Radiotipps für die Woche vom 26. April bis 3. Mai 2015

Arbeitssklaven in Kalabrien
Labor des Wegwerf-Menschen

Von Aureliana Sorrento

Dienstag, 28.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

Rosarno ist eine Kleinstadt im Süden Kalabriens, deren Wirtschaft seit jeher auf dem Anbau von Zitrusfrüchten gründet. Einst ein florierendes Städtchen, hat es seit den 70er-Jahren einen stetigen Niedergang erlebt. Denn irgendwann konnten die kalabrischen Orangen der billigen Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr standhalten.

Um zu überleben, haben die Orangenbauern Verträge mit transnationalen Handelsketten, Saft- und Getränkeherstellern wie etwa Coca-Cola geschlossen. Doch diese globalen Akteure diktieren die Preise auf dem Weltmarkt und drücken sie immer weiter nach unten. Die Orangenanbauer Kalabriens konnten nur überleben, indem sie bis heute vom Elend der Flüchtlingsströme aus Afrika und Osteuropa profitieren.

Die Einwanderer werden als Tagelöhner auf den Straßen Rosarnos angeheuert und schuften auf den Orangenplantagen für 20 oder 25 Euro am Tag. Wenn sie überhaupt bezahlt werden, und wenn sie überhaupt Arbeit finden. Vor allem die meist illegal eingereisten Afrikaner sind dem Gutdünken der Bauern ausgeliefert. Für den Soziologen Fabio Mostaccio sind sie der Prototyp des Wegwerf-Arbeiters, den die neoliberale Globalisierung verlangt.

Kurzstrecke 37

Zusammenstellung: Ingo Kottkamp, Barbara Gerland und Marcus Gammel

Sendung am 29.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Kurz, ungewöhnlich und nicht länger als 20 Minuten: Innovative, zeitgemäße, radiophone Hörstücke aus den Genres Feature, Hörspiel und Klangkunst können an uns geschickt werden. Wir wählen die interessantesten aus und stellen sie in dieser monatlichen Sendung vor.

Der Künstler sagt, es geht um das Thema Angst
Stimmen und Mikrointervalle aus der Psychiatrie
Von Tobias Klich

Pillenbox mit sieben Tageseinsätzen
Voice meets noise
Von müller/ziermann

The sound of white noise
Ich glaub, mein Empfänger ist kaputt
Von Davide Tidoni

Thilo Sarrazin Monolog
Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt: Mein Name ist Thilo Sarrazin
Von Wolfram Lotz

Außerdem: Neues aus der „Wurfsendung“ mit Julia Tieke

1945. Zeitenwende
Das Jahr im Radio

Collage von Wolfram Wessels

Mittwoch, 29.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Ein letztes Mal wurde im Januar noch des Tages der nationalsozialistischen Machtübernahme gedacht, Hitler hält seine übliche Rede und ruft zum Entscheidungskampf. Im Februar wird Dresden bombardiert, im März werden Kinder mobilisiert, im April berichtet das Radio erstmals ausführlich über die Gräuel in den KZs, im Mai vom Selbstmord Hitlers und der Kapitulation. Im Juni und Juli beginnen die Versuche, eine desorientierte Bevölkerung zur Einsicht zu bringen, im August endet der Zweite Weltkrieg nach den Angriffen auf Hiroshima auch im Pazifik, im Oktober werden erste Schlüsse aus der Niederlage gezogen, im November beginnen die Nürnberger Prozesse und im Dezember ist das einzige Weihnachtsgeschenk der Deutschen: Frieden. Mit O-Tönen ausschließlich aus den jeweiligen Monaten folgen wir dem Lauf dieses außergewöhnlichen Jahres in 12 Collagen.

Berlins jüdische Israelis
Meschugge Mischpoke und West-Ost-Divan

Von Babette Michel

Freitag, 01.05.2015, 11:05 Uhr, DLF

Wenn Ronit Land am Denkmal „Züge ins Leben – Züge in den Tod“ vor dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin steht, dann denkt sie an ihre Mutter. Ende August 1939 saß das zwölfjährige jüdische Mädchen Cilly Salomon hier und wartete auf den Kindertransport, mit dem ihr die Flucht aus Nazideutschland gelingen sollte.

Andere Kinder wurden von hier aus direkt ins KZ deportiert. Keine Kleinigkeit für die israelische Choreografin Ronit, jetzt hierher nach Berlin zu ziehen. Und doch wirkt Berlin neuerdings wie ein Magnet auf jüdische Israelis. Vor allem junge unangepasste Journalisten, Studenten, Musiker, Unternehmer und Designer sind zu Hunderten gekommen, um hier zu leben. In Neukölln und Moabit, Kreuzberg und Mitte starten sie Multi-Art-Projekte und unkoschere Gay-Partys, verkaufen die schmackhaftesten Berliner Brezeln und gründen gesellschaftskritische hebräische Magazine. Die Stadt überzeugt mit moderaten Mieten und Platz für Kultur, mit bewusster Geschichtsaufarbeitung und Raum für west-östliche Friedensprojekte.

Und auch, wenn antijüdische Parolen und Übergriffe als Reaktion auf den Gaza-Krieg beängstigend sind: Berlin ist ihr Zuhause. Endlich schließt sich mit ihrem Umzug nach Berlin auch für Ronit der Kreis – im familiären wie im geschichtlichen Sinn.

Orson Welles
Ein Puzzle

Von Thomas von Steinaecker

Freitag, 01.05.2015, 20:05 Uhr, DLF

„Rosebud!“: Es ist eines der großen Rätsel der Filmgeschichte, das letzte Wort des Tycoons Citizen Kane in jenem Film, der regelmäßig an erster Stelle genannt wird, wenn es um Kinoranglisten geht. Zum 100. Geburtstag begibt sich der Schriftsteller Thomas von Steinaecker wie der Reporter in Citizen Kane auf die Suche nach den Puzzlesteinchen, deren Gesamtbild das Rätsel Welles erklären könnten.

Worin liegt überhaupt das Bahnbrechende an Welles‘ Hörspielen und Filmen, die heute ein bedeutungsvolles Raunen umgibt? Ist es gerade jene Masse an Filmschnipseln unrealisierter Projekte, in denen das beispiellos schöpferische Kraftwerk, aber auch die Tragik Orson Welles sichtbar wird?

Svalbard
Norwegens Joker im Run auf die Arktis

Von Harald Brandt

Samstag, 02.05.2015, 13.05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Svalbard – „kühle Küste“ wird die Inselgruppe auf norwegisch genannt. Der 1920 in Paris unterzeichnete Spitzbergenvertrag gesteht Norwegen die volle Souveränität über den gewaltigen Archipel im Polarmeer zu. Allerdings muss Norwegen allen vierzig Unterzeichnerstaaten die gleichen Rechte bei der Ausbeutung von Bodenschätzen gewährleisten, über die es selbst verfügt. Und nicht nur die vermuteten Öl- und Gasvorkommen im Norden sind begehrt. Auf Svalbard beginnt der Run auf die Arktis. Etwa 2000 Menschen leben in der Hauptsiedlung Longyearbyen, über ein Viertel sind Studenten aus aller Welt. In Barentsburg kommen noch etwa 400 russische Minenarbeiter und Wissenschaftler dazu. Norwegen verfügt zwar über die Souveränität, aber wird es den Wettlauf gewinnen?

Die Kinder des Premysl Pitter

Von Jörn Klare

Samstag, 02.05.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Eine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs. – Es sind nicht mehr viele. Die jüngsten sind knapp 80 Jahre alt. Sie leben in Jerusalem und Berlin, in einem oberbayrischen Dorf oder einer hessischen Kleinstadt. Sie erinnern sich an die Zeit, als der Krieg zu Ende ging und ihr Leben bedroht war.

Bis sie einem tschechischen Humanisten begegneten, der im Mai 1945 aus Schlössern in der Nähe von Prag Heime für zumindest zeitweise elternlose Kinder machte. Jüdische Kinder, die Auschwitz überlebt hatten, zusammen mit nichtjüdischen, deutschen Kindern, die in den neuen Internierungslagern der Sieger zu sterben drohten. Wer war dieser Mann, der alles daran setzte, diese Kinder zu retten, egal ob sie von Opfern oder Tätern stammten?

„Getragen von Euren Gebeten …“
Nachwirkungen eines Soldatentods

Von Andreas Fischer

Sonntag, 03.05.2015, 14.05 Uhr, SWR2

„Herzlichst und Heil Hitler, Euer Junge.“ 100 Briefe und Postkarten hatte er an die Familie geschrieben: Onkel Günther, geboren 1921, gefallen nach sechs Tagen Kriegseinsatz 1941 in der Ukraine. Jetzt hat sein Neffe die Hinterlassenschaft: Andreas Fischer, der den Onkel kaum vom Hörensagen kannte. Denn in der Familie wurde kaum über ihn geredet. Wer war dieser ominöse Onkel? Offenbar ein glühender Nazi. Offenbar jemand, der sich und seinem Vater, der Soldat im 1. Weltkrieg war, etwas beweisen wollte. Und was noch? Je mehr sich Andreas Fischer mit den Briefen des Bruders seiner Mutter befasst, desto klarer wird ihm: Onkel Günther war und ist nicht zuletzt die Ursache eines familiären Traumas, das bis in die Gegenwart fortwirkt.

Der Teufel hat Ärger

Von Jörn Klare

Sonntag, 3. Mai 2015, 18:05 Uhr, hr2

Auf der Terrasse seines einfachen Hauses am Rand der liberianischen Hauptstadt Monrovia lässt sich Joshua Milton Blahyi im Licht der untergehenden Sonne den ohnehin schon so gut wie kahlen Kopf scheren. Neben ihm liest sein kleiner Sohn laut in der Bibel.

Später wird Blahyi in einer kleinen Kirche predigen. Sie liegt in einem Teil Monrovias, in dem ihn viele noch aus seinem anderen Leben kennen. Denn hier hat er als Gegner von Charles Taylor in einem barbarischen Bürgerkrieg gekämpft. Blahyi war ein Warlord, Herr über bis zu 7000 meist minderjährige Krieger. Er war ein Priester der schwarzen Magie, der vor seinen Kämpfen regelmäßig Kinder opferte, um deren Herz zu verspeisen. Er soll für den Tod von 20.000 Menschen verantwortlich sein. Sein Kampfname lautete „Butt-Naked“, weil er komplett nackt in die Gefechte stürmte, bis sich ein Mann in sein Hauptquartier wagte, um ihn auf den Weg Gottes zu führen. Dies ist die Geschichte einer Verwandlung.