Charisma gibt es nicht

Barack Obama wird zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Der Spiegel ruft an, die nächste Titelgeschichte soll zum Thema Charisma sein.
Baden-Württemberg wählt ein neues Parlament. Der SWR fragt an, ob ich ein Interview zum Thema Charisma gebe.
Bundeskanzlerin und Herausforderer debattieren im Fernsehen. Der BR will ein Gespräch zum Thema Charisma senden.

Es stellen sich immer wieder die gleichen Fragen:

  • Was ist Charisma?
  • Kann man Charisma inszenieren?
  • Wie inszeniert man Charisma?
  • Aber bei XY (Barack Obama/Willy Brandt/Lady Diana/Martin Luther King/dem Dalai Lama/Mutter Teresa…) war es doch echtes Charisma?

Ich versuche hier kurz und bündig zu antworten aus meiner Sicht. Thema ist dabei der in den Medien verwendete, umgangssprachliche Charisma-Begriff. Er ist abzugrenzen vom mythologischen, vom theologischen und vom politikwissenschaftlichen Begriff. Vor allem seit Max Weber den Typus der charismatischen Herrschaft diskutiert hat, wird seine Definition oft herangezogen. Es ist aber problematisch, dies auf Politikerinnen und Politiker in demokratischen Staaten anzuwenden, weil Weber die charismatische Herrschaft explizit von der legalen (und der traditionalen) abgrenzt.

Wir müssen also über den Allerweltsbegriff „Charisma“ sprechen, zu dem genug Unsinn produziert worden ist – nicht zuletzt Dutzende von Ratgebern des Typs

  • Das Charisma-Geheimnis: Wie jeder die Kunst erlernen kann, andere Menschen in seinen Bann zu ziehen
  • Jeder Mensch hat Charisma: Lassen Sie Ihre Persönlichkeit leuchten
  • Unschlagbar positiv: Die Charisma-Formel
  • Charisma: Die 10 ultimativen Erfolgstipps für eine bessere Ausstrahlung und Anziehungskraft

Und so weiter…

Wie lässt sich diese Art Charisma definieren?

Es ist klar, dass dieser in der Umgangssprache und im Journalismus gebräuchliche Begriff die Fähigkeit einer Person bezeichnet, auf andere eine starke Wirkung auszuüben. Früher hat es gereicht, „Ausstrahlung“ zu sagen. Heute hat sich der Sprachgebrauch so entwickelt, dass „Ausstrahlung“ allein nicht mehr reicht. „Charisma“ ist etwas mehr – und meistens meint man damit etwas, das sich die betreffende Person nicht antrainiert hat. Es wird vielmehr verstanden als ein Talent, eine besondere Gabe (womit wir in der Nähe des theologischen Begriffs wären).

Wesentlich ist, dass wir als Beobachter (im Journalismus, in der Wissenschaft) nur sagen können, dass jemandem von einer mehr oder weniger klar abgegrenzten Gruppe von Menschen Charisma zugeschrieben wird. Deshalb auch die – etwas zugespitzte – Überschrift.

Weil immer dieser Aspekt des Unerklärlichen dabei ist, können wir nicht sagen: „XY hat Charisma“ – sonst würden wir uns ja in die Gruppe der Betroffenen einordnen.

Also:

Charisma ist die einer Führungspersönlichkeit von Fans oder Beobachtern zugeschriebene Fähigkeit, andere zu beeindrucken.

Es wird als eine Ausnahme-Eigenschaft verstanden, die nur wenige haben. Auch wenn unzählige Management-Trainer behaupten, man könne sich mit etwas Übung Charisma holen, widerspricht dies der landläufigen Ansicht, dass es eine besondere Gabe sei.

Was führt dazu, dass jemandem Charisma zugeschrieben wird?

Wir müssen unterscheiden zwischen Personen, die in der direkten Begegnung als charismatisch empfunden werden, und Personen, die in der Öffentlichkeit stehen.

Im Folgenden geht es nur noch um Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und deshalb auch in den Medien als charismatisch bezeichnet werden. (Zu den persönlichen Begegnungen komme ich etwas später.)

Bei einer Person, die in der Öffentlichkeit steht, scheinen zwei Dinge wichtig zu sein:

  • ihre Wirkung in der öffentlichen Kommunikation
  • ihre Biografie

Die Wirkung lässt sich in zwei Haupt-Eindrücken zusammenfassen:

Echt sein: Die charismatische Persönlichkeit wirkt so, dass ihr öffentliches und ihr persönliches Ich übereinstimmen. Man glaubt, dass sie auch im privaten Umgang so ist, wie sie im öffentlichen wirkt.

Präsent sein: Die charismatische Persönlichkeit ist ihrem Gesprächspartner oder Publikum zugewandt. Sie sagt: Ich nehme dich ernst.

Zur Biografie kann einiges gehören, das es einem leichter macht, den Menschen als charismatisch zu verstehen. (Damit sind wir in der Nähe des Weberschen Begriffs.) Sehr wirksam ist ein entscheidendes Ereignis:

ein Schicksalsschlag, den er überwinden konnte, eine Niederlage, aus der er sich hochgerappelt hat.

Das macht es auch besonders schwierig, eine charismatische Wirkung künstlich herzustellen. Eine beeindruckende Wirkung kann man zwar mit rhetorischen Mitteln erzielen, aber eine durchbrochene Biografie lässt sich nicht so ohne weiteres konstruieren.

Lässt sich Charisma inszenieren?

Als Mitglied der Fangemeinde einer als charismatisch geltenden Persönlichkeit müsste ich sagen: Klar lässt sich das inszenieren; aber wir würden den Braten riechen.

Als Beobachter würde ich sagen: Man kann überlegen, was dazu beigetragen hat, dass anderen Leuten Charisma zuschrieben wurde, und das dann nachahmen – wenn man das denn für erstrebenswert hält.

Aus aktuellem Anlass eine Antwort auf die Frage, ob Martin Schulz denn da eine Chance hat.

Seine Lebensgeschichte bietet eine Voraussetzung, die er oft erwähnt: Schulz war ja bekanntlich Alkoholiker und hat das erfolgreich überwunden. Nur war das in den 70er-Jahren, zu einer Zeit, als man sich nicht für ihn interessierte. Und er ist offenbar nicht zynisch genug, um daraus eine ergreifende Geschichte zu machen. Dies spricht eigentlich eher für ihn.

Bleibt die Kommunikation, in seinen Reden, in seinen Interviews: Dass er ehrlich ist, bringt er gut rüber. Aber er müsste auch zeigen, dass er die Menschen, die ihm zuhören, ernst nimmt. Vor allem in seinen Interviews signalisiert er ja mit jeder Faser, dass er eigentlich gerade lieber etwas Gescheiteres täte.
Ich vermisse bei ihm die einfachen Botschaften:

Ich habe euch etwas zu sagen.
Ich höre euch zu.
Und ich tue das gern, weil ich mich für euch interessiere.

Das ist keine Sache der oberflächlichen Formulierung, sondern es ist eine Sache der Einstellung. Das würde sich auch nonverbal ausdrücken, in der Mimik, in der Gestik und in der Intonation.

Diese Einstellung nützt jedem Menschen, der in der Öffentlichkeit reden muss. Es macht ihn glaubwürdiger, weil er mit einer solchen Einstellung gar nicht anders kann, als auf die Leute einzugehen. Ob ihm dann Charisma zugeschrieben wird, ist ja eigentlich egal.