Konstruktive Rhetorik: Vom Vortrag zum Dialog

Es geht nicht darum, vor dem Publikum zu brillieren. Es geht darum, mit ihm in den Dialog zu treten. Das macht die Sache leichter – für Redner/in und Publikum.

Die Kunst, gut zu reden (ars bene dicendi): Das ist die klassische Definition von Rhetorik. Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin untersucht gleichermaßen Parlamentsreden und psychologische Beratungsgespräche, Seminarvorträge und Mobbingtaktiken. Für die Praxis ist das nicht sehr hilfreich. Denn für das Reden vor Publikum braucht es ganz andere Fähigkeiten als für das Gespräch im Alltag.

Vor einem Publikum sind die Rahmenbedingungen anders

Den meisten Menschen fällt das öffentliche Reden, auch vor einer kleinen Gruppe, schwerer als das private Gespräch. Das gilt auch für erfolgverwöhnte “Macherinnen” und “Macher”. (Vgl. z.B. die Geschichte von Henry Ford.) Weiterlesen

Unruhe im Saal – katastrophal?

Oft fühlst du dich durch Unruhe im Saal gestört: Leute schwatzen oder jemand beschäftigt sich deutlich mit anderen Dingen. Aber Störungen im Vortrag sind keine Katastrophe. Wenn du dir einige Dinge vorher überlegt hast, geht alles leichter.

Der Dozent interveniert

Donald Sadoway unterrichtet am MIT ein Fach namens Festkörperchemie. Seine Einführungsvorlesungen werden im Internet hunderttausendfach angeklickt. Er hat die Gabe, anspruchsvolle Themen anschaulich zu machen, so dass zumindest der Einstieg leicht fällt.

Aber er hat auch etwas gegen Störungen. Am Anfang der Vorlesung Nummer 7 (knapp eine Minute nach Beginn der Aufzeichnung) unterbricht er sich plötzlich. Weiterlesen

Henry Ford patzt

Dem Publikum gerecht werden – das geht nur, wenn man es ernst nimmt.

Henry Ford, der den Mittelklasse-Amerikanern ein erschwingliches Auto, Zehntausenden Arbeitern eine Anstellung und Millionen den Traum des America first näher gebracht hatte, war 1923, also knapp 90 Jahre vor dem politischen Abenteuer Donald Trumps, der beliebteste Name für die Präsidentschaftswahlen des Jahres 1924. Er galt zwar in Politikerkreisen als wenig geeignet für das Amt, das er ähnlich wie seine Unternehmen zu führen gedachte. Aber aus heutiger Sicht wäre er mit seinen liberalen Ansichten (von Frauenrechten über die Gleichstellung von Schwarzen zum Pazifismus und zur Bekämpfung der Todesstrafe) eine Bereicherung für den Wahlkampf gewesen.

Wenn da nicht das Problem gewesen wäre, dass Wahlkampf vor allem Reden bedeutete. Weiterlesen

Storytelling, Teil 8: Der erzählerische Einstieg

Weiterlesen

Storytelling, Teil 5: Andere erzählen lassen (“Storydoing”)

Wenn ich meine Marke aufbauen wollte, würde ich nicht meine Geschichte, sondern die Geschichte von anderen erzählen. Ich würde dafür sorgen, dass sich alle, die meine Marke erreichen soll, als Teil meiner Geschichte verstehen. So dass dann die anderen meine Geschichte erzählen (virales Marketing).

Weiterlesen

Storytelling, Teil 4: Vom Argumentieren zum Erzählen

Erzählen kann verschiedene Funktionen haben. Hier sollen einfache Beispiele aus der Werbung zeigen, wie sich das Erzählen allmählich selbständig gemacht hat.

Beginnen müssen wir bei der klassischen Vorstellung des Argumentierens. Die Annahme ist: Ein Produkt soll gekauft werden. Der Kunde wird mit einer Mini-Überzeugungsrede konfrontiert. Das einfachste Modell besteht aus einer Aussage, die mit einer Argumentation gestützt wird.

In einem zweiten Schritt werden wir sehen, dass diese Argumentation auch durch eine Erzählung ersetzt werden kann. Die Erzählung, nicht eine rationale Überlegung, stützt die Aussage.

Im dritten Fall stützt die Erzählung nicht mehr direkt eine Aussage, sondern das Gesamtbild des Produkts bzw. der Marke.

Im vierten Fall werden Geschichten erzählt, die nicht mehr die Geschichte der Marke sind, sondern die nur noch lose – über die Werte, die sie verkörpert – mit der Marke verbunden sind.

Letztlich werden die Konsumenten Geschichten rund um die Marke erzählen, ohne dass sie von dieser initiiert worden sind. Vom Storytelling zum Storydoing.

Weiterlesen

Storytelling, Teil 3: Werbung, Branding

In der Werbung kann Storytelling vom Produkt losgelöst sein. Das Ziel besteht darin, dass die in der Erzählung enthaltenen Werte auf das Produkt abstrahlen.

Einer der meistdiskutierten Werbefilme während der Superbowl-Übertragung 2014 zeigte eine Folge von Bildern vom schönen, glücklichen Freizeit-Amerika – von den wilden Bergen über die Wellen des Pazifiks bis zum Familienglück im Fast-Food-Lokal. Dazu wurde von Kinderstimmen America the Beautiful (Youtube) gesungen. Die Stimmen wechselten so ab, dass der englische Text ins Spanische und dann in weitere sieben Sprachen von ImmigrantInnen überging.

Weiterlesen

Storytelling, Teil 2: Was bedeutet Erzählen?

„Erzählen“ hat im Deutschen mehrere Bedeutungen. Für die Diskussion über Storytelling ist es wichtig, die Begriffe zu klären und auseinanderzuhalten.

Erzählen ist eine der sprachlichen Handlungsformen, die man als Journalistin oder Journalist beherrscht. Wer erzählt, gibt die Entwicklung einer Geschichte von einem Anfangszustand zu einem Endzustand dar.

  • Wer nicht erzählt, vollzieht eine andere Handlung, z.B. melden:
  • Wer meldet, gibt den Kern eines Ereignisses wieder.
    Wer nicht erzählt oder meldet, vollzieht eine andere Handlung, Z. B.: berichten.
  • Wer berichtet, gibt ein Ereignis von seinem Resultat her wieder.
    Wer nicht berichtet, vollzieht eine andere Handlung, z.B. kommentieren.
  • Wer kommentiert, nimmt zu einem Ereignis Stellung.
  • usw.
  • Wir gehen davon aus, dass jeder journalistische Text auf eine Haupthandlung reduziert werden kann. Deshalb unterscheiden wir verschiedene Texttypen: Meldung, Bericht, Kommentar usw.

Oft enthalten diese Texte Erzählpassagen – oder sie haben (wie z. B. viele Reportagen) das Erzählen als Hauptfunktion.

Von den Kernaufgaben des Journalismus aus gesehen (vom Melden, Berichten), erfüllen erzählerische Passagen oder erzählerische Texte eine Zusatzleistung.

Wenn in Nachrichten oder in Berichten nur noch erzählt würde, wenn nur noch erzählerische Reportagen o.ä. produziert würden, verlöre der Journalismus eine wichtige Funktion, nämlich die Vermittlung aktueller Fakten.

Diese Begriffsklärung soll als Grundlage dienen für die Diskussion über Storytelling im Journalismus.

Eine gute Erzählung braucht Vertiefung

Storytelling, so attraktiv es ist, kann im Informationsjournalismus nicht das Hauptziel sein. Zwar gibt es in jeder Kultur Kommunikationsformen, in denen sich alles um das Erzählen dreht (z.B. den Stammtisch, das Lagerfeuer), aber im Journalismus ist es eine Zusatzhandlung. Es dient der Präsentation, der Illustration, der Verarbeitung aktueller Fakten.

Die Autorin Susanne Stiefel begleitet einen papierlosen Algerier durch die Stuttgarter Innenstadt. Sie schildert hautnah, was es bedeutet, sich zu ständig davor zu fürchten, kontrolliert, festgenommen, abgeschoben zu werden.

Die Reportage macht erfahrbar, was es heißt, „illegal“ zu sein. Ein nüchterner Bericht vermag dies nicht in dieser Intensität. Dennoch braucht es neben solchen Reportagen Texte über die aktuelle politische Entwicklung. Die Erzählung zeigt den Einzelfall. Für sie gibt es die Reportage. Die politische Information enthält eine Abstraktion. In der Nachricht und im Bericht kommt man nicht um sie herum.