Storytelling, Teil 1: Wichtig, aber im Journalismus sekundär

Man soll also Geschichten erzählen – möglichst überall und in jedem Zusammenhang.

Meine Meinung: Eine Geschichte zeigt einen Einzelfall. Das ist immer attraktiv. Aber in vielen Fällen (gerade im Journalismus) lenkt dies von den gut zu recherchierenden und allgemein gültigen Informationen ab.

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Charisma gibt es nicht

Warum ist das Thema “Charisma” so faszinierend? Vielleicht wäre es besser, auf diesen Gummibegriff zu verzichten – zumindest in der Politik – oder ihn wenigstens zu klären, bevor man mit ihm um sich wirft.

Barack Obama wird zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Der Spiegel ruft an, die nächste Titelgeschichte soll zum Thema Charisma sein.
Baden-Württemberg wählt ein neues Parlament. Der SWR fragt an, ob ich ein Interview zum Thema Charisma gebe.
Bundeskanzlerin und Herausforderer debattieren im Fernsehen. Der BR will ein Gespräch zum Thema Charisma senden.

Es stellen sich immer wieder die gleichen Fragen:

  • Was ist Charisma?
  • Kann man Charisma inszenieren?
  • Wie inszeniert man Charisma?
  • Aber bei XY (Barack Obama/Willy Brandt/Lady Diana/Martin Luther King/dem Dalai Lama/Mutter Teresa…) war es doch echtes Charisma?

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Warum eigentlich Medien?

Abschiedsvorlesung an der Universität Tübingen
(2. Februar 2017)

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Juerg Haeusermann Warum eigentlich Medien

1       Eine Zeitungsmeldung aus dem Jahr 1863

Vor einem guten Jahr saßen wir an der irischen Westküste zusammen mit einem Urenkel von Thomas Crosbie. Er erzählte uns die Geschichte von seinem Großvater, einem Pionier des modernen Journalismus.

Ausschnitt aus der New York Times vom 20. November 1863

Thomas Crosbie gab in Cork den Irish Examiner heraus, damals noch Cork Examiner. Crosbie hatte mit 15 Jahren angefangen, bei der Zeitung zu arbeiten. Und er hatte eine gute Reporternase.

Nun ist Cork nicht gerade der Nabel der Welt. Aber vor Cork lag einer der wichtigsten transatlantischen Häfen Irlands. Immer, wenn eines der großen Passagierschiffe aus Amerika im Hafen einlief, fuhr er ihm mit seinem kleinen Ruderboot entgegen. Und dann fragte er die Passagiere, die über die Reling hingen, nach frischen Nachrichten aus der Neuen Welt. Meist bekam er auch eine aktuelle Zeitung, d.h., eine, die aktuell gewesen war, als das Schiff in den USA ablegte, zwei Wochen zuvor.

Weil Schiffe aus Amerika die irische Westküste Stunden und Tage als andere europäische Häfen erreichten, hatte Crosbie einen Vorsprung auf alle anderen Nachrichtenredaktionen. Schon früh hatte er ein Abkommen mit der Londoner Times geschlossen, dass er ihr Neuigkeiten durchtelegrafierte.[1]

Am 2. Dezember 1863 bekam Crosbie ein Exemplar der New York Times in die Hand. Hauptthema war damals der amerikanische Bürgerkrieg. In der aktuellen Nummer (vom 20. November 1863) wurde berichtet, dass beim ehemaligen Schlachtfeld von Gettysburg eine nationale Gedächtnisstätte für die Opfer errichtet worden war. Es war eine blutige Schlacht gewesen; rückblickend wird sie von vielen als ein Wendepunkt des Kriegs angesehen. Bei der Gedenkfeier am 19. November 1863 hielt Präsident Lincoln die Ansprache, die mittlerweile als Gettysburg Address weltberühmt ist. In nur zehn Sätzen definiert sie den Bürgerkrieg als Testfall für die Freiheit und Gleichbehandlung, die in der Verfassung allen Menschen zugesichert ist. Sie schließt mit der inzwischen sprichwörtlichen Aufforderung, dafür zu sorgen, dass die Regierungsform „aus dem Volk, durch das Volk und für das Volk“ (of the people, by the people and for the people) nicht untergehen möge.

Lincoln wollte in einer politisch schwierigen Zeit dem öffentlichen Diskurs einen neuen Impuls geben. Er bewertete den Bürgerkrieg und beschwor die Werte und die Einheit der Nation. Zudem definierte er Zweck und Substanz der amerikanischen Demokratie in einer pointierten Formulierung, die bis heute nachwirkt – nicht nur in den USA.[2]

Vielleicht wäre das auch ganz anders gelaufen, wenn nicht die Medien gewesen wären, die den Text unmittelbar aufnahmen und verbreiteten.

2       Medien sind Orte des politischen Diskurses

Publizistische Medien sind Orte des öffentlichen Diskurses. Sie bieten demokratischen Gesellschaften die Möglichkeit, zusammen zu kommen, Informationen auszutauschen, zu beratschlagen, eben: den Diskurs zu führen.

In den Emmentaler Dörfern, die Jeremias Gotthelf in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieb, reichte für diese Art Kommunikation eine Gemeindeversammlung aus. Man nehme den Roman Die Käserei in der Vehfreude in die Hand – schon auf den ersten Seiten kommen die Männer des Dorfes aus der Gemeindeversammlung und haben als nächste schwere Aufgabe, „mit aller Besonnenheit vor ihre Weiber zu treten“, um ihnen zu berichten, was sie wieder verbockt hatten.[3]

Aber für Gemeinschaften, die größer sind als ein Emmentaler Dorf, sind publizistische Medien, zum Beispiel die Zeitung, erfunden worden. In dieser Art des Diskurses haben sich verschiedene Rollen ausgebildet:

  • die Rolle des Publikums,
  • die Rolle des Journalisten
  • und die Rolle derjenigen, über die berichtet wird, z.B. die politischen Akteure.

Die Abgrenzung dieser Gruppen und ihre Zusammenarbeit hat meine Arbeit immer bestimmt. Ich habe auch mit all diesen Gruppen praktisch gearbeitet: in der Journalistenausbildung, in der Medienerziehung junger Menschen und eine Zeitlang auch in der Fortbildung von Vertretern von Wirtschaft und Politik, die sich auf ihre Auftritte in den Medien vorbereiteten.[4]

Deshalb interessieren mich auch bei solchen historischen Beispielen zunächst die Suchstrategien der Journalisten und die Verfahren der Politiker, diesen Suchstrategien entgegen zu kommen. Dies führte schon zu Lincolns Zeiten zu einem gewissen Maß an Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Wie ging das jetzt bei Lincoln? Einem Präsidenten der USA ist zwar eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert; aber es war gar nicht vorgesehen, dass an der Gedenkfeier gerade sein Beitrag alles überstrahlen sollte. Er war vor allem als Symbolträger eingeladen. Er sollte den formellen Akt der Weihe des Ehrenfriedhofs vollziehen. Als Hauptredner dagegen hatte man einen verdienten Politiker, Harvard-Professor (und Doktor der Universität Göttingen), Edward Everett, benannt. Er war als Redner allseits geschätzt und sprach vor Lincoln. Er analysierte die Schlacht und den Krieg und stellte sie in einen weiten militärhistorischen Zusammenhang, der bis in die griechische Antike führte. Er sprach zwei Stunden. Viele Anwesende verspürten in der Zwischenzeit Bewegungsdrang und begannen auf dem Schlachtfeld herumzuwandern.

Als Lincoln sprach, werden das viele gar nicht richtig mitbekommen haben. Dass die Rede nur zwei Minuten dauerte, irritierte viele. Und man kann auch damit rechnen, dass viele der 15.000 Zuhörer Lincoln zwar gesehen, aber auf dem offenen Gelände nicht verstanden haben. Auch Lincoln selber zeigte sich eher verunsichert über die unmittelbare Wirkung seiner Rede.

Da standen sich also eine akademische Rede von zwei Stunden und Lincolns Ansprache von zwei Minuten gegenüber. Aber zum Glück waren da noch Journalisten im Publikum.[5] Wieder spielte ein junger Journalist eine wichtige Rolle: Joseph Gilbert, Mitarbeiter des „Harrisburg Evening Telegraph“ und Stenograf im Parlament von Pennsylvania. Er hatte sich frühzeitig einen Platz in der Nähe des Podiums ergattert. Er schrieb mit, und was er nicht notiert hatte, ergänzte er anhand des Manuskripts, das ihm Lincoln auslieh. Dann telegrafierte er einen Bericht an die Associated Press und fügte die Rede als Zitat in seinen Text ein. Zu den Abnehmern der Agentur gehörte die New York Times. Mindestens ein Exemplar trat dann, wie wir wissen, eine lange Schiffsreise nach Irland an.

Dem langen Vortrag des Hauptredners ging es weniger gut. Dieser konnte in der kurzen Zeit nicht zusammengefasst und schon gar nicht auf den Punkt gebracht werden. Deshalb hieß es darüber anderntags nur kurz und knapp: “Mr Everett hielt eine lange Rede , in der er die Ereignisse des Feldzugs rekapitulierte, der mit der Schlacht von Gettysburg endete.“[6]

Wenn es Lincoln darum ging, weniger die Anwesenden und mehr das nationale und internationale Medienpublikum anzusprechen, dann war das die richtige Entscheidung gewesen: eine markante Rede zu halten, die so kurz ist, dass sie problemlos in voller Länge von den Zeitungen abgedruckt, kommentiert und zur Diskussion gestellt werden konnte. Es kam der Suchstrategie der Journalisten entgegen, die zum einen den Überblick über die Rede behalten und zum anderen etwas zum Zitieren haben wollten.

Etwas allgemeiner gesagt, bestand die journalistische Kompetenz darin, die Rede in ihrem Kontext einzuordnen; das Thema zu erfassen; Zitate auszuwählen und sie korrekt in den eigenen Text einzubauen; schließlich die Argumente des Redners mit anderen Argumenten zu kontrastieren. Traditioneller Journalismus versteht die Äußerungen des politischen Redners als Teil einer Debatte und er präsentiert sie so, dass sie für eine Fortsetzung dieser Debatte anschlussfähig sind.

Die Aufgabe der Politiker dagegen war, diese Kompetenz ernst zu nehmen: mit einem Journalisten zu rechnen, der Reden genau so gut analysieren wie er sie konzipieren kann. Und damit, dass seine Argumente in einen Raum der offenen Diskussion getragen werden, als ein Beitrag zur einer übergeordneten Debatte.

3       Konfektioniert: Der O-Ton

So viel als Einblick in eine Form des öffentlichen Diskurses zu einer Zeit, als das wichtigste Massenmedium die Zeitung war.

Dann kam das Radio. Dann kam das Fernsehen. Hundert Jahre später war die Herausforderung für beide Seiten, politische Akteure und Journalisten, schon ganz anders. Die elektronischen Medien entwickelten Sendeformen, die die aktuellen Nachrichten auf kurze Meldungen reduzierten, in linearer Abfolge und in gesprochener Form. Die Auftritte der Politiker konnten auf Tonband, später auf Video mitgeschnitten werden. Dies erlaubte es, aus einer Rede wörtlich zu zitieren, in Ton und Bild. 20 Sekunden reichen gut aus um nicht nur den Wortlaut, sondern auch die Stimme und die Stimmung der Veranstaltung zu dokumentieren: „Originalton“ oder „O-Ton“.

Die veränderte journalistische Arbeitsweise illustriert eine Praxis, die ich in den späten 1970er-Jahren im Bundeshaus in Bern kennengelernt habe, da, wo die Kollegen von Parlamentsdebatten berichteten.

Sie können sich die Situation vorstellen: Während der Session folgen sich die Reden vom Morgen bis zum Abend. Und gegen 18 Uhr sollte man ein paar knackige Zitate haben (die in der schweizerischen Politik damals sowieso nicht so dicht gestreut waren). Also fädelt man ein großes Tonband in eine geduldige Maschine. In langsamer Geschwindigkeit bewegt sich das Band am Tonkopf vorbei, und am Schluss hat man ein vollbespieltes Band vor sich. Was man zitieren möchte, ist irgendwo da drauf.

Wie findet man da einen Satz, von 20 Sekunden Länge, der sich als O-Ton eignet? – Die Lösung der Berner Techniker fand ich genial. Man hatte ja Stereotechnik. Um eine Rede aufzunehmen, brauchte man nur eine der beiden Spurren. Die andere aber war mit dem Telefon verbunden. Dieses lieferte auf der Nummer 161 tagein, tagaus die „Sprechende Uhr“ mit ihrer Zeitansage. Die Journalisten brauchten sich also nur noch zu notieren, wann der unsterbliche Satz gefallen war. Später spulten sie das Band so weit, bis es auf der zweiten Spur hieß: „Beim dritten Ton ist es genau 15 Uhr sieben Minuten, zehn Sekunden“ – und sie hatten ihren O-Ton.

Ein Politiker, der der Jagd nach O-Tönen entgegenkommen will, braucht nun eine Rede nicht mehr als eine runde Komposition zu präsentieren. Er konzentriert sich vielmehr auf Passagen, aus denen sich geeignete Zitate herausfischen lassen.[7] Von Journalistinnen und Journalisten aber sollte im Zeitalter des O-Tons erwartet werden, dass sie nicht nur auf O-Töne lauern, sondern sie im Kontext der ursprünglichen Rede zu beurteilen verstehen, die ihre eigene Gattung hat, eine inhaltliche Entwicklung, eine Argumentationsstruktur, von den fachlichen Hintergrundinformationen ganz zu schweigen. Die Aufgabe ist um so anspruchsvoller, je bereitwilliger ihnen angeboten wird, was sie zu zitieren haben.

Es gibt berühmte Beispiele dafür, wie Politiker dieser Suchstrategie entgegenkommen. In drastischen Fällen konstruieren sie zuerst die unsterblichen Sätze. In zweiter Linie basteln sie eine passende Rede drum herum. In glücklicheren Momenten ergeben sich die O-Töne organisch aus dem Zusammenhang. Gut aufgegangen ist die Rechnung – 100 Jahre nach Lincoln – für John F. Kennedy, der seinen Satz „Ich bin ein Berliner“ so geschickt in seine Rede einbaute, so dass sie seine Abrechnung mit dem Kommunismus in nuce enthielt.

In anderen Fällen blieb der Slogan isoliert und ohne Kraft. So war Bill Clinton bei seiner zweiten Amtseinführung recht erfolglos mit seiner Hauptaussage:„Lasst uns eine Brücke zum 21. Jahrhundert bauen.“ Ihm wurde gerade vorgeworfen, dass die schöne Metapher in keinen überzeugenden Kontext eingebaut war.[8]

Und als Ronald Reagan im Frühjahr 1983 kurz hintereinander in einer Rede das „Reichs des Bösen“ heraufbeschworen und in der anderen die Vision entwickelt hatte, feindliche Raketen im Suborbitalflug abzufangen, lenkte die Macht dieser Bilder viel zu sehr von der Argumentation ab. Sie legten den Interpreten praktisch nahe, an Hollywood zu denken, und das Etikett „Star Wars“ war geschaffen.[9]

4       Sofort und kontextfrei: Tweets

In der Zeit des O-Tons müssen beide Seiten, Politiker und Journalisten, neu lernen, wie sie mit Reden und ihrer Struktur umgehen. Die rhetorische Praxis ist auf das Medium der Berichterstattung ausgerichtet, nicht mehr nur auf das primäre Medium der direkten Kommunikation.[10]

Und 2017? Was hat sich in der Zwischenzeit verändert? – Der Politiker des Jahres 2017 twittert. Er versendet über das soziale Netzwerk Kürzestbotschaften, die nur gerade 140 Zeichen lang sind. Im Durchschnitt sind das 25 Wörter – meist ein bis zwei Sätze.

Wer twittert, setzt nicht mehr auf Reden, sondern er bringt nur noch das fertige Zitat ohne Kontext. Wie isoliert diese daherkommen, zeigt es, wenn man ein einzelnes Beispiel herausgreift:

„There is nothing nice about searching for terrorists before they can enter our country. This was a big part of my campaign. Study the world!“ (Donald Trump am 30. Januar 2017)

Oder ein deutsches Beispiel:

„AfD vertritt Interessen der Berliner. Videoüberwachung – gut / sichere Grenzen – besser / keine Straftäter – am besten.“ (AfD Berlin, 31.1.17)

Die Kunst des Twitterns verändert nicht nur den politischen Stil. Sie verändert den Diskurs:

Bisher war es die Aufgabe der Journalisten, Zitate aus dem Kontext zu lösen und in einen eigenen Kontext zu setzen. Tweets sind kontextfrei.

Bisher war es für Journalisten normal, Argumente zu prüfen und ihnen andere Argumenten entgegen zu setzen. Tweets sind extrem argumentationsarm.

Bisher war eine wichtige Funktion des Journalismus, einen Raum für die Debatte zu öffnen. Aber jeder Tweet will wörtlich wiedergegeben werden. Etwas anderes ist nicht möglich. Es sind abgeschlossene Slogans. Sie bieten keine Angriffsfläche für Entgegnungen.

5       Das Publikum macht mit

Zu dieser Reduktion des maßgebenden Textes kommt der Umstand, dass sich der Raum des Diskurses verändert hat. Die Zeit der Massenmedien Zeitung, Radio und Fernsehen war eine Zeit der Öffentlichkeit. Politiker, die gehört werden wollten, waren auf die Journalisten angewiesen. Die Journalisten bereiteten ihre Aussagen für die Öffentlichkeit auf. Heute, im Zeitalter der sozialen Medien, wenden sich die Akteure gleichzeitig auch an die Bürger. Diese bewegen sich auf den Bahnen der sozialen Medien. Dort übernehmen sie die Äußerungen und verteilen sie weiter, auf Nebenbahnen, die kaum mehr überblickbar sind.

Das bedeutet zunächst, dass im Zeitalter der sozialen Medien die Beteiligung des Publikums, der Bürgerinnen und Bürger, nicht mehr ignoriert werden kann. Von denen wird aber offensichtlich vor allem eine Kompetenz erwartet: die Kompetenz, Tweets und andere Äußerungen, die sie zugespielt bekommen, weiter zu leiten. Diese Tätigkeit nennt man (in einer Lehnübersetzung aus dem Englischen[11]) „Teilen“. Mit diesem Begriff sollten wir uns kurz beschäftigen:

6       Teilen

In der Praxis bedeutet „Teilen“ – oder bei Twitter „Retweeten“ – ein kurzes ein- oder zweimaliges Tippen auf dem Touchscreen bzw. auf der Maus. Damit lässt sich eine Botschaft weitergeleitet an alle, die sich als Freunde oder „Followers“ verstehen, und zwar in Windeseile. Dabei hieß „Teilen“ einmal eine ganz andere Bedeutung gehabt.

Wir teilten einen Kuchen, indem wir ihn in einzelne Stücke sägten. Wir teilten eine Wohnung, indem jeder dem anderen etwas Platz ließ. Der Heilige Martin teilte seinen Mantel, indem er ihn mit dem Schwert in der Mitte durchtrennte. Teilen hat in der Tradition immer einen Mehrwert. Das wird schon dem kleinen Kind gesagt, dem es vielleicht gar nicht einleuchtet, warum es den Geschwistern etwas von seinen Gummibärchen abgeben soll. „Teilen“ ist ein zentraler Begriff für Nächstenliebe. Hilfsorganisationen wie Caritas, Fastenopfer, oder Brot für die Welt fordern zum Teilen auf. Es bedeutet immer, dass wir etwas abgeben, auf einer anderen Ebene aber etwas gewinnen.

Digitales Teilen dagegen ist kein Verzichten. Es ist ein Vervielfältigen, und nicht einmal auf eigene Kosten. Auf Knopfdruck entstehen Kopien (oder Links) bei all jenen, die sich als „Freunde“ verbunden fühlen. (Im Durschnitt hat jedes Facebook-Mitglied mehrere hundert Freunde[12]). Das ist nicht Teilen, sondern Ver-Teilen. Am nächsten liegt es noch bei der Bedeutung, die wir ja auch kennen: beim Teilen von Interessen, Vorlieben usw. Nur: Wer mit jemandem ein Interesse teilt, hat es unabhängig vom anderen erworben. „Teilen“ im sozialen Netzwerk dagegen hat den zusätzlichen Geruch des Aufdrängens.

Und es lassen sich sehr viele Dinge teilen, nicht nur Sprüche, sondern vollständige Texte, Bücher und Hörbücher, Musikstücke bis zu abendfüllenden Opern, Videos, Fotos.

Sie kennen diese Katzenvideos? Lustig gemeinte kleine Filmchen von Tieren, die mit oder ohne Einflussnahme ihrer Herrchen etwas tun, was sie menschenähnlich machen: in die Badewanne springen, auf zwei Beinen laufen, Klavierklimpern, Fernsehen, sich ärgern… Keiner fragt, wie sie entstanden sind, aber auch keiner fragt, ob ich das wirklich bekommen will. Es wird mir einfach ungefragt in meinen Speicher geladen. Das ist heute „Teilen“.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Geteiltes Katzenvideo ist hundertfaches Nerven.

Stellen wir uns vor, ich hätte in den 1980er-Jahren, in der alten analogen Zeit, ein kurzes Video mit jemandem teilen wollen – zum Beispiel einen Ausschnitt aus der Rede die Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 „Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ gehalten hat, mit der zentralen Aufforderung:

„Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren.Die Bitte an die jungen Menschen lautet:Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haßgegen andere Menschen,gegen Russen oder Amerikaner,gegen Juden oder gegen Türken,gegen Alternative oder gegen Konservative,gegen Schwarz oder gegen Weiß.Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Ich hätte die Rede am Fernsehen auf eine VHS-Kassette aufgenommen. Hätte diese dann mühsam kopiert – oder, weil ich nicht über zwei Recorder verfügte, hätte ich das bleiben lassen und nur den Ton auf eine Tonbandkassette überspielt. Dann wäre ich vor der alten Frage gestanden: Wo finde ich einen Briefumschlag, der stabil genug ist, um eine Kassette zu verschicken? Und ich hätte etwas dazu schreiben müssen, über den Kontext und darüber, was ich dazu finde. Ich hätte nicht einfach das Symbol eines aufrechten Daumens darauf geklebt und auch nicht ein Smiley. Sondern ich hätte mehrere Sätze dazu geschrieben und sogar auf Antwort gewartet.

Das wäre „Teilen“ vor drei Jahrzehnten gewesen. „Teilen“ mit einer einzigen Person. Heute klicke ich ein kleines Symbol bei Youtube an, und das Video ist geteilt.

Teilen vs. Zitieren

Heute ist Teilen bestimmend für einen Teil des politischen Diskurses. Der Politiker versendet massenweise kleine, kontextfreie Botschaften. Der Bürger beteiligt sich am Diskurs, indem er diese „teilt“, machmal kommentarlos, manchmal mit ein paar kommentierenden Worten.

Im Vergleich mit dem traditionellen Diskurs, der in den etablierten Medien noch immer stattfindet, sind mir fünf Merkmale wichtig:

(1) Unklare Kontrolle

Die Orte des Diskurses werden von Multis wie Google oder Facebook kontrolliert. Unabhängige, journalistische Gatekeepers sind ersetzt durch Unternehmen, deren Filter- und Zensurpraxis kaum durchschaubar ist.

(2) Dekontextualisierung:

Die einzelnen Beiträge sind dekontextualisiert. Sie sind befreit vom Wissen über Produktion, über zeitliche und intertextuelle Zusammenhänge.

(3) Monolog:

Die Beiträge sind monologisch angelegt. Natürlich reagieren sie häufig auf ein Ereignis oder eine Äußerung, die irgendwo getan worden ist. Aber der Dialog, wenn er denn geschieht, ist ein Hin und Her von reduzierten „Kommentaren“.

(4) Argumentationsarmut.

Innerhalb der Beiträge wird kaum sinnvoll argumentiert. Die Kürze der Beiträge ermöglicht keine ausführlichen Begründungen, und das gilt nicht nur für Twitter, sondern auch für andere Netzwerke, in denen die Länge der Kommentare nicht derart beschränkt ist.

 (5) Beschleunigung[13]:

Was uns aber ebenso beschäftigen sollte, ist das Tempo, mit dem diese Informationen weitergeleitet werden. Es ist nicht notwendig, über den Tweet nachzudenken, bevor man ihn weiterleitet. Es ist nicht notwendig, auf der Internetseite einer Zeitung den ganzen Artikel zu lesen, wenn man da ein lustiges Foto gefunden hat. Ein Klick, und es ist weitergeleitet.

Leider gilt dies auch für viele Formen des digitalen Engagements. Ich bekomme regelmäßig Rundmails von internationalen Organisationen, NGOs, die mich auffordern, einem Potentaten dieser Welt die Meinung zu sagen. Ich brauche nur meine Mail-Adresse einzutragen und einen Button anzuklicken. Auf diese Weise hat zum Beispiel Donald Trump 5 Millionen Mal aus der ganzen Welt die Botschaft bekommen, dass „wir Weltbürger“ seinen Aufrufen zu Folter und Hass entgegentreten. Ich mache da oft mit gemischten Gefühlen mit. Angeblich haben wir auf diese Weise schon Gerichtsurteile beeinflusst, das Pariser Klimaabkommen ermöglicht und Chemiefabriken verhindert.[14] Zwar ist mir klar, dass ich damit auch Aktivisten unterstütze, die sich konkreter und handfester engagieren. Aber ich halte es für problematisch, meinen Klick mit Bürgerbeteiligung gleichzusetzen.

Auf der einen Seite ist es also das Tempo, in dem „geteilt“ wird, und das kaum eine Auseinandersetzung mit dem Gegenstand zulässt, zum anderen das Auftrennen der Diskurse, die je nach Ausrichtung in ihren eigenen Biotopen geführt werden, so dass gegnerische Positionen nur schmenhaft wahrgenommen werden müssen.

Und damit sind wir beim Thema Partizipation: Mit den sozialen Medien und ihrer Kern-Operation des Teilens ist die Frage: „Wie beeinflussen Poiltiker den Diskurs?“ gar nicht mehr loszulösen von der Frage: „Wie beteiligen sich Bürgerinnen und Bürger am Diskurs?“

7       Der Ruf nach Partizipation: Was ist daraus geworden?

1984 hatte ich die Ehre, mit der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen ein Thesenbuch auszuarbeiten zum Thema „Jugend und Medien in der Schweiz“.[15] Medienpädagogik hatte sich lange verstanden als eine Erziehung zum kritischen Konsum. Wir wollten Medienpädagogik, die die Partizipation ermöglichte – die Teilhabe am öffentlichen Diskurs, der zu sehr den etablierten Größen reserviert schien. Unser Hauptanliegen war: zu zeigen, dass es im öffentlichen Diskurs Benachteiligte gibt. Dass die etablierten Medien den Anliegen der Jugendlichen zu wenig Raum boten – der Jugendlichen, die gerade deshalb sich mit ziemlich viel Krawall bemerkbar machten.

Es gab schon ganz viele Initiativen, die in diese Richtung gingen. Diese wollten wir stärken: Es gab Kommunikationszentren, in denen alternative Ausdrucksformen ausprobiert wurden. Es gab Video-Werkstätten, in denen Jugendliche ihre Anliegen und Lebensweise visuell zur Diskussion stellen konnten. Es entstanden Offene Kanäle und Bürgerradios, die wir aus dem Abseits holen wollten. (Auf lokaler Ebene funktionierte dies besser als auf überregionaler Ebene.) Die Jugendlichen sollten gehört werden, sie sollten sich so in den Diskurs einbringen, dass sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.

Das war Medienpädagogik der 1980-er und frühen 90er-Jahre. Heute ist das alles scheinbar erreicht: Jeder kann sein kleines Video machen. Jeder kann sich an die Öffentlichkeit wenden. Jeder kann direkt Post von Boris Palmer abonnieren und darauf antworten.

Aber das entbindet nicht von der Aufgabe, zu erkennen, was welche Medien leisten und wo ihre Grenzen sind – welche Art Diskurs sie ermöglichen und welche Art nicht.

(Natürlich muss auch die Diskussion über soziale Medien differenziert geführt werden. Mir ist z.B. klar, dass der Einsatz von Twitter in Ägypten und in China völlig anders zu werten ist als in Europa. Wenn die Voraussetzungen für freie Medien außerhalb des Internets nicht gegeben sind, können Facebook und Twitter zu einem hilfreichen Nachrichtenmedium werden. Als „Kampagne-Instrumente“ können sie wichtig sein, aber als „Argumentationsplattform“ sind viele dieser Instrumente nicht geeignet.[16])

Deshalb brauchen wir auch keine Medienpädagogik, die den digitalen Entwicklungen hinterherhechelt, sondern eine, die die Teilhabe an den Diskursen, die unsere Gesellschaft ausmachen, über die Handhabung einzelner Medientechniken stellt.

Die Kultusministerkonferenz hat kürzlich ein 50 Seiten starkes Papier herausgegeben mit dem Titel „Bildung in der digitalen Welt“[17]. Darin wird zwar von „neuen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe und der aktiven Beteiligung an politischen Entscheidungen“ gesprochen. Gerade in dem Bereich bleibt das Papier aber enttäuschend vage. Es betont sekundäre Tugenden wie „Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren“, es betont, wie wichtig es ist die digitale Infrastruktur auszubauen. Was man aber höchsten ansatzweise findet, sind Hinweise darauf, welches die Grundkompetenzen sind, die gelehrt und verstanden werden müssen, unabhängig davon, ob man ein Smartphone zur Verfügung hat oder nur einen Bleistift, einen Block und einen Kopf.

Für die Kultusministerkonferenz dagegen ist es kennzeichnend, dass in der Presse am Tag nach der Präsentation ihres Papiers vor allem eine Aussage der Vorsitzenden zitiert wurde, die gesagt hat:„Alle besitzen ein Smartphone, warum sollen wir sie dann nicht auch in der Schule einsetzen?“[18] Diese Frage ist völlig irrelevant, so lange man kein Konzept hat dafür, wofür es eingesetzt werden soll.

Dies scheint mir typisch für die Diskussion über die Digitalisierung. Die Hauptbotschaft ist: Wir müssen raus aus der Steinzeit, rein in die digitale Vollversorgung.[19] Dagegen ist gar nicht so viel einzuwenden, solange kl ar ist, dass die übergeordneten Fähigkeiten nicht von der Digitalisierung bestimmt werden sollten: Recherchieren, Reflektieren, Argumentieren, Formulieren, Diskutieren  – so ziemlich alles, was uns schon die klassische Rhetorik gelehrt hat, sollten der Technik nicht untergeordnet sein sollten, sondern umgekehrt.

Ein Vorbild dafür, wie man auf die Digitalisierung reagieren kann, ist die Charta der digitalen Grundrechte, die dem europäischen Parlament vorgeschlagen wurde und an der mein lieber Kollege Bernhard Pörksen mitgearbeitet hat. Darin geht es gerade nicht darum, die Grundsätze der Freiheitsrechte der Digitalisierung unterzuordnen, sondern sie zu bewahren auch unter den Möglichkeiten und Gefahren, die die Digitalisierung mit sich bringt.

Es lohnt sich, die beiden Texte nebeneinander zu halten und die Hierarchie der Werte, die darin vertreten wird, zu vergleichen.

Kommunikative Fähigkeiten stärken

Medienpädagogik findet, so meine ich, dann statt, wenn wir mit den so genannten Mediennutzern zuerst Fragen diskutieren, die auch unabhängig von irgendwelcher Technik relevant sind:

Wie wird die Interaktion (in der Familie, in der Schule) strukturiert?
Wie werden soziale Beziehungen gestaltet?
Wie vermischen sich Arbeits-, Schul- und Familienbereiche?
Wer kontrolliert wen?
Wie schnell geht das alles? Hast du Zeit nachzudenken?
Welche Teil-Gruppierungen bilden sich?

Und dann kann man fragen, wo da die Medien involviert sind.

Wenn wir Medien als Orte des Diskurses verstehen, dann müssen wir Medienpädagogik verstehen als Lehre, uns an diesen Orten zu bewegen, die Orte nicht nur zu wechseln, sondern auch zu füllen. Mit Diskurs. Also mit Rede und Gegenrede, mit Argumenten.

8       Warum eigentlich Medien?

Ein (sonst in jeder Hinsicht empfehlenswertes) Buch über Mediengeschichte beginnt mit dem Satz: „Die gesellschaftliche Bedeutung von Medien lässt sich kaum überschätzen.“[20]

Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, aus solchen Sätzen die Luft rauszulassen.

Es ist eine Aussage, die man über fast alles machen kann:

Die gesellschaftliche Bedeutung der Politik lässt sich kaum überschätzen.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Medizin lässt sich kaum überschätzen.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Wirtschaft lässt sich kaum überschätzen.

Das sagt keiner. Warum auch? Weil die Wichtigkeit auf der Hand liegt. Nur im Zusammenhang mit Medien ziehen solche Phrasen noch. Vielleicht ist das damit zu entschuldigen, dass unser Fach ein paar tausend Jahre jünger ist als die eben genannten Bereiche. Aber wahrscheinlich ist auch hier etwas ganz anderes gemeint: Kommunikation in der Gesellschaft ist wichtig.

Wenn Medienwissenschaftler benötigt werden, dann weil sie die Medien im Kontext der Gesellschaft sehen. Es gibt in allen Berufssparten Menschen, die jedem Hype nachhecheln. Medienwissenschaft dagegen ist erfunden worden, um die Medien an zweiter Stelle zu sehen. Um den Menschen zu sagen: Die übergeordneten Begriffe sind Dialog, Argumentation, Diskurs, Kommunikation. Und dann schauen wir mal, wo welche Medien eingreifen und was wir damit machen. Wenn wir da die Prioritäten richtig setzen, haben wir auch die Antwort auf die Frage: Warum eigentlich Medien?


Anmerkungen

[1] Thomas Crosbies Geschichte findet sich in: Crosbie, Alan (2000): Don’t leave it to the children. Starting, building and sustaining a family business. Dublin: Marino Books, 7-11. Dort ist auch erwähnt, dass er als erster vom Gettysburg Address berichtet hat.

[2] Gerade die eingängige Definition von Demokratie kann man auf der ganzen Welt in offiziellen Verlautbarungen, Schulbüchern und wissenschaftlichen Publikationen noch immer wiederfinden. Die französische Verfassung von 1958 nennt in Artikel 2 nebst den Symbolen der Souveränität des Staates (Sprache, Farbe der Flagge, Nationalhymne, Devise Liberté, égalité, fraternité) im Schluss-Satz als Prinzip: „Gouvernement du peuple, par le peuple et pour le peuple.“

[3] Jeremias Gotthelf: Die Käserei in der Vehfreude. Eine Geschichte aus der Schweiz. Berlin: Springer; Zürich: Höhr; Bern: Huber, 1850. Erstes Kapitel.

[4] Im Ausbildungsdienst von Radio und Fernsehen DRS entwickelten wir unter der Leitung von Peter Schulz so genannte Medientrainings. Wir versuchten, potenziellen Interviewpartner aus Politik, Wirtschaft und Militär die Kunst des Interviewtwerdens beizubringen. Das war zum einen sehr nützlich, um Vorurteile abzubauen, die uns damals massiv entgegengebracht wurden. Zum anderen ist im Nachhinein nicht so leicht zu verstehen, dass die öffentliche Rundfunkanstalt versucht, sich Leute, die es journalistisch darstellen will, gefügig zu machen. Im Jahr 2012 sah man das dann auch beim Schweizer Radio und Fernsehen ein und beendete diese Trainingskurse. – Vgl.: http://www.infosperber.ch/Medien/Schweizer-Fernsehen-Zwischen-Aufbruch-und-Abwehr.

[5] Peatman, Jared (2013): The Long Shadow of Lincoln’s Gettysburg Address. Carbondale: Southern Illinois University Press, p. 31: „The reporters present now had more control over his words than Lincoln did…“

[6] The New York Times, 20. November 1863.

[7] Die Praxis und ihre Grenzen wird sehr pointiert beschrieben in: Noonan, Peggy (1990), What I saw at the Revolution. A Political Life in the Reagan Era. New York: Random House, 72-73.

[8] Branch, Taylor(2009): The Clinton tapes. A president’s secret diary. London etc.: Pocket Books, 419-422.

[9] Fitzgerald, Frances (2000): Way out there in the blue. Reagan, Star Wars and the end of the Cold War. New York etc.: Simon & Schuster, 22.

[10] „So erscheint es notwendig, aus rhetorischer Perspektive ein neues Verständnis von Medien zu entwickeln, das über die funktionale Beziehung zum Text hinausgeht und Medien selbst als Bestandteile des rhetorischen Kalküls versteht.“ (Scheuermann, Arne [2012]: Medienrhetorik. In: Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 10: Nachträge. Tübingen: Niemeyer, Sp. 649-660.

[11] Die Etymologie von teilen und share sind nicht so verschieden, wie man vielleicht glauben könnte. Auch das Englische, verwandt mit dem deutschen Verb scheren, bedeutet ursprünglich „Teile machen“.

[12] Die Zahlen variieren. Vgl. dazu: Greitemeyer, Tobias (2016): Facebook and poeple’s state self-esteem: The impact of the number of other users’ Facebook friends. Computer in Human Behavior 59 (2016), 182-186.

[13] Ich habe in diesem Vortrag darauf verzichtet, auf die Autorinnen und Autoren hinzuweisen, denen ich verpflichtet bin, von Karl Philipp Moritz bis Jürgen Habermas; aber hier doch eine notwendige Verbeugung vor Hartmut Rosa, z.B.: Beschleunigung und Entfremdung. Berlin: Suhrkamp, 2013.

[14] https://avaaz.org/page/de/

[15] Erziehung zum Stummsein? Jugend und Medien in der Schweiz. Beobachtungen der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen. Bern: EDMZ, 1984.

[16] Thimm, Caja/Bürger, Tobias (2012): Digitale Citoyens: Politische Partizipation in Zeiten von Social Media. Fallanalysen zur politischen Beteiligung in Deutschland, Ägypten und China. Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik, S. 54.

[17] Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. [Beschluss der KMK vom 08. 12. 2016]. https://kmk.org

[18] Smartphones an Schulen. Süddeutsche Zeitung, 9. Dezember 2016.

[19] Vgl.: von Gehlen, Dirk: Raus aus der Steinzeit. Süddeutsche Zeitung, 14. Januar 2017

[20] Bösch (2011): Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Fernsehen. Frankfurt: Campus, 7.

Storytelling für Studierende der Medienwissenschaft (Script)

Hier finden Sie Vorlesungsskripte, die in den Storytelling-Seminaren der letzten Jahre entstanden sind. Sie wenden sich an Studierende der Medienwissenschaft. Im Gegensatz zu literaturwissenschaftlichen Ansätzen werden hier einfache Formen des Erzählens behandelt, die einem praktischen Zweck dienen, der über die Unterhaltung hinausgeht: Im Journalismus wird erzählt, um eine Aussage zu stützen; in der Werbung wird erzählt, um eine Stimmung zu erzielen; im Berufsleben wird erzählt, um Erfahrungen weiter zu geben, usw.

Der folgende Text ist in (meinem) Englisch verfasst. Er kann hier als PDF heruntergeladen werden:

Script Storytelling 2016 4th ed

Eine deutschsprachige Fassung wird gelegentlich folgen.

 

 

Radiotipps für die Woche vom 3. bis 9. Oktober 2016

Das Geschäft mit den Erlebnisgeschenken
Panzerfahren für Papi

Von Christoph Spittler

Montag, 03.10.2016, 10:05 Uhr, DLF

Im Supermarkt kann man alles kaufen. Seife, Butter, Bier und neuerdings auch: Erlebnisse. An der Kasse hängen sie, die Erlebnispakete von Dienstleistern wie Mydays, Jochen Schweizer oder Smartbox. Was sich die Anbieter unter Erlebnissen so vorstellen, ist selten besonders fantasievoll.

Ein Fallschirmsprung, ein Erotik-Fotoshooting, einen Tag lang Bodyguard sein, einen Song im Studio aufnehmen oder einmal Bagger fahren. Erlebnisse kaufen? Hat man die nicht von alleine? Ist das der Endpunkt der Kommerzialisierung, wenn Leben selbst, in leicht verdauliche Pakete konfektioniert, zur Ware gemacht wird? Welches Ideal von Leben steckt dahinter?

Das Leben als eine Aneinanderreihung von möglichst vielen schönen oder zumindest besonderen Erlebnissen, die man kaufen kann wie ein neues Handy oder ein paar Stiefel? Und was erlebt man eigentlich genau im gekauften Erlebnis? Der Soziologe Gerhard Schulze prägte 1992 das Schlagwort von der “Erlebnisgesellschaft”. Sind wir erst jetzt, im Zeitalter der konsumierbaren Erlebnispakete, richtig dort angekommen?

Kinderhochzeit
Wenn Minderjährige zur Ehe gezwungen werden

Von Katharina Nickoleit

Dienstag, 04.10.2016, 19:15 Uhr, DLF

Jedes Jahr werden 15 Millionen Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. In Entwicklungsländern ist damit jedes dritte Mädchen betroffen, viele von ihnen sind sogar unter 15 Jahre alt. Diese Menschenrechtsverletzung kommt straffreiem Kindesmissbrauch gleich.

Verheiratete Mädchen, die etwa bei Geburten Leib und Leben riskieren, waren bislang nur aus dem fernen Ausland bekannt, zum Beispiel aus Nepal. Doch mit den Flüchtlingen gelangen Frühverheiratete auch nach Deutschland. In den Flüchtlingslagern rund um Syrien übergeben besonders viele Eltern ihre Töchter an ältere Ehemänner, in der Hoffnung, sie dadurch zu schützen.

In den Niederlanden sind Frühehen seit Anfang 2016 verboten, Deutschland hat bislang kein Konzept zum Umgang mit diesen minderjährigen Ehefrauen. Wie können sie wirksam geschützt werden?

Reihe: Geld und WutStart-up
Phasen einer Unternehmensgründung

Von Jean-Claude Kuner

Mittwoch 05.10.2106, 00:05 Uhr, DR Kultur

2009 wollen vier junge Programmierer mit ihrer Musik-Software “Bitwig” ein Unternehmen gründen. Von der Geschäftswelt haben sie keine Ahnung, und schon bald kommt es zu unvorhergesehen Hürden.

Die Entwicklung dauert länger als geplant und das Geld droht auszugehen, während auf den internationalen Musikmessen bereits der Vertrieb angekurbelt wird. Auch privat gibt es Veränderungen. Vier Kinder werden geboren, und die finanzielle Zukunft ihrer Väter ist weiter ungewiss.

Hier kommt der Genuss!
Was hinter Aromen in unseren Lebensmitteln steckt

Von Hannelore Hippe

Mittwoch, 05.10.2106, 22:03 Uhr, SWR2

Die Produktion von Aromen ist ein unverzichtbarer Teil der Nahrungsmittelindustrie. Es handelt sich um eine sehr diskrete Branche, die von zahlreichen modernen Mythen umrankt ist: Erdbeerjoghurt aus sagenhaften Sägespänen oder das legendäre Trockenhuhn. Warum dürfen die Produzenten verheimlichen, was in ihren Aromen steckt und wollen wir Konsumenten es wirklich so genau wissen?
Die Autorin fragt Bundes- und EU Behörden, Experten und Kritiker, untersucht die Lobbyarbeit der Branche, trifft einen Flavoristen beim größten deutschen Aromaproduzenten und schaut einem echten Koch bei traditioneller Aromenherstellung über die Schulter.

Vier Schüsse in Missoula
Der Tod des Schülers Diren D.

Von Tom Schimmeck

Samstag, 08.10.2016, 13:05 Uhr, BR2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Am 27. April 2014 feuert Markus K., 29, aus Missoula, Montana, in seiner Garage vier Schüsse auf den 17-jährigen Diren D. aus Hamburg. Der Schütze hatte auf der Lauer gelegen. Er war sehr wütend. Stellte eine Falle. Er wollte die Räuber schnappen, die ihn Tage zuvor bestohlen hatten. Diren D. stirbt in der Garage von Markus K. „Deutscher Austauschschüler in den USA erschossen“ titeln die Zeitungen. Typisch Amerika? Manches ist typisch: Montanas schießfreudige Gesetze, die Waffenkultur. Die Stadt Missoula aber schämt sich zutiefst. Nachbarn und Mitschüler trauern, organisieren Mahnwachen. Rufen: “Das sind nicht wir!” Eine Jury verurteilt Markus K. wegen vorsätzlichen Mordes. Der Richter verhängt 70 Jahre Haft.
Tom Schimmeck, 27.10.1959 in Hamburg geboren, arbeitet als freier Feature-Autor für den NDR, DLF u. a. und schreibt für verschiedene deutsche Tages-und Wochenzeitungen. Zuletzt wurde er für sein Feature “Koma-Kicks – Erkundungen unter jungen Kampftrinkern” (NDR 2008) mit dem Deutschen Sozialpreis 2009 ausgezeichnet. Mit “Spin – Oder: Die Industrialisierung der Meinungsproduktion” war er 2010 für den Prix Italia nominiert. Im selben Jahr erschien sein Buch “Am besten nichts Neues”.

Der Krieg im Fokus
Die Fotografin Herlinde Koelbl spricht mit Soldaten über das Handwerk des Tötens

Von Heike Tauch

Samstag, 08.10.2016, 18:05 Uhr, DR Kultur

Über sechs Jahre reiste die Fotografin Herlinde Koelbl in fast 30 Länder, um an militärischen Ausbildungsorten landestypische Schießziele zu dokumentieren. Aus diesen fotografischen Aufnahmen entstand ihr Kunstprojekt TARGETS.

Darüber hinaus sprach Koelbl mit Soldaten und Scharfschützen. Unter Zusicherung der Anonymität erzählen sie von den moralischen Herausforderungen, von ihrer Motivation und Ausbildung, von Führung und Gehorsam, von Schuld und Fehlentscheidungen. Und immer fragt Herlinde Koelbl nach dem ersten Schuss: “Wie war es, als Sie das erste Mal auf einen Menschen zielten und abdrückten? Können Sie sich daran erinnern?”

Überdies berichtet die Fotografin, was sie bewegte, sich dem Thema und damit den Menschen zu nähern, die trainieren, gut zu schießen, um den Feind zu töten.

Irtijal heißt Improvisation
Die Erfindung des Free Jazz im Libanon

Von Tobias Lehmkuhl

Sonntag, 09.10.2016, 14:05 Uhr, SWR2

Beirut ist eine Stadt, wie es Berlin einmal war: Vom Krieg versehrt, von Narben überzogen. Dennoch hält die Aufbruchstimmung nach Ende des Bürgerkriegs ebenso an wie die Bauwut. Beirut ist laut. Der Lärm von Hupen und Presslufthämmern ertönt aller Orten. Und wenn man den Trompeter Mazen Kerbaj hört, meint man in seinem Spiel noch das Echo von Maschinengewehrsalven und Granateinschlägen zu vernehmen. Im Jahr 2000 gründete Kerbaj mit Freunden das erste und bislang einzige Festival für improvisierte Musik im Nahen Osten: “Irtijal”. Zur 16. Ausgabe waren in diesem Jahr auch zahlreiche deutsche Musiker angereist. Keine zwei Stunden Autofahrt vom syrischen Bürgerkrieg entfernt traten sie in einen musikalischen Dialog mit den Musikern vor Ort – und mit den Klängen der Stadt.

 

Radiotipps für die Woche vom 26. September bis 2. Oktober 2016

Anonyme Bestattungen von Flüchtlingen in Griechenland
“Sterbe ich in Eurem Land”

Von Marianthi Milona

Dienstag, 27.09.2016, 19:15 Uhr, DLF

Noch nie zuvor sind in Griechenland so viele Flüchtlinge beim Versuch, Europa zu erreichen, ums Leben gekommen wie in den vergangenen fünf Jahren. Wohin mit den namenlosen Toten? Die griechischen Behörden sind offenbar mit dieser Situation überfordert. Es ist aber nicht nur die Frage wo, auch das Wie ist ungeklärt.

Die Flüchtlinge haben vermutlich verschiedenen Glaubensgemeinschaften angehört, die unterschiedliche Bestattungsriten pflegen. Welche Chancen haben die Angehörigen, je vom Tod und vom Grab ihres Verwandten zu erfahren?

Prekäre Fragen in einem Europa, das sich viel auf die Menschenwürde zugutehält. Die Autorin ging in Griechenland auf Spurensuche, wollte wissen, was mit Flüchtlingen ohne Papiere passiert, wenn ihnen ihr Weg in ein besseres Leben und in die Freiheit nichts brachte als den Tod. Marianthi Milona hat für dieses Feature den Civis Preis 2016 gewonnen.

Reihe: Geld und Wut
Dr. C’s Conversationslexikon

S wie Schulden

Von Armin Chodzinski und Nis Kötting

Mittwoch, 28.09.2016 um 00:05 Uhr, DR Kultur

Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass man Schulden zurückzahlen muss? Eine saubere Bilanz! Selbst der Finanzminister hält Schulden für notwendig und findet absurd, sie nicht machen zu wollen, in bestimmten Grenzen, versteht sich!

Die Mafia basiert auf Schulden oder auf Schuld und die ganze Existenz sowieso. Dr. C. referiert, die Bühne ist die Versuchsanordnung, auf der mit dem Denken begonnen wird.

Quoten, Zahlen, Traumata
Jesidische Flüchtlinge in Deutschland

Von Bettina Rühl

Mittwoch, 28.09.2016, 22.03 Uhr, SWR2

Im Jahr 2015 beschloss die baden-württembergische Landesregierung 1000 schwer traumatisierte jesidische Flüchtlinge aus dem Nordirak aufzunehmen. Hunderttausende waren von der Terrormiliz IS aus ihren Dörfern und Städten vertrieben worden, die zu Schauplätzen von Massenvergewaltigungen und Massenmorden geworden waren. Rund 5000 Frauen wurden zum Teil mit ihren Kindern verschleppt, viele von ihnen schwer missbraucht. In der Region selbst konnte ihnen kaum jemand helfen, weil es zu wenige ausgebildete Psychotherapeuten gibt. Deshalb kamen sie nach Deutschland. Aber war den traumatisierten Frauen wirklich klar, was das Leben ohne ihre Familie im fremden Deutschland für sie bedeuten würde? Und waren die deutschen Helfer dem Ansturm gewachsen?
Das Feature begleitet einige Jesiden auf ihrer Reise vom Nordirak nach Deutschland und beobachtet sie beim Versuch eines Neuanfangs.

Der Fall Debra Milke
23 Jahre in der Todeszelle

Von Rosvita Krausz

Freitag, 30.09.2016, 20:10 Uhr, DLF

Am 3.12.1989 wird in der Wüste von Arizona die Leiche eines kleinen Jungen entdeckt, Christopher Milke, vier Jahre alt. Seine Mörder: Jim Styers, Vietnamveteran, und Roger Scott, debil und schizophren. Doch Detective Armando Saldate nimmt auch Christophers Mutter, Debra Milke, fest.

Er verhört sie ohne Zeugen oder Tonbandaufnahmen, fertigt drei Tage später ein Geständnis aus dem Gedächtnis an, das Debbie nie gesehen oder unterschrieben hat. Ein Prozess folgt, bei dem alle rechtsstaatlichen Grundsätze außer Kraft gesetzt werden. In Arizona zählt das Wort des Sheriffs – Debbie wird zum Tode verurteilt. Erst neun Jahre später finden sich Fürsprecher, die den Justizirrtum auf einer Website “Freiheit für Debbie Milke” ins Netz stellen und eine Kampagne starten. Nach insgesamt 24 Jahren Haft, 23 davon in der Todeszelle, wird Debra Milke 2015 endlich freigesprochen.

Schwer behindert
Ein Feature über hoch qualifizierte Menschen

Von Charly Kowalczyk

Samstag, 29.10.2016, 13:05 Uhr, Bayern 2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Die Arbeitslosigkeit von Schwerbehinderten bleibt hoch, obwohl sich die Lage am Arbeitsmarkt insgesamt verbessert und Unternehmen über Fachkräftemangel klagen. Doch ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Betriebe weigert sich, Menschen mit Behinderungen einzustellen und zahlt stattdessen lieber die vom Gesetzgeber verordneten Ausgleichabgaben. In Bewerbungsverfahren, besonders für Stellen in Leitungsfunktionen, werden Behinderte häufig ausgebremst. Immer wieder vermitteln Arbeitsagenturen und Jobcenter hoch qualifizierte Schwerbehinderte allenfalls an Behinderteneinrichtungen oder in Computerkurse, nicht jedoch auf Stellen, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Und dies obwohl Deutschland 2007 als einer der ersten Staaten die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, auch im Arbeitsleben, verbietet.

Flucht
Im Fadenkreuz

Von Gabriele Knetsch

Samstag, 01.10.2016 um 18:05 Uhr

Für die DDR waren sie “Menschenhändler”, für den Westen anfänglich idealisierte Helden, später Störfaktoren im deutsch-deutschen Dialog und Spielball ideologischer Ränke.

Nicht offiziell, aber heimlich wurden Fluchthelfer unterstützt: Sie profitierten von Geheimfonds des Gesamtdeutschen Ministeriums, kassierten Honorare von der Presse, bekamen Gasmasken von der Berliner Polizei oder wurden vom Verfassungsschutz gewarnt.

Der Oligarchenlehrling

Von Michael Stauffer

Sonntag, 02.10.2016, 14.05 Uhr, SWR2

“Wenn ich Oligarch wäre, würde ich versuchen, meine politische Konkurrenz zu behindern und die Bevölkerung auszunehmen”, erklärt der Schweizer Ökonomieprofessor Reiner Eichenberger. Das klingt interessant, findet der Schweizer Autor und Künstler Michael Stauffer. Also beschließt er, Oligarch zu werden – einflussreich, gut vernetzt, bestechungsfreudig und skrupellos. Aber wo bieten sich noch Möglichkeiten für Nachwuchs-Oligarchen? In Russland ist es schwierig. In der Ukraine ist es gefährlich. Aber in Armenien geht vielleicht noch was – wenn man sich an einen charismatischen Politiker hängt, wenn man ins Geschäft mit Strom, Gas, Transport oder Telekommunikation einsteigt und wenn man wen findet, der einem bei der Oligarchenkarriere hilft. Michael Stauffer versucht es. Und er kommt bei seinem Versuch erstaunlich weit …

Vor dem Gesetz – Justizskandale in New York

Von Simone Hamm

Sonntag, 2. Oktober 2016, 18:05 Uhr

Ein 16-Jähriger Taschendieb wird drei Jahre lang in einem New Yorker Gefängnis festgehalten – ohne Anklage. Über 70 Personen, vor Jahren und Jahrzehnten wegen Mordes verurteilt, beteuern ihre Unschuld.

Ihre Fälle werden neu aufgerollt. New York war in den 1980er-Jahren die Hauptstadt der Kriminalität. Drogenhändler beherrschten die Straße, Morde waren an der Tagesordnung. Die Polizei brauchte Erfolge. Strafen, selbst für kleine Delikte, wurden drastisch erhöht. Das ist bis heute so. Ein einziger Detektiv brachte die Mörder gleich dutzendweise auf die Anklagebank.

Inzwischen sind die ersten der Männer, die aufgrund falscher Aussagen verurteilt wurden, wieder freigelassen worden. Sie erzählen, wie das ist, wenn niemand mehr da ist, der ihnen glaubt. Sie erzählen vom Leben im Gefängnis, von Prügeleien, Folter, Rassismus. Ihre Anwälte berichten vom hartnäckigen Bemühen, Klienten freizubekommen. Bürgerrechtler und Politiker erklären, wie es überhaupt zu Fehlurteilen in diesem Ausmaß kommen konnte. Nicht ein einzelner übereifriger Cop steckt dahinter, sondern ein System. Jetzt steht das New Yorker Justizsystem auf dem Prüfstand.

 

Radiotipps für die Woche vom 19. bis 25. September 2016

Ethnopsychoanalytiker Paul Parin
Über das “Eigene” und das “Fremde”

Von Ursula Rütten

Dienstag, 20.09.2016, 19:15 Uhr, DLF

Seit den 1960er-Jahren hat ein neuer Forschungsansatz die Völkerkunde im damaligen Kontext von Kolonialherrschaft und Eurozentrismus aufgemischt: die Ethnopsychoanalyse des Schweizer Teams Paul Parin, seiner Frau Goldy Parin-Matthèy und Fritz Morgenthaler. Welche Erkenntnisse können wir heute – aus postkolonialer Perspektive – aus diesem Forschungsansatz ziehen?

Die drei Analytiker hatten bei den Dogon und Agni in Westafrika nachgewiesen, dass sich Freuds Analyse auch dazu eignet, Menschen einer uns fremden Kultur zu verstehen. “Die Weißen denken zu viel” hieß das Buch Paul Parins über die Dogon.

Begleiter und Kollegen Paul Parins geben Auskunft angesichts vieler konkreter Probleme von Staaten und Gesellschaften im Umgang mit “dem Eigenen” und “dem Fremden”.

Reihe: Geld und Wut
Dr. C’s Conversationslexikon
G wie Geld

Von Armin Chodzinski und Nis Kötting

Mittwoch, 21.09.2016, 00:05 Uhr, DR Kultur

Früher gab es Konversationslexika. Damit man wusste, worüber man redete. Jetzt gibt es Dr. C. Der referiert, theoretisiert, exemplifiziert: diesmal über Geld. Geld ist schön und demokratisch, eine grandiose Erfindung, aber auch ein Problem – nur was für eins?

Zwischen den Opfer-Ritualen der Vorzeit, der Gewissheit, dass Geld ein Band des Vertrauens ist und dem steten Verschwinden des Geldes gibt es viele Fragezeichen.

Abschied vom Faktor Mensch
Ein Feature über selbstfahrende Autos und die Moral der Algorithmen

Von Jörn Klare

Mittwoch, 21.09.2016, 22:03 Uhr, SWR2

Glaubt man den Ingenieuren von Daimler oder Google, werden selbstfahrende Autos unser Straßenbild in wenigen Jahren radikal verändern. Gesteuert durch einen Computer, werden diese Automobile selbstständig das Tempo erhöhen oder auf die Bremse steigen, staufreie Wege oder Parkplätze ansteuern und die Unfallgefahr deutlich verringern: Delikte wie Alkohol am Steuer oder Ablenkung durch Mobiltelefone wird es im Straßenverkehr der Zukunft nicht mehr geben. Der menschliche Faktor wird abgeschaltet. Aber nach welchen Kriterien wird die Software des Bordcomputers entwickelt? Wie entscheidet eine Maschine, ob das Auto in einen Menschen hineinrast oder lieber an den Laternenmast? Wie weit lassen sich Konzerne und politische Entscheidungsträger in die Karten blicken? Erst kürzlich ist ein Mensch durch sein Vertrauen in diese Technik ums Leben gekommen.

Schriftsteller Arnon Grünberg
Belohnung ist eine verkleidete Strafe

Von Thomas Böhm

Freitag, 23.09.2106, 20:10 Uhr, DLF

Selbst unter den ungewöhnlichsten Autoren der Gegenwart ragt der 1971 in Amsterdam geborene Arnon Grünberg heraus. So gewann er Preise unter Pseudonym, arbeitete undercover als Masseur in Rumänien und als Zimmermädchen in Bayern, begleitete die Bundeswehr bei ihrem Einsatz in Afghanistan.

Auch seine in über 30 Sprachen übersetzten Romane gehen mit ihrem bizarren Humor dahin, wo es (fast nicht mehr) wehtut, erzählen von einem “Jüdischen Messias” oder von einem “Mann, der nie krank war”, bis er in den Arabischen Emiraten zu Tode verurteilt wird, weil er ein Spion sein soll.

Thomas Böhm begleitet Arnon Grünberg durch seine Bücher bis an die Haustür seiner Mutter. Als dort ein Unbekannter einmal einen Strauß Rosen ablegte, animierte das Grünberg zu dem Bonmot: “Belohnung ist eine verkleidete Strafe”.

Eine Jugend am Rande der Großstadt
Kevin

Von Massimo Maio

Samstag, 24.09.2016, 18:05 Uhr, DR Kultur

Ein Portrait vom östlichen Rand der Hauptstadt. Von da, wo die Migrantenquote niedrig und die Arbeitslosenquote hoch ist. Dort in den Plattenbauten lebt Kevin. Hier ist er aufgewachsen und hier geht er zur Schule.

Das Feature begleitet ihn durch seine Pubertät, in Jugendclubs, auf Fußballplätzen und bei Hip-Hop-Battles. Er liebt große Hamburger und schwarze Lederjacken, macht ein Praktikum als Hausmeister und wird sentimental, als er seinen Vater nach zwölf Jahren wieder trifft. Kevin – eine Jugend in Berlin-Hellersdorf.

80 mal Watschlaff
Ein Heldenspektakel für Václav Havel

Von Martin Becker und Tabea Soergel

Sonntag, 25.09.2016, 14:05 Uhr, SWR2

Ein Schauspieler steht auf der Bühne und gibt zum 80. Mal den Watschlaff. Er ist eingesperrt in der Sauna und schwitzt um sein Leben. Er sehnt sich nach seinen Frauen, seinen Zigaretten, seinen Hunden. Und das an seinem Geburtstag. Ein Heldenepos über Václav Havel. Tschechischer Schriftsteller, notorischer Frauenheld, ewiger Zweifler. Und irgendwann auch Staatspräsident, obwohl er für die große Politik eigentlich immer zu freundlich war. Am 5. Oktober wäre er 80 geworden. Das Heldenspektakel mischt Fiktives mit Realem, Dokumentarisches mit Absurdem. Echte Freunde und Weggefährten erzählen. Falsche Watschlaffs fallen ihnen ins Wort. Wann ist ein Held ein Held? Wie spricht man Václav denn nun richtig aus? Warum weiß das nicht mal der Schauspieler, der ihn angeblich schon 80 Mal gespielt hat? Und was will die Sekretärin des Herrn Präsidenten eigentlich schon wieder in der Badewanne?

 

Radiotipps für die Woche vom 15. bis 21. August 2016

Sippenhaft im Kinderheim Borntal
Nur langsam kommt die Erinnerung

Von Karl-Heinz Heinemann

Dienstag, 16.08.2016, 19:15 Uhr, DLF

Sieben Holzhäuser in einem weitläufigen, abgelegenen Tal im Harz, unweit der früheren deutsch-deutschen Grenze, waren einmal das Kinderkrankenhaus in Bad Sachsa. 1944 waren dort sämtliche Kinder der Attentäter des 20. Juli interniert. 1945 floh ein Dresdner Kinderarzt mit 146 Waisen des Bombenkriegs dorthin.

Später haben Diakonissen aus dem Sanatorium für tuberkulöse Kinder ein Kinderkrankenhaus gemacht. Nach der deutschen Vereinigung war es nicht mehr rentabel und wurde stillgelegt. Nun will ein holländischer Investor auf dem Gelände einen Ferienpark errichten. Bis in die 90er-Jahre wurde die Episode über die Kinder des 20. Juli beschwiegen. Dann kehrten die Kinder von damals zurück. Unterstützt von einer mutigen Bürgermeisterin stellte sich die Bevölkerung endlich der Vergangenheit.

Radio im Kalten Krieg
Der Laubfrosch hat die Farbe gewechselt

Von Angelika Perl und Peter Kainz

Mittwoch, 17.08.2106, 00:05 Uhr, DR Kultur

Als vor 60 Jahren, am 17. August 1956, die KPD in der Bundesrepublik Deutschland verboten wurde, ging der “Deutsche Freiheitssender 904” von einem geheimen Ort in Ost-Berlin auf Sendung.

Seine Durchsagen gaben immer wieder Anlass zu Spekulationen. Vier Jahre später folgte der “Deutsche Soldatensender 935” mit seinem Programm “gegen” die Bundeswehr. Beide Einrichtungen wurden von der DDR finanziert. Redakteure, Sprecher und Techniker erzählen aus dieser Zeit.

Autoren als Ratgeber
101 Wege, nicht zu schreiben

Von Julian Doepp

Freitag, 19.08.2016, 20:10 Uhr, DLF

“Ein Buch schreiben” steht auf Platz zwei aller im Internet geteilten Ziele, nach “Gewicht verlieren” und gefolgt von “Nichts mehr aufschieben”. Nicht wenige Autoren haben den Fallstricken des Schreibens ganze Bücher gewidmet: Mutmach-Essays, Werkstatt-Autobiografien, dokumentierte Verzweiflung und gute Ratschläge.

Inzwischen hat sich daraus fast ein eigenes Genre entwickelt – von Rilke über Hemingway bis zu Stephen King, von “Briefe an den jungen Dichter” bis Selfpublishing. Welche praktischen, wirksamen Ratschläge sich überhaupt finden, soll ein Selbstversuch klären.

Zur Seite stehen die deutsche Buchpreisträgerin Terézia Mora, die ihre Poetik jüngst an der Frankfurter Universität vorgetragen hat, und der Creative-Writing erfahrene Autor Benjamin Lytal, den die New York Times als “meisterlich” lobt. So ergibt sich aus Einblicken in den Alltag vor dem leeren Blatt und in die Strategien derer, die es geschafft haben, zugleich eine kleine Sozialstudie des Schriftstellerdaseins.

Offenes Archiv: Das Feature als Dokument seiner Zeit
Der Klang der Neuvermessung (4/6)
Herbergssuche
In den Winterquartieren der Stadtstreicher
Feature mit Originalton

Von Percy Adlon

Samstag, 20.08.2016, 13:05 Uhr, Bayern 2

“Der Mann mit dem Tonbandgerät”, so bezeichnet sich der Autor in diesem Originalton-Feature von 1974. Er verschmilzt sich poetisch mit seiner Technik. Nicht ein allwissender Erzähler oder ein subjektiv-dokumentarisches “Ich möchte mehr erfahren…” führt durch diese Sendung “mit Originalton”. Ende der 1960er Jahre erlebt das Originaltonfeature die Erhebung zur eigenständigen Form; befeuert auch durch die neue Qualität der Stereophonie. Die Aufnahme vor Ort, Interviews und Geräusche, versprechen – oder vermitteln zumindest – mehr Authentizität als geschriebene Texte eingesprochen im Studio. Der Hörfunk spielt damit seine akustischen Stärken in Konkurrenz zum Fernsehen aus, dessen Außendrehs einen ungleich höheren Aufwand erfordern. Während die Hörfunk-Originalton-Opern ihren Autor oft ganz zurücknehmen, unsichtbar bzw. unhörbar machen, wählt Percy Adlon für den BR einen anderen, zukunftsweisenden, Weg. Er verwandelt sich in ein wanderndes Mikrophon und nimmt damit die heutige ästhetische Entwicklung zum VJ – dem Video-Journalist – vorweg. Der VJ soll, ausgestattet mit miniaturisierten digitalen Gerätschaften, die Bandbreite aller möglichen Medien, von Audio bis Video abdecken. Percy Adlons Feature “Herbergssuche” ist hier eine hilfreicher Blick zurück, denn mit smarter Kamera wäre seine Sendung nicht zustande gekommen: Auf “Herbergssuche” sind Obdachlose und Außenseiter, die ihr Leben vor dem Radio-Mikrofon ausbreiten, gerade weil sie keine Kamera festhält und entblößt. “Der Mann mit dem Tonbandgerät” wird in seiner Beschränkung auf Radio zum sensiblen Begleiter auf Platte und zum vertrauenswürdigen Weggefährten zu geheimen Schlafplätzen.

Bauen im geteilten Berlin
Wettstreit in Stein und Beton

Von Reinhard Schneider

Samstag, 20.08.2016, 18:05 Uhr, DR Kultur

Nach dem Krieg gerät der Wiederaufbau Berlins durch die Teilung rasch zu einem städtebaulichen Wettkampf der Systeme. In der Stalinallee setzt Ostberlin die Paläste für Arbeiter mit großem Pomp in Szene. Sozialismus im XXL-Format.

Westberlin hat als Gegenmodell zunächst nur die unscheinbare Ernst-Reuter-Siedlung zu bieten.

Das Bauen und die Stadtplanung in der geteilten Stadt sind ideologisch aufgeladen: Architektur als Zeichen der Überlegenheit.

Dr. C’s Conversationslexikon (2/3)
Eine ökonomische Radiofeature-Reihe mit und ohne Publikum
S wie Schulden

Von Armin Chodzinski und Nis Kötting

Sonntag, 21.08.21016, 14:05 Uhr, SWR2

G wie Geld, S wie Schulden, W wie Wachstum. Drei Buchstaben. Drei Begriffe. Über die sich reden ließe. Wenn man wüsste, was sie bedeuten. Dafür gab es früher Konversationslexika. Damit man wusste, worüber man redete. Jetzt gibt es Dr. C. Dr. C. referiert, theoretisiert, exemplifiziert: Zitate, Thesen, Verweise, Quellen und Dokumente. Dr. C. denkt laut und live. Manchmal mag er verkrampft wirken, aber das kommt nur, weil er unbedingt verstanden werden will. Deshalb tanzt er manchmal sogar. Sogar so, dass man es hört.
Teil 2: Wer ist eigentlich jemals auf die Idee gekommen, dass man Schulden zurückzahlen muss? Eine ausgeglichene Bilanz? Selbst Finanzminister halten Schulden für wichtig. Die Mafia basiert auf Schulden und die ganze Existenz auf Schuld … irgendwo zwischen Moral und Kennzahl.

Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler
Teil 6: “We fight back”

Sonntag, 21. August 2016, 18:05 Uhr

Von Hans Sarkowicz

In den USA, wo während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche deutsche Emigranten lebten, gab es mehrere kommerzielle Sender, die deutschsprachige Programme ausstrahlten.

Zum einen hatten sie die Deutsch-Amerikaner im Blick, zum anderen hofften sie über die starke Kurzwelle auch Hörer in Deutschland zu erreichen. Daneben wurde nach dem Kriegseintritt der USA ein staatlicher Sender ins Leben gerufen, der als “Stimme Amerikas” deutsche Hörer mit dem amerikanischen Standpunkt bekannt machen sollte. Über die “Stimme Amerikas” sprachen bekannte deutsche Emigranten wie die Wagner-Enkelin Friedelind Wagner oder der Theologe Paul Tillich.

 

Radiiotipps für die Woche vom 8. bis 14. August 2016

Ego shooter
Der Krieg der Söhne

Hörspiel von Barbara Kenneweg

Dienstag, 08.08.2016, 00:05 Uhr, DR Kultur

Battlefield, Doom, Call of Duty – sie rufen Legionen zu den Waffen und vor die Bildschirme. Inzwischen verbringen ganze Generationen von männlichen Halbwüchsigen ihre Freizeit mit Egoshootern vor dem Computer.

Die Eltern sind zunehmend machtlos gegen die Lust am “Zocken” und reagieren irritiert und verunsichert: Was ist normale Abgrenzung gegen die Erwachsenen und was führt zur Wesensveränderung?

Das Hörspiel erforscht in Spiel- und Dokumentarszenen die virtuellen Kriegszonen der Kinder- und Jugendzimmer.

Tapir im Birkenwald
Selbst gemachtes Leben

Von Gabi Schaffner

Freitag, 12.08.2016, 20:10 Uhr, DLF

Ist es Volkskunst, Wahnsinn oder Methode? Am 23. Januar 2016 starb der finnische Videodokumentarist Erkki Pirtola. Mehr als 30 Jahre seines Schaffens widmete er einer Kunstrichtung, die in den Tiefen der finnischen Wälder und Tundren ein einzigartiges Dasein fristet.

Der Begriff ITE, kurz für “Itse Tehti Elämä” – selbst gemachtes Leben – fasst Kunst und Leben, Mensch und Natur in eine Formel, die sich in außergewöhnlichen und oft surrealen Kunstwerken manifestiert. ITE ist billiges Blech oder geflochtene Birkenrinde, ITE ist trashig und transzendental zugleich, ITE ist von Aliens inspiriert oder vom Geist der Vorfahren, ITE kann ein Möbel sein, ein Löffel, ein Tapir aus Metall im Birkenwald oder eine einzelne, durch den Raum gespannte Saite.

Gelegs Reise
Wie tibetische Flüchtlingskinder in die Schweiz kamen

Von Nathalie Nad-Abonji

Samstag, 13.08.2016, 18:05 Uhr, DR Kultur

Es ist eine Reise in die eigene Vergangenheit, auf die sich der Tibeter Geleg Chodak begibt: von Basel nach Dharamsala in Indien. 1964, als Siebenjähriger, wurde er von dort zu Pflegeeltern in die Schweiz gebracht.

Zwischen 1960 und 1964 vermittelte der Industrielle Charles Aeschimann 158 tibetische Kinder an Schweizer Familien. Geleg und die anderen Kinder kamen aus einem Heim in Dharamsala. Dort befindet sich seit 1960 der Sitz der tibetischen Exilregierung.

Offenes Archiv: Das Feature als Dokument seiner Zeit
Der Klang der Neuvermessung (3/6)
Die Bundesrepublik – der ungeliebte Freund
Über das Deutschlandbild der Franzosen

Von Dieter Mayer-Simeth

Samstag, 13.08.2016, 13:05 Uhr, Bayern 2

Zu den historischen technischen Experimenten im Hörfunk gehörte der Zweikanalton. Hörerinnen und Hörer des Bayerischen Rundfunks konnten das neue Verfahren am 25. Februar 1984 zum ersten Mal nutzen. Vorher kam er gelegentlich beim Fernsehen zum Einsatz. Beim Zweikanalton wird ein Stereo-Kanal für den Originalton, der andere für die deutsche Synchronisation verwendet. Steht der Balance-Regler des Stereo-Empfängers auf Mitte, ist das Original-Interview leise von links zu hören, die deutsche Übersetzung laut von rechts. Wollen Sprachkundige das Original in all seinen Nuancen erfassen, drehen sie den Balance-Regler nach links, wer nur die Übersetzung hören will, dreht den Regler nach rechts. Für altmodischen Mono-Empfang sei die Sendung allerdings nur bedingt geeignet, heißt es in der Pressemeldung zur Sendung 1984. Diese war keineswegs als technische Spielerei gedacht, sondern ließ die Technik dem Inhalt folgen. Über ein Jahr lang hatte Dieter Mayer-Simeth in Frankreich Stimmen zum Thema Deutschland gesammelt. Es ging ihm dabei um das Deutschlandbild des Durchschnittsfranzosen, sozusagen von Madame et Monsieur Tout-le-Monde, nicht um die immer wieder zitierten sogenannten Deutschlandexperten. Der Zweikanalton bot also einen echten Mehrwert für an sprachlichen Nuancen Interessierte. Und auch ästhetisch eine überzeugende Lösung für eine Sendung, in der die Anderen über die ihnen Anderen reden.

Dr. C’s Conversationslexikon (1/3)
Eine ökonomische Radiofeature-Reihe mit und ohne Publikum
G wie Geld

Von Armin Chodzinski und Nis Kötting

Sonntag, 14.08.2016, 14:05 Uhr, SWR2

G wie Geld, S wie Schulden, W wie Wachstum. Drei Buchstaben. Drei Begriffe. Über die sich reden ließe. Wenn man wüsste, was sie bedeuten. Dafür gab es früher Konversationslexika. Damit man wusste, worüber man redete. Jetzt gibt es Dr. C. Dr. C. referiert, theoretisiert, exemplifiziert: Zitate, Thesen, Verweise, Quellen und Dokumente. Dr. C. denkt laut und live. Manchmal mag er verkrampft wirken, aber das kommt nur, weil er unbedingt verstanden werden will. Deshalb tanzt er manchmal sogar. Sogar so, dass man es hört

Teil 1: Geld ist schön und demokratisch und eine grandiose Erfindung, aber eben auch ein Problem – nur was für eins? Wie so vieles scheint auch das Geld seine Deckung verloren zu haben und übrig bleiben allein Glaube oder Hoffnung … oder nichts.

(Teil 2, Sonntag, 21. August, 14.05 Uhr)

Geheime Sender – Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler

Teil 5 – „Wir sprechen im Namen des deutschen Volkes“

Die deutschen Kriegsgefangenen- und Emigrantensender in der Sowjetunion

Von Hans Sarkowicz

Sonntag, 14.08.2016, 18.05 Uhr, HR2

Die Sowjetunion war für die deutschen Kommunisten das Land der Verheißung, als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm. Funktionäre und einfache Parteimitglieder emigrierten in die Sowjetunion und versuchten von dort aus Kontakt mit ihren Parteigenossen in Deutschland zu halten. Das ging zum einen über den deutschsprachigen Dienst von Radio Moskau und zum anderen über Rundfunksender, die speziell für deutsche Emigranten eingerichtet worden waren. Hinzu kam nach der Kapitulation der 6. deutschen Armee bei Stalingrad der Sender des Nationalkomitees Freies Deutschland, das von kriegsgefangenen deutschen Offizieren und Soldaten gegründet worden war. Das Abhören dieser Sender war in Deutschland mit hohen Haftstrafen bedroht. Trotzdem begaben sich viele in diese Gefahr, weil sie ihre Hoffnungen auf die Sowjetunion und die sowjetische Armee setzten.

 

Radiotipps für die Woche vom 1. bis 7. August 2016

Ortserkundungen
In Luang Prabang entsteht eine laotische Literatur
Legenden an den Tempelwänden

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Dienstag, 02.08.2016, 19:15 Uhr, DLF

Die Mosaike an den Wänden des Xieng Thong Tempels erzählen Geschichten aus dem alten Laos. Weil das Land keine schriftliche Überlieferung kennt, sind sie eine der wenigen historischen Quellen des Bauernvolkes. In der Tempelschule hat der Novize Khamla die Lust am Lesen entdeckt und mit einer Gruppe junger Autoren begonnen, eine laotische Literatur zu begründen.

Wilde Töne im Rekorder
Bernie Krause und die Ökologie der Klanglandschaften

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

Mittwoch, 03.08.2016, 00:05 Uhr, DR Kultur

Soundscape Ecology heißt ein neues Konzept, die Biophonie ganzer Landschaften aufzunehmen, digital zu archivieren und wissenschaftlich-künstlerisch auszuwerten.

Ein Buch – “Das große Orchester der Tiere” des amerikanischen Bioakustikers Bernie Krause – inspirierte Ökologen und Musiker gleichermaßen. Kann man den Ursprung der Musik wirklich in der Natur finden?

Offenes Archiv: Das Feature als Dokument seiner Zeit
Der Klang der Neuvermessung (2/6)
Bilder hören. Klänge sehen.
(Sinnes-)Wahrnehmungen

Von Wiebke Matyschok

Samstag, 06.08.2016 13:05 Uhr, Bayern 2

Auf der Tanzfläche: Drei Gehörlose, eine Gebärdendolmetscherin, eine Reporterin. Dazu Aroma-DJs, Video-Jockeys. Die Tanzfläche selbst verstärkt den Schall der Lautsprecher. Wiebke Matyschok hat sich in das multisensuelle Party-Event gestürzt, um unseren sinnlichen Erfahrungen auf die Spur zu kommen. Kann ein Sinn durch einen anderen ersetzt werden? Wie beeinflussen sich die Sinne gegenseitig? Und wie funktioniert Synästhesie? Bei ihr werden im Gehirn durch Nervensignale eines Sinnesorgans auch die Verarbeitungszentren eines anderen Sinnes gereizt. Die Koppelung macht Töne farbig oder Gefühle zu Bildern. Das Feature “Bilder hören. Klänge sehen.” (2010) widmet sich den Verstrickungen der Sinne und anderen Phänomenen. Auf dieser Grundlage ermöglicht das Feature von Wiebke Matyschok einen frischen Blick auf die Veränderungen unseres Alltags durch die zunehmende Digitalisierung. Sagt ein Bild wirklich mehr als tausend Worte? Lösen Töne tatsächlich ein Kino im Kopf aus? Dabei ist der nächste digitale Trend schon absehbar: Nach den Touch-Screens wird nun die Sprachsteuerung immer mehr perfektioniert. Wie also in Zukunft, welchen Sinn zu welchem Zweck einsetzen?

Sein schönstes Geschenk
Auf der Suche nach Wagners verschollenen Ring-Partituren
Ein schlieriges Schattentheater

Von Michael Lissek

Sonntag, 07.08.2016, 14:05 Uhr, SWR2

Am 20. April 1939 lässt Hitler seinen 50. Geburtstag feiern. Alle Welt bringt Geschenke. Aus Japan eine Samurai-Rüstung, vom Duce eine Sammlung von Piranesi-Stichen, Araber schenken eine Nachbildung vom “Schwert des Islam” und Märklin eine Modelleisenbahn. Das weitaus kostbarste Geschenk aber kommt von der deutschen Industrie: Eine Kassette mit den Original-Partituren von Richard Wagners Ring. “Besonders erregte ihn die Orchesterskizze zur Götterdämmerung”, berichtet Albert Speer. Zuletzt gesichtet werden die Partituren 1940 in Hitlers Privatwohnung. Danach bleiben sie verschollen. Hat Hitler sie mit in seinen “Führerbunker” genommen – wo sie 1945 entweder zerstört oder von russischen Plünderern geklaut werden? Oder hat Hitler sie am Obersalzberg gebunkert – von wo sie nach Südtirol gebracht werden und dort stibitzt? Oder oder oder? Seit 1945 sucht ein Heer von Forschern und Verehrern und Verschwörungsmythologen nach dem Verbleib des Wagner-Erbes. Wir suchen mit.

Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler Teil 4:
“Proletarier aller Länder vereinigt Euch!”

Sonntag, 7. August 2016, 18:05 Uhr

Der deutschsprachige Dienst von Radio Moskau war das offizielle Sprachrohr der Sowjetunion. Bereits 1929 gegründet, entwickelte er sich nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR zu einem der wichtigsten alliierten Sender, die in das Deutsche Reich strahlten.

Im Gegensatz zum Deutschen Dienst der BBC wurde das Programm weitgehende von deutschen Emigranten geprägt, die in der Sowjetunion Zuflucht gefunden hatten. In der Sendung sind Nachrichten, Kommentare und Reportagen zu hören, die während des Zweiten Weltkriegs von Radio Moskau gesendet wurden. Für die Kommunisten in Deutschland war der Sender Ermutigung und Hoffnung zugleich. Nach der Rückkehr aus ihrem Exil beteiligten sich die meisten Mitarbeiter des deutschsprachigen Dienstes in leitenden Positionen am Aufbau der DDR.

 

Radiotipps für die Woche vom 25. bis 31. Juli 2016

Inside Anti-IS
Wer kämpft im Irak gegen den Terror?

Von Marc Thörner

Dienstag, 26.07.2016, 19:15 Uhr, DLF

Ideologische und finanzielle Schützenhilfe aus den Golfstaaten, junge radikalisierte Muslime aus Europa, Asien und Afrika: Sie sind die Unterstützer des IS. Wer aber sind die “anderen”, die sich im Irak zur Anti-IS-Koalition zusammenschließen, koordiniert in einem gemeinsamen Hauptquartier unter US-Leitung in Bagdad?

Vor Ort, in den Angriffsstellungen rund um die IS-Hochburg Mossul, finden sich neben sunnitischen Stammeskämpfern US-Marines, schiitische Milizen, iranische Revolutionsgarden und kurdische Peschmerga. Viele Menschen in der Frontstadt fürchten sich nicht nur vor der Terrorherrschaft des IS, sondern auch davor, von der Anti-IS-Allianz befreit zu werden.

Denn einige Akteure dieser Koalition terrorisieren selbst die Bevölkerung durch ethnisch-religiöse Säuberungen. Andere bekämpfen den Zentralstaat. Und alle kämpfen immer wieder mal gegeneinander. Innenansichten aus den Vorbereitungen zu einer “Friedensoffensive”.

Was im Tier blickt uns an?
Das Schweigen der Tiere

Von Maximilian Netter

Mittwoch, 27.07.2016, 0:05 Uhr, DR Kultur

In Zeiten des Klimawandels suchen einige unserer Artgenossen nach Alternativen zur zerstörerischen Zivilisation und beginnen mit Tieren zu sprechen.

Unser Autor fragt sich, was Menschen hören wollen, wenn sie Tieren zuhören und was diese antworten.

Orson Welles
Ein Puzzle

Von Thomas von Steinaecker

Freitag, 29.07.2016, 20:10 Uhr, DLF

“Rosebud!” Es ist eines der großen Rätsel der Filmgeschichte – das letzte Wort des Tycoons Citizen Kane in jenem Film, der regelmäßig an erster Stelle genannt wird, wenn es um Kinoranglisten geht. Zum 100. Geburtstag begab sich der Schriftsteller Thomas von Steinaecker auf die Suche nach Puzzle-Stücken, die das Rätsel Orson Welles erklären könnten.

Worin liegt überhaupt das Bahnbrechende an Welles’ Hörspielen und Filmen, die heute ein bedeutungsvolles Raunen umgibt? Ist es gerade jene Masse an Filmschnipseln unrealisierter Projekte, in denen das beispiellos schöpferische Kraftwerk, aber auch die Tragik Orson Welles’ sichtbar wird?

Offenes Archiv: Das Feature als Dokument seiner Zeit
Der Klang der Neuvermessung (1/6)
Das Ohr im Jahr 2000
Oder: Hören wir noch, was wir hören?
Eine Dokumentation in Stereo und Kunstkopftechnik

Von Ekkehard Kühn

Samstag, 30.07.2016, 13:05 Uhr, Bayern 2

Wäre das “Wahrnehmungsfeature” eine eigene akustische Gattung, wäre ihr Erfinder und Meister Ekkehard Kühn (15.09.1934 bis 12.11.2015). Kühn zählt zu den großen Autorenpersönlichkeiten des Bayerischen Rundfunks. Zwischen 1970 und 2004 realisierte er über 80 große Produktionen für das deutschsprachige Radio. In den Vordergrund seines Schaffens rückten dabei neben gesellschaftskritischen Themen immer mehr Features zur akustisch-musikalischen Wahrnehmung. “Die Leute zwischen die Lautsprecher kriegen”, beschrieb er seine Motivation. Genau um diese Lautsprecher dreht sich “Das Ohr im Jahr 2000” von 1981: Welche Konsequenzen haben die technischen Apparate für unsere Hörgewohnheiten? Eine akustisch-musikalische Rundreise durch unsere Gehörgänge in Mono, Stereo und Kunstkopf. Die Aufnahmetechnik Kunstkopfstereophonie optimierte Radiosendungen für das Hören mit Kopfhörer, lange bevor mp3-Player zum täglichen Outfit gehörten. Den Wandel unserer Hörgewohnheiten fasst der Autor als “gesellschaftliches Ohr” zusammen. Was wir unter Musik verstehen, unter einem guten Klang, gehört für Ekkehard Kühn zum “Genussohr”. Komplexe Sachverhalte unterhaltsam zu präsentieren war immer eine seiner Stärken. “Das Ohr im Jahr 2000” gewinnt als Dokument seiner Zeit einen besonderen Reiz, weil wir heute auf Ekkehard Kühns Zukunftsvisionen zurückschauen können. Zum Beispiel die prognostizierte Veränderung der Sprache durch die Allgegenwart der Lautsprecher.

Herr K. – Eine Affäre mit dem Sozialamt

Von Inge Braun

Samstag, 30.07.2016 18:05 Uhr, DR Kultur

Als Empfänger von Grundsicherung im Alter müsste sich Herr K. auf existenziell sicherem Grund wähnen. Doch für ihn tut sich ein Abgrund auf. In die Rolle des Bittstellers gedrängt, fühlt er sich ungerecht behandelt.

Als das Amt Sozialleistungen zurückfordert, setzt er sich zur Wehr.

Das Feature dokumentiert die jahrelangen Auseinandersetzungen und gibt einen Einblick in das Leben eines Sozialrentners.

Hieronymus Bosch – Die Tyrannei der Töne

Von Mona Winter

Sonntag, 31.07.2016, 14:05 Uhr, SWR2

500 Jahre Hieronymus Bosch. 500 Jahre Bildergeschichten voller Entgrenzungen, Ungeheuerlichkeiten, Höllenszenarien. In einem seiner bekanntesten Bilder – “Garten der Lüste” – wird die Hölle von musikalischen Folterinstrumenten und deren Kakophonie beherrscht. Verdammte werden an Lauten und Harfen gekreuzigt. Ohren rollen durch das infernalische Getümmel. Die mittelalterliche Bedeutung von Musik – Harmonie der göttlichen Schöpfung – wird ins Gegenteil verkehrt. Im Bild wird Hölle hörbar. Und der Sound des Schreckens zieht sich bis in die Gegenwart. Lärmschädigung, Tinnitus, Knalltraumata, Folter mit Heavy Metal. Ist die Tyrannei der Töne eine gängige Begleitmusik auch des alltäglichen Lebens? Und Hieronymus Bosch? Als vorausschauender Visionär symbolisiert er malend, einen tönenden tötenden Schrecken der Zukunft.

Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler Teil 3:
“Hier ist England! Hier ist England!”

Von Hans Sarkowicz

Sonntag, 31. Juli 2016, 18:05 Uhr

Der deutschsprachige Dienst der British Broadcasting Corporation, kurz BBC, war während des Zweiten Weltkriegs das meistgehörte ausländische Radioprogramm in Deutschland.

Allerdings musste jeder, der den Sender heimlich einstellte, damit rechnen, ins Zuchthaus zu kommen. Denn das Abhören ausländischer Sender war von Goebbels verboten worden und mit drastischen Strafen bedroht. Trotzdem wurde die BBC von Millionen Deutschen als wichtige Informationsquelle genutzt.

Die Attraktivität des Programms beruhte nicht nur auf den wahrheitsgetreuen Informationen über den Kriegsverlauf, sondern auch auf der Vielfalt der Sendeformen vom Kommentar über Feature bis zu umgedichteten populären Schlagern und witzigen Sketchen. Eine besonders prominente Stimme des deutschsprachigen Dienstes war der im amerikanischen Exil lebende Literaturnobelpreisträger Thomas Mann.

 

Radiotipps für die Woche vom 18. bis 24. Juli 2016

Maskottchen Mao
Die Metamorphosen eines Gewaltherrschers

Von Mathias Bölinger

19.07.2016, 19:15 Uhr, DLF

Das Land, das der sterbende Diktator vor 40 Jahren hinterlassen hat, dürfte er kaum wiedererkennen. Von Mao Tse-Tungs Sozialismus ist nicht mehr viel übrig. China ist reich und mächtig geworden, konsumfreudig und pragmatisch. Was würde er wohl über die Millionärin denken, die seine Statue auf dem Armaturenbrett eines BMW montiert hat?

Sie ist fest davon überzeugt, dass der Vorsitzende höchst persönlich “von dort oben” für ihren Wohlstand sorgt – als Dank für die Verehrung, die sie ihm entgegenbringt. Der rote Diktator, einst Kämpfer gegen Aberglaube und Tradition, ist heute in China eine Volksgottheit. Und die Gewalt, die von seiner Herrschaft ausging, verblasst hinter dem Mythos, den Chinas Propagandaapparat von ihm zeichnet. Reise auf den Spuren eines Idols mit blutiger Bilanz.

Norwegens Stunde Null

Von Hannelore Hippe

20.07.2016, 00:05 Uhr, DR Kultur

Am 22. Juli 2011 zündet Anders Behring Breivik im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe, acht Menschen werden getötet. Anschließend erschießt er auf der norwegischen Insel Utöya 69 Jugendliche in ihrem Sommerlager.

Ist Breivik ein wahnsinniger Einzelgänger – oder ist seine Tat Ausdruck für einen neuen aggressiven Nationalismus und Fremdenhass in der norwegischen Gesellschaft, in der Gleichheit, Toleranz und Offenheit gefördert werden? Breivik war Mitglied einer rechtspopulistischen Partei, die seit Jahren in Norwegen an Einfluss gewinnt.

Tochter eines NS-Militärrichters
Mein Vater ging einfach zum Dienst

Von Simone Trieder

22.07.2016, 20:10 Uhr, DLF

Irmgard Sinner hat ihren Vater, Werner Lueben, lange als späten Widerstandskämpfer gesehen. Denn der Militärrichter hatte sich geweigert, drei katholische Priester zum Tode zu verurteilen. Einen Tag danach, am 28. Juli 1944, war Werner Lueben tot.

Das Heldenbild bröckelte, als Irmgard ein Buch in die Hände fiel: darin Briefe einer jungen Polin und das Todesurteil, das ihr Vater 1943 über sie gefällt hatte. Krystyna Wituska wurde in Halle an der Saale, im Roten Ochsen, enthauptet. 1980 landete Irmgard Sinner selbst in diesem Gefängnis – wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Krystynas Briefe halfen ihr, den Haftalltag zu überstehen und sich der Geschichte ihres Vaters zu stellen.

Er hatte hundert Todesurteile unterschrieben. Heute ist Irmgard Sinner 88 Jahre alt und rastlos für Versöhnung unterwegs. Sie pflegt Kontakte zu Opfern ihres Vaters und deren Angehörigen, auch zur Tochter eines Deserteurs, den ihr Vater zum Tode verurteilt hatte. Seit vielen Jahren ist sie aktives Mitglied im Bundesverband Opfer der NS-Militärjustiz.

Pragmatische Utopisten
Wie Architekten wie Alejandro Aravena die Welt verändern wollen

Von Gabriele Pfaffenberger

Samstag, 23.07.2016, 13:05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Raus aus dem Elfenbeinturm! Eine neue Generation von Architekten hat keine Lust mehr auf abgehobene Prestigebauten. Sie wollen ehrliche Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit finden: Migration, Naturkatastrophen, Armut, Ungleichheit.
Ihr berühmtester Vertreter ist der Chilene Alejandro Aravena. Pritzker-Preisträger und Kurator der Architekturbiennale 2016 in Venedig. Er hat den sozialen Wohnungsbau revolutioniert. Seine Strategie: Partizipation. Bevor er Gebäude plant, diskutiert er intensiv mit den zukünftigen Bewohnern, beteiligt sie auch am Bau, stellt Häuser beispielsweise nur halb fertig und lässt die Bewohner die andere Hälfte gestalten.
So füllt er Projekte mit Leben, verhindert Fehlplanungen, spart Geld.
Die Autorin trifft Alejandro Aravena in Chile und reist durch Bayern, denn auch hier beschäftigen sich Architekten mit komplexen, aktuellen Problemen: Wie kann man die Wohnungsnot in den Städten abmildern? Wie die vielen geflüchteten Neubürger unterbringen und integrieren?
Vergangenes Jahr sind bayernweit 8700 Wohnungen aus der Sozialbindung gefallen. Allein in München warten laut der bayerischen Wohnungswirtschaft derzeit 12.500 Bewerber auf eine Sozialwohnung. Der immense Druck führt zur Wiederbelebung einer alten Idee: Genossenschaftsprojekte. Zukünftige Nachbarn planen gemeinsam ihre Wohnanlage, werden Miteigentümer, schaffen so bezahlbaren Wohnraum.
Hat Architektur die Kraft eine Gesellschaft zu verändern? Eine Recherche auf Baustellen, in Sozialwohnungen und den Büros von Querdenkern.

Die Suche nach dem Super-Sukkubus
Ein spektakulär sexy-rumpeliges B-Road-Movie durch die Hölle

Von Christiane Enkeler

Sonntag, 24.07.2016, 14:05 Uhr, SWR2

Eigentlich wollte sie nicht in die Hölle. Eigentlich wollte sie eine mythen-historische Geschichte erzählen – vom mittelalterlichen Aberglauben bis zu Fantasyliteratur und -filmen der Gegenwart. Eigentlich sollte es ein dankbares Thema sein: eine nachtaktive Dämonin, die Männer malträtiert, indem sie sich bei ihnen unterschummelt – buchstäblich, denn “succubere” heißt “unten liegen”. Aber dann verlangte das Thema von Autorin Christiane Enkeler existentiellen Einsatz: Sie musste einen teuflischen Pakt schließen, musste als Kämpferin in den Ring, musste sogar ihre Gestalt verwandeln, um das Feature fertigzustellen. Am Ende erwies sich die Sendung als Höllentrip. Und der Höllentrip als Sendung.

Geheime Sender
Der Rundfunk im
Widerstand gegen Hitler
Teil 2
„This is London calling!“
Die BBC und die deutschsprachigen Programme aus Großbritannien

Von Hans Sarkowicz

Sonntag, 24.07.2016, 18:05 Uhr, hr2

Die British Broadcasting Corporation, kurz BBC, hatte bereits im September 1938 einen deutschsprachigen Dienst eingerichtet, um auf einen bevorstehenden Krieg vorbereitet zu sein. Das Feature schildert die Anfänge des Dienstes bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. So ist die erste Nachrichtensendung ebenso zu hören wie die Kriegserklärung des britischen Premierministers Chamberlain an das Deutsche Reich. Auch deutsche Emigranten, wie der Soziologe Richard Löwenthal, kommen zu Wort, die von Großbritannien aus deutschsprachige Sender betrieben. Für die Goebbels-Propaganda waren die Programme von der Insel, die man in Deutschland gut empfangen konnte, ernsthafte politische Gegner. Nach Kriegsbeginn wurde von ihm deshalb das Abhören ausländischer Sender unter Strafe gestellt.