Es regnet. Wir schauen zurück auf einen heißen Sommer, und das Plätschern ist sehr willkommen. Das wäre doch die Gelegenheit, meinem Freund ein paar Zeilen aus Hölderlins Gedicht „Stutgard“ zu schicken:
Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,
Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Ich könnte das kurz einscannen, habe aber gerade meine Hölderlinausgabe in Buchform vor mir und tippe Wort für Wort ab. Das dauert. Aber es macht auch Spaß. Beim langsamen Abschreiben der acht Zeilen dringe ich viel tiefer in den Text, den ich vorher nur so überflogen habe – all die Worte, die nur ein Hölderlin für einen Regentag nach langem trockenem Sommer findet.
Das hat mich ziemlich glücklich gemacht. Kein schnelles Durchwischen auf dem Bildschirm. Kein Copy+Paste. Kein kurzer Ausflug zum berühmten Dichter zwischen Kuchenrezept und Staffel 3, Folge 7 von irgendwas. Einfach innehalten und so langsam schreiben wie früher.
Frage: Aus welchem Jahr stammt das Gedicht?
Dann will ich noch unter diese Zeilen den Titel und das Jahr des Entstehens angeben. Wann hat Hölderlin dies geschrieben, was allgemein als „Elegie“ bezeichnet wird und aus 6 Teilen mit je 9 Distichen besteht.
Das Buch ordnet sie ein unter „Gedichte 1797–1801“. Das war „die Zeit der Reife“, wie es Paul Ernst nannte, der 1905 einen Gedichtband für Diederichs herausgab.
Also befragen wir das Internet.
Abi-Pur weiß alles
Hölderlin zu zitieren, ist schick und überdies gratis. Es gibt viele Portale, die auf dieses Gedicht hinführen. Das erste, das mir Duckduckgo nennt, heißt Abi-Pur.de. Das richtet sich an AbiturientInnen. Es führt nur den ersten Teil, also 18 Zeilen, an und nennt dafür einfach die zwei ersten Zeilen als Titel: Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset von Johann Christian Friedrich Hölderlin. (Dass schon Hölderlin die Überschrift Stutgard verwendet hat, wird nicht gesagt – der Name der Stadt kommt ja auch erst viel später vor.)
Und die Entstehungszeit? Abi-Pur verrät:
Das Gedicht ist in der Zeit von 1786 bis 1843 entstanden.
Also irgendwann zwischen Hölderlins 16. und 73. Lebensjahr. Ich stelle mir vor, dass ein Abiturient das im mündlichen Examen sagt, und schaudere.Geradezu ein Prüfungskiller ist aber die darauf folgende Belehrung:
„Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm & Drang, Klassik, Romantik, Biedermeier oder Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden.“
Damit ist das Abi wohl gelaufen, und man bereitet sich das nächste Mal besser mit einem anderen Lehrmittel vor.
Die Poesie-Oase ist genauer
Aber die Suche nach dem Entstehungsjahr gibt es noch weitere Quellen. Da wird mir als Nächstes das Portal Poesie-Oase.de angeboten. Hier hat man sich auf eine einfache Jahreszahl festgelegt: 1826.
Das ist ein Vierteljahrhundert nach Hölderlins letztem in Stuttgart. (Nach Paul Ernst [S. 281] ist das nicht mehr die „Zeit der Reife“, sondern längst schon die „Zeit des Irrsinns“. So sah man das damals noch.) 1926 ist aber das Jahr der ersten Druckausgabe. Kann man beim Zitieren natürlich so machen, hilft aber nicht weiter bei der Frage, wann er es geschrieben hat.
Zum Aphorismus gekürt
Es gibt Portale für Aphorismen, also für „gescheite Gedanken, in wenig Worten schlagkräftig und manchmal heiter spöttisch ausgedrückt“ (Knaurs Jugendlexikon). Da kannst du treffende Sätze zu Themen aller Art finden, die du in deine Verkaufspräsentation oder in deinen Liebesbrief einbauen kannst. Aphorismen.de ist so ein Portal, und wenn du einen knackigen Spruch zum Thema Glück suchst, bietet es das Folgende an:
Wieder ein Glück erlebt. Die gefährliche Dürre geneset, Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.
Nein, das ist kein Aphorismus. Aber vergessen wir das. Uns interessiert die Quellenangabe, und die ist ziemlich anders:
Quelle: Hölderlin, F., Gedichte. Aus: Stuttgart, entst. 1800, Erstdruck 1806
Ein letzter Versuch
Dler iteraturwissenschaftliche Blog textlog.de ordnet das Gedicht ein unter „Gedichte nach 1800“ – im Gegensatz zu denen „aus der Zeit der Umnachtung (1806–1843)“.
Ein Überblick
Bisher haben wir also die folgenden Entstehungsjahre zur Auswahl:
1800
1800–1806
1826
1786 – 1843
Ist das wichtig?
Natürlich ist es für uns, die wir uns an einem schönen Gedicht erfreuen, nicht wichtig, wann genau es entstanden ist – auch dann nicht, wenn es verhindert, dass sich Fragen zum langen, unverstandenen Leben Hölderlins ergäben. Aber es zeigt, wie wenig sich Internetportale zu literarischen Themen für Details der Herkunft interessieren. Und wie viel einem da automatisiert präsentiert wird. Ob KI dabei war oder nicht, ist völlig irrelevant. Es wird so schnell präsentiert und konsumiert, dass nur die Textoberfläche hängen bleibt.
Zum Schluss frage ich doch noch die KI
Die Portale der KI (Gemini, ChatGPT, Perplexity, Duck.ai) geben übereinstimmend das Jahr 1800 an, bzw. die Zeit von Juni 1800 und Januar 1801, als sich Hölderlin in Stuttgart aufhielt. Als Quelle wird immer wieder die Homepage der Stadt Stuttgart angegeben, wo es heißt:
Friedrich Hölderlin lebte zwischen Juni 1800 und Januar 1801 sowie im Juni / Juli 1802 im Hause des Kaufmanns Georg Christian Landauer, auf den die Plakette ebenfalls hinweist. Hier entstand Hölderlins große Elegie auf Stuttgart…
Ist die KI also genauer? Es scheint immerhin, dass sie der Wahrheit näher kommt. Allerdings sagt die Stadt Stuttgart nicht, woher sie ihr Wissen hat (braucht sie auch nicht in einem PR-Text). Aber als Quelle für eine gesicherte historische Information (wie ich es von einer KI erwarte) taugt sie damit auch nicht.
Ob das Werk tatsächlich 1800 in Stuttgart entstand, kann auf diese Weise also nicht gesagt werden, auch wenn es wahrscheinlich scheint. Sicher ist, dass Hölderlin bei seinem Stuttgarter Aufenthalt viel neu gedichtet, aber auch Früheres überarbeitet hat. Auf die Schwierigkeiten der Datierung weist freundlicherweise eine der KIs hin, indem sie einen FAZ-Artikel angibt. Der gibt zwar keine Aufschlüsse zu diesem Text, aber macht auf Methoden aufmerksam von denen man als Laie nie geträumt hat. Und lässt einen zweifeln an allen einfachen Antworten auf die Frage: Wann hat er es gedichtet?
Aber da war noch was: der Sommer 1800
Aber da ist ein kleines Detail, das die Gewissheit erhöht. Gehen wir davon aus, dass Hölderlin tatsächlich das Ende eines sehr heißen Sommers verarbeitet hat, dass also sein aktuelles Erleben den Ausschlag für zumindest den Anfang gegeben hat, dann macht das doch neugierig: Alle Welt spricht davon, dass in früheren Jahrhunderten die Sommertemperaturen viel niedriger waren als heute. 1816 war sogar das katastrophale „Jahr ohne Sommer“. Da klingt ein Rückblick über einen Sommer mit „gefährlicher Dürre“ erstaunlich. Aber siehe da: Just im Jahr 1800 waren die Sommermonate so ungewöhnlich heiß, dass darüber wissenschaftliche Berichte erstellt wurden und man sich fragte, wie vorgegangen werden könne, falls das der Anfang einer weitergehenden Klimaerwärmung wäre.
Ein noch immer lesenswerter Bericht des Franzosen Antoine Alexis Cadet de Vaux wurde damals sehr schnell ins Deutsche übersetzt:
[Ant. Alexis Cadet de Vaux:] Beobachtungen über die heiße und trockene Witterung des Sommers 1800, ihre Ursachen und die Mittel, der weitern Zunahme dieses Uebels zuvorzukommen. Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von I. L. Christ. Frankfurt am Main: Philipp Heinrich Guilhauman, 1801.
Er schreibt:
Dieser Sommer ist für viele Forstbäume ihr Herbst: einiger Bäume Laub hat ein dunkles Gelbgrün angenommen, anderer Blätter werden gelb und fallen ab; überhaupt aber schmachten entweder die Gewächse, oder verderben von der Trockene. [S. 25]
Und damit sind wir weit weg von Hölderlins Eingangsworten, aber ihm doch zeitlich nah. Aus einem späteren Jahrhundert blicken wir zurück in jene Zeit lesen:
Wir sind von der Trockenheit verzehret, und die Wissenschaft sagt: man muss nicht die Natur anklagen, sondern den Menschen, der, indem er die Oberfläche der Erde verändert und verdirbt, den Lauf des Luftkreises verändert hat und folglich auch den Einfluss der Witterung. [S. 28]

