Wer auf der Autostraße die unendlichen finnischen Wälder an sich vorbeiziehen lässt, braucht akustische Begleitung. Einmal in der Woche ist das die Sendung „Auf diese Platten werde ich nicht verzichten.“ (Auf Finnisch etwas knapper: „Näistä levyistä en luovu.“)
Ja, es heißt wirklich „Platten“, nicht „Stücke“ oder „Songs“ – wie wenn es noch immer um Vinyl ginge wie in der Kindheit der Zuhörerinnen und Zuhörer. In die Sendung werden Menschen eingeladen, die etwas mit Musik zu tun haben. Opernsänger wie Waltteri Torikka Musical-Stars wie Anna-Maija Tuokko präsentieren ihre persönliche Auswahl: Kinderlieder, Kammermusik, Filmmusik, Hits der Spice Girls…
„Hast du die Platte?“
„Nicht verzichten“: Es geht natürlich um Musik, aber der Titel ist gewählt, als ginge es noch um den Besitz des Tonträgers. „Hast du die Platte?“ war in den 1960er- und 1970er-Jahren noch eine alltägliche Frage, und wer die Platte „hatte“, hatte auch Zugang zum betreffenden Musikstück.
Im realen Finnland 2026, außerhalb des Retro-Mediums, hat sich Musik als Besitz längst erledigt. Jeder kann mit einem Klick ein Lied abspielen – dank dem Internet bzw. einem Streaming-Abo. Der Zugang zu einem Stück ist keine Frage mehr. Das Problem hat sich umgedreht: Jetzt ist das Thema die Beschallung. Wer sich gegen eine Beschallung nicht wehren kann, hat ein Recht auf Schadenersatz.
3250 Euro Schadenersatz
Seit Menschengedenken wird an finnischen Schulen beim Abschlussfest vor den Sommerferien der 300 Jahre alte „Sommerchoral“ (suvivirsi) gesungen: „Schon ist die liebe Zeit gekommen, der süße Sommer.“ Dann geht es weiter mit Blumen, die alles schöner machen, mit der Sonne, die wieder wärmer scheint, usw.
Wie schrecklich! Dass sein Sohn dieses Lied ohne Warnung über sich ergehen lassen musste, hat einen Vater aus der südfinnischen Stadt Espoo in Rage gebracht. Er protestierte öffentlich, drohte sogar, die Sache vor Gericht zu bringen: Der Bub wurde offensichtlich diskriminiert, indem er gezwungen wurde, den „Sommerchoral“ anzuhören.
Es ging ihm nicht um die Blumen und die Sonne, sondern darum, dass sich der Text in den Versen 2 bis 6 ungeschminkt an Gott wendet: „Erneut ergrünen Wiesen und das Feld im Tal. Die Bäume im Walde rauschen im Blätterkleid. Das mahnt uns an deine Güte, Gott, verkündet deine Wunder von Jahr zu Jahr…“
Man habe den Schüler nicht gewarnt, dass bei diesem Anlass ein Lied mit christlichem Inhalt gesungen würde. Das ist der Vorwurf, mit dem sich die staatliche Stelle für „Nicht-Diskriminierung und Gleichberechtigung“ (laut der englischen Website: „The National Non-Discrimination and Equality Tribunal of Finland“) auseinandergesetzt hat. Ihre Antwort: Die Schule möge dem Schüler 2500 Euro Schadenersatz zahlen, dem Vater 750 Euro. Der Schule aber wurden 10.000 Euro Strafe angedroht für den Fall, dass sie in Zukunft keine Warnung vor solchen Übergriffen ausspricht.
Dazu muss man wissen, dass der Schaden aus Sicht des Kindes größer war, als nur das Sommerlied anhören zu müssen. Schon im Advent war er gezwungen, das über hundert Jahre alte Lied vom kleinen Spatz am Weihnachtsabend zu durchleiden, in dessen dritter Strophe der Zuhörer unvermittelt mit dem Wort „Gott“ konfrontiert wird.
Singen wäre besser
In früheren Zeiten hätte sich dieses Problem anders gelöst. Ein Lied war noch vor wenigen Jahrzehnten nicht ein Stück, das die Kinder anhören müssen, sondern ein Stück Musik, das alle miteinander singen. Sie hatten es eingeübt, sie kannten seine Geschichte, für sie war das gemeinsame Singen ein Teil ihrer Kultur, eine Pflicht, oft auch eine Freude. Der Sommerchoral wäre nicht über sie gekommen wie ein Naturereignis, sondern Teil ihres Alltags gewesen – wie das Christentum, das zu ihrer Heimat gehört wie Fische in den Tausenden von Seen und die karelische Pirogge. Man sang beim Wandern, bei der Arbeit, am Schulanfang, in der Familie…
Man hat sich ein Lied erarbeitet, zu eigen gemacht und sich dann allenfalls davon entfernt. Wer es konnte, kaufte sich eine Schallplatte, auf der eine Produktion festgehalten wurde, mit professionellem Chor und Orchester. Es gab Musik, die man selbst produzierte, und Musik, die man hörte. Aber auch das ist lange her.








