Wie man in Finnland zu seiner Zeitung kommt

Eine Zeitung ist ein Bündel Papier – aus großen, dünnen Bögen, einmal oder mehrfach gefaltet. Man kann sie benutzen, um Gemüse einzupacken oder um den Ofen anzufeuern. Viele erscheinen täglich und sind bedruckt mit Nachrichten, Berichten und Reportagen, die am Tag zuvor in der Redaktion zusammengekommen sind. Deshalb beziehen manche Menschen sie im Abonnement. Sie wird per Post gebracht oder von einer Austrägerin, die der Straße entlangfährt und sie in die Briefkästen wirft.

Wenn die Gegend schwach besiedelt ist, so wie im finnischen Norden, lohnen sich die Wege nicht. Zu viele Kilometer für ein paar wenige Abos. Deshalb braucht es eine wirtschaftliche Lösung. Sie besteht aus Pressspanplatten, kann heißt heittolaatikko.

Heittolaatikko („Wurfkiste“) aus einem Prospekt der Firma Jakelusepät.

Zielgenaue Lieferung

Die Kiste steht auf einem Pfahl einen guten Meter über dem Boden. Sie ist gegen vorne offen, hat ein Dach wie ein Vogelhäuschen, und mit ihren 60 cm Breite bietet sie genug Platz für eine ganze Menge Drucksachen. Denn das ist ihre Aufgabe: im dünn besiedelten finnischen Landstrich die abonnierten Zeitungen und Zeitschriften entgegenzunehmen. Auf ihrem Heimweg kommen die Anwohner da vorbei und holen ihr Blatt heraus, bevor sie zu ihrem einsamen Hof weiterfahren. Das ist die Heittolaatikko. Man kann das als „Wurfkiste“ übersetzen; denn die Möglichkeit des Einwerfens ist essenziell. Damit die Fahrerin, die für die Verteilung angestellt ist, vom Auto aus leichter trifft, ist es Vorschrift, die Box so zu platzieren, dass die Öffnung in einem Winkel von 20 bis 30 Grad zur Straße platziert wird. Und natürlich nicht zu nah an der Fahrbahn, damit sie bei der Schneeräumung im Winter nicht beschädigt wird.

Lebenswichtig ist die Wurfkiste samstags und sonntags. Dann nämlich wird keine Post vertragen, es erscheinen aber die Tageszeitungen. Ebenso wichtig ist, dass die verschiedenen Anwohner pfleglich mit dem Inhalt umgehen. „Ein Abonnent terrorisiert die Gemeinschaft damit, dass er, wenn er seine Zeitung holt, die anderen wirr durcheinander mischt oder sogar auf den Boden schmeißt,“ schreibt ein genervter Leser [am 26. Oktober 2019 auf der Plattform Suomi24].

Villis Schicksal

Noch Dramatischeres weiß allerdings Jarmo Lautamäki zu berichten. Als Bub wohnte er in Närsäkkälä, unweit der sowjetischen Grenze, weil sein Vater in der dortigen Grenzwachtstation arbeitete. In der Familie lebte eine Nebelkrähe namens Villi; sein Bruder hatte diese aufgezogen. Und eine von Villis Lieblingsbeschäftigungen war es, die Wurfbox aufzusuchen und aus den deponierten Blättern Konfetti zu machen. Sehr zum Missfallen der Wachtleute, die auf ihre Tageszeitungen und Illustrierten warteten – auf Bündel von Papier, das in der Nacht mit Nachrichten, Berichten und Reportagen bedruckt worden war. Papier, das man in die Hand nahm oder neben sich auf den Tisch legte, dann zu Brot und Butter griff und, während man sich das Butterbrot zubereitete, studierte. [Vesa Kontiainen: Elämäni eläimet. Jampan villieläinhoitola. Helsinki: Minerva, 2003]

Villi wurde für seine Aktionen gegen die Verbreitung des gedruckten Wortes gescholten, aber nicht bestraft. Zum Verhängnis wurden ihm seine Aktivitäten erst etwas später, als die Grenzschützer eine offizielle Delegation aus dem Nachbarland erwarteten. Im großen Speisesaal war ein langer Tisch mit allerlei Leckereien gedeckt. Zu spät wurde entdeckt, dass Villi sich Zutritt verschafft hatte und mitten in der großen Torte stand, auf der er mit seinem langen Schnabel genüsslich herumhackte.

Singen und Nichtsingen in Finnland

Wer auf der Autostraße die unendlichen finnischen Wälder an sich vorbeiziehen lässt, braucht akustische Begleitung. Einmal in der Woche ist das die Sendung „Auf diese Platten werde ich nicht verzichten.“ (Auf Finnisch etwas knapper: „Näistä levyistä en luovu.“)

Ja, es heißt wirklich „Platten“, nicht „Stücke“ oder „Songs“ – wie wenn es noch immer um Vinyl ginge wie in der Kindheit der Zuhörerinnen und Zuhörer. In die Sendung werden Menschen eingeladen, die etwas mit Musik zu tun haben. Opernsänger wie Waltteri Torikka Musical-Stars wie Anna-Maija Tuokko präsentieren ihre persönliche Auswahl: Kinderlieder, Kammermusik, Filmmusik, Hits der Spice Girls…

„Hast du die Platte?“

„Nicht verzichten“: Es geht natürlich um Musik, aber der Titel ist gewählt, als ginge es noch um den Besitz des Tonträgers. „Hast du die Platte?“ war in den 1960er- und 1970er-Jahren noch eine alltägliche Frage, und wer die Platte „hatte“, hatte auch Zugang zum betreffenden Musikstück.

Im realen Finnland 2026, außerhalb des Retro-Mediums, hat sich Musik als Besitz längst erledigt. Jeder kann mit einem Klick ein Lied abspielen – dank dem Internet bzw. einem Streaming-Abo. Der Zugang zu einem Stück ist keine Frage mehr. Das Problem hat sich umgedreht: Jetzt ist das Thema die Beschallung. Wer sich gegen eine Beschallung nicht wehren kann, hat ein Recht auf Schadenersatz.

3250 Euro Schadenersatz

Seit Menschengedenken wird an finnischen Schulen beim Abschlussfest vor den Sommerferien der 300 Jahre alte „Sommerchoral“ (suvivirsi) gesungen: „Schon ist die liebe Zeit gekommen, der süße Sommer.“ Dann geht es weiter mit Blumen, die alles schöner machen, mit der Sonne, die wieder wärmer scheint, usw.

Wie schrecklich! Dass sein Sohn dieses Lied ohne Warnung über sich ergehen lassen musste, hat einen Vater aus der südfinnischen Stadt Espoo in Rage gebracht. Er protestierte öffentlich, drohte sogar, die Sache vor Gericht zu bringen: Der Bub wurde offensichtlich diskriminiert, indem er gezwungen wurde, den „Sommerchoral“ anzuhören.

Es ging ihm nicht um die Blumen und die Sonne, sondern darum, dass sich der Text in den Versen 2 bis 6 ungeschminkt an Gott wendet: „Erneut ergrünen Wiesen und das Feld im Tal. Die Bäume im Walde rauschen im Blätterkleid. Das mahnt uns an deine Güte, Gott, verkündet deine Wunder von Jahr zu Jahr…“

Man habe den Schüler nicht gewarnt, dass bei diesem Anlass ein Lied mit christlichem Inhalt gesungen würde. Das ist der Vorwurf, mit dem sich die staatliche Stelle für „Nicht-Diskriminierung und Gleichberechtigung“ (laut der englischen Website: „The Na­tional Non-Dis­crim­i­na­tion and Equal­ity Tri­bunal of Finland“) auseinandergesetzt hat. Ihre Antwort: Die Schule möge dem Schüler 2500 Euro Schadenersatz zahlen, dem Vater 750 Euro. Der Schule aber wurden 10.000 Euro Strafe angedroht für den Fall, dass sie in Zukunft keine Warnung vor solchen Übergriffen ausspricht.

Dazu muss man wissen, dass der Schaden aus Sicht des Kindes größer war, als nur das Sommerlied anhören zu müssen. Schon im Advent war er gezwungen, das über hundert Jahre alte Lied vom kleinen Spatz am Weihnachtsabend zu durchleiden, in dessen dritter Strophe der Zuhörer unvermittelt mit dem Wort „Gott“ konfrontiert wird.

Singen wäre besser

In früheren Zeiten hätte sich dieses Problem anders gelöst. Ein Lied war noch vor wenigen Jahrzehnten nicht ein Stück, das die Kinder anhören müssen, sondern ein Stück Musik, das alle miteinander singen. Sie hatten es eingeübt, sie kannten seine Geschichte, für sie war das gemeinsame Singen ein Teil ihrer Kultur, eine Pflicht, oft auch eine Freude. Der Sommerchoral wäre nicht über sie gekommen wie ein Naturereignis, sondern Teil ihres Alltags gewesen – wie das Christentum, das zu ihrer Heimat gehört wie Fische in den Tausenden von Seen und die karelische Pirogge. Man sang beim Wandern, bei der Arbeit, am Schulanfang, in der Familie…

Man hat sich ein Lied erarbeitet, zu eigen gemacht und sich dann allenfalls davon entfernt. Wer es konnte, kaufte sich eine Schallplatte, auf der eine Produktion festgehalten wurde, mit professionellem Chor und Orchester. Es gab Musik, die man selbst produzierte, und Musik, die man hörte. Aber auch das ist lange her.

Kriegsnachrichten in der skandinavischen Presse für ein russisches Publikum

Drei große skandinavische Zeitungen publizieren Artikel auf Russisch. Es sind Dagens Nyheter aus Schweden, Helsingin Sanomat aus Finnland und Politiken aus Dänemark.

Народ России имеет право знать –
The Russian People have the Right to Know

schreiben die Chefredakteure in einer gemeinsamen Erklärung. Sie publizieren Artikel, die auf ihren Websites auch in der eigenen Sprache und auf Englisch zu finden sind. Wohl um die AutorInnen zu schützen, sind sie oft nicht mit Namen gezeichnet. Einige Namen wirken wie Pseudonyme.

Helsingin Sanomat berichtet aus der russischen Grenzregion: In der Nähe von Vyborg (Viipuri) liegt eine Siedlung, die eine 4000 Mann starke Brigade der mechanisierten Infanterie beherbergt. Laufend treffen dort jetzt Nachrichten ein, dass Angehörige verwundet oder gefallen sind.

„Sie wurden zu Manövern nach Belgorod geschickt,“

erzählt die Frau eines Offiziers. Belgorod ist in Russland, 80 km vom ukrainischen Charkiv entfernt.

Dagens Nyheter bringt Bildreportagen aus Žitomir, aus einem Luftschutzkeller, aus einer zerbombten Schule. Die Lehrerin, die durch die Schule begleitet wird, geht mal hierhin, mal dahin; Glassplitter knirschen unter ihren Schuhen. Am Schluss hält es sie da nicht mehr: „Ich muss raus und meine Klasse sehen.“

Eine Analyse in Dagens Nyheter zeigt die Diskrepanz auf zwischen dem ursprünglichen Kriegsplan (eine dreitägige Operation) und den Ereignissen, wie sie sich in bis dahin 9 Tagen entwickelt haben:

Experten: Die russische Invasion ist ein schlecht ausgedachter Plan.

Politiken zitiert eine Aktivistin aus Moskau, die sich verfolgt fühlt, wenn sie auf den Straßen demonstriert, und dennoch nicht bereit ist zu schweigen. Und die Zeitung publiziert auch ihren „Aufruf ans russische Volk“, in dem auf Russisch erklärt wird, dass Putin lügt, und gleichzeitig, dass mit den Sanktionen nicht die Menschen, sondern die Kriegsmaschinerie getroffen werden soll.

Wir sagen nein zu Putins blutiger Aggression. Wir sagen ja zum russischen Volk, das Putin und seine mörderische und despotische Autokratie nicht verdient hat.

Letzteres wird in Russland wohl weniger benötigt als die informativen Reportagen und Berichte. Ich erinnere mich daran, wie russische Systemgegner in der Sowjetzeit westliche Radiosendungen kommentiert haben. Was nach antikommunistischer Propaganda klang, interessierte sie weniger. Dankbar waren sie für Nachrichten mit Informationen, zu denen sie sonst keinen Zugang hatten.

Die russischsprachigen Texte wirken aber mindestens wie ein Symbol: Wir unterstützen die russischen Journalistinnen und Journalisten, die strafrechtlich verfolgt werden können, wenn sie versuchen, die Wahrheit zu berichten.

Für westliche Leserinnen und Leser wird es sich immer lohnen, auch Websites russischer Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, etwa Novaja Gazeta, die sich noch um eine alternative Berichterstattung bemühen.

In der Aktion koopiereren Zeitungen eines NATO-Staates und zweier bisher neutraler Staaten, die ihre Beziehungen zur NATO diskutieren. In Finnland spricht sich in Umfragen von Helsingin Sanomat ungefähr eine Hälfte der Befragten für eine NATO-Mitgliedschaft aus (ähnlich in Schweden, wo die Regierung zumindest „die Tür zur NATO nicht zumacht“). Allerdings schwanken die Zahlen seit dem Beginn des Krieges. Die Regierung aber will das Parlament in eine Umgestaltung der Außenpolitik einbinden. Und das unter scharfer Beoachtung durch den großen Bruder, mit dem Finnland 1340 km Landesgrenze teilt. („Die Aufnahme Schwedens und Finnlands in die NATO erfordert Gegenmaßnahmen [ответные шаги] von Russland“ heißt es dort nicht besonders freundlich.)