Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 6: Du

Viele Menschen berichten über Schwierigkeiten beim Reden, über Angst vor dem Auftritt, über Lampenfieber. Die bisherigen Beiträge sollten zeigen, wie einige von ihnen damit umgegangen sind. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Tipps zum Thema Lampenfieber

Es gibt äußerst nützliche Bücher zum Thema Lampenfieber. Lampenfieber von Claudia Spahn und Vom Lampenfieber zur Vorfreude von Irmtraud Tarr sind (neben Erklärungen zur Entstehung von Lampenfieber) voll von guten Übungen, die helfen, mit seinem Körper, seinen Gedanken und seinen Gefühlen anders umzugehen.

Solche Lehrbücher können vorbehaltlos empfohlen werden, auch wenn sie sich vor allem an Menschen in künstlerischen Berufen wenden.

Wir haben das Glück, dass wir als Amateure des Redens ein ganz anderes Ziel haben: Wir wollen uns zu unserem persönlichen Thema äußern. Das braucht nicht perfekt zu sein. Und das Publikum kommt nicht, um unsere Brillanz zu genießen, sondern um der Inhalte willen, die wir vertreten.

Sie wollen etwas Neues erfahren, sie wollen sich mit dir austauschen und auch selbst wahrgenommen werden. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher du dir das sagst, desto leichter wirst du es haben.

Eine Rede ist ein Gemeinschaftsprodukt

Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, hat sich an verschiedenen Stellen zum Thema Lampenfieber geäußert. Es ist für ihn ein Beispiel für eine fehlgeleitete Aufmerksamkeit auf die eigene Person statt auf den Austausch mit den anderen. Er beschreibt zum Beispiel

… ein Zeichen der intensiven Spannung, in die Menschen geraten, wenn sie nicht an die Sache, nicht an die anderen, sondern nur an ihren Triumph oder an ihre mögliche Niederlage denken. In dieser erhöhten Spannung entsteht als ein Zeichen unentwickelten Gemeinschaftsgefühls und allzusehr erhöhten Interesses für die eigene Person Lampenfieber. Und an dieser Stelle ergibt es sich auch, wie Mut, Selbstbewusstsein und optimistischer Ausblick nur bei Personen zu finden sind, die sich angeschlossen, heimisch, als ein Teil des Ganzen fühlen. Mut als eine Seite vollkommenen Gemeinschaftsgefühls!

Beim Reden vor Publikum ist es hilfreich, sich immer wieder bewusst zu machen, dass die Rede ein Gemeinschaftsprodukt von RednerIn und Publikum ist. Sorge dafür, dass möglichst bald etwas vom Publikum zurückkommt: ein Lachen, ein Zeichen des Nachdenkens, eine Antwort auf eine Umfrage… Dann machst du dir auch während des Redens bewusst, dass nicht alles von dir abhängt.

Du bringt Sicherheit mit

Hinzu kommt alles, was du vor dem Reden für deine Sicherheit tun kannst. Dazu gehören alle möglichen Arten des Übens (von Entspannungsübungen bis zum Training im freien Formulieren), die dir die Gewissheit geben, dass du über die Grundlagen des Redens verfügst.

Sicherheit bedeutet:

Ich bin inhaltlich kompetent.

Ich werde reden, weil ich etwas zur Sache zu sagen habe. In vielen Fällen werde ich hinzugezogen, weil ich mehr als andere weiß.

Ich bin technisch (sprachlich, sprecherisch körpersprachlich) kompetent:

Ich habe mich geübt in: freiem Formulieren, sprecherischer Gestaltung, Körperhaltung, Benutzung von Unterlagen, Bedienung der Technik.

Ich habe mich auf den aktuellen Fall vorbereitet:

Ich habe gut recherchiert, kenne Vorwissen und Erwartungen des Publikums, habe eine Gedächtnisstütze vorbereitet, die funktioniert usw.

Ich habe meine Aufregung im Griff:

Und wenn keine der Entspannungsübungen, die ich kenne, mehr helfen, dann weiß ich wenigstens eines: So aufgeregt, wie ich mich fühle, werde ich nicht wirken. Man sieht mir nicht alles an!

Also nochmals:

Beim Reden geht es um Inhalte, nicht um Perfektion in der Form.

Das Publikum ist mitbeteiligt. Schau hin, man wird mitdenken, wenn du dir Zeit lässt. Man wird dir helfen, wenn du stockst.

Kevin Kuhn

Der Schriftsteller Kevin Kuhn fasst die Erfahrungen zusammen, die er bei seinen Autorenlesungen gemacht hat.

Seine Hauptaufgabe: Augenhöhe mit dem Publikum herstellen. Als Autor fühlt man sich oft deplatziert – besonders, wenn man vom Veranstalter über den grünen Klee gelobt wird. Aber man versucht, weder in der Menge unterzugehen noch sich über sie zu erheben. Also geht es darum, in Kontakt zu treten:

Die Lesung beginnt damit, dass du den Raum betrittst, wo die meisten, eng oder nicht, nebeneinander sitzen. Am liebsten würdest du in der letzten Reihe abtauchen. Du fragst dich, warum du das überhaupt machst.
Auf der Bühne bemerkst du die Strahler und die in die Ferne rückenden Gesichter. Du brauchst die Gesichter, Reaktionen, um überhaupt anzukommen. Aber: du gibst dein Bestes, es kommen einleitende Sätze, die dich noch einen Tick weiter über das Podest erheben, du fliegst da förmlich vorne herum – musst einen Anker werfen.
Gute Anker sind zum Beispiel Anekdoten von der Anreise (Realität). Das kann diesen entstandenen Graben etwas zuschütten. Weil du jetzt nahbar wirst (eine Person, die von irgendwoher angereist ist und vom Regen, wie du sagst, überrascht wurde). Das gelingt aber nicht immer. Dann musst du allen Charme und auch Witz aufwenden, um irgendwie Anschluss zu finden.

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Jan Masaryk, Heinrich Gretler

Jan Masaryk, Diplomat, Außenminister, und in der Erinnerung vieler auch „kosmopolitischer Lebemann“, hielt in seinem Leben eine Unmenge Reden. Er war ein gefragter Redner, und ihm war bewusst: Um seine Ziele zu erreichen, musste er sich immer wieder einem großen Publikum stellen und es informieren – über die Situation der slavischen Völker, über die soziale Lage der Arbeiterschaft, über den Alkoholmissbrauch… Berühmt sind seine Rundfunk-Ansprachen aus dem Londoner Exil während des Zweiten Weltkriegs. Und auch wenn er sich selbst für einen schlechten Lehrer hielt, sprach er während seiner Zeit als Universitätsdozent in vollen Hörsälen.

Masaryk aber sagt von sich (in den Gesprächsbänden, die Karel Čapek herausgegeben hat), er habe eine Scheu vor Menschen:

Ich spreche ungern; so oft ich vortragen und in Versammlungen oder in der Schule reden sollte, immer hatte ich Lampenfieber. Und dennoch, wie viele Reden habe ich gehalten! Auch heute leide ich an Lampenfieber, wenn ich öffentlich auftreten oder eine Rede halten soll.

Und er hat sich trotzdem immer wieder dazu überwunden.

Zwei Arten des Auftritts

Wie es ihm gelungen ist, erzählt er nicht. (Dazu lernen wir mehr aus den Geschichten von Marie Curie oder Thomas Jefferson). Aber wie er die Sache kommentiert, ist bemerkenswert. Er macht einen deutlichen Unterschied zwischen zwei Arten des öffentlichen Auftritts:

Reden um des Redens willen, das ist leicht, aber über praktische Dinge reden, die getan werden sollen – das ist ganz etwas anderes.

Masaryk unterscheidet also zwischen der reinen Präsentation, bei der der Inhalt in den Hintergrund tritt, und dem informativen Reden, zu dem es einem drängt, weil man nicht über irgendein beliebiges Thema spricht, sondern über Dinge, „die getan werden sollen“:

  1. Darbietung:
    Du übernimmst ein Thema und wählst eine Rolle, die du so lange einübst, bis sie sitzt.
  2. Sich mitteilen:
    Du vermittelst dein persönliches Anliegen und trittst als du selbst vor das Publikum.

Sich eine Rolle überzustülpen und ein fremdes Thema zu vertreten, hält er also für leichter, als in eigener Sache zu reden.

Etwas darbieten – oder sich mitteilen?

Meiner Erfahrung nach ist es zwar genau umgekehrt. Aber lassen wir das für einen Moment. Wesentlich ist es, diesen Unterschied klar zu erkennen:
Die Darbietung ist verwandt mit dem Beruf des Schauspielers. Sich in eigener Sache mitzuteilen, ist die Aufgabe dessen, der einen ganz anderen Beruf hat, sich aber gelegentlich vor Publikum äußern muss. Diese Menschen haben ihre Hauptkompetenz (zum Glück) nicht im Reden, sondern in der Sache, die sie vertreten.

Sich mitteilen: ein Beispiel

Eine solche Rednerpersönlichkeit wird vom Reden zum Beispiel so erzählen:

Als in Wien ein Antialkoholkongress abgehalten wurde, improvisierte ich dort eine Rede; die gefiel auch manchen Engländern, so dass ich mit einer Reihe von englischen Professoren in Berührung kam…

Das war Masaryk in jungen Jahren, noch bevor seine Diplomatenkarriere begann. Er wusste, dass er vor dem Publikum etwas Gehaltvolles sagen musste. Er improvisierte. Es gelang ihm so gut, dass sich ihm damit weitere Kontakte ermöglichten. Nicht eine ausgefeilte Rede stand im Mittelpunkt;  sondern mit einer unvorbereiteten, aber sachkundigen Stellungnahme gelingt ihm ein weiterer Schritt auf seinem beruflichen Weg.

Lampenfieber hin oder her – wenn die Rede zu Ende ist, geht das (Berufs-)Leben weiter.

Darbietung: ein Beispiel

Ganz anders der Bericht über einen Schauspieler. Über die Theaterlegende Heinrich Gretler berichtet Erwin Parker (in: Mein Schauspielhaus, S. 135-137). Auch Gretler hatte sein Leben lang Lampenfieber. Aber es war das Lampenfieber des Profis, dessen, für den der Auftritt Beruf war, nicht Nebensache. Er konnte sich nicht auf die Hoffnung zurückziehen, dass er sich irgendwie aus der Affäre ziehen würde, sondern:

Wenn Heiri spielte, gab es keine Seitensprünge, keine Ungenauigkeiten, sie verboten sich aus Respekt vor dem Ernst, mit der er diese Welt des Scheins zu einer Welt, wie sie sein könnte, machte.

Parker findet für Gretler (den die Kolleginnen und Kollegen am Schauspielhaus wie kaum einen anderen verehrten) das Bild vom „Kapitän, der sein Leben lang seekrank geblieben ist“:

Seine Seekrankheit war das Lampenfieber, das er jeden Abend aufs neue durchlitten hat, von der Premiere bis zur letzten Vorstellung – und wenn es die hundertste war. Diese Textnot, dieser horror vacui, diese Angst vor dem „Schwarzen Loch“ ist gerade den Schauspielern auferlegt, die das größte Pflichtbewusstsein haben. Sie fühlen sich für das Stück, die Mitspieler und das Publikum verantwortlich. Nie wäre es Heiri eingefallen, ein anderes Textwort zu sprechen, als der Dichter vorgeschrieben hat. Nie hätte er sich angemaßt, zu improvisieren; er wäre sich wie ein Falschspieler vorgekommen. So könnte man füglich sagen: hier ist einer ein Opfer seiner Rechtschaffenheit geworden.

Die Angst, dem Werk, das aufzuführen ist, nicht gerecht zu werden: das gehört zu einem Beruf, bei dem die Redeleistung im Mittelpunkt steht. Ein Patzer, ein Abweichen vom einmal erarbeiteten Textsinn widerspricht seiner Auffassung vom Schauspielberuf.

Dagegen ist der Weg des Sich-Mitteilens aus meiner Erfahrung leichter. (Und damit hätte ich Masaryk widersprochen.) Wer diesen Weg wählt, braucht sich nicht an Maßstäben der Perfektion messen zu lassen. Improvisieren ist erlaubt und hilft, das Publikum wahrzunehmen. Jede Rede, bei der ich meine Sache ins Zentrum stelle, ist der Anfang zu einem Dialog. Und sie wird nicht an Oberflächlichkeiten gemessen, sondern nur daran, wofür ich ohnehin kompetent bin: am Inhalt.

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.