Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 4: Thomas Jefferson

Thomas Jefferson gilt als der schlechteste Redner, der je US-Präsident wurde. Dabei wird er als noch heute als einer der bedeutendsten gesehen. Er war z.B. der wohl wichtigste Autor der Unabhängigkeitserklärung. Und es war ihm gegeben, die Staatsfläche der USA um fast 100 Prozent zu erweitern, ohne dafür Krieg zu führen.

Aber er hasste es, öffentlich zu reden. Wenn er konnte, vermied er es, wo immer es ging, seine Botschaften mündlich vorzutragen – auch bei Ritualen, die man sich gar nicht anders vorstellen konnte. So hatten seine Vorgänger den Brauch eingeführt, dass die jährliche Session des Kongresses mit einer Rede des Präsidenten begann. Heute ist das die viel beachtete Ansprache zur Lage der Nation. Jefferson kündigte diese Tradition auf und schickte stattdessen einen schriftlichen Text ins Kapitol. Dort ließ er ihn von seinem Privatsekretär vorlesen. (Cunningham 1978, 25-26)

Auf der anderen Seite gilt er als hervorragender Rhetoriker, wenn es um Überzeugungskraft und Stilkunst geht (Hoffman 2010, 71-72). Davon zeugt seine schriftliche Hinterlassenschaft.  Nur seine Texte auch vorzutragen oder sich in Debatten mit Worten zu duellieren, lag ihm nicht. Bei seiner Antrittsrede im Jahr 1801 sprach er so leise, dass viele Zuhörer nichts verstanden und warten mussten, bis die Zeitungen am nächsten Morgen die Rede abdruckten (Cunningham 2001, 17).

Was kann man daraus für eine konstruktive Rhetorik lernen?

Nun – auch Jefferson hat eine gewisse Entwicklung in der Präsentation seiner Reden durchgemacht. In seiner zweiten Lebenshälfte hatte er durchaus gelegentliche Anfälle von Gesprächigkeit. Aber er vermied, wo es ging, die Teilnahme an Reden und Debatten, wo es darauf ankam, auf die emotionale Stimmung einzugehen (Ledgin 1998, 151-152).

Wenn er als Vizepräsident die Debatten des Senats leiten musste, griff er kaum je ein. Er war aber in der Lage, zum Schluss das Ergebnis knapp und pointiert zusammenzufassen.

Solche Berichte führen zur berechtigten Frage: Wie kann so jemand Präsident der USA werden? Wie ist es möglich, dass er einen erfolgreichen Wahlkampf führt? Wie überzeugt er seine Wählerinnen und Wähler, wenn er nie vor ihnen auftritt?

Jefferson debattierte nicht, er ließ debattieren

Dazu ist zunächst zu sagen, dass sich die damaligen Kampagnen in einem klar von den heutigen unterschieden: Die Kandidaten reisten nicht von Staat zu Staat, um sich den Wählern anzupreisen. Zwar wurde genauso grobes Geschütz aufgefahren, übertrieben, geschmäht und gelogen wie heute. Aber das übernahmen die Helfershelfer in den einzelnen Städten. Den Wahlkampf in New York, der als wichtiger Startschuss für die gesamten USA galt, überließ Jefferson seinem späteren Vizepräsidenten Aaron Burr. Er selbst blieb in Philadelphia und ließ sich dorthin berichten.

Was man von ihm lesen konnte und was über ihn gesagt wurde, war entscheidend, nicht was er selbst, in direktem Kontakt mit Wählern (oder auch Journalisten) sagte.

Zurückhaltung als Stilmittel

Hinzu kommt aber, dass seine Vermeidungsstrategie weitherum positiv ausgelegt wurde. „Sein Entschluss, nicht zu reden, war als Mittel der Überzeugung gemeint und offenbar auch recht erfolgreich.“ (Hoffman, Seite 72)

Dass man ihn nur hörte, wenn er etwas zu sagen hatte, scheint also Jeffersons Beliebtheit gestärkt zu haben – zusammen mit einem geschickten Einsatz seiner Parteikollegen und schriftlicher Medien.

Der Publizist Norm Ledgin zählt Jeffersons Art zu kommunizieren zu einer mehrerer Eigenschaften, die ihn als Träger des Asperger-Syndroms erkennen ließen. Ob dies wirklich der Fall war, lässt sich über 200 Jahre später nicht nachweisen. Aber sein Beispiel zeigt, dass einer, dem das Reden schwerfällt, durchaus seinen Weg machen kann. Und dass er seine Auftritte in der Öffentlichkeit seinen Talenten anpasst.

Tipps

US-Präsident wird man nicht, wenn man die folgenden Anregungen beherzigt. Aber sie können ein Weg sein, die eigenen Stärken zu stärken und unnötige verbale Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Als Regel könnte man sagen (und damit sind wir natürlich weit weg vom Beispiel Jefferson und näher bei der konstruktiven Rhetorik):

  • Wähle, wo immer möglich, langsamere Medien, die dir die Möglichkeit geben, planvoll und schlüssig zu formulieren.
  • Vermeide Situationen, in denen es um Geistesgegenwart und schnelle Reaktion geht.
  • Suche Gespräche, in denen es nicht primär um Sieg oder Niederlage geht, sondern zunächst um Erörterung, Austausch und Erkenntnisgewinn.
  • Schiebe das Ergebnis einer Debatte (die Lösung eines Problems, den Sieg des besten Arguments) so lange hinaus, bis das Thema von allen notwendigen Seiten her beleuchtet ist.

Man kann sich der Aufgabe, zu reden, nicht entziehen. Aber man kann Kommunikationsformen, die einem liegen, bevorzugen.

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

Susan Cain bezeichnet das Ziel des Kurses als Desensibilisierung. Indem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Vielzahl von Redeerfahrungen machen und dafür positives Feedback bekommen, verlieren sie die Ängste. Was sie nicht sagt, ist, dass man dank solcher Übungen die Rolle der Zuhörer anders wertet. Sie sind nicht mehr die passiven Empfänger der Botschaft, sondern Gesprächspartner.

Dies zeigt ihre Erzählung vom ersten Kursabend. Sie sollte sich vor die Gruppe stellen, diese begrüßen und dann Fragen aus dem Publikum beantworten. Sie schildert das so:

Ich atmete tief ein. „Hellooo!!!!“ rief ich, in der Hoffnung, dynamisch zu klingen.

Aber diese Begrüßung bewirkte eher das Gegenteil. Sie löste erschreckte Mienen aus. Ganz anders war es, als sie ihre Fragen gestellt bekam. Die Atmosphäre veränderte sich und sie wirkte ruhig und selbstsicher. Der Kursleiter hatte sie nach ihren ersten Worten ermahnt: „Sei einfach du selbst.“ Und da hatte sie offenbar aufgehört, sich um ihre Wirkung zu sorgen. Sie hörte hin, was die Leute wissen wollten, und erfuhr, dass sie sich für sie interessierten.

Diese kurze Episode offenbart zwei grundlegend verschiedene Konzepte des öffentlichen Redens:

  • das monologische, auf den Erfolg eines Einzelnen ausgerichtete Präsentieren
  • das dialogische Reden, das möglichst viele Elemente aus dem alltäglichen Gespräch übernimmt und das gelingt, weil man das Publikum mit einbezieht.

Reden als Dialog – das braucht keine Frage-und-Antwort-Sequenzen. Der Dialog beginnt schon beim Wahrnehmen des Publikums: Da sind Leute, die sich für mich und meine Sache interessieren. Sie unterstützen mich, indem sie mitdenken. Und wenn einmal etwas schiefgeht (wenn mir etwa ein Wort fehlt), werden sie mir helfen (indem sie es mir zurufen). Denn die Art, wie ich vor ihnen stehe und zu ihnen rede, zeigt ihnen, dass alle einem gemeinsamen Werk mitarbeiten.

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.