Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 4: Thomas Jefferson

Thomas Jefferson gilt als der schlechteste Redner, der je US-Präsident wurde. Dabei wird er als noch heute als einer der bedeutendsten gesehen. Er war z.B. der wohl wichtigste Autor der Unabhängigkeitserklärung. Und es war ihm gegeben, die Staatsfläche der USA um fast 100 Prozent zu erweitern, ohne dafür Krieg zu führen.

Aber er hasste es, öffentlich zu reden. Wenn er konnte, vermied er es, wo immer es ging, seine Botschaften mündlich vorzutragen – auch bei Ritualen, die man sich gar nicht anders vorstellen konnte. So hatten seine Vorgänger den Brauch eingeführt, dass die jährliche Session des Kongresses mit einer Rede des Präsidenten begann. Heute ist das die viel beachtete Ansprache zur Lage der Nation. Jefferson kündigte diese Tradition auf und schickte stattdessen einen schriftlichen Text ins Kapitol. Dort ließ er ihn von seinem Privatsekretär vorlesen. (Cunningham 1978, 25-26)

Auf der anderen Seite gilt er als hervorragender Rhetoriker, wenn es um Überzeugungskraft und Stilkunst geht (Hoffman 2010, 71-72). Davon zeugt seine schriftliche Hinterlassenschaft.  Nur seine Texte auch vorzutragen oder sich in Debatten mit Worten zu duellieren, lag ihm nicht. Bei seiner Antrittsrede im Jahr 1801 sprach er so leise, dass viele Zuhörer nichts verstanden und warten mussten, bis die Zeitungen am nächsten Morgen die Rede abdruckten (Cunningham 2001, 17).

Was kann man daraus für eine konstruktive Rhetorik lernen?

Nun – auch Jefferson hat eine gewisse Entwicklung in der Präsentation seiner Reden durchgemacht. In seiner zweiten Lebenshälfte hatte er durchaus gelegentliche Anfälle von Gesprächigkeit. Aber er vermied, wo es ging, die Teilnahme an Reden und Debatten, wo es darauf ankam, auf die emotionale Stimmung einzugehen (Ledgin 1998, 151-152).

Wenn er als Vizepräsident die Debatten des Senats leiten musste, griff er kaum je ein. Er war aber in der Lage, zum Schluss das Ergebnis knapp und pointiert zusammenzufassen.

Solche Berichte führen zur berechtigten Frage: Wie kann so jemand Präsident der USA werden? Wie ist es möglich, dass er einen erfolgreichen Wahlkampf führt? Wie überzeugt er seine Wählerinnen und Wähler, wenn er nie vor ihnen auftritt?

Jefferson debattierte nicht, er ließ debattieren

Dazu ist zunächst zu sagen, dass sich die damaligen Kampagnen in einem klar von den heutigen unterschieden: Die Kandidaten reisten nicht von Staat zu Staat, um sich den Wählern anzupreisen. Zwar wurde genauso grobes Geschütz aufgefahren, übertrieben, geschmäht und gelogen wie heute. Aber das übernahmen die Helfershelfer in den einzelnen Städten. Den Wahlkampf in New York, der als wichtiger Startschuss für die gesamten USA galt, überließ Jefferson seinem späteren Vizepräsidenten Aaron Burr. Er selbst blieb in Philadelphia und ließ sich dorthin berichten.

Was man von ihm lesen konnte und was über ihn gesagt wurde, war entscheidend, nicht was er selbst, in direktem Kontakt mit Wählern (oder auch Journalisten) sagte.

Zurückhaltung als Stilmittel

Hinzu kommt aber, dass seine Vermeidungsstrategie weitherum positiv ausgelegt wurde. „Sein Entschluss, nicht zu reden, war als Mittel der Überzeugung gemeint und offenbar auch recht erfolgreich.“ (Hoffman, Seite 72)

Dass man ihn nur hörte, wenn er etwas zu sagen hatte, scheint also Jeffersons Beliebtheit gestärkt zu haben – zusammen mit einem geschickten Einsatz seiner Parteikollegen und schriftlicher Medien.

Der Publizist Norm Ledgin zählt Jeffersons Art zu kommunizieren zu einer mehrerer Eigenschaften, die ihn als Träger des Asperger-Syndroms erkennen ließen. Ob dies wirklich der Fall war, lässt sich über 200 Jahre später nicht nachweisen. Aber sein Beispiel zeigt, dass einer, dem das Reden schwerfällt, durchaus seinen Weg machen kann. Und dass er seine Auftritte in der Öffentlichkeit seinen Talenten anpasst.

Tipps

US-Präsident wird man nicht, wenn man die folgenden Anregungen beherzigt. Aber sie können ein Weg sein, die eigenen Stärken zu stärken und unnötige verbale Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Als Regel könnte man sagen (und damit sind wir natürlich weit weg vom Beispiel Jefferson und näher bei der konstruktiven Rhetorik):

  • Wähle, wo immer möglich, langsamere Medien, die dir die Möglichkeit geben, planvoll und schlüssig zu formulieren.
  • Vermeide Situationen, in denen es um Geistesgegenwart und schnelle Reaktion geht.
  • Suche Gespräche, in denen es nicht primär um Sieg oder Niederlage geht, sondern zunächst um Erörterung, Austausch und Erkenntnisgewinn.
  • Schiebe das Ergebnis einer Debatte (die Lösung eines Problems, den Sieg des besten Arguments) so lange hinaus, bis das Thema von allen notwendigen Seiten her beleuchtet ist.

Man kann sich der Aufgabe, zu reden, nicht entziehen. Aber man kann Kommunikationsformen, die einem liegen, bevorzugen.

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

Susan Cain bezeichnet das Ziel des Kurses als Desensibilisierung. Indem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Vielzahl von Redeerfahrungen machen und dafür positives Feedback bekommen, verlieren sie die Ängste. Was sie nicht sagt, ist, dass man dank solcher Übungen die Rolle der Zuhörer anders wertet. Sie sind nicht mehr die passiven Empfänger der Botschaft, sondern Gesprächspartner.

Dies zeigt ihre Erzählung vom ersten Kursabend. Sie sollte sich vor die Gruppe stellen, diese begrüßen und dann Fragen aus dem Publikum beantworten. Sie schildert das so:

Ich atmete tief ein. „Hellooo!!!!“ rief ich, in der Hoffnung, dynamisch zu klingen.

Aber diese Begrüßung bewirkte eher das Gegenteil. Sie löste erschreckte Mienen aus. Ganz anders war es, als sie ihre Fragen gestellt bekam. Die Atmosphäre veränderte sich und sie wirkte ruhig und selbstsicher. Der Kursleiter hatte sie nach ihren ersten Worten ermahnt: „Sei einfach du selbst.“ Und da hatte sie offenbar aufgehört, sich um ihre Wirkung zu sorgen. Sie hörte hin, was die Leute wissen wollten, und erfuhr, dass sie sich für sie interessierten.

Diese kurze Episode offenbart zwei grundlegend verschiedene Konzepte des öffentlichen Redens:

  • das monologische, auf den Erfolg eines Einzelnen ausgerichtete Präsentieren
  • das dialogische Reden, das möglichst viele Elemente aus dem alltäglichen Gespräch übernimmt und das gelingt, weil man das Publikum mit einbezieht.

Reden als Dialog – das braucht keine Frage-und-Antwort-Sequenzen. Der Dialog beginnt schon beim Wahrnehmen des Publikums: Da sind Leute, die sich für mich und meine Sache interessieren. Sie unterstützen mich, indem sie mitdenken. Und wenn einmal etwas schiefgeht (wenn mir etwa ein Wort fehlt), werden sie mir helfen (indem sie es mir zurufen). Denn die Art, wie ich vor ihnen stehe und zu ihnen rede, zeigt ihnen, dass alle einem gemeinsamen Werk mitarbeiten.

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.

Wie du dein Seminar ohne Aufwand optimierst: Einige “Don’ts” und “Dos”

Tu folgende Dinge, und du bringst dein Seminar echt in Gefahr:

Fang ohne Vororientierung an! – Ignoriere Motivation und Vorwissen der Teilnehmer! – Benutze Kernbegriffe, ohne sie zu definieren! – Erzähle von deinem unermüdlichen Kampf für das Gute! – Mach deine Konkurrenten schlecht! – Setze Pausen an, die nicht ausreichen, um aufs Klo zu gehen! – Rede, rede, rede und verzichte darauf, die Leute zu beteiligen! – Führe Zweiergespräche mit einzelnen Teilnehmern! – Lass dich zu Diskussionen über Nebensachen verleiten! – Mach den Abschluss ohne Rückblick und Feedback!

Oder positiv gewendet: Beherzige die folgenden Regeln

Hier dieselben Regeln nochmals, aber ausführlicher und positiv formuliert.

Ausgangspunkt: Beobachtungen bei einem Seminar von 2 Tagen.
Publikum: Knapp 50 Personen mit einer gewissen Vorbildung. Sie sind zum Teil von weit her gefahren und kennen einander zum Teil.
Ort: Saal in einer ländlichen Wirtschaft. Die TeilnehmerInnen sitzen an vier Tischen parallel aufgestellten Tischen. Für den Seminarleiter ist an der Stirnseite ein Tisch quergestellt. Darüber an der Wand eine Leinwand, an der Decke ein Beamer.

1. An den Beginn gehört eine Vororientierung

Die SeminarteilnehmerInnen brauchen eine Struktur, an der sie sich in den folgenden Tagen orientieren können. Die ist im besten Fall verbal und visuell. Verbal ist es eine kurze Information über Zweck und Ablauf. Visuell ist es ein Programm, das sie vor sich auf dem Tisch oder auf einer Tafel an der Wand haben – irgendwie: Nicht das Medium ist entscheidend, sondern die Verfügbarkeit. Als Teilnehmer will ich jederzeit sehen können, wo wir uns befinden und wie lange es noch gehen wird.

2. Gib der Gruppe eine Chance, sich zu finden

Zeig ein Interesse daran, wer alles da ist. Bei 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kannst du nicht mit einer Vorstellungsrunde einsteigen; aber du kannst immer etwas dazu beitragen, dass die Einzelnen (1) sich nicht isoliert fühlen und (2) merken, dass du sie ernst nimmst.

Das ist auch bei großen Gruppen möglich:

  • Frage nach Herkunft, Motivation, Vorwissen oder anderen Merkmalen (Handzeichen!), die nicht zu persönlich sind, aber so, dass sich jeder wenigstens in einem findet.
  • Fordere sie zu einem kurzen Gespräch untereinander (z.B. mit dem Tischnachbarn) auf. Beende es durch eine kurze Umfrage (oder eine andere Handlung, die etwas daraus ins Plenum einbringt).
  • Informiere selbst über die Zusammensetzung der Gruppe, so dass sich jeder genannt fühlt.

3. Definiere Kernbegriffe, auch wenn sie fast alle schon kennen

Klar, dass du immer an etwas anknüpfst, was die Leute schon wissen. Aber unterschätze nicht die Bandbreite dieses Vorwissens. Wenn ein Begriff zentral ist, muss er definiert werden, auch wenn das dir persönlich unnötig scheint. Schreib den Begriff an und sag, was er bedeutet.

4. Behandle das Thema, nicht dich selbst

Natürlich ist es toll, dass du eine tolle Ausbildung, jahrzehntelange Erfahrung und viele Erfolge aufzuweisen hast. Das wird aus der Qualität deines Seminars erkennbar. Manchmals kannst du nicht anders, als es zu erwähnen. Aber wenn das zur Hauptsache eines Statements wird, wirst du einfach langweilig.

5. Zitiere positiv

Natürlich gibt es zu deinem Thema Gegenmeinungen und Gegner. Und natürlich musst du dazu Stellung beziehen. Aber wenn das den Hauptteil deiner Argumentation einnimmt, verringert das deine Glaubwürdigkeit. Zitiere dafür vor allem Kolleginnen und Kollegen, die deine Position stärken.

6. Wähle eine Struktur, die an die Lernsituation angepasst ist

Ein Programm besteht nicht nur aus Information, sondern auch aus Erholung von der Information. Je nach Methodik sind Pausen nach 30, 45, 60 oder 90 Minuten sinnvoll. Diese können von vornherein geplant werden und im Programm auftauchen. Es können aber auch zusätzliche Pausen notwendig werden. Wer sein Publikum im Blick hat, merkt das. Wer sich beim Dozieren ganz vergisst, kann hin und wieder fragen. (“Braucht ihr eine Pause?”)

7. Wechsle die Methoden

Man kann zwar eine Woche lang Frontalunterricht durchziehen; aber ein Wechsel in der Methode (und damit in der Beteiligung der TeilnehmerInnen) bringt mehr. Es gibt Dinge, die man diskutiert haben muss, um sie zu verstehen. Es gibt Dinge, die man selbst erarbeitet haben muss, um sie umsetzen zu können.

8. Hab immer die ganze Gruppe im Blick

Fall 1: Eine Teilnehmerin in der vordersten Reihe stellt eine Frage. – Du gehst intuitiv auf sie zu und antwortest, als ob es nur euch beide etwas anginge.
Fall 2: Zu einem Thema fällt dir ein Erlebnis ein, das du mit einem der Anwesenden hattest. – Du sprichst ihn direkt an und machst mehrere Anspielungen, die keiner der anderen versteht.
Das sind Beispiele dafür, dass man als Dozent den Gesprächskreis einengt, im schlimmsten Fall sogar die meisten TeilnehmerInnen ausschließt. Wichtig ist, das Thema immer für alle verständlich zu machen: Fall 1: Wiederhole die Frage für alle. Gehe eher ein paar Schritte zurück, um nonverbal alle einzubeziehen. – Fall 2: Erzähle allen, was sie wissen müssen, um die Geschichte zu verstehen. Sprich vom Teilnehmer eher in der dritten Person, als nur das “Du” zu verwenden und damit unbeabsichtigt eine private Situation zu kreieren.

9. Komm immer wieder auf den Roten Faden zurück

Einen Tag zu reden, ohne abzuschweifen, fällt vielen schwer. Aber erinnere dich daran, dass die Leute für etwas anderes gezahlt haben, als dafür, von deinen persönlichen Vorlieben, deinen politischen Ansichten oder deinen Kindheitserinnerungen zu erfahren. Es ist ohne weiteres möglich, mittendrin zu unterbrechen und zum Thema zurückzukehren.

10. Mach einen Schluss, der allen etwas bringt (auch dir)

Für den Abschluss eines Seminars muss genügend Zeit eingeplant sein. Setz dir zum Ziel, dass – bevor man auseinandergeht – für alle Anwesenden zumindest ein Ergebnis formuliert wurde. Dieses sollte für die TeilnehmerInnen, aber auch für dich informativ sein. Für die TeilnehmerInnen ist es ein Lehrsatz, eine Anregung zur weiteren Arbeit oder eine Bewertung der Veranstaltung. Für dich ist es ein Feedback, das dir einigermaßen verlässlich zeigt, was es für sie gebracht hat. Das bedeutet im besten Fall, dass nicht nur du sprichst, sondern auch die ihre Zeit für das Seminar geopfert haben.

Konstruktive Rhetorik: Vom Vortrag zum Dialog

Es geht nicht darum, vor dem Publikum zu brillieren. Es geht darum, mit ihm in den Dialog zu treten. Das macht die Sache leichter – für Redner/in und Publikum.

Die Kunst, gut zu reden (ars bene dicendi): Das ist die klassische Definition von Rhetorik. Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin untersucht gleichermaßen Parlamentsreden und psychologische Beratungsgespräche, Seminarvorträge und Mobbingtaktiken. Für die Praxis ist das nicht sehr hilfreich. Denn für das Reden vor Publikum braucht es ganz andere Fähigkeiten als für das Gespräch im Alltag.

Vor einem Publikum sind die Rahmenbedingungen anders

Den meisten Menschen fällt das öffentliche Reden, auch vor einer kleinen Gruppe, schwerer als das private Gespräch. Das gilt auch für erfolgverwöhnte “Macherinnen” und “Macher”. (Vgl. z.B. die Geschichte von Henry Ford.) Weiterlesen

Unruhe im Saal – katastrophal?

Oft fühlst du dich durch Unruhe im Saal gestört: Leute schwatzen oder jemand beschäftigt sich deutlich mit anderen Dingen. Aber Störungen im Vortrag sind keine Katastrophe. Wenn du dir einige Dinge vorher überlegt hast, geht alles leichter.

Der Dozent interveniert

Donald Sadoway unterrichtet am MIT ein Fach namens Festkörperchemie. Seine Einführungsvorlesungen werden im Internet hunderttausendfach angeklickt. Er hat die Gabe, anspruchsvolle Themen anschaulich zu machen, so dass zumindest der Einstieg leicht fällt.

Aber er hat auch etwas gegen Störungen. Am Anfang der Vorlesung Nummer 7 (knapp eine Minute nach Beginn der Aufzeichnung) unterbricht er sich plötzlich. Weiterlesen

Henry Ford patzt

Dem Publikum gerecht werden – das geht nur, wenn man es ernst nimmt.

Henry Ford, der den Mittelklasse-Amerikanern ein erschwingliches Auto, Zehntausenden Arbeitern eine Anstellung und Millionen den Traum des America first näher gebracht hatte, war 1923, also knapp 90 Jahre vor dem politischen Abenteuer Donald Trumps, der beliebteste Name für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1924. Er galt zwar in Politikerkreisen als wenig geeignet für das Amt, das er ähnlich wie seine Unternehmen zu führen gedachte. Aber aus heutiger Sicht wäre er mit seinen liberalen Ansichten (von Frauenrechten über die Gleichstellung von Schwarzen zum Pazifismus und zur Bekämpfung der Todesstrafe) eine Bereicherung für den Wahlkampf gewesen.

Wenn da nicht das Problem gewesen wäre, dass Wahlkampf vor allem Reden bedeutete. Weiterlesen

Charisma gibt es nicht

Warum ist das Thema “Charisma” so faszinierend? Vielleicht wäre es besser, auf diesen Gummibegriff zu verzichten – zumindest in der Politik – oder ihn wenigstens zu klären, bevor man mit ihm um sich wirft.

Barack Obama wird zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Der Spiegel ruft an, die nächste Titelgeschichte soll zum Thema Charisma sein.
Baden-Württemberg wählt ein neues Parlament. Der SWR fragt an, ob ich ein Interview zum Thema Charisma gebe.
Bundeskanzlerin und Herausforderer debattieren im Fernsehen. Der BR will ein Gespräch zum Thema Charisma senden.

Es stellen sich immer wieder die gleichen Fragen:

  • Was ist Charisma?
  • Kann man Charisma inszenieren?
  • Wie inszeniert man Charisma?
  • Aber bei XY (Barack Obama/Willy Brandt/Lady Diana/Martin Luther King/dem Dalai Lama/Mutter Teresa…) war es doch echtes Charisma?

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Warum eigentlich Medien?

Abschiedsvorlesung an der Universität Tübingen
(2. Februar 2017)

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Juerg Haeusermann Warum eigentlich Medien

1       Eine Zeitungsmeldung aus dem Jahr 1863

Vor einem guten Jahr saßen wir an der irischen Westküste zusammen mit einem Urenkel von Thomas Crosbie. Er erzählte uns die Geschichte von seinem Großvater, einem Pionier des modernen Journalismus.

Ausschnitt aus der New York Times vom 20. November 1863

Thomas Crosbie gab in Cork den Irish Examiner heraus, damals noch Cork Examiner. Crosbie hatte mit 15 Jahren angefangen, bei der Zeitung zu arbeiten. Und er hatte eine gute Reporternase.

Nun ist Cork nicht gerade der Nabel der Welt. Aber vor Cork lag einer der wichtigsten transatlantischen Häfen Irlands. Immer, wenn eines der großen Passagierschiffe aus Amerika im Hafen einlief, fuhr er ihm mit seinem kleinen Ruderboot entgegen. Und dann fragte er die Passagiere, die über die Reling hingen, nach frischen Nachrichten aus der Neuen Welt. Meist bekam er auch eine aktuelle Zeitung, d.h., eine, die aktuell gewesen war, als das Schiff in den USA ablegte, zwei Wochen zuvor.

Weil Schiffe aus Amerika die irische Westküste Stunden und Tage früher als andere europäische Häfen erreichten, hatte Crosbie einen Vorsprung auf alle anderen Nachrichtenredaktionen. Schon früh hatte er ein Abkommen mit der Londoner Times geschlossen, dass er ihr Neuigkeiten durchtelegrafierte.[1]

Am 2. Dezember 1863 bekam Crosbie ein Exemplar der New York Times in die Hand. Weiterlesen