Kommunikation im glücklichsten Land der Erde

Eine finnische Tageszeitung bietet ihren Leserinnen und Lesern die Gelegenheit, kurze SMS zu schreiben, die im Blatt anonym veröffentlicht werden und oft weitere Zuschriften provozieren. Kurz vor dem Mittsommerfest 2026 erscheint der folgende Zweizeiler:

Die Aufzüge in Mehrfamilienhäusern sind soziale Folterkammern.

Nach den festlichen Sommerabenden mit Tanz und frohem Gesang bricht eine neue Woche an. In der Spalte mit den Zuschriften steht eine Entgegnung:

Für einen angespannten, humorlosen Menschen, der z.B. im Aufzug auf Mitmenschen trifft, existiert die soziale Folterkammer. Er kann ja versuchen, die Treppe hochzugehen, wenn es ihm so sehr Angst macht. Freundlichkeit ist für Mitmenschen viel netter als ständiges Nörgeln.

Zwei Tage später schreibt wieder jemand:

Ich habe die den Aufzugsfoltertext nicht geschrieben. Ich möchte dennoch den, der darauf geantwortet hat, darauf hinweisen, dass ich immer lieber die Treppe hochklettern würde, um nach Hause zu kommen; aber die schmerzenden Hüfte und Knie hindern mich daran. Ich gehe in den Fahrradkeller solange, bis die anderen verschwunden sind. Dann fahre ich in aller Ruhe mit dem Lift. Dies dem verständnislosen Schreiber zur Information.

(Etelä-Suomen Sanomat, 17.6., 22.6., 24.6.2026)

Menschen, denen das Reden schwerfiel, Teil 3: Susan Cain

Susan Cain ist eine bekennende Introvertierte. In ihrer Familie schuf man Gemeinsamkeit, indem sich jeder im Wohnzimmer in eine Ecke kuschelte und ein Buch las. Als sie als Kind zum ersten Mal ins Summer Camp durfte, hoffte sie auf lauter solche Erlebnisse – und wurde bitter enttäuscht. Denn dort – wie im späteren Leben fast überall – ging es darum, ständig ausgelassen und in Bewegung zu sein.

Weil sie fand, die Gesellschaft und die Art, wie man sich zu geben hat, sei von Extravertierten dominiert, schrieb sie 2012 das Buch: Quiet (in der deutschen Übersetzung: Still). Es ist ein gut dokumentiertes Plädoyer gegen die Dominanz der Extravertierten und für eine Aufwertung der Werte, die introvertierte Menschen verkörpern.

In diesem Buch erzählt sie von ihrer Angst vor öffentlichen Auftritten, die sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Sie bekämpfte diese Angst in einem spezialisierten New Yorker Kurszentrum. Dort fand sie sich in einer Gruppe von lauter Menschen mit ähnlichen Problemen wieder: Menschen, für die es die Hölle war, sich vor eine Gruppe zu stellen und zu dieser zu reden.

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Konstruktive Rhetorik: Vom Vortrag zum Dialog

Es geht nicht darum, vor dem Publikum zu brillieren. Es geht darum, mit ihm in den Dialog zu treten. Das macht die Sache leichter – für Redner/in und Publikum.

Die Kunst, gut zu reden (ars bene dicendi): Das ist die klassische Definition von Rhetorik. Die Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin untersucht gleichermaßen Parlamentsreden und psychologische Beratungsgespräche, Seminarvorträge und Mobbingtaktiken. Für die Praxis ist das nicht sehr hilfreich. Denn für das Reden vor Publikum braucht es ganz andere Fähigkeiten als für das Gespräch im Alltag.

Vor einem Publikum sind die Rahmenbedingungen anders

Den meisten Menschen fällt das öffentliche Reden, auch vor einer kleinen Gruppe, schwerer als das private Gespräch. Das gilt auch für erfolgverwöhnte „Macherinnen“ und „Macher“. (Vgl. z.B. die Geschichte von Henry Ford.) Weiterlesen