Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 6: Du

Viele Menschen berichten über Schwierigkeiten beim Reden, über Angst vor dem Auftritt, über Lampenfieber. Die bisherigen Beiträge sollten zeigen, wie einige von ihnen damit umgegangen sind. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Tipps zum Thema Lampenfieber

Es gibt äußerst nützliche Bücher zum Thema Lampenfieber. Lampenfieber von Claudia Spahn und Vom Lampenfieber zur Vorfreude von Irmtraud Tarr sind (neben Erklärungen zur Entstehung von Lampenfieber) voll von guten Übungen, die helfen, mit seinem Körper, seinen Gedanken und seinen Gefühlen anders umzugehen.

Solche Lehrbücher können vorbehaltlos empfohlen werden, auch wenn sie sich vor allem an Menschen in künstlerischen Berufen wenden.

Wir haben das Glück, dass wir als Amateure des Redens ein ganz anderes Ziel haben: Wir wollen uns zu unserem persönlichen Thema äußern. Das braucht nicht perfekt zu sein. Und das Publikum kommt nicht, um unsere Brillanz zu genießen, sondern um der Inhalte willen, die wir vertreten.

Sie wollen etwas Neues erfahren, sie wollen sich mit dir austauschen und auch selbst wahrgenommen werden. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher du dir das sagst, desto leichter wirst du es haben.

Eine Rede ist ein Gemeinschaftsprodukt

Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, hat sich an verschiedenen Stellen zum Thema Lampenfieber geäußert. Es ist für ihn ein Beispiel für eine fehlgeleitete Aufmerksamkeit auf die eigene Person statt auf den Austausch mit den anderen. Er beschreibt zum Beispiel

… ein Zeichen der intensiven Spannung, in die Menschen geraten, wenn sie nicht an die Sache, nicht an die anderen, sondern nur an ihren Triumph oder an ihre mögliche Niederlage denken. In dieser erhöhten Spannung entsteht als ein Zeichen unentwickelten Gemeinschaftsgefühls und allzusehr erhöhten Interesses für die eigene Person Lampenfieber. Und an dieser Stelle ergibt es sich auch, wie Mut, Selbstbewusstsein und optimistischer Ausblick nur bei Personen zu finden sind, die sich angeschlossen, heimisch, als ein Teil des Ganzen fühlen. Mut als eine Seite vollkommenen Gemeinschaftsgefühls!

Beim Reden vor Publikum ist es hilfreich, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die Rede ein Gemeinschaftsprodukt von RednerIn und Publikum ist. Sorge dafür, dass möglichst bald etwas vom Publikum zurückkommt: ein Lachen, ein Zeichen des Nachdenkens, eine Antwort auf eine Umfrage… Dann machst du dir auch während des Redens bewusst, dass nicht alles von dir abhängt.

Du bringt Sicherheit mit

Hinzu kommt alles, was du vor dem Reden für deine Sicherheit tun kannst. Dazu gehören alle möglichen Arten des Übens (von Entspannungsübungen bis zum Training im freien Formulieren), die dir die Gewissheit geben, dass du über die Grundlagen des Redens verfügst.

Sicherheit bedeutet:

Ich bin inhaltlich kompetent.

Ich werde reden, weil ich etwas zur Sache zu sagen habe. In vielen Fällen werde ich hinzugezogen, weil ich mehr als andere weiß.

Ich bin technisch (sprachlich, sprecherisch körpersprachlich) kompetent:

Ich habe mich geübt in: freiem Formulieren, sprecherischer Gestaltung, Körperhaltung, Benutzung von Unterlagen, Bedienung der Technik.

Ich habe mich auf den aktuellen Fall vorbereitet:

Ich habe gut recherchiert, kenne Vorwissen und Erwartungen des Publikums, habe eine Gedächtnisstütze vorbereitet, die funktioniert usw.

Ich habe meine Aufregung im Griff:

Und wenn keine der Entspannungsübungen, die ich kenne, mehr helfen, dann weiß ich wenigstens eines: So aufgeregt, wie ich mich fühle, werde ich nicht wirken. Man sieht mir nicht alles an!

Also nochmals:

Beim Reden geht es um Inhalte, nicht um Perfektion in der Form.

Das Publikum ist mitbeteiligt. Schau hin, man wird mitdenken, wenn du dir Zeit lässt. Man wird dir helfen, wenn du stockst.

Kevin Kuhn

Der Schriftsteller Kevin Kuhn fasst die Erfahrungen zusammen, die er bei seinen Autorenlesungen gemacht hat.

Seine Hauptaufgabe: Augenhöhe mit dem Publikum herstellen. Als Autor fühlt man sich oft deplatziert – besonders, wenn man vom Veranstalter über den grünen Klee gelobt wird. Aber man versucht, weder in der Menge unterzugehen noch sich über sie zu erheben. Also geht es darum, in Kontakt zu treten:

Die Lesung beginnt damit, dass du den Raum betrittst, wo die meisten, eng oder nicht, nebeneinander sitzen. Am liebsten würdest du in der letzten Reihe abtauchen. Du fragst dich, warum du das überhaupt machst.
Auf der Bühne bemerkst du die Strahler und die in die Ferne rückenden Gesichter. Du brauchst die Gesichter, Reaktionen, um überhaupt anzukommen. Aber: du gibst dein Bestes, es kommen einleitende Sätze, die dich noch einen Tick weiter über das Podest erheben, du fliegst da förmlich vorne herum – musst einen Anker werfen.
Gute Anker sind zum Beispiel Anekdoten von der Anreise (Realität). Das kann diesen entstandenen Graben etwas zuschütten. Weil du jetzt nahbar wirst (eine Person, die von irgendwoher angereist ist und vom Regen, wie du sagst, überrascht wurde). Das gelingt aber nicht immer. Dann musst du allen Charme und auch Witz aufwenden, um irgendwie Anschluss zu finden.

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Jan Masaryk, Heinrich Gretler

Jan Masaryk, Diplomat, Außenminister, und in der Erinnerung vieler auch „kosmopolitischer Lebemann“, hielt in seinem Leben eine Unmenge Reden. Er war ein gefragter Redner, und ihm war bewusst: Um seine Ziele zu erreichen, musste er sich immer wieder einem großen Publikum stellen und es informieren – über die Situation der slavischen Völker, über die soziale Lage der Arbeiterschaft, über den Alkoholmissbrauch… Berühmt sind seine Rundfunk-Ansprachen aus dem Londoner Exil während des Zweiten Weltkriegs. Und auch wenn er sich selbst für einen schlechten Lehrer hielt, sprach er während seiner Zeit als Universitätsdozent in vollen Hörsälen.

Masaryk aber sagt von sich (in den Gesprächsbänden, die Karel Čapek herausgegeben hat), er habe eine Scheu vor Menschen:

Ich spreche ungern; so oft ich vortragen und in Versammlungen oder in der Schule reden sollte, immer hatte ich Lampenfieber. Und dennoch, wie viele Reden habe ich gehalten! Auch heute leide ich an Lampenfieber, wenn ich öffentlich auftreten oder eine Rede halten soll.

Und er hat sich trotzdem immer wieder dazu überwunden.

Zwei Arten des Auftritts

Wie es ihm gelungen ist, erzählt er nicht. (Dazu lernen wir mehr aus den Geschichten von Marie Curie oder Thomas Jefferson). Aber wie er die Sache kommentiert, ist bemerkenswert. Er macht einen deutlichen Unterschied zwischen zwei Arten des öffentlichen Auftritts:

Reden um des Redens willen, das ist leicht, aber über praktische Dinge reden, die getan werden sollen – das ist ganz etwas anderes.

Masaryk unterscheidet also zwischen der reinen Präsentation, bei der der Inhalt in den Hintergrund tritt, und dem informativen Reden, zu dem es einem drängt, weil man nicht über irgendein beliebiges Thema spricht, sondern über Dinge, „die getan werden sollen“:

  1. Darbietung:
    Du übernimmst ein Thema und wählst eine Rolle, die du so lange einübst, bis sie sitzt.
  2. Sich mitteilen:
    Du vermittelst dein persönliches Anliegen und trittst als du selbst vor das Publikum.

Sich eine Rolle überzustülpen und ein fremdes Thema zu vertreten, hält er also für leichter, als in eigener Sache zu reden.

Etwas darbieten – oder sich mitteilen?

Meiner Erfahrung nach ist es zwar genau umgekehrt. Aber lassen wir das für einen Moment. Wesentlich ist es, diesen Unterschied klar zu erkennen:
Die Darbietung ist verwandt mit dem Beruf des Schauspielers. Sich in eigener Sache mitzuteilen, ist die Aufgabe dessen, der einen ganz anderen Beruf hat, sich aber gelegentlich vor Publikum äußern muss. Diese Menschen haben ihre Hauptkompetenz (zum Glück) nicht im Reden, sondern in der Sache, die sie vertreten.

Sich mitteilen: ein Beispiel

Eine solche Rednerpersönlichkeit wird vom Reden zum Beispiel so erzählen:

Als in Wien ein Antialkoholkongress abgehalten wurde, improvisierte ich dort eine Rede; die gefiel auch manchen Engländern, so dass ich mit einer Reihe von englischen Professoren in Berührung kam…

Das war Masaryk in jungen Jahren, noch bevor seine Diplomatenkarriere begann. Er wusste, dass er vor dem Publikum etwas Gehaltvolles sagen musste. Er improvisierte. Es gelang ihm so gut, dass sich ihm damit weitere Kontakte ermöglichten. Nicht eine ausgefeilte Rede stand im Mittelpunkt;  sondern mit einer unvorbereiteten, aber sachkundigen Stellungnahme gelingt ihm ein weiterer Schritt auf seinem beruflichen Weg.

Lampenfieber hin oder her – wenn die Rede zu Ende ist, geht das (Berufs-)Leben weiter.

Darbietung: ein Beispiel

Ganz anders der Bericht über einen Schauspieler. Über die Theaterlegende Heinrich Gretler berichtet Erwin Parker (in: Mein Schauspielhaus, S. 135-137). Auch Gretler hatte sein Leben lang Lampenfieber. Aber es war das Lampenfieber des Profis, dessen, für den der Auftritt Beruf war, nicht Nebensache. Er konnte sich nicht auf die Hoffnung zurückziehen, dass er sich irgendwie aus der Affäre ziehen würde, sondern:

Wenn Heiri spielte, gab es keine Seitensprünge, keine Ungenauigkeiten, sie verboten sich aus Respekt vor dem Ernst, mit der er diese Welt des Scheins zu einer Welt, wie sie sein könnte, machte.

Parker findet für Gretler (den die Kolleginnen und Kollegen am Schauspielhaus wie kaum einen anderen verehrten) das Bild vom „Kapitän, der sein Leben lang seekrank geblieben ist“:

Seine Seekrankheit war das Lampenfieber, das er jeden Abend aufs neue durchlitten hat, von der Premiere bis zur letzten Vorstellung – und wenn es die hundertste war. Diese Textnot, dieser horror vacui, diese Angst vor dem „Schwarzen Loch“ ist gerade den Schauspielern auferlegt, die das größte Pflichtbewusstsein haben. Sie fühlen sich für das Stück, die Mitspieler und das Publikum verantwortlich. Nie wäre es Heiri eingefallen, ein anderes Textwort zu sprechen, als der Dichter vorgeschrieben hat. Nie hätte er sich angemaßt, zu improvisieren; er wäre sich wie ein Falschspieler vorgekommen. So könnte man füglich sagen: hier ist einer ein Opfer seiner Rechtschaffenheit geworden.

Die Angst, dem Werk, das aufzuführen ist, nicht gerecht zu werden: das gehört zu einem Beruf, bei dem die Redeleistung im Mittelpunkt steht. Ein Patzer, ein Abweichen vom einmal erarbeiteten Textsinn widerspricht seiner Auffassung vom Schauspielberuf.

Dagegen ist der Weg des Sich-Mitteilens aus meiner Erfahrung leichter. (Und damit hätte ich Masaryk widersprochen.) Wer diesen Weg wählt, braucht sich nicht an Maßstäben der Perfektion messen zu lassen. Improvisieren ist erlaubt und hilft, das Publikum wahrzunehmen. Jede Rede, bei der ich meine Sache ins Zentrum stelle, ist der Anfang zu einem Dialog. Und sie wird nicht an Oberflächlichkeiten gemessen, sondern nur daran, wofür ich ohnehin kompetent bin: am Inhalt.

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Greta Thunberg, Konrad Lorenz und andere

Greta Thunberg steht vor einigen hundert Zuhörerinne und Zuhörern, einsam auf einer riesigen Bühne, die auch älteren Rednern Ehrfurcht einflößen würde. Man sieht ihr an, dass sie sich nicht wohl fühlt. Aber sie redet trotzdem. Sie sagt: Ich habe das Asperger-Syndrom, und das bedeutet, dass ich nur spreche, wenn es notwendig ist. Und dann fügt sie hinzu: Jetzt ist es notwendig.

Later on, I was diagnosed with Asperger syndrome, OCD and selective mutism. That basically means I only speak when I think it’s necessary – now is one of those moments.

Sie hält ihre Rede, weil sie überzeugt ist, dass sie gebraucht wird, um die Letzten aufzurütteln, die noch nicht an den Klimawandel glauben.

Das Gegenteil von Dialog

Ihr Blick geht mal hierhin, mal dorthin. Sie vermeidet Blickkontakt, wohl weil das auch etwas ist, das Aspergern schwerfällt. Viele andere haben es leichter, wenn sie eine Person im Publikum finden, der sie in die Augen schauen können. Greta weicht aus und verfolgt ihren Faden, ohne näher hinzusehen.

Dass sie trotzdem erfolgreich ist, bringt einen Rhetorik-Dozenten in Argumentationsnöte, der seit Jahren empfiehlt: Such dir im Publikum ein freundliches Gesicht, zu dem du reden kannst, und alles geht besser. Für Greta geht auf die Weise nichts besser. Deshalb schaut sie lieber nicht hin. Oder besser: Sie lässt ihren Blick über das Publikum schweifen, ohne sich auf Blickkontakt einzulassen. Manchmal hält sie einen Sekundenbruchteil inne. Sie sieht die Leute, so scheint es, aber sie schaut sie nicht an.

Man kann es so machen, wenn es nicht anders geht. Statt den Dialog zu suchen, hast du das Publikum als anonyme Masse vor dir. Du brauchst dazu ein ausgefeiltes Manuskript, aber es geht. Es funktioniert so, wie es schon vor hundert Jahren der Weltumsegler John Voss beschrieb:

Ein paar Tage, bevor der Vortrag stattfinden sollte, warnte mich ein erfahrener Redner, der mich in die Kunst des Vortrags einführte, vor Lampenfieber. “Wenn Sie die Bühne betreten”, sagte er, “und Sie das Publikum vor sich sehen, werden Sie vielleicht nervös und können nicht mehr sprechen, wie es Anfängern oft passiert. Wenn das so ist, stellen Sie sich einfach vor, dass all die Köpfe vor Ihnen nichts anderes sind als ein Feld voller Kohlköpfe, und gleich wird es Ihnen wieder gut gehen!” (Voss 1913, S. 164)

Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was ich predige. Wer mit dieser Einstellung redet, hat sich für den Monolog entschieden, für die Vorführung, bei der nichts schief gehen darf. Mit Kohlköpfen ist man nicht im Dialog. Kohlköpfe braucht man nicht ernst zu nehmen. Kohlköpfe flüstern einem auch nichts zu, wenn man mal den Faden verloren hat. Aber wenn du keine Lust auf Dialog hast und dennoch glaubst, dass die Welt untergeht, wenn sie deine Rede nicht hört, dann ist das mit den Kohlköpfen ein Weg. Du hast deine Rede gut eingeübt und arbeitest mit einer gut funktionierenden Gedächtnisstütze. Die Leute erwarten von dir Präsentation, nicht Interaktion. Wie im Kino setzen sie sich hin und lassen deine Rede vor sich ablaufen.

Die Botschaft ist wichtiger

Dennoch reden: Dafür entscheiden sich einige, die eigentlich am liebsten in ihrem Elfenbeinturm sitzen geblieben wären, die aber von ihrer Botschaft so überzeugt sind, dass sie ihr Lampenfieber doch immer wieder überwinden.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz war so jemand, der “immer wieder mit Lampenfieber am Rednerpult gestanden” hat, denn er war “im Laufe seines Lebens mehr und mehr davon überzeugt, auf diese Weise wirken zu müssen.” (Wuketits 1990, 67)

Man findet auf Youtube Ausschnitte aus seinen Vorträgen, die er im hohen Alter gehalten hat und wo man ihm noch immer ansieht, dass ihm das Reden nicht leichtfällt und er auf sein Manuskript angewiesen ist. Aber er sprach über seine Arbeit, darüber, was ihm wichtig war. Das half ihm und dafür war sein Publikum gekommen – nicht, um ihn brillieren zu sehen, sondern um von ihm zu lernen.

Ein paar Tipps

Also: Was sollst du tun, wenn du dich nicht im Stande fühlst, eine konstruktive Rhetorik, also eine Rhetorik des Dialogs anzuwenden – dir das Reden zu erleichtern, indem du darauf achtest, was vom Publikum zurückkommt? Was sollst du tun, wenn du es einfach nur hinter dich bringen musst?

  • Ein Tipp ist, für einen möglichst steten Blick zu sorgen, dabei aber nicht in jemandes Gesicht zu sehen, sondern auf den Scheitel – also den obersten Rand seines Schädels. Das ist für das restliche Publikum kaum zu unterscheiden und macht es der introvertierten Rednerin etwas einfacher. Sie bleibt ein paar Sekunden bei dieser Blickrichtung, um nachher entschieden in einen anderen Teil des Publikums zu sehen.
  • Wenn die Person, zu der man blicken sollte, nahe genug ist, kann man sich statt auf die Augen auf die Nasenwurzel konzentrieren. Die will nichts von dir und es gibt nur eine einzige, nicht zwei, zwischen denen du im schlimmsten Fall hin und her springst.
  • Und dann würde ich jedem, der öfter reden muss, empfehlen, für ein gutes Körpergefühl zu sorgen. Übe, auf beiden Beinen zu stehen. Übe atmen, ohne dich dabei zu beengen. Das sind lauter Techniken, die man unabhängig vom öffentlichen Reden, ganz für sich und bei jeder beliebigen Gelegenheit trainieren kann. Ich selbst habe mich oft beim Warten an der Fußgängerampel gefragt, wie ich denn gerade dastehe. Und dann versucht, die kurze Zeit so zu stehen, dass ich mich sicher fühle und nicht “auf dem Sprung”: mit dem Gewicht auf beiden Beinen und dem Schwerpunkt in der Körpermitte (und nicht irgendwo außerhalb).

Erlaube dir Entwicklungsschritte

Der Prediger Gordon Atkinson [http://gordonatkinson.net] beschreibt, wie er seine Entwicklung zum Redner durchgemacht hat. Er erzählt zunächst von der frühen Phase, die alle kennen. Er vermied es, irgendjemanden anzusehen, und kam damit durch. Allerdings hatte dies den negativen Effekt, dass er auch die Zustimmung nicht wahrnahm, die ihm aus dem Publikum entgegengekommen wäre:

And so I would toss my words out into the congregation, then turn abruptly and sit down quickly, I never saw the love that would have been visible in their faces if only I had looked. (Atkinson 2007, S. 11)

Nun – das war Phase eins. In Phase zwei war er schon etwas mutiger: Er versuchte den frei flottierenden Blick.

Ich vermied es, irgendjemanden in den Bankreihen anzusehen. Ich starre über ihre Köpfe hinweg oder bewegte meine Augen so schnell, dass ich nicht bei irgendeinem Gesicht hängen blieb. Ich hatte zu viel Angst davor, was ich in ihren Gesichtern sehen könnte.

Das versuchen viele Anfängerinnen und Anfänger. Sie lassen ihren Blick über die Köpfe wandern, ohne jemanden anzusehen. Das ist immerhin besser, als in eine Ecke zu starren.

Ein deutlicher Schritt vorwärts war für Atkinson die persönliche Ansprache:

Ich stellte mir vor, dass ich zu einem einzelnen Menschen sprechen würde. “Vergiss die Menge”, sagte ich mir, “und tu einfach, als ob du zu deinem besten Freund sprächest.”

Das ging gut – außer dass seine Predigt manchmal zu privat geriet. Es ist wichtig, sich bewusst zu bleiben, dass in jeder Rede alle gemeint sind, nicht nur ein Einzelner. Zwar ist die Vorstellung nützlich, dass man sich an einen einzelnen Menschen wendet; wenn dieser aber zu konkret wird (wenn du nur noch deine Freundin oder deine Großmutter vor dir siehst), schließt man die anderen aus.

Das Allerletzte, was Atkinson lernte, war Atmen. Er erwarb eine Technik der Entspannung, die ihm erlaubte, tief und kraftvoll zu atmen. Auf diese Technik konnte er zurückgreifen, und endlich konnte er das Reden auch genießen.

Ich konnte in die Gesichter meiner Freunde sehen und von dem, was ich da sah, lernen. Der visuelle Austausch mit der Gemeinde veränderte – zu einem gewissen Grad – die Darbietung. Ich war in der Lage, mit der Leichtigkeit eines Entertainers zu reden, aber dennoch meine Filter nicht zu verlieren und nicht zu vergessen, was ich tat.

Zurück zu Greta

Die meisten, die Rhetorik-Kurse besuchen, sind keine Asperger. Dennoch sind viele eher introvertiert. Sie brauchen Tipps, um vor dem Publikum zu bestehen.

Manche werden zunächst eines der oben geschilderten Verfahren anwenden, weil sie einfach die Aufgabe durchstehen müssen. Im Laufe der Zeit werden sie vielleicht einen der anderen Tipps ausprobieren. So erweitert sich das Spektrum ihrer Möglichkeiten.

Auch bei mir hat es Jahre gedauert. Aber das Schöne war: Schon als ich mich noch an Kohlkopf-Methoden klammerte, kam ich irgendwie durch. Denn ich redete – wie Greta – nur dann, wenn ich etwas zu sagen hatte. Und die Leute, die mir zuhörten, waren an den Inhalten interessiert, nicht an meinem Gestotter.

“I only speak when I think it’s necessary.” Das kann man zu seiner Überzeugung machen. Es hilft, sich auf das Was zu konzentrieren. Das Wie ist Nebensache.

 

 

 

 

 

 

 

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 4: Thomas Jefferson

Thomas Jefferson gilt als der schlechteste Redner, der je US-Präsident wurde. Dabei wird er als noch heute als einer der bedeutendsten gesehen. Er war z.B. der wohl wichtigste Autor der Unabhängigkeitserklärung. Und es war ihm gegeben, die Staatsfläche der USA um fast 100 Prozent zu erweitern, ohne dafür Krieg zu führen.

Aber er hasste es, öffentlich zu reden. Wenn er konnte, vermied er es, wo immer es ging, seine Botschaften mündlich vorzutragen – auch bei Ritualen, die man sich gar nicht anders vorstellen konnte. So hatten seine Vorgänger den Brauch eingeführt, dass die jährliche Session des Kongresses mit einer Rede des Präsidenten begann. Heute ist das die viel beachtete Ansprache “zur Lage der Nation”. Jefferson kündigte diese Tradition auf und schickte stattdessen einen schriftlichen Text ins Kapitol. Dort ließ er ihn von seinem Privatsekretär vorlesen. (Cunningham 1978, 25-26)

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.

Wie du dein Seminar ohne Aufwand optimierst: Einige “Don’ts” und “Dos”

Tu folgende Dinge, und du bringst dein Seminar echt in Gefahr:

Fang ohne Vororientierung an! – Ignoriere Motivation und Vorwissen der Teilnehmer! – Benutze Kernbegriffe, ohne sie zu definieren! – Erzähle von deinem unermüdlichen Kampf für das Gute! – Mach deine Konkurrenten schlecht! – Setze Pausen an, die nicht ausreichen, um aufs Klo zu gehen! – Rede, rede, rede und verzichte darauf, die Leute zu beteiligen! – Führe Zweiergespräche mit einzelnen Teilnehmern! – Lass dich zu Diskussionen über Nebensachen verleiten! – Mach den Abschluss ohne Rückblick und Feedback!

Oder positiv gewendet: Beherzige die folgenden Regeln

Hier dieselben Regeln nochmals, aber ausführlicher und positiv formuliert.

Ausgangspunkt: Beobachtungen bei einem Seminar von 2 Tagen.
Publikum: Knapp 50 Personen mit einer gewissen Vorbildung. Sie sind zum Teil von weit her gefahren und kennen einander zum Teil.
Ort: Saal in einer ländlichen Wirtschaft. Die TeilnehmerInnen sitzen an vier Tischen parallel aufgestellten Tischen. Für den Seminarleiter ist an der Stirnseite ein Tisch quergestellt. Darüber an der Wand eine Leinwand, an der Decke ein Beamer.

1. An den Beginn gehört eine Vororientierung

Die SeminarteilnehmerInnen brauchen eine Struktur, an der sie sich in den folgenden Tagen orientieren können. Die ist im besten Fall verbal und visuell. Verbal ist es eine kurze Information über Zweck und Ablauf. Visuell ist es ein Programm, das sie vor sich auf dem Tisch oder auf einer Tafel an der Wand haben – irgendwie: Nicht das Medium ist entscheidend, sondern die Verfügbarkeit. Als Teilnehmer will ich jederzeit sehen können, wo wir uns befinden und wie lange es noch gehen wird.

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Konstruktive Rhetorik: Vom Vortrag zum Dialog

Es geht nicht darum, vor dem Publikum zu brillieren. Es geht darum, mit ihm in den Dialog zu treten. Das macht die Sache leichter – für Redner/in und Publikum.

Die Kunst, gut zu reden (ars bene dicendi): Das ist die klassische Definition von Rhetorik. Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin untersucht gleichermaßen Parlamentsreden und psychologische Beratungsgespräche, Seminarvorträge und Mobbingtaktiken. Für die Praxis ist das nicht sehr hilfreich. Denn für das Reden vor Publikum braucht es ganz andere Fähigkeiten als für das Gespräch im Alltag.

Vor einem Publikum sind die Rahmenbedingungen anders

Den meisten Menschen fällt das öffentliche Reden, auch vor einer kleinen Gruppe, schwerer als das private Gespräch. Das gilt auch für erfolgverwöhnte “Macherinnen” und “Macher”. (Vgl. z.B. die Geschichte von Henry Ford.) Weiterlesen

Unruhe im Saal – katastrophal?

Oft fühlst du dich durch Unruhe im Saal gestört: Leute schwatzen oder jemand beschäftigt sich deutlich mit anderen Dingen. Aber Störungen im Vortrag sind keine Katastrophe. Wenn du dir einige Dinge vorher überlegt hast, geht alles leichter.

Der Dozent interveniert

Donald Sadoway unterrichtet am MIT ein Fach namens Festkörperchemie. Seine Einführungsvorlesungen werden im Internet hunderttausendfach angeklickt. Er hat die Gabe, anspruchsvolle Themen anschaulich zu machen, so dass zumindest der Einstieg leicht fällt.

Aber er hat auch etwas gegen Störungen. Am Anfang der Vorlesung Nummer 7 (knapp eine Minute nach Beginn der Aufzeichnung) unterbricht er sich plötzlich. Weiterlesen

Henry Ford patzt

Dem Publikum gerecht werden – das geht nur, wenn man es ernst nimmt.

Henry Ford, der den Mittelklasse-Amerikanern ein erschwingliches Auto, Zehntausenden Arbeitern eine Anstellung und Millionen den Traum des America first näher gebracht hatte, war 1923, also knapp 90 Jahre vor dem politischen Abenteuer Donald Trumps, der beliebteste Name für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1924. Er galt zwar in Politikerkreisen als wenig geeignet für das Amt, das er ähnlich wie seine Unternehmen zu führen gedachte. Aber aus heutiger Sicht wäre er mit seinen liberalen Ansichten (von Frauenrechten über die Gleichstellung von Schwarzen zum Pazifismus und zur Bekämpfung der Todesstrafe) eine Bereicherung für den Wahlkampf gewesen.

Wenn da nicht das Problem gewesen wäre, dass Wahlkampf vor allem Reden bedeutete. Weiterlesen