Tipps für den Online-Vortrag (Teil 4)

Kontakt gelingt online, wenn eine Verbindung zwischen deinem eigenen Raum und dem Raum der Zuhörerin/des Zuhörers entsteht. Zum einen ist das eine Sache der Optik: Du gestaltest deinen Raum so, dass man ihn als Raum wahrnimmt und sich darin zurechtfindet.

Nähe durch den Klang der Stimme

Zum anderen ist es eine Sache der Akustik: Du klingst so, dass sich deine Stimme in den Raum des Publikums einfügt. Das heißt: Erklingt nicht wie aus einem fernen Badezimmer, sondern wie die Stimme eines Gegenübers – ohne irritierende Raum-Informationen.

Gesprächslautstärke

Wenn du in die Kamera sprichst, stellst du dir jemanden vor, der dir in Corona-Distanz gegenübersitzt: nah, aber nicht zu nah. Das hört man an der Lautstärke. Deine Stimme ist nicht laut, aber dennoch kräftig. Sie entspricht eher der Stimme, die du verwendest, wenn du im Laden mit einer Verkäuferin sprichst, als der Stimme, mit der du im Café mit deiner Freundin plauderst. Es ist eine Stimme der Nähe, des Gesprächs, aber nicht der Intimität.

Kein Hall, keine Nebengeräusche

Das wird unterstützt durch die Akustik des Raums. Vermeide einen wahrnehmbaren. Hall, wie er leicht entsteht, wenn du in einem Raum mit nackten Wänden sprichst. Überprüfe den Klang, indem du eine Probeaufnahme machst. Wenn es hallt, kannst du entweder die Umgebung ändern (eine Aufnahme im Freien kann schafft oft radikale Abhilfe – lässt allerdings auch neue Probleme entstehen, z.B. durch die Einflüsse von Wind und Nebengeräuschen) oder das Mikrofon nah zum Mund nehmen.
Ein separates Mikrofon bietet auch sonst mehr Möglichkeiten: Du kannst dich von der Kamera weiter entfernen und du klingst besser als mit einem (in Kamera oder Laptop) eingebauten Mikrofon.

Natürlich kannst du das alles auch ignorieren

Diese Tipps setzen voraus, dass du Kontakt zu deinem Publikum suchst und halten willst. Grundlage ist die Vorstellung, dass die Überwindung der Distanz etwas Gutes ist. Das entspricht dem Ansatz der Rhetorik. Es gibt natürlich auch einen anderen Ansatz: Du kannst sagen: Ich will die Distanz beibehalten.
Dann hältst du dich nicht an diese Regeln, sondern präsentierst einen Vortrag, bei dem lauter Merkmale des anderen Raums (oder des Nicht-Raums) beibehalten werden. Du lädst das Publikum nicht zu dir ein und du belässt Hall und Nebengeräusche. Damit nimmt es nicht an einem Vortrag mit dialogischem Charakter teil, sondern es erlebt die Dokumentation eines Vortrags.
In bestimmten Situationen ist das erwünscht (etwa, wenn es ein primäres Publikum gab, das sich vom jetzigen Online-Publikum unterscheidet). Bei einfachen Informationsaufgaben aber geht es nicht darum, eine Doku von deinem Vortrag zu produzieren, sondern deinen Vortrag zu halten. Und dann geht es darum, den Kontakt zu suchen und ihn zu halten. Rhetorik als Reden ´Überwindung der Distanz trotz der öffentlichen Situation.

Tipps für den Online-Vortrag (Teil 3)

Blickkontakt ist das A und O des Vortrags. Aber mit den Mitteln, die wir Amateure zur Verfügung haben, ist es nicht leicht, Blickkontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Denn das Publikum ist durch eine ziemlich leblose Kamera ersetzt.

Übe den Kontakt mit der Kamera.

Sie ist meistens ein nicht viel mehr als ein grüner Punkt oberhalb deines Bildschirms. Versuch, genau diesem Punkt etwas zu erzählen und dabei den Blickkontakt zu wahren.
Beim Vortrag wirst du dich zwischendurch auf andere Dinge konzentrieren. Aber du solltest immer wieder zur Kamera zurückkehren.

Mache erkennbar, wohin du sonst schaust

Wie gesagt: Du hast noch andere Dinge, die du im Blick haben musst. Dazu gehören Gegenstände, die du zeigst, Unterlagen, die du als Gedächtnisstütze brauchst, deine Katze, die gerade über den Schreibtisch wandert… – Es ist selbstverständlich, dass du dann nicht mehr in die Kamera schaust. Aber mach transparent, warum du woanders hinsiehst. (Dabei hilft ein Bildausschnitt, der mehr zeigt als nur deinen Kopf!)

Alternative: Präsentiere aus dem Off

Wenn du viele graphische Darstellungen zeigen willst, kannst du auch ganz verschwinden und nur als Stimme präsentieren. Das ist immerhin besser als die Standard-PowerPoint-Präsentation, bei der ein hilfloser Dozent im Briefmarkenformat in der rechten unteren Ecke vor sich hinredet und irgendwohin schaut, nur nicht in die Kamera.
Eine praktikable Lösung ist: Einleitung und Ende ohne PowerPoint direkt in die Kamera. Den Rest sprichst du im Off.

Alternative: Sprich zu einem realen Gesprächspartner

Niemand hindert dich, die Kamera ganz zu vergessen, wenn du ein Gegenüber hast, dem du deine Sache erzählst: einen Menschen, der dir wie eine Schülerin oder ein Schüler auf der anderen Seite des Tisches zuhört. Vera Birkenbihl hat das mit Erfolg vorgeführt. Sie hat sich dabei nicht gescheut, die Visualisierung ad hoc mit einem großen Block und Filzstiften zu leisten.

Weiter Tipps werden folgen.

Oder lies das Buch „Konstruktive Rhetorik in Seminar, Hörsaal und online“.

 

Tipps für den Online-Vortrag (Teil 2)

Vor Publikum zu reden, bedeutet: Kontakt aufzunehmen und zu halten, obwohl die Distanz größer ist als im Alltag. Dies gilt für Präsenzvortrag und Online-Vortrag.
Im Präsenzvortrag bedeutet dies, den gemeinsamen Raum zu füllen – mit der Stimme und mit der Körpersprache. Du sprichst so laut, dass du auch die Menschen in der hintersten Reihe erreichst. Durch deine Haltung und deine Gestik zeigst du, dass du den gesamten Raum wahrnimmst.
Im Online-Vortrag bedeutet es, den eigenen Raum und den Raum der Zuhörenden zu verbinden.

Willkommen in meiner Welt!

Natürlich weißt du nicht, wo sich die einzelnen Personen befinden, zu denen du sprichst. Aber du kennst deinen eigenen Raum und kannst ihn so einrichten, dass sie sich darin eingeladen fühlen. So wie du im Präsenzvortrag den Vortragssaal als gemeinsame Werkstatt nutzt, musst du im Online-Vortrag alles dafür tun, dass die Leute dir in deinem Raum begegnen.

Mach deinen Raum als Raum erkennbar

Viele Rednerinnen und Redner präsentieren nicht aus einem Raum, sondern aus einer zweidimensionalen Fläche. Hinter ihnen ist eine Wand, bestenfalls „Billy“ von Ikea mit langweiligen Büchern, vor ihnen nichts, neben ihnen nichts.

 

Schon wenn du die Kamera etwas drehst, so dass die Wand hinter dir fliehend verläuft (oder eine Ecke sichtbar wird), sprichst du in einem Raum. Nur so kannst du dein Publikum zu dir einladen.

Natürlich ist es notwendig, zu überprüfen, was dadurch alles sichtbar wird. Willst du wirklich aus deinem Schlafzimmer präsentieren? Hat die Zimmerpflanze neben dir eine Funktion?

Reduziere den Raum

Alle Einzelheiten, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne dass sie zum Vortrag gehören, sollten vorher verschwinden. Oft geht dies nicht. Dann sollten solche Dinge angesprochen werden. Sie wecken eine Frage. Du beantwortest sie. Und damit ist die Sache erledigt.

Bewege dich im Raum

Eine Kulisse wird zum Raum, wenn du darin etwas tust. Das kann eine Tafel hinter dir sein, der du dich zuwendest. Aber auch eine Requisite auf dem Tisch vor dir, die du in die Hand nimmst und benutzt, kann die dritte Dimension betonen.

Weitere Tipps werden folgen

Detaillierter und mit vielen Beispielen findest du das Thema behandelt im Buch:

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 7

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 7 gibt es hier zum Download als PDF.

So sollte es aussehen:

Waagerecht

1          Mit dieser genetischen Störung bringst du den Detektiv zum Verzweifeln.
14        Nymphe als Namensgeberin der Hauptstadt des Libanon. (Da lernst du endlich wieder etwas, was nichts mit Medizin zu tun hat.)
15        „Ver­hält­nis der Wahrscheinlichkeit für das Ein­treten ei­nes Er­eignisses in 2 Gruppen, wo­bei der Zeit­punkt des Auf­tretens berück­sichtigt wird“ (Pschyrembel) oder ganz einfach: Radio mit Sitz in Frankfurt/Main.
16        Hockt mit abgeschlagener Nase im Sand, und niemand macht sie wieder ran.
17        3D-Zellkultur aus primärem gastrointestinalem Gewebe. Aber gelegentlich auch als Adjektiv gebraucht: darmähnlich.

Weiterlesen

Der Held vermeidet die Text-Bild-Schere

Warum fasziniert der Held der Steine auch dann, wenn man sich nicht für Noppen-, Klemm-, Lego-, BlueBrixx, BanBao und andere Steine interessiert? – Weil er vor der Kamera Dinge tut und dazu sagt, was er tut.

Das ist die einfachste Formel für einen guten Video-Vortrag. Sicher gibt es auch Influencerinnen und Hochschuldozenten, die das draufhaben. Aber mir sagt der Held der Steine zu, weil all seine nonverbalen Handlungen direkt mit dem zu tun haben, was er zu melden hat. Das ist das Prinzip:

Er schwafelt nicht über Packungen im Allgemeinen, während er die Lego-Packung in die Hand nimmt. Sondern er nimmt die Packug in die Hand und sagt dazu, dass er jetzt die Packung in die Hand nimmt. Er nennt nicht die Länge und Breite der BlueBrixx-Lok, sondern nimmt den Meterstab und misst Länge und Breite, und teil uns die mit, nichts anderes.

Damit vermeidet er die Text-Bild-Schere. Wir konzentrieren uns auf die Botschaft, und diese ist eine einfache Synthese von dem, was man hört, und von dem, was man sieht. Dazu braucht er nur eine Kamera und eine gleichbleibende Einstellung. Was sich bewegt, sind der Held und seine Requisiten. Das ist nicht langweilig. Das ist funktional.

Ja, das geht

Ja, das geht auch bei komplexeren Themen. Zum Beispiel, wenn man als Dozentin oder Dozent die Etymologie des Verbs klemmen bis ins Indoeuropäische zurückverfolgen muss. Dazu braucht man keine Plastikbausteine, aber eine Schreibunterlage (physisch oder digital). Man holt sie sich (den Block, auf dem man schreiben wird, wie z.B. Vera Birkenbihl) oder geht zu ihr hin (zum Flipchart oder zur Tafel wie Tibees). Und ob dies vor der Kamera ist oder im Hörsaal – entscheidend ist:

  • Du sagst nur, was du gerade tust: dass du zur Tafel gehst oder den Block in die Hand nimmst
  • Oder du schweigst ganz einfach, während du das tust.
  • Und wenn du etwas anschreibst, sagst du laut, was du anschreibst.
  • Und wenn du es kommentierst, wendest du dich von der Tafel ab, sprichst ins Publikum und tust nichts anders dabei (gestikulieren, auf der Fernbedienung tippen, die Nase putzen usw.)

Dan Fleisch erklärt, was Vektoren und Tensoren sind. Er macht es wie der Held der Steine mit seinen Kunstwerken. Er nimmt Vektoren und Tensoren in die Hand und spricht genau darüber und über nichts anderes. Natürlich verlangsamt dies die Lehre. Das Tempo wird so langsam, dass mitdenken kann und versteht.

Das ist nicht schlecht, Leute. Guckt den Helden der Steine. Guckt alte Videos von Vera Birkenbihl. Guckt Michio Kaku. Lasst euch Zeit, wenn ihr doziert. Tut eins ums andere. Und sagt dabei, was ihr tut. Ihr bringt dann weniger Information pro Zeiteinheit. Aber eure Studierenden/User/Kundn werden es euch danken.

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 6

Abkürzungen, die keiner kennt, können Spaß machen. Oder nerven. Aber meistens sind sie leicht zu erraten und liefern auf anspruchslose Weise ein paar Buchstaben. Zudem lernt man Dinge, die einem im späteren Leben helfen. Mein Lieblingsbeispiel ist 12 senkrecht.

Zum Online-Lesen findest du es nach dem Weiterlesen-Tag.

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 6 zum Download als PDF:

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 6

Weiterlesen

Musikredaktion und eine falsche Perspektive

11. März 2011: Kernschmelze in Fukushima. Zu den Folgen gehören Explosionen im Reaktorblock 1, im Reaktorblock 2, im Reaktorblock 3, im Reaktorblock 4.

11. März 2021: SWR 4 bringt kurz vor 12.30 Uhr einen Bericht zum Jahrestag der Katastrophe. Darauf das Lied von Jay Khan: „Du bist hochexplosiv.“

Weiterlesen

Denkwürdige Pausen, Teil I: Der Held der Steine denkt

Warum kann Thomas Panke fünf Sekunden lang in die Kamera starren und nachdenken, ohne dass es peinlich wird?

Er hat gerade eine Viertelstunde lang geredet und will noch zehn Minuten länger reden. Er hat ein Thema, das ihm liegt: Wie verdiene ich mit YouTube Geld? – Er hat (unter anderem) zwei YouTube-Kanäle und einer der beiden ist deutlich als Dauerwerbesendung für Systembausteine deklariert. So erklärt er denn, wie er das macht, mit zugeschalteter Werbung, Affiliate marketing und dadurch, dass er liebevoll Produkte vorstellt, die man bei ihm kaufen kann.

Jetzt, bei Minute 15, hat er eigentlich alles aufgezählt und er hält inne. Auf seiner Stirn steht deutlich zu lesen: „Was wollte ich noch sagen?“ Aber es ist ihm nicht peinlich. Er blickt weiter in die Kamera, atmet aus und sagt zuerst mal nichts. Dann sagt er: „T – t – t- t- t – t – t – t – t – t“ und fügt hinzu: „Bleibt mir noch was?“

Dann hat er den Faden gefunden. Weiterlesen

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 5

Ein Kreuzworträtsel mit der Hilfe von Phil zu erstellen, ist lehrreich, weil Phil Vorschläge macht, wie die leeren Felder zu füllen sind. Diese orientieren sich an den angelsächsischen Cryptic Crosswords und sehen zum Beispiel so aus:

  • earinthebalance
  • earthlyparadise
  • easeleaseplease
  • easterntimezone
  • eatinghumblepie

Das sind lauter Vorschläge für Ausdrücke mit 15 Buchstaben, die mit E anfangen und enden. Wie man sieht, bestehen sie aus mehreren Wörtern. Im deutschen Sprachraum hat sich das nicht so richtig eingebürgert. Da bevorzugt der User einzelne Wörter, zum Beispiel:

  • Elementarklasse
  • Erbschaftsmasse
  • Elektronenwelle
  • Ebenengeometrie
  • Ekliptikalebene

Leider sind mir so lange Wörter meist nicht so  geläufig wie der Website wort-suchen.de. Aber was sich gleich bleibt, ist, dass es Komposita werden – meistens aus zwei einfacheren Wörtern zusammengesetzt. Aber meistens solche, die niemandem so richtig geläufig sind, wie:

  • Elefantenpreise
  • Einspurbahnenge
  • Engelamttheorie

Wenn aber auf so lange Wörter verzichtet wird, gibt es viele hässliche schwarze Felder, was man ja auch vermeiden möchte. (Die New York Times erlaubt ihren AutorInnen maximal 42 “Blocks” [schwarze Felder] in einem Rätsel mit 225 Feldern. Viele kommen aber mit etwas über 30 aus.) Im schlimmsten Fall wimmelt es von Wörtern mit zwei Buchstaben. Die New York Times verbietet das. Sie verlangt mindestens drei Buchstaben. Mir will das nicht gelingen, aber ich bemühe mich darum. In diesem Kreuzworträtsel Nummer 5 sind es noch 6 Zwei-Buchstaben-Wörter. Wenn die dann auch noch etwas bedeuten, ist das ein Glück für Autor wie LöserIn.

Das aktuelle Rätsel findest du, wenn du hier klickst: Weiterlesen

Der Professor lacht

Das Magazin Focus schreibt über meinen Wohnort und darüber, wie hier mit Corona umgegangen wird. Tübingen ist ein Krähwinkel, sagte mein belesener Freund Piero schon vor dreißig Jahren, und deshalb gehört dazu auch diese heitere Szene:

Aus einem alten Fachwerkgebäude, nicht weit vom pittoresken Tübinger Marktplatz, kommt ein Mann mit Hund. Jürg Häusermann ist ehemaliger Professor, die Universität ist in der Stadt omnipräsent. Der 69-Jährige wirkt entspannt, Maske trägt er nur in der unmittelbaren Nähe von anderen Menschen. Er besitzt etwas, um das ihn manche beneiden: Antikörper gegen Covid-19. […] Am Zelt für den Schnelltest läuft er vorbei, er braucht ihn nicht. “Tübinger Modell”? Der Professor lacht. (Focus 52/2020, S. 41.)

Der Professor lacht. Er tut das scheinbar als Kommentar zu den Tübinger Anstrengungen in der Pandemie-Bekämpfung. Das wirkt naiv und egoistisch, und wenn ich dieser Professor wäre, würde ich mich schämen. Dummerweise bin ich aber dieser Professor.

Nur ist die Szene nie passiert. Weiterlesen

Aber bedeutet denn Journalismus nicht, Geschichten zu erzählen?

Die Journalistin Rukmini Callimachi von der New York Times interviewt einen jungen Kanadier, der behauptet, als Kämpfer beim IS gedient und Menschen umgebracht zu haben. In ihrem vielgefeierten Podcast Caliphate erzählt gekonnt über die Abenteuer und Verbrechen – bis über die Authentizität ihrer Quelle Zweifel aufkommen und sich die New York Times mit einem peinlichen Fälscher-Problem im eigenen Haus konfrontiert sieht.

Der Journalist, der mich um ein Interview anfragt, hat die Idee, dass das Ganze mit dem seit längerem grassierenden Storytelling-Hype zu tun hat. Die Redaktionen sind so sehr auf gute Geschichten aus, dass sie gegenüber der Nachrecherche nachlässig werden.

Da rennt er bei mir offene Türen ein. Ja, sage ich. Es ist ein Riesenproblem, dass die Medienhäuser ihren Redaktionen Storytelling verordnen und es über die gründliche Recherche stellen.

Aber dann sagt eine Kollegin: Journalismus bedeutet doch, Geschichten zu erzählen.

Ja. Erzählen zu können, macht den Journalismus lebendiger. Aber wer Storytelling sagt, hebt das Erzählen über alle anderen journalistischen Fähigkeiten hinaus. Weiterlesen

Das medizinische Kreuzworträtsel Nummer 4

Als Amateur ein Kreuzworträtsel zu erstellen, ist nicht einfach. Deshalb ein Dankeschön an Pschyrembel, Wikipedia und Co., die so viele Buchstabenkombinationen enthalten, die sich als medizinische Abkürzungen entpuppen. Irgendwann werden hier wahrscheinlich  meine mühseligen Erfahrungen unter dem Titel “Theorie des Kreuzworträtsels” stehen.

Weiterlesen

Rhetorik-Training konstruktiv

In der herkömmlichen Rhetorik-Schulung ist die wichtigste Entscheidung längst getroffen: die Entscheidung, dass du öffentlich auftreten wirst. Zur Verfügung stehen einige wenige Rollen, in denen du überwiegend verpflichtet bist, das Publikum auf deine Seite zu ziehen.

Für die meisten von uns produziert dies praxisferne Ideale. Deshalb hier nochmals der Grundsatz der konstruktiven Rhetorik in drei einfachen Schritten.

Die erste Frage: Willst du öffentlich reden?

Öffentlich in diesem praktischen Sinne bedeutet: vor einem Publikum, das mit einer bestimmten Rollenerwartung zuhören wird. (Sie geben dir die Rolle einer Lehrerin, eines Firmensprechers, einer Gemeindepräsidentin usw.)

Die zweite Frage: Welches Redeziel hast du?

Wenn du dich für eine „öffentliche“ Rede entschlossen hast (und in unserem Sinne kann das auch ein Auftritt vor fünf Mitarbeitern in der Werkstatt sein), ist die nächste Frage:

Willst du primär informieren, berichten, belehren, erzählen – also Grundlagen für weitere Erkenntnisse vermitteln?

Oder willst du primär überzeugen – also deine Meinung gegen andere Meinungen vertreten?

(Weitere Redeziele lassen wir dabei außer Acht. Das wären zum Beispiel das Feiern eines Rituals, das Beglückwünschen einer Persönlichkeit usw.)

Die dritte Frage: Wie kommen wir ins Gespräch?

Wenn du eine Überzeugungsrede halten willst, dann bist du bei einem Trainer gut aufgehoben, der verspricht, dir die Geheimnisse von Steve Jobs, Barack Obama, Joschka Fischer, Christoph Blocher oder ähnlichen Helden zu verraten. Sie werden dir Maßstäbe vorsetzen, die für Menschen gelten, die sich ihr Leben lang solche Reden auf den Leib schneidern ließen und die du nie kopieren kannst (falls du das wirklich für erstrebenswert hältst).

Sie werden dir vorgaukeln, dass du lernen sollst, vor den Leuten zu brillieren und sie mit einer geschliffenen Rede auf deine Seite zu ziehen. Viel Glück dabei!

Wenn du aber wie viele andere primär Informationsreden halten musst, dann kannst du viel Ballast abwerfen. Denn dann stehst du nicht mehr vor einer passiven Masse, die dir zujubeln soll, sondern du hast es mit Menschen zu tun, die mitdenken und mitreden sollen.

Deine Rede ist dann nur ein Glied in einer Kette von Reden, ein einzelner, aber wichtiger Beitrag in einem Diskurs, an dem auch andere teilnehmen.

Dein Ansatz ist dann nicht die Überredungskunst, sondern der Dialog.

Jetzt ist die Frage nicht mehr: Wie ziehe ich die Leute auf meine Seite? Sondern: Wie komme ich mit ihnen ins Gespräch?

Vielleicht ist das, was dir die Leute während deiner Rede zurufen, wichtiger, als was du sagst. Vielleicht beginnen die guten Erkenntnisse erst, wenn dein Auftritt zu Ende ist und die Gespräche in kleinen Gruppen weitergehen.

Auf jeden Fall wird das aber deinen Erfolgsdruck mindern. Denn die Leistung werdet ihr gemeinsam erbringen, du und dein Publikum.

Rhetorik-Training ist anders

Fragt mich doch Oliver Schroeder im Interview, ob sich der Rhetorik-Unterricht seit Aristoteles und Co. (384-322 v. Chr.) grundlegend geändert habe. Klar hat er sich.

Aristoteles nahm vieles für selbstverständlich, das wir uns zuerst erarbeiten müssen, zum Beispiel die Tatsache, dass du dich plötzlich vor einem Publikum findest. Aristoteles ist der Theoretiker der Beredsamkeit und fängt da an, wo es darum geht, „ein Argument zu prüfen bzw. zu stützen sowie sich zu verteidigen oder anzuklagen“ (1. Kapitel in der Übersetzung von Franz G. Sieveke).

Der Inhalt kommt erst im zweiten Schritt

In einem heutigen praktischen Rhetorikkurs fange ich nicht mit dem Inhalt an, sondern damit, was es heißt, vor einem Publikum zu reden. Ich wende mich an Menschen, denen das einfache Gespräch im Alltag leichtfällt, die aber einen riesigen Unterschied spüren, wenn sie vor Publikum reden müssen. Weiterlesen

Ist Online-Unterricht weniger wert?

Corona hat die Aus- und Fortbildung vom Hörsaal ins Netz gezwungen. Studierende in den USA fühlen sich dadurch um Teile ihrer horrenden Studiengebühren betrogen, die ihnen mit dem Argument abgeknöpft werden, dass sie von den Lehrkräften persönlich und in kleinen Gruppen unterrichtet werden und Wissenschaft hautnah erleben– ganz abgesehen von den Sport- und Freizeitaktivitäten, die jetzt eingestellt sind.

Jetzt werden laufend Hochschulen von Studierenden verklagt, sie einen Teil ihrer Studiengebühren zurückfordern.

Das alles mag auf Studierende und DozentInnen in Europa exotisch wirken, für die Studiengebühren meist das geringste finanzielle Problem sind.

Aber da ist ein Argument, das aufhorchen lassen muss (und an die Diskussionen im Vorfeld der Abiturs- und Maturitätsprüfungen erinnert): Weiterlesen

Tipps für den Online-Vortrag (Teil I)

Ein Seminar. Du hast es schon Dutzende Male geleitet. Aber jetzt muss es plötzlich online stattfinden. Du hast nur dein Laptop vor dir, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgen dir per Handy, Tablet oder PC. Wie gelingt trotzdem ein Dialog? Hier einige Tipps.

1. Präsentiere kurze Einheiten

Reduziere die Zeit, die du für den Vortrag brauchst!

Wenn dein Vortrag einst 30 Minuten gedauert hat, teile ihn in mindestens drei Teile auf.

Vielleicht wurde dein Vortrag immer durch Aktivität der Teilnehmenden ergänzt. Fordere sie auch online zu solchen kreativen Übungen auf und reduziere dabei deinen eigenen Beitrag so stark wie möglich. Deine Aufgabe besteht darin, Theorie zu vermitteln, aus Erfahrungen zu berichten, Beiträge der Teilnehmenden zu kommentieren. Aber sie lernen am meisten durch die Aktivität, zu der du sie aufforderst (und die du danach kommentierst).

2. Freunde dich mit der Kamera an.

Für Blickkontakt mit dem Publikum gilt online noch mehr als sonst: Blickkontakt mit einer einzelnen Person. Diese Person sitzt ganz nah vor dir, und du schaust ihr in die Augen, wenn du den kleinen Kamerapunkt über deinem Monitor ansiehst. Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 6: Du

Viele Menschen berichten über Schwierigkeiten beim Reden, über Angst vor dem Auftritt, über Lampenfieber. Die bisherigen Beiträge sollten zeigen, wie einige von ihnen damit umgegangen sind. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Tipps zum Thema Lampenfieber

Es gibt äußerst nützliche Bücher zum Thema Lampenfieber. Lampenfieber von Claudia Spahn und Vom Lampenfieber zur Vorfreude von Irmtraud Tarr sind (neben Erklärungen zur Entstehung von Lampenfieber) voll von guten Übungen, die helfen, mit seinem Körper, seinen Gedanken und seinen Gefühlen anders umzugehen.

Solche Lehrbücher können vorbehaltlos empfohlen werden, auch wenn sie sich vor allem an Menschen in künstlerischen Berufen wenden.

Wir aber haben das Glück, dass wir als Amateure des Redens ein ganz anderes Ziel haben: Weiterlesen

Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Jan Masaryk, Heinrich Gretler

Jan Masaryk, Diplomat, Außenminister, und in der Erinnerung vieler auch „kosmopolitischer Lebemann“, hielt in seinem Leben eine Unmenge Reden. Er war ein gefragter Redner, und ihm war bewusst: Um seine Ziele zu erreichen, musste er sich immer wieder einem großen Publikum stellen und es informieren – über die Situation der slavischen Völker, über die soziale Lage der Arbeiterschaft, über den Alkoholmissbrauch… Berühmt sind seine Rundfunk-Ansprachen aus dem Londoner Exil während des Zweiten Weltkriegs. Und auch wenn er sich selbst für einen schlechten Lehrer hielt, sprach er während seiner Zeit als Universitätsdozent in vollen Hörsälen.

Masaryk aber sagt von sich (in den Gesprächsbänden, die Karel Čapek herausgegeben hat), er habe eine Scheu vor Menschen:

Ich spreche ungern; so oft ich vortragen und in Versammlungen oder in der Schule reden sollte, immer hatte ich Lampenfieber. Und dennoch, wie viele Reden habe ich gehalten! Auch heute leide ich an Lampenfieber, wenn ich öffentlich auftreten oder eine Rede halten soll.

Und er hat sich trotzdem immer wieder dazu überwunden. Weiterlesen