Menschen, denen das Reden schwer fiel, Teil 5: Greta Thunberg, Konrad Lorenz und andere

Greta Thunberg steht vor einigen hundert Zuhörerinne und Zuhörern, einsam auf einer riesigen Bühne, die auch älteren Rednern Ehrfurcht einflößen würde. Man sieht ihr an, dass sie sich nicht wohl fühlt. Aber sie redet trotzdem. Sie sagt: Ich habe das Asperger-Syndrom, und das bedeutet, dass ich nur spreche, wenn es notwendig ist. Und dann fügt sie hinzu: Jetzt ist es notwendig.

Later on, I was diagnosed with Asperger syndrome, OCD and selective mutism. That basically means I only speak when I think it’s necessary – now is one of those moments.

Sie hält ihre Rede, weil sie überzeugt ist, dass sie gebraucht wird, um die Letzten aufzurütteln, die noch nicht an den Klimawandel glauben.

Das Gegenteil von Dialog

Ihr Blick geht mal hierhin, mal dorthin. Sie vermeidet Blickkontakt, wohl weil das auch etwas ist, das Aspergern schwerfällt. Viele andere haben es leichter, wenn sie eine Person im Publikum finden, der sie in die Augen schauen können. Greta weicht aus und verfolgt ihren Faden, ohne näher hinzusehen.

Dass sie trotzdem erfolgreich ist, bringt einen Rhetorik-Dozenten in Argumentationsnöte, der seit Jahren empfiehlt: Such dir im Publikum ein freundliches Gesicht, zu dem du reden kannst, und alles geht besser. Für Greta geht auf die Weise nichts besser. Deshalb schaut sie lieber nicht hin. Oder besser: Sie lässt ihren Blick über das Publikum schweifen, ohne sich auf Blickkontakt einzulassen. Manchmal hält sie einen Sekundenbruchteil inne. Sie sieht die Leute, so scheint es, aber sie schaut sie nicht an.

Man kann es so machen, wenn es nicht anders geht. Statt den Dialog zu suchen, hast du das Publikum als anonyme Masse vor dir. Du brauchst dazu ein ausgefeiltes Manuskript, aber es geht. Es funktioniert so, wie es schon vor hundert Jahren der Weltumsegler John Voss beschrieb:

Ein paar Tage, bevor der Vortrag stattfinden sollte, warnte mich ein erfahrener Redner, der mich in die Kunst des Vortrags einführte, vor Lampenfieber. “Wenn Sie die Bühne betreten”, sagte er, “und Sie das Publikum vor sich sehen, werden Sie vielleicht nervös und können nicht mehr sprechen, wie es Anfängern oft passiert. Wenn das so ist, stellen Sie sich einfach vor, dass all die Köpfe vor Ihnen nichts anderes sind als ein Feld voller Kohlköpfe, und gleich wird es Ihnen wieder gut gehen!” (Voss 1913, S. 164)

Das ist natürlich das Gegenteil dessen, was ich predige. Wer mit dieser Einstellung redet, hat sich für den Monolog entschieden, für die Vorführung, bei der nichts schief gehen darf. Mit Kohlköpfen ist man nicht im Dialog. Kohlköpfe braucht man nicht ernst zu nehmen. Kohlköpfe flüstern einem auch nichts zu, wenn man mal den Faden verloren hat. Aber wenn du keine Lust auf Dialog hast und dennoch glaubst, dass die Welt untergeht, wenn sie deine Rede nicht hört, dann ist das mit den Kohlköpfen ein Weg. Du hast deine Rede gut eingeübt und arbeitest mit einer gut funktionierenden Gedächtnisstütze. Die Leute erwarten von dir Präsentation, nicht Interaktion. Wie im Kino setzen sie sich hin und lassen deine Rede vor sich ablaufen.

Die Botschaft ist wichtiger

Dennoch reden: Dafür entscheiden sich einige, die eigentlich am liebsten in ihrem Elfenbeinturm sitzen geblieben wären, die aber von ihrer Botschaft so überzeugt sind, dass sie ihr Lampenfieber doch immer wieder überwinden.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz war so jemand, der “immer wieder mit Lampenfieber am Rednerpult gestanden” hat, denn er war “im Laufe seines Lebens mehr und mehr davon überzeugt, auf diese Weise wirken zu müssen.” (Wuketits 1990, 67)

Man findet auf Youtube Ausschnitte aus seinen Vorträgen, die er im hohen Alter gehalten hat und wo man ihm noch immer ansieht, dass ihm das Reden nicht leichtfällt und er auf sein Manuskript angewiesen ist. Aber er sprach über seine Arbeit, darüber, was ihm wichtig war. Das half ihm und dafür war sein Publikum gekommen – nicht, um ihn brillieren zu sehen, sondern um von ihm zu lernen.

Ein paar Tipps

Also: Was sollst du tun, wenn du dich nicht im Stande fühlst, eine konstruktive Rhetorik, also eine Rhetorik des Dialogs anzuwenden – dir das Reden zu erleichtern, indem du darauf achtest, was vom Publikum zurückkommt? Was sollst du tun, wenn du es einfach nur hinter dich bringen musst?

  • Ein Tipp ist, für einen möglichst steten Blick zu sorgen, dabei aber nicht in jemandes Gesicht zu sehen, sondern auf den Scheitel – also den obersten Rand seines Schädels. Das ist für das restliche Publikum kaum zu unterscheiden und macht es der introvertierten Rednerin etwas einfacher. Sie bleibt ein paar Sekunden bei dieser Blickrichtung, um nachher entschieden in einen anderen Teil des Publikums zu sehen.
  • Wenn die Person, zu der man blicken sollte, nahe genug ist, kann man sich statt auf die Augen auf die Nasenwurzel konzentrieren. Die will nichts von dir und es gibt nur eine einzige, nicht zwei, zwischen denen du im schlimmsten Fall hin und her springst.
  • Und dann würde ich jedem, der öfter reden muss, empfehlen, für ein gutes Körpergefühl zu sorgen. Übe, auf beiden Beinen zu stehen. Übe atmen, ohne dich dabei zu beengen. Das sind lauter Techniken, die man unabhängig vom öffentlichen Reden, ganz für sich und bei jeder beliebigen Gelegenheit trainieren kann. Ich selbst habe mich oft beim Warten an der Fußgängerampel gefragt, wie ich denn gerade dastehe. Und dann versucht, die kurze Zeit so zu stehen, dass ich mich sicher fühle und nicht “auf dem Sprung”: mit dem Gewicht auf beiden Beinen und dem Schwerpunkt in der Körpermitte (und nicht irgendwo außerhalb).

Erlaube dir Entwicklungsschritte

Der Prediger Gordon Atkinson [http://gordonatkinson.net] beschreibt, wie er seine Entwicklung zum Redner durchgemacht hat. Er erzählt zunächst von der frühen Phase, die alle kennen. Er vermied es, irgendjemanden anzusehen, und kam damit durch. Allerdings hatte dies den negativen Effekt, dass er auch die Zustimmung nicht wahrnahm, die ihm aus dem Publikum entgegengekommen wäre:

And so I would toss my words out into the congregation, then turn abruptly and sit down quickly, I never saw the love that would have been visible in their faces if only I had looked. (Atkinson 2007, S. 11)

Nun – das war Phase eins. In Phase zwei war er schon etwas mutiger: Er versuchte den frei flottierenden Blick.

Ich vermied es, irgendjemanden in den Bankreihen anzusehen. Ich starre über ihre Köpfe hinweg oder bewegte meine Augen so schnell, dass ich nicht bei irgendeinem Gesicht hängen blieb. Ich hatte zu viel Angst davor, was ich in ihren Gesichtern sehen könnte.

Das versuchen viele Anfängerinnen und Anfänger. Sie lassen ihren Blick über die Köpfe wandern, ohne jemanden anzusehen. Das ist immerhin besser, als in eine Ecke zu starren.

Ein deutlicher Schritt vorwärts war für Atkinson die persönliche Ansprache:

Ich stellte mir vor, dass ich zu einem einzelnen Menschen sprechen würde. “Vergiss die Menge”, sagte ich mir, “und tu einfach, als ob du zu deinem besten Freund sprächest.”

Das ging gut – außer dass seine Predigt manchmal zu privat geriet. Es ist wichtig, sich bewusst zu bleiben, dass in jeder Rede alle gemeint sind, nicht nur ein Einzelner. Zwar ist die Vorstellung nützlich, dass man sich an einen einzelnen Menschen wendet; wenn dieser aber zu konkret wird (wenn du nur noch deine Freundin oder deine Großmutter vor dir siehst), schließt man die anderen aus.

Das Allerletzte, was Atkinson lernte, war Atmen. Er erwarb eine Technik der Entspannung, die ihm erlaubte, tief und kraftvoll zu atmen. Auf diese Technik konnte er zurückgreifen, und endlich konnte er das Reden auch genießen.

Ich konnte in die Gesichter meiner Freunde sehen und von dem, was ich da sah, lernen. Der visuelle Austausch mit der Gemeinde veränderte – zu einem gewissen Grad – die Darbietung. Ich war in der Lage, mit der Leichtigkeit eines Entertainers zu reden, aber dennoch meine Filter nicht zu verlieren und nicht zu vergessen, was ich tat.

Zurück zu Greta

Die meisten, die Rhetorik-Kurse besuchen, sind keine Asperger. Dennoch sind viele eher introvertiert. Sie brauchen Tipps, um vor dem Publikum zu bestehen.

Manche werden zunächst eines der oben geschilderten Verfahren anwenden, weil sie einfach die Aufgabe durchstehen müssen. Im Laufe der Zeit werden sie vielleicht einen der anderen Tipps ausprobieren. So erweitert sich das Spektrum ihrer Möglichkeiten.

Auch bei mir hat es Jahre gedauert. Aber das Schöne war: Schon als ich mich noch an Kohlkopf-Methoden klammerte, kam ich irgendwie durch. Denn ich redete – wie Greta – nur dann, wenn ich etwas zu sagen hatte. Und die Leute, die mir zuhörten, waren an den Inhalten interessiert, nicht an meinem Gestotter.

“I only speak when I think it’s necessary.” Das kann man zu seiner Überzeugung machen. Es hilft, sich auf das Was zu konzentrieren. Das Wie ist Nebensache.

 

 

 

 

 

 

 

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 4: Thomas Jefferson

Thomas Jefferson gilt als der schlechteste Redner, der je US-Präsident wurde. Dabei wird er als noch heute als einer der bedeutendsten gesehen. Er war z.B. der wohl wichtigste Autor der Unabhängigkeitserklärung. Und es war ihm gegeben, die Staatsfläche der USA um fast 100 Prozent zu erweitern, ohne dafür Krieg zu führen.

Aber er hasste es, öffentlich zu reden. Wenn er konnte, vermied er es, wo immer es ging, seine Botschaften mündlich vorzutragen – auch bei Ritualen, die man sich gar nicht anders vorstellen konnte. So hatten seine Vorgänger den Brauch eingeführt, dass die jährliche Session des Kongresses mit einer Rede des Präsidenten begann. Heute ist das die viel beachtete Ansprache “zur Lage der Nation”. Jefferson kündigte diese Tradition auf und schickte stattdessen einen schriftlichen Text ins Kapitol. Dort ließ er ihn von seinem Privatsekretär vorlesen. (Cunningham 1978, 25-26)

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

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Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 2: Marie Curie

1921 war Marie Curie schon die berühmteste Wissenschaftlerin der Welt und noch immer zurückhaltend und unsicher, wenn sie vor anderen Menschen auftreten musste. Sogar ihre Vorlesungen vor einer kleinen Zahl Studierender bereiteten ihr regelmäßig Lampenfieber.

Es war nicht nur ihre Schüchternheit, die sie überwinden musste. Als Frau in einer männerdominierten Wissenschaftswelt wusste sie, dass ihr, wo sie auch auftrat, viele feindlich gesinnt sein würden.

1921 war das Jahr, in dem sie zum ersten Mal in die USA reiste. Man für sie dort Geld gesammelt, um ihre Arbeit zu unterstützen, indem sie ein Gramm des Elements – Radium – erstehen konnte, das sie und Pierre Curie 1898 entdeckt hatten.

Mut zum Dialog

Sie wurde in den USA stürmisch begrüßt und während der von einer Welle der Sympathie getragen. Und als sie von ihrer achtwöchigen Reise zurückkam, hatte sich ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit geändert. Sie nahm von da an mehr öffentliche Aufgaben wahr und bewies, zumindest ein der Darstellung der Autorin Shelley Emling, ein weniger problematisches Verhältnis zu öffentlichen Auftritten.

Laut Emlings biografischer Erzählung hat sie in der Zeit erfahren, dass in ihrem Publikum nicht nur Skeptiker und Gegner saßen, sondern Menschen, die bereit waren, ihre Arbeit zu unterstützen (Emling 2013, xvi).

Zum einen hat dies einen sehr konkreten Hintergrund: In Europa war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt, von denen in den USA weniger zu spüren war. Zum anderen lässt es auch ahnen, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Publikum veränderte. Sie konzentrierte sich – so würde ich es interpretieren – weniger auf die mögliche Ablehnung, die ihr widerfahren konnte, und mehr auf das Gemeinsame, die Sympathie, die in jedem Auditorium vorhanden war. Eine Rede entsteht in der Zusammenarbeit von Rednerin und Publikum. Je zuversichtlicher man sich das sagt, desto leichter wird man es haben.

 

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 1: Hermann Minkowski

Wer vor Publikum reden soll, muss eine Schwelle überwinden: Der Raum weitet sich. Die Zuhörenden sind in Überzahl. Die Zeit ist begrenzt. Es wird Öffentlichkeit hergestellt. Die sprachliche Form, die erwartet wird, unterscheidet sich drastisch von der sonst  gewohnten Form.

Kein Wunder, dass diese Art des Redens vielen Menschen schwerfällt. Aber es kann wohltun, von anderen zu erfahren, dass es ihnen auch so geht – auch von erfolgreichen Politikern (wie Johannes Rau), Wissenschaftlerinnen (wie Marie Curie) oder Künstlern (wie Loriot).

Und solche Biografien zu studieren, kann dabei helfen, den Fokus zu verstellen. Für die allermeisten von uns gilt: Nicht die brillante Darbietung ist das Wichtige, sondern der Inhalt. Und wir werden gebeten, vor anderen zu reden, weil wir für eine Sache kompetent sind. Wir müssen in den meisten Fällen keinen Wahlkampf gewinnen und keinen Saal zur Ekstase bringen. Wir müssen ganz einfach das präsentieren, woran wir lange genug gearbeitet haben, um es auch überzeugend vortragen zu können.

Hermann Minkowski, der Mathematiker und Physiker, war vor Publikum – auch vor den jungen Studenten, die ihn verehrten – so sehr befangen, dass er oft ins Stottern kam. Aber dann kam er als Professor nach Göttingen, und traf auf ein Publikum, das in der Lage war, ihn und seine Botschaft warzunehmen.

Die Autorin Constance Reid beschreibt es so:

Die Studierenden erkannten sofort, dass sie das Vorrecht hatten, einen „wahren mathematischen Dichter“ zu hören. Ihnen schien es, als ob jeder Satz, den er sprach, zum Leben erwachen würde, indem er ihn sprach. (Reid 1996, 92)

Um dies zu erreichen, braucht es zwei: Ein Publikum, das bereit ist, mitzudenken, und einen Redner, der weiß, dass das seine Rede letztlich ein Gemeinschaftswerk ist – ein Werk von Publikum und RednerIn.

Wer die Schwelle mit dieser Einstellung überschreitet, lässt sich mehr Zeit, um auf die Zuhörenden einzugehen. Er oder sie formuliert adressatengerechter, um verstanden zu werden. Und verabschiedet sich von der Vorstellung, perfekt sein zu müssen, zugunsten der Vorstellung, ein fruchtbares Gespräch anzustoßen.

Wie du dein Seminar ohne Aufwand optimierst: Einige “Don’ts” und “Dos”

Tu folgende Dinge, und du bringst dein Seminar echt in Gefahr:

Fang ohne Vororientierung an! – Ignoriere Motivation und Vorwissen der Teilnehmer! – Benutze Kernbegriffe, ohne sie zu definieren! – Erzähle von deinem unermüdlichen Kampf für das Gute! – Mach deine Konkurrenten schlecht! – Setze Pausen an, die nicht ausreichen, um aufs Klo zu gehen! – Rede, rede, rede und verzichte darauf, die Leute zu beteiligen! – Führe Zweiergespräche mit einzelnen Teilnehmern! – Lass dich zu Diskussionen über Nebensachen verleiten! – Mach den Abschluss ohne Rückblick und Feedback!

Oder positiv gewendet: Beherzige die folgenden Regeln

Hier dieselben Regeln nochmals, aber ausführlicher und positiv formuliert.

Ausgangspunkt: Beobachtungen bei einem Seminar von 2 Tagen.
Publikum: Knapp 50 Personen mit einer gewissen Vorbildung. Sie sind zum Teil von weit her gefahren und kennen einander zum Teil.
Ort: Saal in einer ländlichen Wirtschaft. Die TeilnehmerInnen sitzen an vier Tischen parallel aufgestellten Tischen. Für den Seminarleiter ist an der Stirnseite ein Tisch quergestellt. Darüber an der Wand eine Leinwand, an der Decke ein Beamer.

1. An den Beginn gehört eine Vororientierung

Die SeminarteilnehmerInnen brauchen eine Struktur, an der sie sich in den folgenden Tagen orientieren können. Die ist im besten Fall verbal und visuell. Verbal ist es eine kurze Information über Zweck und Ablauf. Visuell ist es ein Programm, das sie vor sich auf dem Tisch oder auf einer Tafel an der Wand haben – irgendwie: Nicht das Medium ist entscheidend, sondern die Verfügbarkeit. Als Teilnehmer will ich jederzeit sehen können, wo wir uns befinden und wie lange es noch gehen wird.

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Der mühsame Weg zum Charisma

„Tatsächlich übersieht Kurz keinen, nicht die Parteiprominenz, nicht die Wirtschaftsvertreter, nicht die Garderobenfrau.“

Das notiert Peter Münch in der Süddeutschen Zeitung über den Österreichischen Alt-Kanzler Sebastian Kurz. Er ist ihm zu einer Wahlkampfveranstaltung ins Burgenland gefolgt, in die Stadt Oberwart. Und sein Text beschreibt detailreich und unterhaltsam die Situation der ÖVP und ihres Spitzenkandidaten kurz vor der Nationalratswahl vom 29. September.

Das Kommunikationstalent des 33-Jährigen wird greifbar. Bemerkenswert: Anders als andere Autoren bemüht Münch nicht ein Mal den Begriff „Charisma“. Dafür beschreibt er treffend, was einen angeblichen Charismatiker auszeichnet:

„Ein großer Teil seines Erfolgs rührt daher, dass er jedem, dem er begegnet, das Gefühl gibt, er ist ganz bei ihm, oder ihr, auch wenn er nach zehn Sekunden schon wieder weg ist.

Charisma als Ausstrahlung

Der landläufige Charisma-Begriff meint ja nicht die Gnadengabe aus der Bibel oder den Herrschaftstyp, den Max Weber beschrieben hat. Wer heute einem Politiker Charisma zuschreibt, spekuliert über dessen Wirkung. Eine Rednerin oder ein Redner (und es sind meistens männliche Figuren, die damit bedacht werden) wird als charismatisch bezeichnet, weil er oder sie die Menschen als Persönlichkeit beeindruckt. Fast austauschbar damit sind Begriffe wie „Ausstrahlung“ oder „Authentizität“, auch wenn die ursprünglich eine ganz andere Bedeutung haben. Weiterlesen

Konstruktive Rhetorik: Vom Vortrag zum Dialog

Es geht nicht darum, vor dem Publikum zu brillieren. Es geht darum, mit ihm in den Dialog zu treten. Das macht die Sache leichter – für Redner/in und Publikum.

Die Kunst, gut zu reden (ars bene dicendi): Das ist die klassische Definition von Rhetorik. Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin untersucht gleichermaßen Parlamentsreden und psychologische Beratungsgespräche, Seminarvorträge und Mobbingtaktiken. Für die Praxis ist das nicht sehr hilfreich. Denn für das Reden vor Publikum braucht es ganz andere Fähigkeiten als für das Gespräch im Alltag.

Vor einem Publikum sind die Rahmenbedingungen anders

Den meisten Menschen fällt das öffentliche Reden, auch vor einer kleinen Gruppe, schwerer als das private Gespräch. Das gilt auch für erfolgverwöhnte “Macherinnen” und “Macher”. (Vgl. z.B. die Geschichte von Henry Ford.) Weiterlesen

Unruhe im Saal – katastrophal?

Oft fühlst du dich durch Unruhe im Saal gestört: Leute schwatzen oder jemand beschäftigt sich deutlich mit anderen Dingen. Aber Störungen im Vortrag sind keine Katastrophe. Wenn du dir einige Dinge vorher überlegt hast, geht alles leichter.

Der Dozent interveniert

Donald Sadoway unterrichtet am MIT ein Fach namens Festkörperchemie. Seine Einführungsvorlesungen werden im Internet hunderttausendfach angeklickt. Er hat die Gabe, anspruchsvolle Themen anschaulich zu machen, so dass zumindest der Einstieg leicht fällt.

Aber er hat auch etwas gegen Störungen. Am Anfang der Vorlesung Nummer 7 (knapp eine Minute nach Beginn der Aufzeichnung) unterbricht er sich plötzlich. Weiterlesen

Henry Ford patzt

Dem Publikum gerecht werden – das geht nur, wenn man es ernst nimmt.

Henry Ford, der den Mittelklasse-Amerikanern ein erschwingliches Auto, Zehntausenden Arbeitern eine Anstellung und Millionen den Traum des America first näher gebracht hatte, war 1923, also knapp 90 Jahre vor dem politischen Abenteuer Donald Trumps, der beliebteste Name für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1924. Er galt zwar in Politikerkreisen als wenig geeignet für das Amt, das er ähnlich wie seine Unternehmen zu führen gedachte. Aber aus heutiger Sicht wäre er mit seinen liberalen Ansichten (von Frauenrechten über die Gleichstellung von Schwarzen zum Pazifismus und zur Bekämpfung der Todesstrafe) eine Bereicherung für den Wahlkampf gewesen.

Wenn da nicht das Problem gewesen wäre, dass Wahlkampf vor allem Reden bedeutete. Weiterlesen

Ein konsequenter Aufbau macht den Text lesbar

Manchmal sitzt man vor seiner Zeitung, trinkt einen Kaffee und ertappt sich plötzlich dabei, dass man einen Text von A bis Z gelesen hat. In solchen Fällen lohnt es sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum bleibe ich dran, wenn sich einer mit 10.000 Zeichen mit der Lage der deutschen Wirtschaft auseinander setzt?

Es hängt natürlich mit der Sachkompetenz des Autors und mit all den Fakten zusammen, die er auf den Tisch legt. Aber wer sich für das journalistische Handwerk interessiert, wird auch eine Erklärung in der sprachlichen Präsentation suchen.

Wie man 10.000 Zeichen bändigt

Philip Oltermann schreibt für The Guardian und The Observer. Von ihm ist das Buch Keeping Up With the Germans: A History of Anglo-German Encounters (London: Faber and Faber, 2013 – deutsch auf Anhieb nicht wieder zu erkennen dank dem Titel: Dichter und Denker, Spinner und Banker: Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte. Reinbek: Rowohlt, 2013). Er hat im Übrigen auch die Guardian-Artikelserie How to Write herausgegeben.

Im Observer vom 19. Oktober 2014 hat er besagten 10.000-Zeichen-Artikel geschrieben mit dem Titel:

As cracks in its economy widen, is Germany’s miracle about to fade?

Hauptaussage dieses aufwühlenden Textes: Noch vor kurzem wurde Deutschland für deine Fähigkeit gepriesen, der Krise zu widerstehen, die praktisch ganz Europa erfasst hat. Aber jetzt werden die Risse in der deutschen Wirtschaft immer weiter.

Und so ist der Text aufgebaut

Der Text beginnt mit einer Nahaufnahme: Der Autor berichtet von der Loschwitzer Brücke in Dresden, besser bekannt unter dem Namen Das Blaue Wunder.

Es ist ein Glanzstück der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts. Aber die Brücke verrostet und müsste dringend saniert werden – wenn es denn finanziell machbar wäre:

Locals call the cantilever truss bridge that connects the Dresden suburbs of Blasewitz and Loschwitz the “blue miracle”. Built in 1893 without the support of river piers, it is the kind of German engineering tour de force that could rightly claim a place in the British Museum’s current Memories of a Nation exhibition, were it not impossible to transport. However, in recent years the blue miracle has lost some its sheen…

Das Beispiel führt nahtlos zu den Finanzproblemen der Stadt Dresden, die nicht nur mit den Problemen dieser einen Brücke zu kämpfen hat:

Dresden city council is aware of the problem, but it is under financial pressure. Twenty-one million euros are being spent on overhauling the Albert bridge in the city centre, which was crumbling away so badly that bits of concrete were falling on the heads of cyclists passing underneath. The Augustus bridge, the jewel in Dresden’s eight- bridge crown, will have to come next after it was damaged by floods last year…

Im nächsten Abschnitt sehen wir über Dresden hinaus auf ganz Deutschland und den Zustand seiner Brücken und Autostraßen:

Crumbling bridges and potholed roads are a politically sensitive issue in Germany these days. Forty per cent of all bridges and a fifth of the motorway network are said to be in a “critical state”, causing traffic jams and delays up and down the country. Worse still, a growing choir of economists and politicians warn that such cracks in the country’s infrastructure are only the beginning of a much bigger problem. Germany, Europe’s model austerian, they say, is saving itself to death…

Und hier, beim letzten Satz dieses Abschnitts, sind wir sehr elegant zur zentralen Aussage gekommen: Deutschland steckt in Schwierigkeiten, und diese hängen mit seiner scheinbaren Stärke zusammen. Experten werden zitiert, die eine typisch deutsche Schwäche anprangern: die Sparsamkeit, wenn es darum geht, in die Infrastruktur zu investieren.

Dann wird das Thema noch einmal ausgeweitet:

But at least potholes can be spotted and filled. Missed investment in education, research and industry, on the other hand, might only be felt once it is too late…

Die mangelnden Investitionen in Bildung, Forschung und Industrie werden mit Zitaten und Zahlen belegt. Dies mündet in die Frage, wie nützlich eine „schwarze Null“ ist, Finanzminister Schäubles Haushaltsplan für 2015, in dem keine neue Verschuldung eingeplant ist.

Der Rest des Artikels ist der Diskussion dieses Themas gewidmet – nicht ohne den Rückverweis auf das zum Symbol aufgebauten Blauen Wunder:

But in October 2014 it is the pessimists who are setting the tone: the German economy is looking about as rusty as the blue miracle in Dresden…

Das letzte Wort hat ein Autor, der in die Zukunft blickt. Olaf Gersemann verweist auf die demographische Entwicklung und zeichnet ein trübes Bild:

“We’ve been talking about the pending demographic crisis for years, but we’ll only start to feel its impact in the next few years,” said Gersemann. “The baby boomer generation of the 50s and 60s will slowly start to disappear from the labour market. Total hours’ work will start to fall within a couple of years, depressing Germany’s growth potential.

Germany in 10 years’ time will feel so different that we will look back on today as the good old days.”

Was mich an dem Text beeindruckt, ist, wie konsequent er den Blick weitet. Er tut dies in nachvollziehbaren Schritten, ohne zu große Sprünge. Das Anfangsbeispiel, die Dresdner Brücke, bleibt immer in Erinnerung, weil es für die ganze Problematik stehen kann. Der Text liest sich flüssig, obwohl er auf viele weitere Nahaufnahmen verzichtet. Er ist linear aufgebaut. Er führt den Leser, bis er einen Überblick hat. Mehr braucht es nicht.