Tipps für den Online-Vortrag (Teil I)

Ein Seminar. Du hast es schon Dutzende Male geleitet. Aber jetzt muss es plötzlich online stattfinden. Du hast nur dein Laptop vor dir, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgen dir per Handy, Tablet oder PC. Wie gelingt trotzdem ein Dialog? Hier einige Tipps.

1. Präsentiere kurze Einheiten

Reduziere die Zeit, die du für den Vortrag brauchst!

Wenn dein Vortrag einst 30 Minuten gedauert hat, teile ihn in mindestens drei Teile auf.

Vielleicht wurde dein Vortrag immer durch Aktivität der Teilnehmenden ergänzt. Fordere sie auch online zu solchen kreativen Übungen auf und reduziere dabei deinen eigenen Beitrag so stark wie möglich. Deine Aufgabe besteht darin, Theorie zu vermitteln, aus Erfahrungen zu berichten, Beiträge der Teilnehmenden zu kommentieren. Aber sie lernen am meisten durch die Aktivität, zu der du sie aufforderst (und die du danach kommentierst).

2. Freunde dich mit der Kamera an.

Für Blickkontakt mit dem Publikum gilt online noch mehr als sonst: Blickkontakt mit einer einzelnen Person. Diese Person sitzt ganz nah vor dir, und du schaust ihr in die Augen, wenn du den kleinen Kamerapunkt über deinem Monitor ansiehst.

Übe das Sprechen in diese Richtung. Wenn du Erfahrung Skype oder anderen Formen der Videokommunikation hast, weißt du, dass dies kein natürliches Verhalten ist, weil du meistens die Angesprochenen weiter unten, auf dem Bildschirm siehst.

Seminar per Vidyoconnect: Links oben der Dozent, in den übrigen Inserts TeilnehmerInnen. “Blickkontakt” ist für den Dozenten nur möglich, wenn er in die Kamera blickt.

Versuche es trotzdem. Auch wenn dir eine ganze Gruppe von Menschen über die Software zugeschaltet ist und du sie alle in kleinen Inserts siehst: Kehre bei Aussagen an die gesamte Gruppe zur Kamera zurück.

Dies gilt gerade auch für das Umgehen mit Fragen aus dem Publikum. Schau die Person, die sich gemeldet hat, ohne weiteres an, währen du ihr zuhörst. Aber mit der Antwort wendest du dich an alle und deshalb sprichst du sie in die Kamera.

3. Sprich in klaren Portionen

Beim Reden aus der Distanz hangeln wir uns oft in einer eintönigen Sprechweise von einem Satzteil zum nächsten – ohne Rhythmuswechsel, ohne klare Pausen – als ob wir unsere Gedanken an einer kilometerlangen Wäscheleine aufhängten.

Endlose Telefonate sind oft deshalb schwer erträglich.

Viele Referentinnen und Referenten verhalten sich ähnlich. Sie kennen ihren Stoff und sprechen ohne Notizen (oder nutzen die PowerPoint-Folien als Stichwortgeber). Versuche bei Online-Formaten in kurzen Portionen zu sprechen und trenne diese Portionen mit klaren Pausen oder Zäsuren ab.

Übe das, indem du dir ein kurzes Thema in Stichworten notierst und für jedes Stichwort nur einen kurzen Satz sprichst. Dieser Satz hat eine Hauptbetonung (auf dem Wort, das die wichtigste Information trägt). Die anderen Wörter werden nicht betont.

Genauso sprichst du, wenn du vor der Kamera improvisierst: Du fasst einen Gedanken und formulierst dazu einen kurzen Satz mit einer Hauptbetonung. Dann kommt eine Pause, in der du Zeit hast, den nächsten Gedanken zu fassen. Diese Regel braucht natürlich nicht sklavisch befolgt zu werden. Es klingt sogar besser, wenn du zwei Sätze miteinander verknüpfst. Aber um vom eintönigen Singsang wegzukommen, ist das eine gute Übung.

 

 

 

Der mühsame Weg zum Charisma

„Tatsächlich übersieht Kurz keinen, nicht die Parteiprominenz, nicht die Wirtschaftsvertreter, nicht die Garderobenfrau.“

Das notiert Peter Münch in der Süddeutschen Zeitung über den Österreichischen Alt-Kanzler Sebastian Kurz. Er ist ihm zu einer Wahlkampfveranstaltung ins Burgenland gefolgt, in die Stadt Oberwart. Und sein Text beschreibt detailreich und unterhaltsam die Situation der ÖVP und ihres Spitzenkandidaten kurz vor der Nationalratswahl vom 29. September.

Das Kommunikationstalent des 33-Jährigen wird greifbar. Bemerkenswert: Anders als andere Autoren bemüht Münch nicht ein Mal den Begriff „Charisma“. Dafür beschreibt er treffend, was einen angeblichen Charismatiker auszeichnet:

„Ein großer Teil seines Erfolgs rührt daher, dass er jedem, dem er begegnet, das Gefühl gibt, er ist ganz bei ihm, oder ihr, auch wenn er nach zehn Sekunden schon wieder weg ist.

Charisma als Ausstrahlung

Der landläufige Charisma-Begriff meint ja nicht die Gnadengabe aus der Bibel oder den Herrschaftstyp, den Max Weber beschrieben hat. Wer heute einem Politiker Charisma zuschreibt, spekuliert über dessen Wirkung. Eine Rednerin oder ein Redner (und es sind meistens männliche Figuren, die damit bedacht werden) wird als charismatisch bezeichnet, weil er oder sie die Menschen als Persönlichkeit beeindruckt. Fast austauschbar damit sind Begriffe wie „Ausstrahlung“ oder „Authentizität“, auch wenn die ursprünglich eine ganz andere Bedeutung haben. Weiterlesen