem, was ich da sah, lernen. Der visuelle Austausch mit der Gemeinde veränderte – zu einem gewissen Grad – die Darbietung. Ich war in der Lage, mit der Leichtigkeit eines Entertainers zu reden, aber dennoch meine Filter nicht zu verlieren und nicht zu vergessen, was ich tat.

Zurück zu Greta

Die meisten, die Rhetorik-Kurse besuchen, sind keine Asperger. Dennoch sind viele eher introvertiert. Sie brauchen Tipps, um vor dem Publikum zu bestehen.

Manche werden zunächst eines der oben geschilderten Verfahren anwenden, weil sie einfach die Aufgabe durchstehen müssen. Im Laufe der Zeit werden sie vielleicht einen der anderen Tipps ausprobieren. So erweitert sich das Spektrum ihrer Möglichkeiten.

Auch bei mir hat es Jahre gedauert. Aber das Schöne war: Schon als ich mich noch an Kohlkopf-Methoden klammerte, kam ich irgendwie durch. Denn ich redete – wie Greta – nur dann, wenn ich etwas zu sagen hatte. Und die Leute, die mir zuhörten, waren an den Inhalten interessiert, nicht an meinem Gestotter.

“I only speak when I think it’s necessary.” Das kann man zu seiner Überzeugung machen. Es hilft, sich auf das Was zu konzentrieren. Das Wie ist Nebensache.

 

 

 

 

 

 

 

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.

Der mühsame Weg zum Charisma

„Tatsächlich übersieht Kurz keinen, nicht die Parteiprominenz, nicht die Wirtschaftsvertreter, nicht die Garderobenfrau.“

Das notiert Peter Münch in der Süddeutschen Zeitung über den Österreichischen Alt-Kanzler Sebastian Kurz. Er ist ihm zu einer Wahlkampfveranstaltung ins Burgenland gefolgt, in die Stadt Oberwart. Und sein Text beschreibt detailreich und unterhaltsam die Situation der ÖVP und ihres Spitzenkandidaten kurz vor der Nationalratswahl vom 29. September.

Das Kommunikationstalent des 33-Jährigen wird greifbar. Bemerkenswert: Anders als andere Autoren bemüht Münch nicht ein Mal den Begriff „Charisma“. Dafür beschreibt er treffend, was einen angeblichen Charismatiker auszeichnet:

„Ein großer Teil seines Erfolgs rührt daher, dass er jedem, dem er begegnet, das Gefühl gibt, er ist ganz bei ihm, oder ihr, auch wenn er nach zehn Sekunden schon wieder weg ist.

Charisma als Ausstrahlung

Der landläufige Charisma-Begriff meint ja nicht die Gnadengabe aus der Bibel oder den Herrschaftstyp, den Max Weber beschrieben hat. Wer heute einem Politiker Charisma zuschreibt, spekuliert über dessen Wirkung. Eine Rednerin oder ein Redner (und es sind meistens männliche Figuren, die damit bedacht werden) wird als charismatisch bezeichnet, weil er oder sie die Menschen als Persönlichkeit beeindruckt. Fast austauschbar damit sind Begriffe wie „Ausstrahlung“ oder „Authentizität“, auch wenn die ursprünglich eine ganz andere Bedeutung haben. Weiterlesen

Konstruktive Rhetorik: Vom Vortrag zum Dialog

Es geht nicht darum, vor dem Publikum zu brillieren. Es geht darum, mit ihm in den Dialog zu treten. Das macht die Sache leichter – für Redner/in und Publikum.

Die Kunst, gut zu reden (ars bene dicendi): Das ist die klassische Definition von Rhetorik. Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin untersucht gleichermaßen Parlamentsreden und psychologische Beratungsgespräche, Seminarvorträge und Mobbingtaktiken. Für die Praxis ist das nicht sehr hilfreich. Denn für das Reden vor Publikum braucht es ganz andere Fähigkeiten als für das Gespräch im Alltag.

Vor einem Publikum sind die Rahmenbedingungen anders

Den meisten Menschen fällt das öffentliche Reden, auch vor einer kleinen Gruppe, schwerer als das private Gespräch. Das gilt auch für erfolgverwöhnte “Macherinnen” und “Macher”. (Vgl. z.B. die Geschichte von Henry Ford.) Weiterlesen

Unruhe im Saal – katastrophal?

Oft fühlst du dich durch Unruhe im Saal gestört: Leute schwatzen oder jemand beschäftigt sich deutlich mit anderen Dingen. Aber Störungen im Vortrag sind keine Katastrophe. Wenn du dir einige Dinge vorher überlegt hast, geht alles leichter.

Der Dozent interveniert

Donald Sadoway unterrichtet am MIT ein Fach namens Festkörperchemie. Seine Einführungsvorlesungen werden im Internet hunderttausendfach angeklickt. Er hat die Gabe, anspruchsvolle Themen anschaulich zu machen, so dass zumindest der Einstieg leicht fällt.

Aber er hat auch etwas gegen Störungen. Am Anfang der Vorlesung Nummer 7 (knapp eine Minute nach Beginn der Aufzeichnung) unterbricht er sich plötzlich. Weiterlesen

Henry Ford patzt

Dem Publikum gerecht werden – das geht nur, wenn man es ernst nimmt.

Henry Ford, der den Mittelklasse-Amerikanern ein erschwingliches Auto, Zehntausenden Arbeitern eine Anstellung und Millionen den Traum des America first näher gebracht hatte, war 1923, also knapp 90 Jahre vor dem politischen Abenteuer Donald Trumps, der beliebteste Name für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1924. Er galt zwar in Politikerkreisen als wenig geeignet für das Amt, das er ähnlich wie seine Unternehmen zu führen gedachte. Aber aus heutiger Sicht wäre er mit seinen liberalen Ansichten (von Frauenrechten über die Gleichstellung von Schwarzen zum Pazifismus und zur Bekämpfung der Todesstrafe) eine Bereicherung für den Wahlkampf gewesen.

Wenn da nicht das Problem gewesen wäre, dass Wahlkampf vor allem Reden bedeutete. Weiterlesen