Radiotipps für die Woche vom 15. bis 21. Februar 2016

Wahlkampf in den USA Was kostet die Demokratie?

Von Tom Schimmeck

Dienstag, 16.02.2016, 19:15 Uhr, DLF

Niemand mischt massiver in der US-Politik mit als „Charles and David Koch“ – je gut 40 Milliarden Dollar schwer. Sie investieren in ihnen genehme Politiker und Kampagnen, finanzieren Think Tanks und Institute und gründen neuartige Organisationen.

Der Kochgesteuerte Verein Freedom Works soll im Wahljahr 2016 über einen Propaganda-Etat von 889 Millionen Dollar verfügen. Americans for Prosperity, von den Kochs finanziert, unterhält Gliederungen in fast allen Bundesstaaten.

Die Koch-Brüder herrschen über den Großkonzern Koch Industries, der Papierfabriken, Pipelines und Raffinerien betreibt. Politisch stehen sie am rechten Rand der Republikaner. Sie agitieren gegen Obamacare für weitere Steuersenkungen und bestreiten den Klimawandel.

Libyen
Eine Reise in den Abgrund

Von Bettina Rühl

Mittwoch, 17.02.2016, 22.03 Uhr, SWR2

In Libyen verhalfen die NATO und einige arabische Staaten vor vier Jahren bewaffneten Milizen zu einem Sieg über den langjährigen Diktator Muammar al-Gaddafi. Doch was ein Systemwechsel werden sollte, führte zu permanentem Bürgerkrieg und zum Kollaps von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Das Land ist zerfallen, zwei Regierungen ringen um die Vorherrschaft. Konkurrierende Milizen, darunter der Islamische Staat, kämpfen um Einflussgebiete. Ökonomische, ethnische und ideologische Interessen sind dabei kaum unterscheidbar. Für die Bevölkerung wird das Leben immer schwieriger, Lebensmittel und Benzin werden in dem ölreichen Land immer knapper, Medikamente und medizinische Behandlungen zum Luxus. Was ein Kampf für Demokratie werden sollte, stellt sich heute für viele als Kampf ums pure Überleben dar. Wie bewältigen sie überhaupt noch ihren Alltag in einem kollabierten Staat, einer kollabierten Wirtschaft? Wen machen sie für das Chaos verantwortlich, von wem erhoffen sie sich Hilfe.

Fremdenfeindlichkeit im OstenWer ist das Volk?

Von Thomas Gaevert

Mittwoch, 17.02.2016, 00:05 Uhr, DR Kultur

Auch in der DDR gab es Ausländer. Vertragsarbeiter wurden sie genannt. Sie kamen aus Vietnam, Mosambik, Angola und anderen Bruderländern. Doch von sozialistischer Solidarität war nicht viel zu spüren.

Von den DDR-Bürgern wurden die Migranten aber sorgsam abgeschottet. Kam es dennoch zu Begegnungen, gab es Vorbehalte, Diskriminierungen und Konflikte.

Liegen hier die Ursachen für eine besondere Form von Fremdenfeindlichkeit, die sich durch enttäuschte Hoffnungen nach der Wende noch verstärkt hat? Führt von hier ein direkter Weg zur Pegida-Bewegung?

Jozi-Stories
Das Johannesburg der Künstler

Von Gaby Mayr und Günther Beyer

Freitag, 19.02.2016, 20:10 Uhr, DLF

„Die Stadt ist meine Muse“, sagt Billie Zangewa, die aus Malawi nach Johannesburg kam und mit ihrer Textilkunst international Erfolg hat. Doch immer noch bildet die Apartheid den Hintergrund künstlerischer Reflexion in Jo’burg, Kosename Jozi. Familiengeschichten, die von der Apartheid beschädigt wurden.

Die Fotografin Lebohang Kganye etwa hat beim Market Photo Workshop im Johannesburger Zentrum ihre Kunst gelernt. Ihre Collagen erzählen: Ihr Kollege Muntu 
Vilakazi porträtiert die Glitzerwelt der schwarzen Aufsteiger. Der Schriftsteller Ivan Vladislavic, aus einer irisch-kroatischen Familie stammend, siedelt seine Geschichten unter den kleinen weißen Leuten im Johannesburger Stadtteil Troyeville an. Niq Mhlongo schreibt über Soweto, den Ort, an dem er aufgewachsen ist. Und William Kentridge?

Der vielleicht bekannteste Künstler aus Jo’burg ist überzeugter Bürger der Stadt, aber selten zu Hause. Die Autoren besichtigten seine Studios – und treffen ihn schließlich in Amsterdam.

First Contact
Was, wenn die Erde Besuch bekommt?

Von Thomas Palzer

Samstag, 20.02.2016, 13:05 Uhr, Bayern 2

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Die NASA ist davon überzeugt, dass in den nächsten Jahren extraterrestrisches Leben entdeckt werden wird – und mit ihr sind es die meisten Naturwissenschaftler und die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Aber werden wir außerirdisches Leben überhaupt als solches erkennen können? Und was bedeutet seine Existenz, wenn es denn existiert, für uns – für die Stellung des Menschen im Kosmos?
Im Oktober 1997 gestartet, untersucht die Cassini-Sonde seit elf Jahren den Saturn und seine Monde. Und inzwischen hat er auf den Monden Io, Europa, Titan und Enceladus flüssiges Wasser entdeckt – in Form von gigantischen Ozeanen unter einer dicken Eisschicht. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass demnächst dort primitives Leben nachgewiesen werden kann – und der Unterschied zwischen primitivem und intelligentem Leben ist bekanntlich nur eine Frage der Zeit.
Das Feature stellt sich dem Szenario, dass die Erde Besuch bekommen hat – von einer Sonde aus zweifelsfrei nicht-terrestrischer Hand. Was passiert, wenn wir entdecken müssen, dass wir besucht worden sind und von einer Sonde beobachtet werden, die den Instrumenten ähnelt, mit denen wir ansonsten andere Planeten besuchen und beobachten.
Wird das der so genannte First Contact sein – und: Was nun?

Radiomacher zwischen Berlin und Aleppo
Syria FM

Von Julia Tieke

Samstag, 20.02.2016, 18.05 Uhr, DR Kultur

Sie heißen „Syrische Brisen“, „Radio Seele“, „Unser Land FM“ oder „Radio für alle“ – über 20 syrische Radiosender sind in den letzten drei Jahren entstanden – mit Mitarbeitern in Syrien und Studios im Ausland.

Angetrieben vom Wunsch nach friedlicher Veränderung, wollen die zumeist jungen Radiomacher/innen dem Klang des Krieges etwas entgegen setzen, die Stimme erheben, informieren, endlich frei sprechen. Über das Internet, per Satellit und mit nach Syrien geschmuggelten Antennen überwinden sie im Radioraum Grenzen, verbinden Exil und Heimat.

Die Autorin hat über den Zeitraum eines Jahres syrisches Radio gehört und die Macher in Berlin, Istanbul und Gaziantep besucht.

Angel Radio
Der Soundtrack der Erinnerungen

Von Michael Lissek

Sonntag, 21.02.2016, 14.05 Uhr, SWR2

In der kleinen südenglischen Ortschaft Havant, im Hinterzimmer eines Antiquitätengeschäftes gibt es einen Lokalradiosender, der sich AngelRadio nennt: „A Radio for Older People from Older People“. Bob, Tony, Jilly, Peter und Linda gehören zu den Radiomachern. Alle sind über 70 und Margret ist sogar 91. Sie kümmern sich um ein Publikum, das nicht wesentlich jünger ist als sie selbst. Und spielen ausschließlich Musik, die vor 1960 aufgenommen wurde. Musik, die die Zuhörer an ihre Jugend erinnert. AngelRadio ist „pure nostalgia“. Eine Nostalgie, die sich auch Hörern vermittelt, die die „guten alten Zeiten“ nicht miterlebt haben. Die Schelllackplatten knistern, man hört Folgen eines in den 1940-er Jahren aufgenommenen Kinder-Hörspiels, und die Hörer tauschen sich über ihre frühesten Erinnerungen aus. Ein Feature über die Magie des Radios und seine noch immer lebensspendende Kraft.

 

Radiotipps für die Woche vom 7. bis 14. Februar 2016

Libyen
Eine Reise in den Abgrund

Von Bettina Rühl

Dienstag, 9.2.2016, 19.15 Uhr, DLF

In Libyen verhalfen die NATO und einige arabische Staaten vor vier Jahren bewaffneten Milizen zu einem Sieg über den langjährigen Diktator Muammar al-Gaddafi. Doch was ein Systemwechsel werden sollte, führte zu permanentem Bürgerkrieg und zum Kollaps von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Wer ist für dieses Chaos verantwortlich?

Das Land ist zerfallen, zwei Regierungen ringen um die Vorherrschaft. Konkurrierende Milizen, darunter der „Islamische Staat“, kämpfen um Einflussgebiete. Ökonomische, ethnische und ideologische Interessen sind dabei kaum unterscheidbar. Für die Bevölkerung wird das Leben immer schwieriger, Lebensmittel und Benzin werden in dem ölreichen Land immer knapper, Medikamente und medizinische Behandlungen zum Luxus.

Was ein Kampf für Demokratie werden sollte, stellt sich heute für viele als Kampf ums pure Überleben dar. Wie bewältigen sie überhaupt noch ihren Alltag in einem kollabierten Staat, einer kollabierten Wirtschaft? Von wem erhoffen sie sich Hilfe?

Kybernetik made in GDR
Deutsches Demokratisches Rechnen
Die Geschichte einer abgebrochenen Computerrevolution

Von Dietmar Dath und Thomas Gebel

Mittwoch, 10.02.2016, 00:05 Uhr, DR Kultur

Was hat die Begeisterung Walter Ulbrichts für die Kybernetik mit der Datensammelei von „BIG DATA“ heute zu tun? Moderne Kybernetik wurde in der Sowjetunion zunächst als reaktionäre Irrlehre bekämpft.

„Bürgerlich“ fand man die Steuerungstheorie, ohne die die heutige Informationstechnik undenkbar ist.

Doch in den Sechziger-Jahren begann auch die DDR mit einem Experiment zur Nutzung elektronischer Datenverarbeitung.

Meine Firma in Bulgarien
Griechische Unternehmer wandern aus

Von Marianthi Milona

Mittwoch, 10.02.2016, 22:03 Uhr, SWR2

Mehr als ein Drittel der griechischen Unternehmen haben eine Hausadresse in Bulgarien, Rumänien, Mazedonien oder Albanien. Dass viele griechische Firmen in den letzten Jahrzehnten in die angrenzenden Balkanländern abgewandert sind, ist nicht neu, hat auch nicht erst mit der Krise in Griechenland begonnen. Dennoch ist die Zunahme ungewöhnlich. Welche Gründe veranlassen einen griechischen Geschäftsmann, sich im benachbarten Land niederzulassen? Und welche Schwierigkeiten erwarten ihn vor Ort? Die griechischen Geschäftsleute erzählen über ihren Alltag im Ausland und die Folgen, die ein solcher Umzug für ihr persönliches Leben, aber auch für die Wirtschaft in ihrer Heimat mit sich bringt.

Fünf Freunde in Syrien
Damaskus mon amour

Von Karin Leukefeld

Samstag, 13.02.2016, 18:05 Uhr, DR Kultur

Keiner der fünf Freunde ist Anhänger der Assad-Regierung. Als im März 2011 in Syrien die Unruhen beginnen, diskutieren sie, was man tun könnte. Sie helfen Inlandsvertriebenen, organisieren kulturelle und sportliche Events, um ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern.

Julia arbeitete in einem Ministerium. Amer führte mit Kollegen ein Dolmetscherbüro. Selim war bei einer Versicherung tätig. Jihad träumte von einer Ausbildung zum Journalisten, Safwan wollte an der Uni Karriere machen. Sie sind Christen, Muslime, Ismaeliten, Palästinenser und Drusen.

Der Universalgelehrte Raoul Hausmann
Wir fordern die Erweiterung und Eroberung aller unserer Sinne

Von Joachim Büthe

Freitag, 12.02.2016, 20:10 Uhr, DLF

Am Anfang war Dada. Doch August Sander ordnet Raoul Hausmann in seinem Bildatlas „Menschen des 20. Jahrhunderts“ nicht den Künstlern zu, sondern den Technikern und Erfindern. Er porträtiert ihn im selbst entworfenen, etwas groß geratenen Anzug.

Nach Dada wendet sich Hausmann der Optophonetik zu, seiner Theorie der Umwandlung von optischen in akustische Signale und wieder zurück. Um dies erreichen zu können, wird Hausmann zum Künstleringenieur. Zwei Patente sind auf seinen Namen angemeldet. Diese Wandlung, bei der die dadaistischen Prinzipien der Montage und Collage nicht verloren gehen, macht ihn zu einem der Vorläufer heutiger Medienkunst.

Im Exil lassen sich die technischen Experimente nicht weiterführen. Hausmann wendet sich jetzt der Fotografie zu, sowohl praktisch als auch theoretisch. Sein Versuch, die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern, findet ein neues Feld. Seine Grundeinstellung verändert sich jedoch nicht. Sie besteht auch darin, laufend neue theoretische Gebäude zu errichten, um sie umgehend wieder einzureißen. Er bleibt ständig in Bewegung, wechselt furchtlos die Perspektiven und Gebiete und scheut den Selbstwiderspruch nicht. Auch am Ende war Dada.

Die Zeit, die noch bleibt
Auf einer Palliativstation in Heidelberg

Von Reinhard Schneider

Samstag, 13.02.2016 13:05 Uhr, Bayern 2, Wiederholung am Sonntag, 21:05 Uhr

Zwei Wochen lang begleitete der Autor rund um die Uhr Patienten, Angehörige und das Stationspersonal einer Palliativstation in Heidelberg. Irmgard B. führte einst ein kleines Flugunternehmen, jetzt liegt sie im Sterben und singt mit einer Musiktherapeutin alte Schlager. Im benachbarten Zimmer versucht Burkhard B. die Ärzte davon zu überzeugen, seinen nahenden Tod zu beschleunigen. Die Frau eines todkranken Orchestermusikers wirkt plötzlich wie gelöst, als sie erfährt, dass ihr Mann in wenigen Tagen sterben wird. Fast keiner der Patienten hat die vierzehn Tage überlebt. Es waren allerdings nicht nur Kummer und Leid, die der Autor hier erlebte, sondern zugleich Hoffnung und Trost. Sterben kann unter bestimmten Bedingungen gleichsam gelingen. Die Palliativmedizin sieht im Prozess des endgültigen Entschlummerns am Ende des Lebens durchaus Gemeinsamkeiten mit dessen Beginn, der Geburt: Beides bedarf menschlicher Anteilnahme, Hilfe und Zuwendung.

Schnelle Eingreiftruppe mit Musik
Die neuen Aufgaben der Bundeswehr-Orchester

Von Anja Kempe

Sonntag, 14.02.2016, 14:50 Uhr, SWR2

Die Trommeln, Flöten und Posaunen und die Knöpfe der Uniformen blitzen in der Sonne, die durch die Fenster des Probensaals fällt. Die Musikkorps der deutschen Streitkräfte üben für ihre Auftritte in Kriegs- und Krisengebieten. Sie sollen die einheimischen Bevölkerungen mit Musik unterhalten, in Afghanistan, Afrika und anderswo. Intern gilt das als strategischer Kampfeinsatz. Die gegenwärtigen Schlachten könnten nicht mehr allein mit Waffen geschlagen werden, heißt es. Doch wie interpretiert man in Timbuktu oder Kabul ein Platzkonzert mit Schlagzeugsolo, im militärischen Auftrag dargeboten von deutschen Musikfeldwebeln?

 

Radiotipps für die Woche vom 1. bis 7. Februar 2016

Im Gegenwind
Der weltweite Kampf um Lohn und bessere Arbeitsbedingungen

Von Caspar Dohmen

Dienstag, 2. Februar 2016, 19.15 Uhr, DLF

Gewerkschaften, die historisch eine wichtige Rolle bei der Einführung fundamentaler Sozial- und Arbeitsrechte spielten, sind heute fast überall schwach. Der Internationale Währungsfonds sieht eine zentrale Ursache der zunehmenden sozialen Ungleichheit in der Schwäche der Gewerkschaften. Was sind die Ursachen des Niedergangs?

Auf der Suche nach Antworten hat der Autor drei überzeugte Gewerkschafter getroffen: in Pakistan, El Salvador und in Deutschland. Ihre Geschichten zeigen, wie und warum der Kampf um Arbeitnehmerrechte weltweit immer schwieriger wird. Wer sich organisiert, verliert mancherorts seine Arbeit, landet auf schwarzen Listen oder riskiert sogar sein Leben.

Selbst in Europa gibt es Rückschritte. Ohne starke Gewerkschaften bleiben bessere Arbeitsbedingungen in der globalen Arbeitsteilung jedoch eine Illusion.

Pelle oder Panzer
Robert und Robert suchen einen Anzug

Von Beate Berger

Mittwoch, 3. Februar 2016, 00.05 Uhr, DR Kultur

Robert singt. Robert hat bald seinen ersten Auftritt. Robert braucht einen Anzug. Robert kennt sich mit Anzügen nicht aus. Deshalb fragt Robert Robert.

Robert ist der ehemalige Tanzlehrer von Robert. Robert und Robert ziehen los. Durch Kaufhäuser, Fachgeschäfte, Boutiquen. Robert und Robert sind nicht allein. Beate Berger geht mit. Und guckt und hört zu. Und macht sich mit anderen Frauen Gedanken. Was ist das für ein Kleidungsstück, ohne das der Mann nicht kann? Ist der Anzug Pelle oder Panzer? Ist er Bekleidung oder Verkleidung? Macht er den Mann erst zum Mann? Und wenn ja zu welchem?

Mein Essen bau ich selbst an
Das Modell Solidarische Landwirtschaft

Von Jan Schilling

Mittwoch, 3. Februar 2016, 22.03 Uhr, SWR2

Die Biolandwirtschaft steckt in der Krise. Allein in Mecklenburg-Vorpommern hat die Ökolandbau-Fläche 2014 um 6.000 Hektar abgenommen, obwohl der Umsatz bei Biolebensmitteln bundesweit gestiegen ist. Auch Biokonsumenten sind anspruchsvoller geworden, haben sich an gerade gewachsene Möhren gewöhnt. Großbetriebe können die liefern, Kleinbauern aber oft nicht. Sie setzen auf alternative Vermarktungsmodelle wie die Gemüsekiste oder den Hofladen. Die erwiesen sich als wenig erfolgreich: zu hohe Auflagen, zu wenig Abnehmer. Das Modell einer Solidarischen Landwirtschaft soll jetzt Abhilfe schaffen. Es entstand in den späten 80er-Jahren und gilt mittlerweile weltweit als Erfolgsmodell. In Deutschland gibt es rund 100 Höfe, die entsprechend wirtschaften. Meistens übernehmen von Kunden getragene Kooperativen die Verantwortung und die Finanzierung für mehrere Höfe. Sie ernten, holen die Lebensmittel ab und verteilen sie an die beteiligten Familien, die dafür einen regelmäßigen Beitrag zahlen. Ein kleiner Nebeneffekt: weniger Gemüse landet im Müll, weil auch krumme Möhren beim Kunden ankommen. Jan Schilling geht der Frage nach, ob Solidarische Landwirtschaft eine mögliche Antwort auf die Krise der Biolandwirtschaft und die Lebensmittelverschwendung ist oder doch nur ein Nischenmodell.

Bella Fromm
Von der Gesellschaftsreporterin in Berlin zur politischen Exilantin in New York

Von Nea Matzen und Jan Ehlert

Freitag, 5. Februar 2016, 20.10 Uhr, DLF

Zwar lebte die jüdische Journalistin Bella Fromm bis 1938 in Berlin, viel bekannter wurde sie allerdings in den USA. Als Exilantin verfasste sie ein Tagebuch, in dem sie den Aufstieg der Nationalsozialisten schilderte.

„Blood and Banquets. A Berlin Social Diary“ avancierte 1943 zum „New York Times“-Bestseller und war ein wichtiger Bestandteil der Anti-Nazi-Propaganda der Roosevelt-Regierung, die die Bevölkerung vom Kriegseintritt gegen Deutschland überzeugen sollte. Die Entstehungsgeschichte dieses Buchs wirft zugleich ein völlig neues Licht auf die politische Arbeit der Exilanten in den 40er-Jahren. Schon in Deutschland war Fromm eine bestens vernetzte Gesellschaftsreporterin, hatte im Berlin der Zwischenkriegszeit enge Beziehungen in Diplomaten- und Nazi-Kreise.

Das Feature erzählt eine Lebensgeschichte voller überraschender Wenden und liefert ungewöhnliche Einblicke in die jüngere Pressegeschichte. Unveröffentlichte Originaltexte aus dem Archiv in Boston, in dem ihr Nachlass aufbewahrt wird, und Radiointerviews mit US-Sendern aus den 40er-Jahren lassen das Bild einer deutsch-amerikanischen Karriere entstehen.

Unendlicher Spaß e. V.
Aufzeichnungen einer verhinderten Faschingsprinzessin

Von Elisabeth Veh

Samstag, 6. Februar 2014, 13.05 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Wenn jedes Jahr am 11.11. die Faschingssaison offiziell eröffnet wird, laufen Training und Vorbereitungen in den bayerischen Faschingsvereinen schon längst auf Hochtouren. Die verzeichnen seit Jahren einen hohen Zulauf an aktiven Mitgliedern und Veranstaltungsbesuchern. Lustig sein hat Hochkonjunktur, auch oder gerade in Krisenjahren, und die Faschingsgesellschaft rangiert vor allem in den ländlichen Gegenden auf einer Ebene mit Freiwilliger Feuerwehr oder Fußballclub. Und macht dabei viel mehr als nur: Spaß. Vielmehr erinnert dieser Hofstaat um Prinzenpaar, Garde und Hofnarren, wie er jedes Jahr wieder in Dörfern und Kleinstädten vom Allgäu bis ins Fichtelgebirge ausgerufen wird, an die Idee von einer perfekten Gemeinschaft: Ernsthaftes Engagement ist ebenso gefordert wie Fleiß und Durchhaltevermögen, wenn Lustig-Sein ein Breitensport ist. Jeder kann etwas erreichen, hat sogar Aufstiegschancen, wenn er nur lang genug dabei ist. Und jeder zählt etwas, auch der, der in monatelanger Kleinstarbeit Umhänge-Orden anfertigt. Der Hofstaat im bayerischen Fasching funktioniert hierarchisch – und er funktioniert. Vielleicht ist er ja die Miniatur einer viel besseren Gesellschaft?

Weil ich Luft zum Atmen brauche
Arabische Filmemacherinnen als Spiegel ihrer Gesellschaften

Von Rebecca Hillauer

Samstag, 6. Februar 2016, 18.05 Uhr, DR Kultur

Filmemacherinnen gehören seit jeher zu den Vorreiterinnen für Frauen- und Menschenrechte in der arabischen Welt. Sie sind auch Dokumentaristen des Arabischen Frühlings und seiner Nachwirkungen.

In Ägypten, wo inzwischen wieder das Militär regiert, hat die koptische Regisseurin Amal Ramsis ein Internationales Frauenfilmfestival initiiert. Ihre franko-tunesische Kollegin Nadia El Fani lebt offen lesbisch – nicht nur in Paris. Seitdem sie sich in einem ihrer Filme zudem als Atheistin outete, steht sie auf der Todesliste von Islamisten.

„Sei selber die Laterne“
Das schillernde, konsequente Leben und Werk des Widerstandskünstlers Fred Denger

Von Hannelore Hippe

Sonntag, 7. Februar 2016, 14.05 Uhr, SWR2

Niemand kennt Fred Denger, dabei hat er ein umfangreiches Lebenswerk hinterlassen. Als junger Mann kämpfte er in einer skurrilen Widerstandsgruppe gegen die Nazis, verfasste danach engagierte Dramen und schrieb zahlreiche Romane. Sein bekanntestes Theaterstück ist „Langusten“, das mit der großen Tilla Durieux Erfolge feierte. Dann machte er Karriere als Drehbuchautor: „Der Ölprinz“ und „Der unheimliche Mönch“, Filme nach Karl May und Edgar Wallace. Bis er schließlich ins Wendland zog und zu einer Lichtgestalt der Anti-Atommüllbewegung wurde. Da hatte er bereits das Alte Testament in den Jargon des späten 20. Jahrhunderts übertragen. Den Erfolg seines „Großen Boss“ erlebte er nicht mehr. Denn er fiel vorher besoffen die Treppe runter. Der Tod erlöste ihn auch von der Suche nach der richtigen Frau – nach zwölf Ehen.

Heinz Erhardt – ein Porträt

Von Karin Köbernick

Sonntag, 7. Februar 2016, 18:05 Uhr, hr2

An diesem Karnevalssonntag möchten wir an einen Komödianten erinnern, der fern allen Karnevalsklamauks als Komiker, Musiker, Komponist und Kabarettist die Menschen bis heute begeistert.

Aber die Autorin wirft auch einen Blick hinter die Kulissen des Komödianten mit der Hornbrille: Sie erzählt von Erhardts Jugend, dem Beginn seiner Karriere, seinen größten Erfolgen auf der Bühne, auf der er immer „noch´n Gedicht“ wusste, und von den raren Momenten, in denen er ganz privat war.

 

Radiotipps für die Woche vom 25. bis 31. Januar 2016

EPAs
Freihandelsabkommen zwischen Europa und Afrika

Von Nora Bauer

Dienstag, 26.01.2016, 19:15 Uhr, DLF

Welche Folgen hat der globale Handel? Für ein Land oder eine Region und die Menschen, die dort leben? Afrika ist am Außenhandelsvolumen Europas mit etwa 2 Prozent beteiligt. Das soll sich jetzt ändern. Die EU möchte mit den Staaten Afrikas Freihandelsabkommen abschließen, die „Economic partnership agreements“, kurz EPAs.

Während die Unterhändler der EU schon auf die enormen Rohstoffe und die endlosen Hektar afrikanischen Ackerbodens spekulieren, verweigern die Afrikaner ihre Unterschrift. Sie befürchten eine Überschwemmung ihrer Märkte mit europäischen Waren. Schon führen die Europäer im großen Stil Milchviehherden ein, um den afrikanischen Verbraucher an den fremden Geschmack von Käse, Quark und Latte Macchiato zu gewöhnen.

Befürworter der Abkommen erwarten eine Verdoppelung der Handelsvolumina in den kommenden zehn Jahren, Kritiker befürchten einen „run“ auf die Rohstoffe und eine „Europäisierung“ der Lebensgewohnheiten. Sie fordern Unterstützung für den Ausbau der heimischen Produktion, um die wirtschaftliche Entwicklung nicht zu blockieren und die Identität des Kontinents zu wahren.

Geschichten aus dem KitKatClub
Orgie, jede Woche

Von Christoph Spittler

Mittwoch, 27.01.2016, 00.05 Uhr, DR Kultur

Um den 1994 eröffneten KitKatClub in Berlin ist eine Szene von Clubs und Partycliquen entstanden, in der ganz unterschiedliche Milieus aufeinander treffen: der Operntenor im Babydoll und der rollstuhlfahrende Bodypainter, solariumsgebräunte Vorstadtpärchen und weißhaarige Althippies, schwule Bodybuilder und spießige Normalos.

Was hinterlässt es für Spuren, jedes Wochenende, jahrelang, abzutauchen in diese Welt aus Sex, Trance, ohrenbetäubender Musik und chemischen Katalysatoren?

Woher diese Sehnsucht nach der totalen Orgie?

Der Preis der Heilung

Von Nikolaus Nützel

Mittwoch, 27.01.2016, 22.03 Uhr, SWR2

Neue Arzneien, etwa gegen die chronische und lebensbedrohende Leberentzündung Hepatitis C, machen vielen Patienten Hoffnung auf Heilung. Allerdings nutzen die Hersteller den Patentschutz ihrer Medikamente, um Höchstpreise zu verlangen. So gilt ein neues Hepatitis-Präparat als teuerstes aller Zeiten. Die „1000-Dollar-Pille“ scheint erst der Anfang einer breiten Entwicklung, fürchten Fachleute. Wie sind die schwindelerregenden Preise der Pharmafirmen kalkuliert? Der Widerstand von Krankenkassen und Ärzten wächst gegen eine rein marktwirtschaftliche Logik im Gesundheitswesen. Hat die Gesundheitspolitik in einem renditeorientierten und globalen Markt überhaupt Handlungsspielräume? Es ist ein Machtkampf entbrannt, bei dem Patienten und Beitragszahler die Leidtragenden sein könnten.

Heteroptera
Die Wissenskünstlerin Cornelia Hesse-Honegger

Von Christine Nagel

Freitag, 29.01.2016, 20:10 Uhr, DLF

Cornelia Hesse-Honegger zeichnet und malt Insekten und Kleintiere. Weltweit bekannt wurde sie mit ihren Bildern von deformierten Wanzen, lateinisch: Heteroptera. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl machte sie über das Zeichnen Entdeckungen, die sie nicht mehr losließen. Sie dokumentierte verformte Beine, Fühler und Flügel, außergewöhnliche Farbmuster oder bizarre Auswüchse.

Bald bestätigte die Wissenschaft ihre vorsichtigen Schlüsse: Besonders die Niedrigstrahlung verursacht genetische Schäden, die erst in späteren Generationen sichtbar werden. Am 28.Oktober 2015 erhielt Cornelia Hesse-Honegger für ihr aufklärerisches Werk den Nuclear Free Future Award.

Ihre künstlerische Arbeit steht in der Tradition der metaphorischen Zeichnung. Dabei findet die Erkenntnis nach und aufgrund der Bildwerdung statt. Es lehrt das Sehen als „Erlangen von Einsicht“.

Whistleblowing in den USA
Heimat der Mutigen
Warum Edward Snowden fliehen musste

Von Dieter Wulf

Samstag, 30.01.2016, 18.05 Uhr, DR Kultur

Spätestens als im Juni 2013 Edward Snowden Hongkong Richtung Russland verließ, war klar: Zurück ins „Land der Freiheit, Heimat der Mutigen“, wie es in der amerikanischen Nationalhymne heißt, kehrt der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter voraussichtlich nicht.

Frühere Whistleblower sind sich einig: In den USA hätte Snowden keinen fairen Prozess zu erwarten. Der Autor spricht mit ehemaligen NSA-Mitarbeitern und Tipp-Gebern, Informanten und Menschenrechtsaktivisten, Wissenschaftlern und Snowden-Vertrauten sowie Mitarbeitern beim „Government Accountability Project“, der führenden Whistleblower-Schutz-Organisation.

Wir sind nur Passagiere
Das Leben des Ignace Isekemanga zwischen Hannover und Kinshasa

Von Andreas Kebelmann

Sonntag, 31.01.2016, 14.05 Uhr, SWR2

„Als meine Mutter mir gesagt hat, wir gehen zurück nach Afrika, hab ich gedacht: ich geh zurück in die Hölle.“ Ignace Isekemanga wurde 1987 als Drittjüngster von neun Geschwistern in Kinshasa geboren und kam mit einem Jahr nach Saarbrücken. Er wuchs in Deutschland auf, ging im Alter von 14 Jahren wieder in den Kongo, machte dort das Abitur, kehrte mit 19 zurück nach Deutschland und begann Politikwissenschaften in Hannover zu studieren, wo er heute lebt. „Ich habe immer das Gefühl, dass ich irgendwas für den Kongo machen muss. Das ist wie ein permanenter Druck.“ Zusammen mit Freunden gründete der 28-jährige Ignace Isekemanga die Musik-Band Bugaro International. „Einer unserer Träume ist, dass wir Konzerte im Kongo geben.“

 

Radiotipps für die Woche vom 11. bis 17. Januar 2016

Unbequeme Helfer
Die PKK und ihr Kampf gegen den IS

Von Marc Thörner

Dienstag, 12.01.2016, 19:15 Uhr, DLF

Selbstmordattentate, Selbstverbrennungen, Geiselnahmen, ein Personenkult, der an die dunkelsten Zeiten des Stalinismus erinnert – all das gehört zur Geschichte der PKK, der Kurdischen Arbeiterpartei. Nicht nur die Türkei, auch viele westliche Staaten stufen die PKK bis heute als Terrororganisation ein. Ist der Aufschwung nur ihrem militärischen Erfolg geschuldet?

Oder wirft sie ideologischen Ballast ab? Seit PKK-Truppen sich als die erfolgreichsten im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) erweisen, wandelt sich das Bild, gewinnt sie Anhänger über nationale, ethnische und politische Grenzen hinweg.

Hat sie das Zeug, sich zu einem Katalysator des Säkularismus in der Region zu entwickeln, einer starken und mehrheitsfähigen Gegenkraft zum religiös begründeten Fanatismus?

Der Autor recherchiert in Erbil, im nordirakischen Einflussgebiet der PKK, den Kandil-Bergen und an den Kriegsfronten.

Take Me Home
Oder: Ist es überhaupt Gesang?

Von Michael Lissek

Mittwoch, 13.01.2016, 00.05 Uhr, DR Kultur

Jeden Sonntagabend singen sie in einer Bowling-Bahn in Berlin Karaoke: Dave, Willy, Jenny und viele andere. Country-Songs, Phil Collins, Barry Manilow, Silbermond. Doch was sie tun, ist mehr als Nachsingen.

Sie benutzen die Songs der anderen, um ihre persönlichen Geschichten zu erzählen: von toten Vätern, verhunzten Kindheiten, verlorenen Partnern, fehlendem Selbstwertgefühl, verlorener Heimat und von der Hoffnung – der Hoffnung etwas vermitteln zu können, was jenseits der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten liegt. „Let’s just imitate the real, until we find a better one.“ (The Notwist) Ihr Gesang ist ihre Erzählung. Die fremden Lieder sind ihre Geschichten.

Der Zaun
Ungarn macht die Grenzen dicht

Von Anna Frenyo

Mittwoch, 13.01.2016, 22.03 Uhr, SWR2

Ungarn ist nicht das einzige europäische Land, das seine Grenzen mit einem Zaun vor dem Flüchtlingszustrom zu schützen versucht. Die Vehemenz, mit welcher das Grenzöffner-Land von 1989 allerdings im Sommer 2015 vorging, macht es dennoch zu einem Sonderfall. In bloß zwei Monaten wurde der 175 km lange Zaun an der serbisch-ungarischen Grenze errichtet, Mitte Oktober folgte die 300 Kilometer lange grüne Grenze zu Kroatien. Die UNHCR warnt vor einer humanitären Katastrophe am Zaun, Naturschützer warnen vor Schäden in der Tierwelt. Wie konnte er überhaupt so schnell errichtet werden, wer hat ihn finanziert und woher kam der Maschen- und Stacheldraht eigentlich? Die Autorin hat sich auf beiden Seiten des Zaunes umgehört und erstaunliche Geschichten erfahren, von Häftlingen und Arbeitslosen, die für den Bau zwangsverpflichtet wurden, von ausländischer Unterstützung, von Flüchtlingen und freiwilligen Helfern, die er trennt.

Der syrische Exilschriftsteller Aboud Saeed
Von Damaskus bis Wikipedia

Von Thomas Böhm

Freitag, 15.01.2016, 20:10 Uhr, DLF

Die syrische Revolution machte aus dem 1983 geborenen Schmied und Schweißer Aboud Saeed einen Schriftsteller. Weil die Demonstrationen das Klima der Angst durchbrachen, das Syrien lähmte, begann Saeed auf Facebook seine Sicht der Dinge zu veröffentlichen.

Seine respektlosen Statusmeldungen, in denen er Privates, Revolutionäres, Alltägliches und Absurdes vermischt, erschienen in Deutschland unter dem Titel „Der klügste Mensch im Facebook“ und brachten Saeed den Ruf eines „arabischen Bukowski“ ein.

Nach einer Lesereise im Jahre 2013 bat er um Asyl, lebt und schreibt seither in Berlin. Thomas Böhm begleitet ihn durch die Stadt, in der Saeed „allen Hundesorten begegnete, die ich bisher nur aus Zeichentrickfilmen kannte“, von Drogensüchtigen überfallen wurde und „ein Stück Kreide sucht, um auf die Reste der Berliner Mauer zu schreiben: Wo sind die guten alten Zeiten geblieben?“

Abends nimmt Böhm neben Saeed Platz, als dieser die mal aufgebrachten, mal begeisterten Kommentare zu seinen Posts aus der arabischen Welt beantwortet und bei „Schwester Google“ vorbeischaut, darauf wartend, dass sein Name in der Wikipedia erscheint.

Herr K.
Eine Affäre mit dem Sozialamt

Von Inge Braun

Samstag, 16.01.2016, 13.05 Uhr, BR2

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Als Empfänger von staatlicher Grundsicherung im Alter müsste sich Herr K. auf existenziell sicherem Grund wähnen. Für ihn tut sich ein Abgrund auf. In die Rolle des Bittstellers beim Sozialamt gedrängt, fühlt er sich ungerecht behandelt. Als die Behörde Sozialleistungen von ihm zurückfordert, setzt er sich entschlossen zur Wehr. Der Fall eskaliert.
Das Feature dokumentiert die jahrelangen Auseinandersetzungen und gibt einen Einblick in das Leben eines Sozialrentners. Dabei wird auch das durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse produzierte System von Altersarmut und Grundsicherungsabhängigkeit mit all seinen bürokratischen Regelungen und Restriktionen hinterfragt.

Kriegsalbum
Was die neuen Heimkehrer nach Hause bringen

Von: Jörg Lukas Matthaei, Milena Kipfmüller und Klaus Janek

Samstag, 16.01.2016, 18.05 Uhr, DR Kultur

Seit 1999 befindet sich Deutschland im Krieg – doch hier ist davon wenig zu spüren. „Kriegsalbum“ sammelt die Erlebnisse gegenwärtiger Kriegsheimkehrer: von Soldaten, Journalisten, Mitarbeiterinnen von NGOs.

Sie geben Einblick in die realen Kriegsszenarien, die sich vor Ort brutaler darstellen, als es uns die bereinigten Nachrichtenbilder vorführen. Die Berichte treten in einen akustischen Dialog mit Berliner Alltagsgeräuschen: Partysounds vom Wochenende, Stimmen von Flüchtlingen, Fußballjubel in der Eckkneipe.

Zero Friction
Das Generische – Welt ohne Eigenschaften

Von Olaf Karnik und Volker Zander

Sonntag, 17.01.2016, 14.05 Uhr, SWR2

S, M, L, XL – die Gesichtslosigkeit internationaler Flughäfen inspirierte den niederländischen Architekten Rem Kohlhaas zu einem Buch, dessen Titel aus den Kürzeln für die Standardmaße der Standardkonsumwelt besteht – ob bei T-Shirts oder Popcorn-Tüten. 20 Jahre ist das her. Inzwischen gibt es ganze Städte, die nach Standardmaßen standardmäßig geplant werden – ohne Eigenschaften, ohne Identität, reibungsfrei und gleitfähig, allgemein und selbstverständlich. In New York wird „Normcore“ als Modetrend ausgerufen. Gesichtslose Hotelketten wie „Motel One“ erweisen sich als Lieblingsunterkünfte einer neuen Generation von Geschäftsleuten und Touristen. Räume und Waren ohne Profil. Schrecklich traditionslos. Und wunderbar ideologiefrei.

Angel Radio – Der Soundtrack der Erinnerungen

Von Michael Lissek

Sonntag, 18.01.2016, 18.05 Uhr, hr2

In der kleinen südenglischen Ortschaft Havant, im Hinterzimmer eines Antiquitätengeschäftes, existiert seit einigen Jahren ein Lokalradio, das sich Angel Radio nennt. Hier gehen ältere Radiobegeisterte auf Sendung: Bob, Tony, Jilly, Peter, Linda. Allesamt über 70 Jahre alt, und Margret ist 91. Die Moderatoren kümmern sich um ein Publikum, das nicht wesentlich jünger ist als sie selbst. Schelllackplatten knistern, man hört Folgen eines alten Kinder-Hörspiels, und die Hörer tauschen sich über ihre Erinnerungen aus. Ein Feature über die Magie des Radios und seine noch immer lebensspendende Kraft.

Radiotipps für die Woche vom 7. bis 13. Dezember 2015

Die deutsche Asylbürokratie und ihre Folgen

Von Achim Nuhr

Dienstag, 8. Dezember 2015, 19.15 Uhr, DLF

Nach den Misshandlungen in Flüchtlingsheimen vor allem in NRW räumte der zuständige Innenminister Ralf Jäger im Herbst 2014 ein, dass man Standards aus dem Auge verloren habe. Inzwischen reisen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland und das gesamte Asylsystem steht auf dem Prüfstand.

Städte fühlen sich von Landesregierungen allein gelassen, die Länder vom Bund. Das Feature deckt an Beispielen grundsätzliche Systemfehler auf: Warum beherbergt z.B. die bettelarme Stadt Wuppertal viel mehr Asylbewerber als das viel größere Düsseldorf? Warum bekommt Düsseldorf trotz gleich hoher „Kopfpauschalen“ viel mehr Geld erstattet? Und warum lobt „Pro Asyl“ trotzdem Wuppertal, wo Flüchtlinge besser leben würden als in der reichen Landeshauptstadt?

Trotz neuer Standards stößt der Autor in einem abgelegenen Wald auf ein Heim, aus dem die meisten Flüchtlinge mit unbekanntem Ziel verschwunden sind – der Briefkasten quillt über vor Behördenpost. Woanders warten Verfolgte seit Jahren auf ihr erstes Behördengespräch. Ein Jobcenter torpediert wegen Sprachdefiziten eine Ausbildung, wie der betroffene Flüchtling auf Deutsch erzählt.

Ein Feature über Zustände in der deutschen Asylbürokratie.

Reihe Spielregeln
Peter Stein oder: Das Wort! Der Sinn! Die Tat!

Von Katharina Teichgräber

Mittwoch, 9. Dezember 2015, 00.05 Uhr, DR Kultur

Ganze Schauspielergenerationen beeinflusste Peter Stein durch die Art, wie er Stücke zusammen mit den Akteuren entwickelte. „Nachschöpferisch!“, sagt er dazu bescheiden.

Dem Autor so treu wie möglich! Dabei braucht er die Qualitäten eines Feldherrn bis die 10-stündige Fassung von ›Wallenstein‹ auf der Bühne ist oder nach zwei Monaten Durchproben, 15 Stunden täglich, der Dostojewski aufgeführt wird.

Peter Stein lebt in Italien auf dem eigenen Landgut, mit eigenem Theater und eigenem Ölivenöl: „San Pancrazio“! Zur Olivenernte lädt er Schauspieler und andere Liebhaber des Theaters ein. „Konzentriert arbeiten wir gemeinsam an einem Projekt.“ Das ist die Steinsche Lebensform. Ob im Olivenhain oder im Theater.

Wie wollen wir wohnen?
Über solidarische Wohnprojekte

Von Jochen Rack

Mittwoch, 9. Dezember 2015, 22.03 Uhr, SWR2

Die Zahl der Single-Haushalte steigt seit Jahren, doch das Bedürfnis nach neuen Wohnformen jenseits althergebrachter WGs ebenso. „VinziRast-mittendrin“ z.B. ist ein weltweit einzigartiges Wohnprojekt im 9. Wiener Bezirk. Hier wohnen und leben seit 2013 Studenten mit ehemals Obdachlosen zusammen. Die Architektur des umgebauten Biedermeierhauses öffnet sich bewusst in den urbanen Raum und schafft so Aufmerksamkeit und Verständnis für sonst abgedrängte soziale Randgruppen.

Ein weiteres Beispiel ist das Augsburger „Grandhotel Cosmopolis“, wo in einem ehemaligen Altenheim Asylbewerber und Hotelgäste zusammenwohnen. Angesichts der Flüchtlingsströme kann die intelligente Nutzung städtischer Resträume das Entstehen von Ghettos und menschenfeindlichen Containerdörfern verhindern und Integration ermöglichen. Das Feature stellt kollektive Wohnformen vor, in der die Idee des Miteinanders praktisch gelebt wird.

Wovon lebst du eigentlich?

Von Jörn Morisse und Rasmus Engler

Freitag, 11. Dezember, 20.10 Uhr, DLF

2007 erschien der Band „Wovon lebst du eigentlich? – Vom Überleben in prekären Zeiten“. Unter dem Motto: Unverblümte Fragen, klare Antworten interviewten die beiden Autoren Jörn Morisse und Rasmus Engler damals 20 Künstler und Kreative. Sie förderten dabei erstaunlich offene Antworten über deren finanzielle Verhältnisse zutage.

Nicht zuletzt dadurch hat das Buch in der Szene einigen Nachhall erzeugt. Denn auf einmal wusste jeder, dass der so erfolgreich wirkende Galerist Ralf Krüger eine Zeit lang auf Sozialhilfe angewiesen war und der Künstler Jakobus Siebels schon zufrieden war, wenn er am Ende des Tages 20 Euro in der Tasche hatte.

Während Wolfgang Herrndorf, der sein Leben unter anderem mithilfe eines Jobs bei der Deutschen Post finanzieren musste, gestand: „Selten hat mich irgendetwas so glücklich gemacht wie dieser Gehaltsscheck am Ende des Monats.“ Jetzt, die Digitalisierung vieler Lebensbereiche, der Streit ums geistige Eigentum, der Kunstmarktboom und die weitere Prekarisierung später, besuchen die Autoren die Protagonisten von einst erneut und fragen nach.

Was hat sich verändert? Wo sind die prekären Künstler heute gelandet? Wie viel Geld haben sie heute in der Tasche und wie denken sie über die Entwicklung der vergangenen Jahre?

Deutsches Wintermärchen Marokko

Von Rosie Füglein

Samstag, 12.12.2015 13.05 Uhr, Bayern2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Festschmaus
Kalbsembryonenverkostung

Von Christoph Theiler

Samstag, 12. Dezember 2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Embryonen in der Haute Cuisine – ein exklusives Vergnügen, das einige mutige Esser unternommen haben. Eine Frischzellenkur für verwöhnte Gaumen auf Basis des Wiener Schnitzels. Die Sendung erzählt von einer Reise, die bei der Kalbsembryonengewinnung beginnt, über die Entwicklung verschiedener Verarbeitungsmethoden führt und beim finalen Menüplan endet.

Christoph Theiler lädt ein in die Welt ausgefallener Spezialitäten: Embryonenschinken mit kandierten Zitronen oder Kalbsaugen auf Placentaparfait. Im Rahmen dieses Experiments wird über Schlachtethos, Lebensmittelhygiene, Tierschutz, Landwirtschaft, Gentechnik und Gourmettempel diskutiert.

Waswaswas wowowo bistbistbist dududu?
Mein Anrufbeantworter oder Eine kleine Geschichte des Abhörens

Von Florian Felix Weyh

Sonntag, 13. Dezember 2015, 13.05 Uhr, SWR2

Mehr als 20 Jahre lang lagen sie in der Schublade: kleine Mikrocassetten, die einst im Anrufbeantworter steckten mit mal witzigen, mal hilflosen, mal virtuosen Kommunikationsversuchen. Florian Felix Weyh bewahrte sie auf und hat nun etwas zu erzählen: die Geschichte des Anrufbeantworters von der ersten drei Zentner schweren Telefonaufzeichnungsanlage bis zum heutigen gewichtslosen „Servicemerkmal Mailbox“. Gespeichert, abgehört und – manchmal – weitergeflüstert wird immer noch. Und immer noch redet man mit dem AB wie mit einem alten Freund – oder Feind. Denn manchmal wird besinnungslos geschimpft, gedroht, geflucht. Selbst Bundespräsidenten sind davor nicht gefeit …

Einmal hat mein Mann mir zu Weihnachten einen Besen geschenkt – Die Schriftstellerin Grace Paley

Sonntag, 13. Dezember 2015, 18.05 Uhr, hr2

Von Manuela Reichart

„Grace Paley gehört zu einer seltenen Gattung von Schriftstellern mit einer Stimme, wie niemand sonst sie hat: komisch, traurig, bescheiden, energisch, genau“, schwärmte einst Susan Sontag von der – 2007 gestorbenen, in Amerika hoch angesehenen – Autorin.

Geboren wurde Grace Paley als Tochter jüdischer Einwanderer 1922 in New York, berühmt mit ihren Kurzgeschichten, in denen – fast immer aus weiblicher Perspektive – von den „kleinen Widrigkeiten des Lebens“ erzählt wird. Sie war engagierte Feministin und Friedensaktivistin, eine der prägenden Autorinnen der amerikanischen Frauenbewegung in den 70er Jahren.
Ihre Short Stories werden gegenwärtig (in neuen deutschen Übersetzungen) wiederentdeckt und damit eine literarische Stimme, die stets dem gesprochenen Wort, dem Klang der Sprache auf der Spur war und die absurden Wendungen des Alltags ins Zentrum rückte: „Einmal hat mir mein Mann zu Weihnachten einen Besen geschenkt. Das war nicht recht. Niemand kann mir erzählen, er hätte es nett gemeint.“

 

Radiotipps für die Woche vom 29. November bis 6. Dezember 2015

Wie Akram Aylisli vom lebenden Klassiker zum Volksfeind wurde

Von Ernst von Waldenfels

Dienstag, 1.12.2015, 19.15 Uhr DLF

Eine Novelle hat sein ganzes Leben verändert. Akram Aylisli, aserbaidschanischer Schriftsteller prangerte die Verehrung eines zu Recht verurteilten Militärs nach seiner Rückkehr an. Seither ist er Volksfeind Nr. 1 in dem kaukasischen Staat.

2004 hackte ein aserbaidschanischer Leutnant namens Ramil Safarow einem armenischen Offizier mit einer Axt den Kopf ab. Es geschah bei einem NATO-Lehrgang in Ungarn. Angeblich hatte der Armenier im Beisein von Safarow einem anderen Armenier irgendetwas zugeflüstert und dabei gegrinst.

2012 kehrte Safarow nach langer Haft in Ungarn nach Aserbaidschan zurück, wo man ihn unter dem Jubel des Volkes mit Ehrungen überschüttete und sofort beförderte. Doch für einen Mann war dies unerträglich. Es war der schon über 70 Jahre alte Schriftsteller und lebende Klassiker der aserbaidschanischen Literatur Akram Aylisli. Als Reaktion gab er eine Novelle zur Veröffentlichung frei, die von der Vernichtung der Armenier in der Türkei und den antiarmenischen Pogromen in Aserbaidschan Ende der 1980er-Jahre handelt. Womit er über Nacht zum Volksfeind Nr. 1 wurde.

Seine Bücher wurden verbrannt, Frau und Kinder verloren die Arbeit, er selbst wurde mit Verstümmelung bedroht und im Parlament wurde angeregt, seine Gene auf armenische „Verunreinigung“ untersuchen zu lassen. Das Feature wurde im Juni mit dem renommierten Radiopreis des Osteuropa-Netzwerks „n-ost“ ausgezeichnet.

Leiser Regen auf der Autobahn

Von Lionel Quantin

Mittwoch, 2.12.2015, 00.05 Uhr, DR Kultur

In meiner Kindheit stand jeden Sommer die große Fahrt nach Alicante an, mit Zwischenhalt an der spanischen Grenze bei der schwermütig dreinschauenden Großmutter. Vor dem Einschlafen lauschten wir dem Rauschen der Autos, die unweit von ihrem Gebäude vorbeifuhren. Am nächsten Tag ging die Fahrt weiter, die Autobahn war ohne Ende: „Wie viele Kilometer sind’s noch?“

Auf den Rücksitzen die Badetücher als Sonnenschutz oben in die Scheiben geklemmt; Halt auf Raststätten, wo man unter dem Wellblech der Auto-Unterstände in der Gluthitze erstickte; die Musik, nie laut genug, um gegen den Motorenlärm anzutönen; das lange helle Asphaltband, das sich in einem weißen Himmel verlor; das riesige schwarze Werbeschild in Stierform, das auf einem Hügel das Ende der Reise ankündigte. Was bleibt von diesen Autobahnerinnerungen, heute, in Deutschland, das andere Strecken bietet, ein anderes Anderswo? Sie verbergen sich hinter anderen Stimmen, anderen Geschichten, anderen Klängen, anderen Horizonten.

Żurawlów probt den Aufstand
Ein polnisches Dorf im Streit mit der Fracking-Industrie

Von Martin Sander

Mittwoch, 2.12.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Kaum ein Land in Europa hat so auf Schiefergas gesetzt wie Polen in den vergangenen Jahren. Experten wollten in Ostpolen riesige Vorkommen ausgemacht haben, in Warschau feierte man die künftige Unabhängigkeit von Gazprom. Westliche Energiekonzerne spekulierten auf Gewinn und viele Menschen in der Provinz auf gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Einwohner von Żurawlów aber waren von Beginn an zutiefst skeptisch. „Wir lassen uns nicht noch einmal vertreiben!“, lautete eine Parole, die auf die Zwangsumsiedlungen der Bewohner im Zweiten Weltkrieg anspielt. Eigensinnig widerständisch verbündeten sich katholische Patrioten mit international versierten Aktivisten. Nach Monaten des Protests verschwand das Gerät vom Testfeld – nachts, spurlos, ohne Erklärung. Ein alter Bauwagen, das Winterquartier der Protestler, ist stehen geblieben – nicht nur als Museum des Widerstands, sondern auch für den Fall, dass Chevron wiederkommen sollte.

„Wahnsinn! Kunst und Leben mit bipolarer Störung

Von Sascha Verlan und Almut Schnerring

Freitag, 4.12.2015, 20.10 Uhr, DLF

Kaum feierte er seine ersten Erfolge, war der Rapper Flowin Immo aus der Szene schon wieder verschwunden. „Bipolare Störung“ – so die Diagnose, mit der er sich eine Weile in die Einöde zurückzog, um dort sein nächstes Album zu produzieren.

Obwohl Sebastian Schlösser mit 27 Jahren als Shootingstar der deutschen Theaterszene galt, verzichtete er doch auf seine Stelle als Regisseur am Hamburger Schauspielhaus. Sein Innerstes nach Außen zu kehren, was zum Schauspielberuf dazugehört, davon hatte er in seinen manisch-depressiven Zuständen schon genug.

Auch Naema Gabriel, die gerne Künstlerin geworden wäre, entschied sich gegen diesen Lebensweg – die Krankheit der Mutter hielt sie davon ab, zu groß war die Angst, wie sie an einer bipolaren Störung zu erkranken. Und die bildende Künstlerin Gertrude ist zwar bereit, über ihre „bipolare Begabung“ zu sprechen, da ihr aber schon zu viele Künstler mit ihrer psychiatrischen Diagnose Werbung machen, möchte sie in dieser Sendung anonym bleiben.

Tatsächlich: Weit verbreitet ist der Eindruck, ein bisschen Wahnsinn fördere die Kreativität. Von vielen Künstlerinnnen und Künstlern der Vergangenheit wird im Nachhinein vermutet, dass sie eine bipolarer Störung hatten, bei manchen entsteht der Eindruck, sie sei sogar die Voraussetzung für ihre Kunst, dass erst das Leiden diesen besonders klarsichtigen Blick auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse möglich macht. Was sagt das aus über unser Verhältnis zu Kunst und Leben in Zeiten, in denen die Grenzen von Normalität und Gesundheit immer enger gezogen werden, in denen der Konformitätsdruck weiter steigt?

Im Rausch der Veränderung
Der Theatervisionär Matthias Lilienthal

Von Christine Hamel

Samstag, 05.12.2015,13:05 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Sein Markenzeichen: Baggy Jeans, sattgelbes T-Shirt, graue Kapuzenjacke. Seine Berufung zum Intendanten der Münchner Kammerspiele: ein Paukenschlag. Dass ihn die Leute manchmal für den Hausmeister halten, findet Matthias Lilienthal lustig. Es gibt nicht viele Menschen, die so beiläufig und nachdrücklich Unruhe stiften können wie der Berliner Theatermacher, der ab Herbst 2015 die Nachfolge von Johan Simons in München antritt. Lilienthal bringt große Namen mit: Nicolas Stemann, Simon Stone, Rabih Mroué oder Christopher Rüping. Sie alle stehen für den Versuch, das Bild einer alternativen Welt, einer anderen Dimension von Zeit und Bewusstsein sichtbar zu machen. Mit Matthias Lilienthal werden die Kammerspiele zu Kammer 1/2/3, zu einem Kunstcluster und „urbanen Theaterlabor“, in dem gesellschaftliche Gruppen in Bewegung gebracht werden sollen. Große Pläne, viel Arbeit. Wie viel Fahrt werden Lilienthals Kammerspiele aufnehmen?
Christine Hamel hat den Intendanten, der selbst nicht inszeniert, über mehrere Monate bei seinen Vorbereitungen für die erste Spielzeit in München begleitet. Ihr Feature portraitiert einen ebenso hartnäckigen wie begnadeten Theatervisionär, den manche als Stadttheaterschreck fürchten und andere als Avantgardisten verehren.

Verschwunden
Die Frau auf dem Eis

Von Rikke Houd

Samstag, 5.12.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Die junge dänische Krankenpflegerin Karen Roos wurde 1932 in das ferne Ostgrönland entsandt – als erste und einzige medizinische Fachkraft für die damalige dänische Kolonie. In der dünn besiedelten Gegend war sie weitgehend auf sich selbst gestellt, für die Versorgung von Kranken musste sie oft weite Strecken zurücklegen.

Nach einem halben Jahr verschwand sie, die einzige Spur von ihr blieben Fußabdrücke im Schnee, die an den Rand des Eises führten, und ein Tagebuch, aus dem die letzten Seiten herausgerissen waren.

Über 80 Jahre später macht sich Rikke Houd auf die Reise, um die Hintergründe dieses Verschwindens erneut zu untersuchen.

P = ϕ (A, B, γ)
Ein Schuldenwiderstandsoratorium

Von Barbara Eisenmann und Frieder Butzmann

Sonntag, 6.12.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Von einem neuen Zeitalter wollen wir erzählen: von globalen Schulden und globalem Widerstand. Es tauchen auf: Großgläubiger, die Finanzmärkte, der verschuldete Mensch und sein Widerstand und eine finanzmathematische Formel, in der eine Schuldenkrise nicht vorgesehen war. Wir werden die Stimme der Schuldner hören.

Amerikanische Hypothekendarlehensnehmer, Mikrokreditnehmerinnen in Indien, griechische Billiglöhner, zwangsgeräumte Spanierinnen. Die Finanzmärkte brauchen sie. Denn Schulden sind Geld.

Wir werden die Stimme der Gläubiger hören, deren Geschäft Kredite, Hypothekendarlehen, Kreditversicherungen und immer neue schuldenbasierte Finanzprodukte sind.

Wir werden die Stimme der Politiker als Vertreter der Gläubiger hören, die die Bedingungen für den neuen Schuldenkapitalismus geschaffen haben, den sie jetzt um jeden Preis retten wollen. Wir werden sie alle hören in einem Oratorium von Schulden, Schuld und Widerstand.

„Wir alle irren!“ –
Das undogmatische Kabarett des Hanns Dieter Hüsch

Von Rainer Prätorius

Sonntag, 6.12.2015, 18.05 Uhr, hr2

Hanns Dieter Hüsch starb vor genau 10 Jahren am 6. Dezember 2005.
Von seinen 80 Lebensjahren hatte er über 50 auf der Bühne verbracht.
Sein Kabarett war immer ganz nah am Menschen – und zutiefst menschenfreundlich. Sein einzigartiger Stil hinterließ nachhaltige Spuren im deutschen Kabarett. Eine Hommage zum 90. Geburtstag von Hanns Dieter Hüsch. Mit Künstlern, die ihm auch persönlich nahestanden. Darunter Dieter Nuhr, Konstantin Wecker und Rüdiger Hoffmann.

 

Radiotipps für die Woche vom 9. bis 14. November 2015

Südafrika, der Klimawandel und die Rolle Deutschlands

Von Birgit Morgenrath

Dienstag, 10.11.2015, 19:15 Uhr, DLF

Mitten in einer der landschaftlich schönsten Regionen Südafrikas verpesten Hunderte aktive und stillgelegte Kohlebergwerke sowie Kohlekraftwerke die Umwelt. Tausende Menschen ziehen jährlich nach Witbank und hoffen dort auf Arbeit. Sie leben in provisorischen Siedlungen inmitten der Halden – wo jedes Lebewesen die schmutzig graue Farbe der Kohle annimmt.
Die Umgebung ist verwüstet. Saure Grubenwässer gelangen ins Grundwasser und in die Flüsse. Ganze Flusssysteme sind im wasserarmen Südafrika akut gefährdet. Seit Jahren protestieren Bürgerinitiativen und NGOs gegen diese Zustände. Aber die Regierung beschließt lediglich umweltfreundliche Programme und bleibt ansonsten untätig. Auch Deutschland bezieht Steinkohle aus Südafrika. Darum fordern hierzulande umweltbewusste Bürger von den Stromkonzernen mehr Transparenz im Rohstoffsektor und „saubere“ Lieferketten.

Fremde Stimmen
Über die Uneigentlichkeit und Unheimlichkeit des Sprechens

Von Inke Arns und Ingo Kottkamp

Mittwoch, 11.11.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Sie rufen bis zur Erschöpfung. Sie lösen sich von Urheber und Quelle. Sie stammen von Toten, die mit Lebenden im Duett singen. Der Mensch klingt wie eine Maschine, Barbie wie Ken, der Bordcomputer wie ein sanfter Freund.
Sie rufen bis zur Erschöpfung. Sie lösen sich von Urheber und Quelle. Sie stammen von Toten, die mit Lebenden im Duett singen. Der Mensch klingt wie eine Maschine, Barbie wie Ken, der Bordcomputer wie ein sanfter Freund.
Stimmen, die von Künstlern inszeniert und imaginiert sind, machen nicht nur das Fremde im Vertrauten, das Monströse im Alltäglichen hörbar, sie werfen auch immer wieder die Frage auf: Wer spricht da eigentlich?
Das Feature entsteht im Zusammenhang mit der Ausstellung „His Master’s Voice: Von Stimme und Sprache“ im Hartware MedienKunstVerein Dortmund.

Die Welt verbessern?
Über langfristige Folgen von Entwicklungsprojekten

Von Ulli Schauen

Mittwoch, 11.11.2015, 22.03 Uhr, SWR2

487 Entwicklungs-Projekte wurden auf der Weltausstellung in Hannover im Jahr 2000 als empfehlenswerte „Expo-Projekte“ präsentiert. Doch waren sie nachhaltig und haben langfristig etwas bewirken können? 15 Jahre nach der Weltausstellung macht sich der Autor auf, alle zwölf in Kenia liegenden „Expo-Projekte“ zu besuchen, von der privat organisierten Straßenkinderhilfe in Nairobi bis zur international koordinierten Rettung des Ökosystems Viktoriasee, vom Kampf für die Landrechte der Massai bis zur Hilfe für Kleinbauern in Westkenia. Was ist noch sichtbar, was hat positive Folgen gehabt und vielleicht Nachfolgeaktionen erzeugt? Welche Fehler lassen sich beobachten? Welchen Einfluss haben ökonomische Realität und grassierende Korruption genommen? Und haben die Geberländer ihre politischen Vorstellungen durchzusetzen versucht?

Städel – Der Soundwalk
Durchs Museum in acht Tracks

Freitag, 13.11.2015, 20:10 Uhr, DLF

Von Schorsch Kamerun, Beißpony, Mark Schröppel, Jim Avignon, Die Buben im Pelz, Frau Kraushaar, Johannes Kreidler, Gabi Schaffner

Das Städel feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen. Der Deutschlandfunk gratuliert mit einem Audioguide. Darin mixen Künstler wie Schorsch Kamerun oder Beißpony die aktuellen Audioguides des Städels zu neuen Tracks.

Durchsagen des Sicherheitspersonals, Klänge aus der Vergangenheit, wahre und halbwahre Geschichten rund um die Kunst, das Haus und der mit ihm verbundenen Menschen sind zu hören. Am Ende entsteht ein eigener Soundwalk, der den Besucher auf einer eigenwilligen Route durch die Sammlung führt.

Der Audioguide wird so selbst zu einem kollektiven Kunstwerk, das mit der Wahrnehmung von Zeit und Raum spielt und zugleich als imaginative Klangreise im Radio funktioniert.

Die Eröffnung des Städel-Soundwalks findet am 6.11.2015 im Städel Museum statt. Im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltung „Deutschlandfunk zu Gast im Städel Museum“ wird unter anderem Audioguide DJ Jim Avignon zu hören und zu sehen sein.

Das Feature beruht auf einem Soundwalk, den der Deutschlandfunk in Kooperation mit dem Städel Museum in Frankfurt am Main realisiert hat. Für diesen akustischen Rundgang haben acht Künstler ihren Weg durch das Museum als Soundtrack inszeniert.

Der brennt!
Das Fanal des Kaveh Yazdani

Von Egon Koch

Samstag, 14.11.2015 13:05 bis 14:00 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Wenn sich jemand öffentlich verbrennt, gilt das zumeist als Protest gegen gesellschaftspolitische Zustände. Die Qual der Selbstverbrennung wird der Qual des empfundenen Unrechts gleich gestellt. Trifft das auch auf den Fall von Kaveh Yazdani zu?
Im Februar 2014 steht mitten in Tübingen ein Mann in Flammen und stirbt an den Folgen seiner Verletzungen. Wer ist er gewesen? Weshalb hat sich der Exil-Iraner derart qualvoll getötet? Wollte er mit seiner Selbstverbrennung ein politisches Zeichen setzen? Wenn ja, weshalb dann ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als er nach 10 Jahren als Flüchtling in Deutschland endlich eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis bekommt? Seine Freunde, sein Mitbewohner, sein Anwalt und vor allem der Mann, der Kaveh Yazdani brennen sah, sie alle suchen nach Antworten für das Unbegreifliche.

Kopfpauschale –
Die deutsche Asylbürokratie und ihre Folgen

Von Achim Nuhr

Sonntag, 15. November 2015, 18:05 Uhr, hr2

Über 200 Feldbetten stehen in der Neuwerker Sporthalle (Nordrhein-Westfalen), wo kurzfristig ankommende Asylbewerber untergebracht werden sollen.

Nach den Misshandlungen in Flüchtlingsheimen vor allem in NRW räumte der zuständige Innenminister Ralf Jäger im Herbst 2014 ein, dass man „Standards aus dem Auge verloren“ habe. Dann reisten immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland, und inzwischen steht das gesamte Asylsystem auf dem Prüfstand.

Städte fühlen sich von Landesregierungen allein gelassen, die Länder vom Bund. Das Feature deckt an Beispielen grundsätzliche Systemfehler auf: Warum beherbergt z.B. die bettelarme Stadt Wuppertal viel mehr Asylbewerber als das viel größere Düsseldorf? Warum bekommt Düsseldorf trotz gleich hoher „Kopfpauschalen“ viel mehr Geld erstattet? Und warum lobt Pro Asyl trotzdem Wuppertal, wo Flüchtlinge besser leben würden als in der reichen Landeshauptstadt? Trotz neuer „Standards“ stößt der Autor in einem abgelegenen Wald auf ein Heim, aus dem die meisten Flüchtlinge mit unbekanntem Ziel verschwunden sind – der Briefkasten quillt über vor Behörden-Post. Woanders warten Verfolgte seit Jahren auf ihr erstes Behördengespräch. Ein Jobcenter torpediert wegen „Sprachdefiziten“ eine Ausbildung, wie der betroffene Flüchtling auf Deutsch erzählt. Ein Feature über Zustände in der deutschen Asylbürokratie.

 

Radiotipps für die Woche vom 2. bis 8. November 2015

Mahnwachen für den Frieden
Ein rechtes Projekt auf den Trümmern linker Fundamente

Von Rainer Link

Dienstag, 03.11.2015, 19:15 Uhr, DLF

Seit Beginn der Ukraine-Krise versammeln sich in ganz Deutschland jede Woche bunt zusammengewürfelte Gruppen, um für Frieden in Europa und gegen die Berichterstattung der sogenannten „Systemmedien“ zu demonstrieren. Sie nennen sich Montagsmahnwachen und ähneln den Bemühungen um die Bildung einer Querfront am Ende der Weimarer Republik.

Diese Aktivisten eint das Feindbild USA, eine unkritische Nähe zum neuen russischen Antiliberalismus und die Empörung über soziale Ungerechtigkeit. Bei den Aktionen verbrüdern sich alte und neue Rechte mit ehemaligen Linken und völlig Desorientierten. Darunter Esoterikbewegte, Verschwörungstheoretiker, Warner vor Überfremdung oder der Sexualisierung der Gesellschaft, Homophobe und jede Menge Selbstdarsteller.

Sie verweigern konsequent den Kontakt zu herkömmlichen Medien. Stattdessen mobilisieren sie Öffentlichkeit über eigene professionelle Videoportale in den sozialen Netzwerken. Bei den Veranstaltungen dieser neuen Bewegung gilt das Prinzip des „Offenen Mikrofons“. So können auch Hetzbeiträge gegen Juden, Warnrufe vor der Überfremdung Deutschlands oder Lobreden auf das traditionelle deutsche Familienbild unbeanstandet verbreitet werden. Es gibt einzelne Schnittstellen zu eindeutig rechten Bewegungen wie Hogesa oder Pegida und auch zu russischen Auslandsmedien wie dem Sender Russia today.

Die Stasi war mein Eckermann oder: mein Leben mit der Wanze
Als Schriftsteller überwacht in Leipzig

Von Erich Loest

Mittwoch, 04.11.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

1990 wurden Erich Loest von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern 300 Blatt Aktenkopien angeboten, die sich als echt erwiesen. Es waren Wanzen-Berichte, die jedes Wort festhielten, das im Hause Loest gesprochen worden war.

Darüber hinaus enthielt die Akte Beschlüsse, Telegramme, Spitzelberichte und immer wieder „Informationen“, die die Telefonüberwachung der Abteilungen 26A und 26B gesammelt hatte. Die Geheimdienstdossiers zeigen, wie skrupellos auch Kollegen und Freunde über Loest berichteten. Wir senden einen Querschnitt des ursprünglich dreiteiligen Features.

Die Zeit, die noch bleibt
Auf einer Palliativstation in Heidelberg

Von Reinhard Schneider

Mittwoch, 4.11.2015, 22.03, SWR2

Zwei Wochen lang begleitete der Autor rund um die Uhr Patienten, Angehörige und das Stationspersonal einer Palliativstation in Heidelberg. Irmgard B. führte einst ein kleines Flugunternehmen, jetzt liegt sie im Sterben und singt mit einer Musiktherapeutin alte Schlager. Im benachbarten Zimmer versucht Burkhard B. die Ärzte davon zu überzeugen, seinen nahenden Tod zu beschleunigen. Die Frau eines todkranken Orchestermusikers wirkt plötzlich wie gelöst, als sie erfährt, dass ihr Mann in wenigen Tagen sterben wird. Fast keiner der Patienten hat die 14 Tage überlebt. Es waren allerdings nicht nur Kummer und Leid, die der Autor hier erlebte, sondern zugleich Hoffnung und Trost. Sterben kann unter bestimmten Bedingungen gleichsam gelingen. Die Palliativmedizin sieht im Prozess des endgültigen Entschlummerns am Ende des Lebens durchaus Gemeinsamkeiten mit dessen Beginn, der Geburt: Beides bedarf menschlicher Anteilnahme, Hilfe und Zuwendung.

Kafka unchained. Der entfesselte Kafka

Ein Hörcomic von Malgorzata Zerwe und David Zane Mairowitz

Freitag, 06.11.2015, 20:15 Uhr, DLF

Kafka? Ist Kafka komisch, oder ist das Komische daran kafkaesk? Wird Kafka gerecht, wer seine Romane als Comic präsentiert? Kommt Kafka näher, wer dessen Texte vertont, gar als Rap darbietet? Und was sagen die Schulmeister dazu?

Drei namhafte Comic-Zeichner – der US-Amerikaner Robert Crumb, die Französin Chantal Montellier und der Tscheche Jaromír Švejdík – haben Kafka erfolgreich illustriert.

Eine Band aus Prag singt den Kafka, und der junge Schwabe Tobias Stoll erfreut seinen Deutschlehrer als „Kafka Rapper“. Vor 100 Jahren, im August 1914, begann Franz Kafka, den Roman „Der Prozess“ zu schreiben. Anlass für den längst überfälligen Hörcomic! Für den entfesselten Kafka, befreit vom Vorurteil des Kafkaesken!

Den Autoren zur Seite stehen weiterhin: ein Kafkaologe aus dem Senegal, der Leiter des Stuttgarter Literaturhauses, ein Kafka-Biograf – und am Rande: ein gewisser Franz Kafka – aus Salzburg!

Exil im eigenen Land
Myanmar aus der Sicht einer Rohingya-Familie

Von Mandy Fox

Samstag, 07.11.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

U Kyaw Hla Aung und seine Familie sind Rohingya. Sie leben im Westen Myanmars, wo nur selten ein Tourist hinkommt. Die Regierung bezeichnet die Rohingya als illegale Immigranten aus Bangladesh.

Der Familienvater, der 74-Jährige U Aung, setzt sich als Anwalt und Aktivist seit vielen Jahren für ein friedliches Miteinander ein. Mehrmals saß er als politischer Gefangener im Gefängnis. Auch seine Familie ist täglichen Repressionen ausgesetzt. Drei seiner Söhne haben deswegen das Land verlassen.

Das Feature erzählt die Geschichte des Landes Myanmar aus der Sicht dieser Familie und versucht zu verstehen, wie und warum ethnische Konflikte geschürt und instrumentalisiert werden.

Voodoo der Rückkehr
Hans Christoph Buch und Dany Laferrière und Haiti

Von Egon Koch

Sonntag, 08.11.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Haiti 2015: Fünf Jahre nach dem Erdbeben und kurz nach dem Tod des Ex-Diktators „Baby Doc“ Duvalier. Seit 2011 ist der Komponist und Sänger Michel Martelly Präsident. Immer noch aber ist Haiti das Armenhaus Amerikas mit der geringsten Lebenserwartung, entmündigt durch den französischen Kolonialismus, die US-amerikanische Besatzung, Blauhelmsoldaten und geschäftstüchtige Hilfsorganisationen. Dany Laferrière und Hans Christoph Buch sind Schriftsteller und Antipoden. Der eine ist Haitianer und lebt seit 1976 im kanadischen Exil. Der andere ist Deutscher und reist seit den 80er-Jahren immer wieder in das karibische Land, wo bis zum Erdbeben das Haus seines Großvaters stand. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln schildern die beiden, dass Haiti mehr ist als das Land des Elends, der alleinerziehenden Mütter und von Gewalt, Drogen und Korruption.

Jegliches hat seine Zeit
DDR-Schauspieler und –Regisseure vorn und nach der Wende

Ein Feature von Ulrich Teusch

Sonntag, 08.11.2015, 18.05 Uhr, hr2

Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl, Angelica Domröse, Jutta Hoffmann – viele bekannte DDR-Schauspielerinnen und Schauspieler, auch Regisseure wie Egon Günther, haben ihrem Staat schon vor der Wende den Rücken gekehrt und sind in den Westen gegangen. Andere, wie Uwe Kockisch, Jaecki Schwarz oder der Regisseur Andreas Dresen, blieben bis zum Ende und konnten auch im wiedervereinten Deutschland ihre Karriere fortsetzen. Viele andere jedoch, unter ihnen etliche herausragende Künstler, haben den Umbruch 1989/90 nicht unbeschadet überstanden. Die Engagements blieben aus. Einstige Stars und Publikumslieblinge mussten sich mehr schlecht als recht durchschlagen, haben den Beruf gewechselt oder sich verbittert zurückgezogen. Im Westen des Landes sind sie kaum bekannt, ihre großen Filme drohen in Vergessenheit zu geraten. Im Feature von Ulrich Teusch erzählen DDR-Schauspieler und -Regisseure ihre Geschichte(n), berichten von ihrer künstlerischen Arbeit, auch von ihren politischen Erfahrungen vor und nach der Wende. Ein Blick zurück – ohne Zorn, ohne „Ostalgie“ und stets getragen von der Hoffnung, dass nicht alles vergebens war.

Myanmar
Oder wie wir versuchten einen Vogel zu kaufen, um ihn freizulassen

Von Wiebke Keuneke

Samstag, 07.11.2015, 13.05 Uhr, RBB/BR 2015
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Myanmar, was ist das genau? Ein Land, in dem Buddhismus als Staatsreligion festgeschrieben ist und das mit Moslemhetze Schlagzeilen macht. Ein Land, in dem eine 70-Jährige Präsidentin werden soll und wie ein Popstar gefeiert wird. Ein Land, in dem es 135 unterschiedliche Ethnien gibt und in dem Dollarscheine nur gebügelt angenommen werden. Ein Land, in dem Touristen mit einem Heißluftballon über spektakuläre Pagodenlandschaften fahren und dabei geneigt sind, Armut mit Ursprünglichkeit zu verwechseln. Zwei Frauen reisen durch Myanmar, eine arbeitet fürs deutsche Radio, die andere ist hier geboren, ausgewandert und kehrt jetzt zurück, um für ausländische Medien über Myanmar zu berichten.

 

Radiotipps für die Woche vom 26. Oktober bis zum 1. November 2015

Die Fotografin Xiao Hui Wang“
Das Wertvolle ist wie das Licht, man kann es nicht mitnehmen“

Von Astrid Nettling

Dienstag, 23.10.2015, 20:10 Uhr, DLF

15 Jahre hat die Fotografin Xiao Hui Wang in Deutschland gelebt, entscheidende Jahre, die ihr Leben geprägt haben. Ein Schwarz-Weiß-Foto aus dieser Zeit zeigt ein Gewirr von Eisenbahnschienen, die sich kreuzen, sich vereinigen, sich wieder gabeln und in der Ferne ins Unbekannte auseinanderlaufen. Rückblickend ist dies für sie ein Bild, das die Komplexität ihres Lebens symbolisiert.

Theater und Revolution – Judith Malina

Von Grace Yoon

Mittwoch, 28.10.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Judith Malina wurde 1926 in Kiel geboren, am 10. April dieses Jahres ist sie gestorben. Grace Yoon hat sie zwei Jahre zuvor in New York besucht.
Die Mitbegründerin des legendären Living Theatre, der wahrscheinlich radikalsten und experimentierfreudigsten Theatergruppe des 20. Jahrhunderts, war überzeugte pazifistische Anarchistin. Sie studierte bei Erwin Piscator und arbeitete mit den wichtigsten Künstlern der Avantgarde. Sie hat Generationen von Künstlern inspiriert – engagiert, kämpferisch, rebellisch, eine wahre Mutter Courage. Mit 86 Jahren stand sie immer noch auf der Bühne.

Made with love in Spain
oder Vom politischen Umbruch in Spanien

Von Barbara Eisenmann

Mittwoch, 28.10.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Von einer „neuen Politik“, vor allem von neuen kollektiven Arten, Politik zu machen, ist in den letzen Jahren in Spanien viel die Rede gewesen. Seit der Besetzung der Puerta del Sol in Madrid im Jahr 2011, aus der die Bewegung 15-M entstanden ist, hat das Land sich massiv repolitisiert. Die Gesellschaft, von der Margaret Thatcher behauptete, „there is no such thing as society“, hat sich in Reaktion auf die wirtschaftliche und politische Krise organisiert und will mitregieren. Im Zentrum stehen nicht neue Parteien, sondern die Frage, wie außerhalb von Parteien in selbstorganisierten, offenen, lokalen Plattformen institutionelle Politik gemacht werden kann. Die Kommunal- und Regionalwahlen im Mai 2015 haben diesen grundlegenden Stimmungswechsel deutlich sichtbar gemacht. Gewonnen haben basisdemokratische Kandidaturen in Madrid, Barcelona und an vielen anderen Orten im Land, die eine Vielzahl von gesellschaftlichen Akteuren versammeln und die von Podemos, der neuen linken Partei, nicht angeführt, sondern bloß unterstützt worden sind. Auf die Parlamentswahlen im Herbst 2015 darf man gespannt sein.

Jadal – Kontroverse Ein Zufluchtsort in Amman

Von Christoph Burgmer

Freitag, 27.10.2015, 19:15 Uhr, DLF

Jadal ist ein Haus im Zentrum von Amman. Es gibt ein kleines Café, eine Galerie und einige Räume für Sprachkurse und Workshops. Die Macher sind ehemalige Aktivisten des Arabischen Frühlings. Ihre Vision: Räume für Initiativen, Künstler und Aktivisten zur Verfügung zu stellen, ohne die inhaltliche Kontrolle durch den jordanischen Staat oder die Abhängigkeit von privaten Geldgebern.

Himmel auf Erden
Vollkommenheit, Sport und Shitstorm

Von Thomas Palzer

Samstag, 31.10.2015, 13:05 Uhr, Bayern 2

Ende des 18. Jahrhunderts schrieb der Historiker Edward Gibbon in seiner „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“: „Die Entwicklung eines übermäßigen, obsessiven Interesses an Sport und Berühmtheiten war einer der Faktoren des Kollapses der größten Zivilisation, die die Menschheit je gekannt hat.“
Steht die westliche Gesellschaft vor dem kulturellen Kollaps, weil die Diagnose auch auf die Gegenwart zutrifft? Wir bewegen uns jedenfalls in einer Welt, in der Sport als Körperoptimierung zur Obsession geworden ist. Erleben wir gerade die Übergangsphase von einer Welt des Geistes zu einer, in der der Körper unser Sein fest im Griff hat? Unerbittlich streben wir nach Vollkommenheit, weder für uns noch andere lassen wir Gnade gelten. Tatsächlich aber spült uns jede weitere Optimierungswelle unglücklicher an den Strand zurück, als sie uns davor hinaus aufs Meer gezogen hat. Wir erkennen, dass sich offenbar alles abschaffen lässt, nur eines nicht: die menschliche Unvollkommenheit. In unserem Narzissmus gekränkt, delegieren wir den Genuss an den Celebrity, der an unserer statt die Vollkommenheit zu personifizieren hat. Aber wehe, er wird von einem Paparazzi beim Rauchen erwischt: Dann ist ihm der Shitstorm sicher.
Thomas Palzer lässt in seiner Sendung Selbstoptimierer und Quantified Selfer, Leidtragende und Paranoide zu Wort kommen. Sowie den Philosoph Robert Pfaller, der konstatiert, dass die reichsten Bevölkerungen der Welt es verlernt haben, die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt. Und der Sportsoziologe Günter Gebauer fragt, was in Anbetracht der allumfassenden Fußballmanie mit dem Land los ist. Verblöden wir zwischen Brot und Spielen?

Erich Loest die Probleme
Der Schriftsteller und seine „fast zweite Heimat“ Osnabrück

Von Jan Decker

Samstag, 31.10.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Die barocke Fülle deutscher Abendbrottische hat wohl keiner so schön beschrieben wie Erich Loest. Jenseits von Knackern und Brot konnte Loest, der im Februar 2016 90 Jahre alt geworden wäre, durchaus ungenießbar sein. Bärbeißig. Schonungslos direkt.
Wie kam der bekennende Sachse Erich Loest in der Friedensstadt Osnabrück zurecht, seinem ersten Wohnsitz nach der Ausreise aus der DDR, und zwischen 1981 und 1987 seine „fast zweite Heimat“? Was trieb ihn überhaupt in die „Weltprovinz“ Osnabrück? Und in welchem Licht erscheint der Ur-Leipziger Loest, wenn man seinen Transit-Ort in Westniedersachsen in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt?

Nordkoreaner in Südkorea – Alltag nach der Flucht

Von Johannes Nichelmann

Sonntag, 1. November 2015, 18:05 Uhr

Eine junge Südkoreanerin trifft zum ersten Mal in ihrem Leben einen Nordkoreaner. Beim Cappuccino erfährt sie, dass der junge Mann vor einigen Jahren unter Lebensgefahr nach Südkorea geflohen ist.
Die Frau ist erstaunt über den südkoreanischen Personalausweis des Mannes. Denn immerhin kommt er aus einem Staat, mit dem sich Südkorea im Kriegszustand befindet. Etwa 30.000 Nordkoreaner leben in Südkorea. So drei Fabrikarbeiterinnen, die einen Teil ihres Gehaltes sparen, um es heimlich einmal im Jahr Verwandten im Norden zu schicken. Ein älterer Mann sendet per Kurzwelle ein Radioprogramm in seine ehemalige Heimat. Ein Kunststudent will seine Herkunft eigentlich geheim halten, doch kann er sich künstlerisch nicht ausdrücken, wenn er seine Geschichte verschweigen muss.
Für Flüchtlinge aus Nordkorea gibt es im Süden ein eigenes Wort, das wie ein Stigma wirkt: Saeteomin. Es sind Menschen, die zwischen zwei verfeindete Systeme geraten sind. Das Radiofeature begleitet sie auf ihrer Gratwanderung zwischen Integration und Isolation im Alltag in Seoul.