Das medizinische Kreuzworträtsel – Nummer 3

Auch das neueste Kreuzworträtsel enthält zu Unrecht in der Praxis vernachlässigte Erreger und verblüffende Abkürzungen. Am leichtesten zu lösen ist es mit der PDF, die ich mit Hilfe von Phil erstellt habe. Du findest die zwei Seiten hier:

Medizinisches Kreuzworträtsel Nummer 3

Und so sieht es aus (Online-Version, die man leider noch immer nicht online ausfüllen kann):

Waagerecht

1 Das Bläschen verrät dich.
7 Kilogramm pro Quadratmeter.
10 Nimm das und braus.
14 Der Chirurg wird zum Cowboy.
15 Rundum hat er dich, der Schönheitschirurg.
17 So ist meine Medizin, spricht der Homöopath. Meine auch! rufen Ayurveda-Guru, Hausmittler und Schüssler-Salzer. 19 Ja, mein kleines XX, das wirst du mal.
20 Zum Glück (für den Autor) gibt’s im nördöstlichen Illinois eine Uni.
21 Am richtigen das richtige Wort erspart dir Tee und Leistungssport.
22 “… è uguale alla reazione”, sagt der Fisioterapista.
24 Schleimhaut im Arsch.
25 Was sich gleicht, muss so anfangen, sagt der Grieche.
30 Die Messer sind schon gewetzt.
31 Bernhard Nocht hat in Hamburg ein Institut (wusste ich auch nicht).
33 Pancreozymin klingt wie ein Kraftausdruck, drum kürzen wir’s ab.
34 Was mit Ordnung zu tun hat, beginnt auf Griechisch so, sagen polit und naut.
36 Wenn statt Pipi Säure spritzt.
39 Für den Finanzexperten ein Aufgeld. Für den Arzt hat es sich leider noch nicht etabliert.
41 Diese Tätigkeit, der Fauna nachempfunden, nennt man in Zeiten der Quarantäne gern Cocooning.
42 Epicondylitis humeri radialis.
45 Edel, wird manchmal noch gegen Rheuma gespritzt.
46 So schnell wird der Gonist zum Gegenspieler.
49 “Erhöhung der Körpertemperatur”? Sounds too clumsy for me, sagt der Ami.
52 Nahrungsaufnahme ginge ja auch anders; aber wir finden das am menschlichsten.
55 Einmal um die Längsachse gedreht.
59 Ohne könnte der Brite nicht atmen.
61 Die Beschäftigung mit deinem Sehen, aber genau.
63 Diphterie.
66 Liegt auf dem Tisch und wird aufgeschlitzt.
67 Musculus zieht.
69 Schale in den Kräuter-, Saft in den Schwarztee..
70 Da würde ich mal einen Job im Krankenhaus suchen, z.B. in Samedan oder Scuol.
72 Edel, leuchtet aber nicht mehr im OP.
73 Wenn’s in der Lunge rasselt: diskontinuierliche Atemnebengeräusche.

Senkrecht

2 Knickstelle; kann bei 42 waagerecht auch wehtun.
3 Pharm hat’s davor, Ultima danach.
4 Bakteriengattung, allgegenwärtig in Pfützen und Krankenhäusern.
5 Hier kommen alle europäischen Radiologen zusammen
6 Die Stimme, zum Beispiel, wenn voll und tief.
7 Da soll der Patient bleiben, sonst müssen wir ihn wieder auf dem Flur suchen.
8 In diese Röhre schickt dich Dr House.
9 Eine Maßnahme, die in dich eindringt.
10 Ein Muslim, der sich dem Göttlichen stetig nähert.
11 Ein Bakterium, das es dem in 59 waagerecht gleichmacht.
12 Elementar für die Energiegewinnung.
13 So wirkt der Kompressionsstrumpf.
17 Damit wird etwas aus Tom, Log und Mnese.
18 Des Patienten Beitrag zur Blutdruckmessung.
23 Tight Junctions, elegant lateinisch abgekürzt.
26 Diesen Bereich verhüllt der Patient, so lang es geht.
31 Vorzugsweise rot, rund und voller gesunder Bestandteile.
32 Das erklärt, warum das Placebo wirkt.
33 Small, round, solid and helpful.
34 Ein grauer Star kommt selten allein.
35 Der Wirbel sackt einfach in sich zusammen.
37 Elementar in der Auslösung von Kontaktallergien.
38 Riesige Gruppe von Fieslingen, die z.B. für Atemwegs- und Darmerkrankungen verantwortlich sind.
40 Knochen- will der Grieche sagen.
49 Eigentlich eine Giftpflanze, aber wir lieben doch Bolognese.
54 Sie wollen keinen Gewinn machen.
55 Auf der Suche nach Ambur, um dem Darm zu helfen.
56 Alles, was nach rückwärts weist, auch Kolleginnen von 38 senkrecht.
57 So antwortet der Schwabe auf die Frage: Wie viele darf’s denn sein?
58 Als Abkürzung dem Onkologen oder Neurologen vielleicht geläufig; der normale Mensch surft darin herum

 

Rhetorik-Training konstruktiv

In der herkömmlichen Rhetorik-Schulung ist die wichtigste Entscheidung längst getroffen: die Entscheidung, dass du öffentlich auftreten wirst. Zur Verfügung stehen einige wenige Rollen, in denen du überwiegend verpflichtet bist, das Publikum auf deine Seite zu ziehen.

Für die meisten von uns produziert dies praxisferne Ideale. Deshalb hier nochmals der Grundsatz der konstruktiven Rhetorik in drei einfachen Schritten.

Die erste Frage: Willst du öffentlich reden?

Öffentlich in diesem praktischen Sinne bedeutet: vor einem Publikum, das mit einer bestimmten Rollenerwartung zuhören wird. (Sie geben dir die Rolle einer Lehrerin, eines Firmensprechers, einer Gemeindepräsidentin usw.)

Die zweite Frage: Welches Redeziel hast du?

Wenn du dich für eine „öffentliche“ Rede entschlossen hast (und in unserem Sinne kann das auch ein Auftritt vor fünf Mitarbeitern in der Werkstatt sein), ist die nächste Frage:

Willst du primär informieren, berichten, belehren, erzählen – also Grundlagen für weitere Erkenntnisse vermitteln?

Oder willst du primär überzeugen – also deine Meinung gegen andere Meinungen vertreten?

(Weitere Redeziele lassen wir dabei außer Acht. Das wären zum Beispiel das Feiern eines Rituals, das Beglückwünschen einer Persönlichkeit usw.)

Die dritte Frage: Wie kommen wir ins Gespräch?

Wenn du eine Überzeugungsrede halten willst, dann bist du bei einem Trainer gut aufgehoben, der verspricht, dir die Geheimnisse von Steve Jobs, Barack Obama, Joschka Fischer, Christoph Blocher oder ähnlichen Helden zu verraten. Sie werden dir Maßstäbe vorsetzen, die für Menschen gelten, die sich ihr Leben lang solche Reden auf den Leib schneidern ließen und die du nie kopieren kannst (falls du das wirklich für erstrebenswert hältst).

Sie werden dir vorgaukeln, dass du lernen sollst, vor den Leuten zu brillieren und sie mit einer geschliffenen Rede auf deine Seite zu ziehen. Viel Glück dabei!

Wenn du aber wie viele andere primär Informationsreden halten musst, dann kannst du viel Ballast abwerfen. Denn dann stehst du nicht mehr vor einer passiven Masse, die dir zujubeln soll, sondern du hast es mit Menschen zu tun, die mitdenken und mitreden sollen.

Deine Rede ist dann nur ein Glied in einer Kette von Reden, ein einzelner, aber wichtiger Beitrag in einem Diskurs, an dem auch andere teilnehmen.

Dein Ansatz ist dann nicht die Überredungskunst, sondern der Dialog.

Jetzt ist die Frage nicht mehr: Wie ziehe ich die Leute auf meine Seite? Sondern: Wie komme ich mit ihnen ins Gespräch?

Vielleicht ist das, was dir die Leute während deiner Rede zurufen, wichtiger, als was du sagst. Vielleicht beginnen die guten Erkenntnisse erst, wenn dein Auftritt zu Ende ist und die Gespräche in kleinen Gruppen weitergehen.

Auf jeden Fall wird das aber deinen Erfolgsdruck mindern. Denn die Leistung werdet ihr gemeinsam erbringen, du und dein Publikum.

Rhetorik-Training ist anders

Fragt mich doch Oliver Schroeder im Interview, ob sich der Rhetorik-Unterricht seit Aristoteles und Co. (384-322 v. Chr.) grundlegend geändert habe. Klar hat er sich.

Aristoteles nahm vieles für selbstverständlich, das wir uns zuerst erarbeiten müssen, zum Beispiel die Tatsache, dass du dich plötzlich vor einem Publikum findest. Aristoteles ist der Theoretiker der Beredsamkeit und fängt da an, wo es darum geht, „ein Argument zu prüfen bzw. zu stützen sowie sich zu verteidigen oder anzuklagen“ (1. Kapitel in der Übersetzung von Franz G. Sieveke).

Der Inhalt kommt erst im zweiten Schritt

In einem heutigen praktischen Rhetorikkurs fange ich nicht mit dem Inhalt an, sondern damit, was es heißt, vor einem Publikum zu reden. Ich wende mich an Menschen, denen das einfache Gespräch im Alltag leichtfällt, die aber einen riesigen Unterschied spüren, wenn sie vor Publikum reden müssen. Weiterlesen

Ist Online-Unterricht weniger wert?

Corona hat die Aus- und Fortbildung vom Hörsaal ins Netz gezwungen. Studierende in den USA fühlen sich dadurch um Teile ihrer horrenden Studiengebühren betrogen, die ihnen mit dem Argument abgeknöpft werden, dass sie von den Lehrkräften persönlich und in kleinen Gruppen unterrichtet werden und Wissenschaft hautnah erleben– ganz abgesehen von den Sport- und Freizeitaktivitäten, die jetzt eingestellt sind.

Jetzt werden laufend Hochschulen von Studierenden verklagt, sie einen Teil ihrer Studiengebühren zurückfordern.

Das alles mag auf Studierende und DozentInnen in Europa exotisch wirken, für die Studiengebühren meist das geringste finanzielle Problem sind.

Aber da ist ein Argument, das aufhorchen lassen muss (und an die Diskussionen im Vorfeld der Abiturs- und Maturitätsprüfungen erinnert): Weiterlesen

Tipps für den Online-Vortrag (Teil I)

Ein Seminar. Du hast es schon Dutzende Male geleitet. Aber jetzt muss es plötzlich online stattfinden. Du hast nur dein Laptop vor dir, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgen dir per Handy, Tablet oder PC. Wie gelingt trotzdem ein Dialog? Hier einige Tipps.

1. Präsentiere kurze Einheiten

Reduziere die Zeit, die du für den Vortrag brauchst!

Wenn dein Vortrag einst 30 Minuten gedauert hat, teile ihn in mindestens drei Teile auf.

Vielleicht wurde dein Vortrag immer durch Aktivität der Teilnehmenden ergänzt. Fordere sie auch online zu solchen kreativen Übungen auf und reduziere dabei deinen eigenen Beitrag so stark wie möglich. Deine Aufgabe besteht darin, Theorie zu vermitteln, aus Erfahrungen zu berichten, Beiträge der Teilnehmenden zu kommentieren. Aber sie lernen am meisten durch die Aktivität, zu der du sie aufforderst (und die du danach kommentierst).

2. Freunde dich mit der Kamera an.

Für Blickkontakt mit dem Publikum gilt online noch mehr als sonst: Blickkontakt mit einer einzelnen Person. Diese Person sitzt ganz nah vor dir, und du schaust ihr in die Augen, wenn du den kleinen Kamerapunkt über deinem Monitor ansiehst. Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 6: Du

Viele Menschen berichten über Schwierigkeiten beim Reden, über Angst vor dem Auftritt, über Lampenfieber. Die bisherigen Beiträge sollten zeigen, wie einige von ihnen damit umgegangen sind. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Tipps zum Thema Lampenfieber

Es gibt äußerst nützliche Bücher zum Thema Lampenfieber. Lampenfieber von Claudia Spahn und Vom Lampenfieber zur Vorfreude von Irmtraud Tarr sind (neben Erklärungen zur Entstehung von Lampenfieber) voll von guten Übungen, die helfen, mit seinem Körper, seinen Gedanken und seinen Gefühlen anders umzugehen.

Solche Lehrbücher können vorbehaltlos empfohlen werden, auch wenn sie sich vor allem an Menschen in künstlerischen Berufen wenden.

Wir aber haben das Glück, dass wir als Amateure des Redens ein ganz anderes Ziel haben: Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Jan Masaryk, Heinrich Gretler

Jan Masaryk, Diplomat, Außenminister, und in der Erinnerung vieler auch „kosmopolitischer Lebemann“, hielt in seinem Leben eine Unmenge Reden. Er war ein gefragter Redner, und ihm war bewusst: Um seine Ziele zu erreichen, musste er sich immer wieder einem großen Publikum stellen und es informieren – über die Situation der slavischen Völker, über die soziale Lage der Arbeiterschaft, über den Alkoholmissbrauch… Berühmt sind seine Rundfunk-Ansprachen aus dem Londoner Exil während des Zweiten Weltkriegs. Und auch wenn er sich selbst für einen schlechten Lehrer hielt, sprach er während seiner Zeit als Universitätsdozent in vollen Hörsälen.

Masaryk aber sagt von sich (in den Gesprächsbänden, die Karel Čapek herausgegeben hat), er habe eine Scheu vor Menschen:

Ich spreche ungern; so oft ich vortragen und in Versammlungen oder in der Schule reden sollte, immer hatte ich Lampenfieber. Und dennoch, wie viele Reden habe ich gehalten! Auch heute leide ich an Lampenfieber, wenn ich öffentlich auftreten oder eine Rede halten soll.

Und er hat sich trotzdem immer wieder dazu überwunden. Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Greta Thunberg, Konrad Lorenz und andere

Greta Thunberg steht vor einigen hundert Zuhörerinne und Zuhörern, einsam auf einer riesigen Bühne, die auch älteren Rednern Ehrfurcht einflößen würde. Man sieht ihr an, dass sie sich nicht wohl fühlt. Aber sie redet trotzdem. Sie sagt: Ich habe das Asperger-Syndrom, und das bedeutet, dass ich nur spreche, wenn es notwendig ist. Und dann fügt sie hinzu: Jetzt ist es notwendig.

Later on, I was diagnosed with Asperger syndrome, OCD and selective mutism. That basically means I only speak when I think it’s necessary – now is one of those moments.

Sie hält ihre Rede, weil sie überzeugt ist, dass sie gebraucht wird, um die Letzten aufzurütteln, die noch nicht an den Klimawandel glauben.

Das Gegenteil von Dialog

Ihr Blick geht mal hierhin, mal dorthin. Sie vermeidet Blickkontakt, wohl weil das auch etwas ist, das Aspergern schwerfällt. Viele andere haben es leichter, wenn sie eine Person im Publikum finden, der sie in die Augen schauen können. Greta weicht aus und verfolgt ihren Faden, ohne näher hinzusehen.

Dass sie trotzdem erfolgreich ist, bringt einen Rhetorik-Dozenten in Argumentationsnöte, der seit Jahren empfiehlt: Such dir im Publikum ein freundliches Gesicht, zu dem du reden kannst, und alles geht besser. Für Greta geht auf die Weise nichts besser. Deshalb schaut sie lieber nicht hin. Oder besser: Sie lässt ihren Blick über das Publikum schweifen, ohne sich auf Blickkontakt einzulassen. Manchmal hält sie einen Sekundenbruchteil inne. Sie sieht die Leute, so scheint es, aber sie schaut sie nicht an.

Man kann es so machen, wenn es nicht anders geht. Statt den Dialog zu suchen, hast du das Publikum als anonyme Masse vor dir. Du brauchst dazu ein ausgefeiltes Manuskript, aber es geht. Es funktioniert so, wie es schon vor hundert Jahren der Weltumsegler John Voss beschrieb:

Ein paar Tage, bevor der Vortrag stattfinden sollte, warnte mich ein erfahrener Redner, der mich in die Kunst des Vortrags einführte, vor Lampenfieber. “Wenn Sie die Bühne betreten”, sagte er, “und Sie das Publikum vor sich sehen, werden Sie vielleicht nervös und können nicht mehr sprechen, wie es Anfängern oft passiert. Wenn das so ist, stellen Sie sich einfach vor, dass all die Köpfe vor Ihnen nichts anderes sind als ein Feld voller Kohlköpfe, und gleich wird es Ihnen wieder gut gehen!” (Voss 1913, S. 164)

Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was ich predige. Wer mit dieser Einstellung redet, hat sich für den Monolog entschieden, für die Vorführung, bei der nichts schief gehen darf. Mit Kohlköpfen ist man nicht im Dialog. Kohlköpfe braucht man nicht ernst zu nehmen. Kohlköpfe flüstern einem auch nichts zu, wenn man mal den Faden verloren hat. Aber wenn du keine Lust auf Dialog hast und dennoch glaubst, dass die Welt untergeht, wenn sie deine Rede nicht hört, dann ist das mit den Kohlköpfen ein Weg. Du hast deine Rede gut eingeübt und arbeitest mit einer gut funktionierenden Gedächtnisstütze. Die Leute erwarten von dir Präsentation, nicht Interaktion. Wie im Kino setzen sie sich hin und lassen deine Rede vor sich ablaufen.

Die Botschaft ist wichtiger

Dennoch reden: Dafür entscheiden sich einige, die eigentlich am liebsten in ihrem Elfenbeinturm sitzen geblieben wären, die aber von ihrer Botschaft so überzeugt sind, dass sie ihr Lampenfieber doch immer wieder überwinden.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz war so jemand, der “immer wieder mit Lampenfieber am Rednerpult gestanden” hat, denn er war “im Laufe seines Lebens mehr und mehr davon überzeugt, auf diese Weise wirken zu müssen.” (Wuketits 1990, 67)

Man findet auf Youtube Ausschnitte aus seinen Vorträgen, die er im hohen Alter gehalten hat und wo man ihm noch immer ansieht, dass ihm das Reden nicht leichtfällt und er auf sein Manuskript angewiesen ist. Aber er sprach über seine Arbeit, darüber, was ihm wichtig war. Das half ihm und dafür war sein Publikum gekommen – nicht, um ihn brillieren zu sehen, sondern um von ihm zu lernen.

Ein paar Tipps

Also: Was sollst du tun, wenn du dich nicht im Stande fühlst, eine konstruktive Rhetorik, also eine Rhetorik des Dialogs anzuwenden – dir das Reden zu erleichtern, indem du darauf achtest, was vom Publikum zurückkommt? Was sollst du tun, wenn du es einfach nur hinter dich bringen musst?

  • Ein Tipp ist, für einen möglichst steten Blick zu sorgen, dabei aber nicht in jemandes Gesicht zu sehen, sondern auf den Scheitel – also den obersten Rand seines Schädels. Das ist für das restliche Publikum kaum zu unterscheiden und macht es der introvertierten Rednerin etwas einfacher. Sie bleibt ein paar Sekunden bei dieser Blickrichtung, um nachher entschieden in einen anderen Teil des Publikums zu sehen.
  • Wenn die Person, zu der man blicken sollte, nahe genug ist, kann man sich statt auf die Augen auf die Nasenwurzel konzentrieren. Die will nichts von dir und es gibt nur eine einzige, nicht zwei, zwischen denen du im schlimmsten Fall hin und her springst.
  • Und dann würde ich jedem, der öfter reden muss, empfehlen, für ein gutes Körpergefühl zu sorgen. Übe, auf beiden Beinen zu stehen. Übe atmen, ohne dich dabei zu beengen. Das sind lauter Techniken, die man unabhängig vom öffentlichen Reden, ganz für sich und bei jeder beliebigen Gelegenheit trainieren kann. Ich selbst habe mich oft beim Warten an der Fußgängerampel gefragt, wie ich denn gerade dastehe. Und dann versucht, die kurze Zeit so zu stehen, dass ich mich sicher fühle und nicht “auf dem Sprung”: mit dem Gewicht auf beiden Beinen und dem Schwerpunkt in der Körpermitte (und nicht irgendwo außerhalb).

Erlaube dir Entwicklungsschritte

Der Prediger Gordon Atkinson [http://gordonatkinson.net] beschreibt, wie er seine Entwicklung zum Redner durchgemacht hat. Er erzählt zunächst von der frühen Phase, die alle kennen. Er vermied es, irgendjemanden anzusehen, und kam damit durch. Allerdings hatte dies den negativen Effekt, dass er auch die Zustimmung nicht wahrnahm, die ihm aus dem Publikum entgegengekommen wäre:

And so I would toss my words out into the congregation, then turn abruptly and sit down quickly, I never saw the love that would have been visible in their faces if only I had looked. (Atkinson 2007, S. 11)

Nun – das war Phase eins. In Phase zwei war er schon etwas mutiger: Er versuchte den frei flottierenden Blick.

Ich vermied es, irgendjemanden in den Bankreihen anzusehen. Ich starre über ihre Köpfe hinweg oder bewegte meine Augen so schnell, dass ich nicht bei irgendeinem Gesicht hängen blieb. Ich hatte zu viel Angst davor, was ich in ihren Gesichtern sehen könnte.

Das versuchen viele Anfängerinnen und Anfänger. Sie lassen ihren Blick über die Köpfe wandern, ohne jemanden anzusehen. Das ist immerhin besser, als in eine Ecke zu starren.

Ein deutlicher Schritt vorwärts war für Atkinson die persönliche Ansprache:

Ich stellte mir vor, dass ich zu einem einzelnen Menschen sprechen würde. “Vergiss die Menge”, sagte ich mir, “und tu einfach, als ob du zu deinem besten Freund sprächest.”

Das ging gut – außer dass seine Predigt manchmal zu privat geriet. Es ist wichtig, sich bewusst zu bleiben, dass in jeder Rede alle gemeint sind, nicht nur ein Einzelner. Zwar ist die Vorstellung nützlich, dass man sich an einen einzelnen Menschen wendet; wenn dieser aber zu konkret wird (wenn du nur noch deine Freundin oder deine Großmutter vor dir siehst), schließt man die anderen aus.

Das Allerletzte, was Atkinson lernte, war Atmen. Er erwarb eine Technik der Entspannung, die ihm erlaubte, tief und kraftvoll zu atmen. Auf diese Technik konnte er zurückgreifen, und endlich konnte er das Reden auch genießen.

Ich konnte in die Gesichter meiner Freunde sehen und von dem, was ich da sah, lernen. Der visuelle Austausch mit der Gemeinde veränderte – zu einem gewissen Grad – die Darbietung. Ich war in der Lage, mit der Leichtigkeit eines Entertainers zu reden, aber dennoch meine Filter nicht zu verlieren und nicht zu vergessen, was ich tat.

Zurück zu Greta

Die meisten, die Rhetorik-Kurse besuchen, sind keine Asperger. Dennoch sind viele eher introvertiert. Sie brauchen Tipps, um vor dem Publikum zu bestehen.

Manche werden zunächst eines der oben geschilderten Verfahren anwenden, weil sie einfach die Aufgabe durchstehen müssen. Im Laufe der Zeit werden sie vielleicht einen der anderen Tipps ausprobieren. So erweitert sich das Spektrum ihrer Möglichkeiten.

Auch bei mir hat es Jahre gedauert. Aber das Schöne war: Schon als ich mich noch an Kohlkopf-Methoden klammerte, kam ich irgendwie durch. Denn ich redete – wie Greta – nur dann, wenn ich etwas zu sagen hatte. Und die Leute, die mir zuhörten, waren an den Inhalten interessiert, nicht an meinem Gestotter.

“I only speak when I think it’s necessary.” Das kann man zu seiner Überzeugung machen. Es hilft, sich auf das Was zu konzentrieren. Das Wie ist Nebensache.

 

 

 

 

 

 

 

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 4: Thomas Jefferson

Thomas Jefferson gilt als der schlechteste Redner, der je US-Präsident wurde. Dabei wird er als noch heute als einer der bedeutendsten gesehen. Er war z.B. der wohl wichtigste Autor der Unabhängigkeitserklärung. Und es war ihm gegeben, die Staatsfläche der USA um fast 100 Prozent zu erweitern, ohne dafür Krieg zu führen.

Aber er hasste es, öffentlich zu reden. Wenn er konnte, vermied er es, wo immer es ging, seine Botschaften mündlich vorzutragen – auch bei Ritualen, die man sich gar nicht anders vorstellen konnte. So hatten seine Vorgänger den Brauch eingeführt, dass die jährliche Session des Kongresses mit einer Rede des Präsidenten begann. Heute ist das die viel beachtete Ansprache “zur Lage der Nation”. Jefferson kündigte diese Tradition auf und schickte stattdessen einen schriftlichen Text ins Kapitol. Dort ließ er ihn von seinem Privatsekretär vorlesen. (Cunningham 1978, 25-26)

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.