Radiotipps für die Woche vom 13. bis 19. April 2015

Venezuela – Auf dem Weg zur Diktatur?
Eindrücke aus einem gebeutelten Land

Von Peter B. Schumann

Dienstag, 14.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

15 Jahre nach dem Amtsantritt von Hugo Chávez, zwei Jahre nach seinem Tod befindet sich Venezuela in einer tiefen Krise. Im ölreichsten Land Lateinamerikas herrscht heute ein Mangel an Benzin und Elektrizität, an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten. Die Inflation beträgt rund 70 Prozent.

Was ist aus der einstigen “bolivarischen Revolution” geworden, die einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts verfocht? Ist der Niedergang des Landes, gegen den seine Bürger seit Monaten protestieren, nur der Politik des Nachfolgers von Chávez, Nicolás Maduro, zuzuschreiben? Der jedenfalls versucht zunehmend, die Führungsspitze der Opposition zu kriminalisieren und greift in die Etats autonomer staatlicher Universitäten und in die Haushalte oppositioneller Stadtverwaltungen ein.

Hans Magnus Enzensberger
Das unendliche Zimmer

Von Michael Augustin und Walter Weber

Mittwoch, 15.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Bereits als junger Autor war der 1929 in Kaufbeuren geborene und in Nürnberg aufgewachsene Hans Magnus Enzensberger polyglott unterwegs.

Gewohnt hat er an vielen Orten der Welt: in Freiburg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Berlin und München, in Frankreich und Norwegen, Russland, den USA und in Kuba.

Enzensberger steht für die in Deutschland seltene Verbindung von Homme de Lettres, Homo Politicus und Bonvivant. Sein Rückblick kommt ohne Altersmilde aus.

„9 to 5“ – Nein Danke
Selbstbestimmt Arbeiten 2.0

Von Regina Burbach

Mittwoch, 15.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Sie sind um die 30, haben Studium und Ausbildung hinter sich und sind gut gerüstet, um in der Wirtschaft an den größeren Rädern zu drehen. Sie hatten auch schon mal einen Fuß in der Tür, saßen an diversen Schreibtischen als High Potential mit Festvertrag und Urlaubsgeld. Aber die Zweifel kamen: Soll das alles gewesen sein und immer so weitergehen? Von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr, “9 to 5″, ein Leben lang und fremdbestimmt? – Nein, haben sie gesagt und einen anderen Weg gewählt, einen mit viel mehr Risiko, und teils zum Unverständnis ihrer Freunde und Bekannten. Sie haben Start-Ups gegründet, sind mutig ihren eigenwilligen Ideen gefolgt. Das Porträt einer neuen Generation.

Mythos Luis Trenker
Ein Mann, ein Berg

Von Katrin Hildebrand

Freitag, 17.04.2015, 20:10 Uhr, DLF

Wer den Namen Luis Trenker hört, denkt sofort an die Südtiroler Berge. Dabei war Luis Trenker in Wirklichkeit nur ein mittelmäßiger Kletterer. In den fast 98 Jahren seines Lebens arbeitete er als Architekt, Unternehmer, Dolomitenführer, Skilehrer, Soldat, Schauspieler, Filmemacher, Schriftsteller sowie als Märchenonkel für den Bayerischen Rundfunk.

Im Privaten galt er als Frauenheld und Patriarch, als Egomane mit hohem Unterhaltungswert. Als Regisseur arrangierte er sich mit den Nationalsozialisten und Mussolinis Faschisten. Bis heute hat sich das Bild eines aufrechten Strahlemanns gehalten. Wie hat er das geschafft?

Oury Jalloh
Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalles

Von Margot Overath

Samstag, 18.04.2015, 13:05 Uhr , BR2

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Siebter Januar 2005, Dessau, Sachsen-Anhalt. In einer Polizeizelle verbrennt ein an Händen und Füßen gefesselter Mensch bei lebendigem Leib. Selbst verschuldet, sagen die einen. Ermordet, sagen die anderen. Was geschehen ist, wird nur gedeutet. Klare Beweise liegen nicht vor. Da auch der dritte Prozess vor dem Landgericht Magdeburg keine endgültige Aufklärung zum Entstehen des Brandes bringt, knüpft die Autorin an ihre Recherche für ihr erstes Feature zum Fall Jalloh “Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf” an und hinterfragt die Ermittlungsergebnisse erneut.

Mit Unterstützung von Gerichtsmedizinern, Toxikologen und Kriminalbeamten geht sie Ungereimtheiten nach und bekommt Hinweise auf einen dritten Mann. Ging es am Anfang um unterlassene Hilfeleistung des Dienstgruppenleiters, ermittelt die Staatsanwaltschaft Dessau seit 2014 gegen Unbekannt wegen Mord.

Zaaatari

Von Monika Kalcsics

Samstag, 18.04.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Das Flüchtlingslager Zaatari der Vereinten Nationen in Jordanien ist das zweitgrößte weltweit. Es liegt im Norden des Landes an der Grenze zu Syrien, wo seit drei Jahren Bürgerkrieg herrscht.

2012, als das Lager errichtet wurde, kamen pro Nacht 1500 Menschen an. Heute leben 100 000 Menschen auf 530 Hektar Land. Eine logistische Herausforderung für die UNO und die Hilfsorganisationen. Auch der Deutsche Kilian Kleinschmidt arbeitet hier, er wurde gerufen, als das Lager im Chaos zu versinken drohte.

“Ich glaube, dass wir sowieso politisch sind”

Geschichten von Leuten, die sich einmischen

Von Günter Rohleder

Sonntag, 19.04.2015, 14.05 Uhr, SWR2 Feature am Sonntag

Demokratie ist ein Prozess und muss täglich neu errungen werden. Sie lebt davon, dass Menschen hinsehen und aufbegehren, wenn sie auf Unzumutbares und Ungerechtes stoßen. Doch Temperament, Mut und Handlungsbereitschaft fallen sehr unterschiedlich aus. Wie ticken Menschen, die sich einmischen? Was treibt sie zum Handeln? Und wann werden Wut und Empörung gefährlich? Neun Menschen, die sich einmischen über ihre Motive und ihre Zweifel.

Ich habe sie geheiratet, weil sie mich gefragt hat
Sylvia Platz und Ted Hughes

Von Manuela Reichart

Sonntag, 19. April 2015, 18:05 Uhr, hr2

Sylvia Plath und Ted Hughes: eines der großen Dichterpaare des 20. Jahrhunderts. Als sie sich im Winter 1962 umbringt, scheint er vielen der Schuldige – und wird trotzdem zu ihrem erfolgreichen Nachlassverwalter.

Begonnen hat ihre Liebesgeschichte 1956 in Cambridge, wo sich die begabte Amerikanerin Sylvia Plath und der aufstrebende englische Lyriker Ted Hughes zum ersten Mal begegnen. Sie bewundern einander und verlieben sich, kämpfen um Anerkennung als Autoren, bekommen zwei Kinder, haben wenig Geld – und scheitern in der Ehe. Bis heute ist Sylvia Plath das Opfer in diesem Liebesdrama, Ted Hughes der Täter, der sie betrog und in den Selbstmord trieb. Ihre Ehegeschichte wurde zur Projektionsfläche, auf der viele das geschlechtsspezifische Liebesdrama erkannten. Aber sind solche Geschichten nicht immer komplizierter?

 

Radiotipps vom 6. bis 12. April 2015

Im Tale grünet Hoffnungsglück –
Osterfest und Frühlingsfeier

Von Hans-Joachim Simm

Montag, 6. April 2015, 12:05 Uhr, hr2

Ostern, das Urfest des Christentums, knüpft an die Pessachfeier und an die antiken Frühjahrsriten an. Die Sendung widmet sich – mit kulturhistorischen und literarischen Texten – der Entstehung, Entwicklung und Bedeutung des Osterfestes. Hans-Joachim Simm beschreibt die Ereignisse vom Palmsonntag über den ‚Krummen Mittwoch‘, den Gründonnerstag und Karfreitag bis zum ‚Weißen Sonntag‘, ergänzt um die mit dem Frühlingsanfang verbundenen und noch heute bekannten Sitten und Bräuche, von Flurumgängen und vom Wasserschöpfen bis zu Lichterprozession und Osterfeuer.

Lady Day – Das Leben der Billie Holiday

Von Grace Yoon und Alfred Koch

Dienstag, 07.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

Billie Holiday ist die Stimme des Jazz und vielleicht auch die Stimme des 20. Jahrhunderts. Ihr Leben war so intensiv wie ihre Musik, eine außergewöhnlich talentierte Frau, die ein Leben auf dem Drahtseil führte, stets vom Unrecht der Rassentrennung, von falschen Freunden und den Auswirkungen ihrer Drogensucht bedroht.

1939 sang sie erstmals den Song “Strange Fruit”, ein Aufschrei gegen die Lynchjustiz an Schwarzen. In dem Film “New Orleans” (1946) durfte sie nur die Rolle spielen, die Hollywood damals für Schwarze vorsah: das Dienstmädchen. Billie Holiday starb mit nur 44 Jahren. Ihre Autobiografie wurde in viele Sprachen übersetzt.

Diana Ross spielte Lady Day in dem Film “Lady sings the Blues” und immer wieder tauchen Samples ihres Gesangs in modernen Re-Mixes, Techno- und Rap-Produktionen auf.

Check – shoot – goal
Innenansicht eines Eishockeyclubs

Von Ulrich Land

Mittwoch, 08.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Eishockey ist nach Fußball der beliebteste und lauteste Mannschaftssport. Eine Allianz aus Eleganz und Aggression. Für das Porträt der Kölner Haie wurde die komplette Mannschaft mit Mikrofonen verkabelt; sechs Mikrofone hingen von der Decke, und zusätzlich wurden zahlreiche Einzelaktionen sowie das Publikum separat aufgenommen.

Moritz Müller, Star-Verteidiger der vor über 40 Jahren gegründeten Kölner Haie, kommentiert von der Bande aus. Welchen Teamspirit bringen die Spieler mit? Welche Bedeutung haben die Schneidezähne für einen Hai? Und wie geht die Mannschaft mit der Rolle des ewigen Vizemeisters um?

Svalbard
Norwegens Joker im Run auf die Arktis

Von Harald Brandt

Mitttwoch, 08.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Svalbard – “kühle Küste” wird die Inselgruppe auf norwegisch genannt. Der 1920 in Paris unterzeichnete Spitzbergenvertrag gesteht Norwegen die volle Souveränität über den gewaltigen Archipel im Polarmeer zu. Allerdings muss Norwegen allen 40 Unterzeichnerstaaten die gleichen Rechte bei der Ausbeutung von Bodenschätzen gewährleisten, über die es selbst verfügt. Und nicht nur die vermuteten Öl- und Gasvorkommen im Norden sind begehrt: Auf Svalbard beginnt der Run auf die Arktis. Etwa 2000 Menschen leben in der Hauptsiedlung Longyearbyen, über ein Viertel sind Studenten aus aller Welt. In Barentsburg kommen noch etwa 400 russische Minenarbeiter und Wissenschaftler dazu. Norwegen verfügt zwar über die Souveränität, aber wird es den Wettlauf gewinnen?

Viva Fluxus
Mein Leben mit Vostell

Von Rilo Chmielorz

Freitag, 10.04.2015, 20:10 Uhr, DLF

40 Jahre lang war Mercedes Guardado de Vostell die Frau an der Seite von Wolf Vostell, des wohl bekanntesten Fluxus-Künstlers, der diese Bewegung Anfang der 60er-Jahre mitbegründet hat. Fluxus wollte die Grenze zwischen Kunst und Leben aufheben. Alles sollte fließen: KUNST=LEBEN=KUNST.

Das Publikum wurde zum Protagonisten der Happenings. Man wohnte im Atelier, und auch im Privaten wurden die Grenzen fließend. Als sich Mercedes und Wolf 1958 in Guadalupe kennenlernten, war Wolf ein unbekannter Maler und Mercedes eine junge Lehrerin, die gerade zu unterrichten begonnen hatte. Hals über Kopf folgte sie ihm nach Köln.

Noch heute spricht Mercedes von ihm als “Vostell” und nennt ihn weder beim Vornamen noch “meinen Mann”. Sie war Muse, Mutter, Modell, engste Mitarbeiterin, Museumsgründerin, Familienunternehmerin. Obwohl inzwischen schon 81 Jahre alt, ist sie immer noch die künstlerische Direktorin des Museo Vostell Malpartida und hält das bewegte Erbe lebendig. Viva Mercedes! Viva Fluxus!

Mein ungerechtes Land
Warum in Deutschland immer noch die soziale Herkunft zählt

Samstag, 11.04.2015, 13:05 bis 14:00 Uhr, Bayern 2

Von Marco Maurer

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Ein junger Mann hat den Traum Sportreporter zu werden. Dagegen stehen eine Hauptschulempfehlung, der Mann vom Arbeitsamt und manchmal auch das eigene Milieu. Dennoch ist er, Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers, entgegen der Prognose seiner Lehrer Journalist geworden. Sein eigener Marsch durch die Bildungsinstitutionen war der Ausgangspunkt, sich in einer drei Jahre langen Recherche einmal gründlich die deutsche Bildungswirklichkeit anzuschauen: Von 100 Akademiker-Kindern schaffen 71 den Sprung auf die Universität, von 100 Nichtakademiker-Kindern sind es nur 24. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer sozialen Auslese.
Im Gespräch mit Politikern wie Ole von Beust, sozialen Aufsteigern wie Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn, und Experten, etwa dem Eliteforscher Michael Hartmann, geht der Autor des Features der Bildungsungerechtigkeit auf den Grund. Er will wissen, warum es in Deutschland gute Bildung immer noch nicht für alle gibt, Kinder aus bildungsfernen Milieus systematisch benachteiligt, ihre Talente und Begabungen nicht gefördert werden und so ein ganzes Land seine Zukunft verspielt.

Fremdes Land
Mein Exil Zuhause

Von Ruth Fruchtman

Samstag, 11.04.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Wer sagt, dass Zuhause nur ein bequemer Ort sei? Wer behauptet, dass man dort bleiben muss, wo man geboren wurde? Im selben Land, in derselben Stadt, gar in derselben Straße und derselben Wohnung? Heimatlosigkeit muss kein Nachteil sein. Das Land, die Kultur und die Sprache zu wechseln, kann eine andere Sicht auf die Welt, auf andere Menschen ermöglichen – und vor allem auf sich selbst.
Leila Ibn Hasar, deutsch-arabischer Herkunft, Maciej Luszynski aus Polen, Ines Meyer-Kormes, jüdische Ostberlinerin und die ebenfalls jüdische, in London geborene Autorin Ruth Fruchtman erzählen von der Suche nach Heimat und der Konstruktion eines Zuhauses.

„Ich schrieb das schnell auf“
Rolf Dieter Brinkmann und die Suche nach dem Unmittelbaren

Von Norbert Hummelt

Sonntag, 12.04.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Vielleicht sei es ihm “manchmal gelungen, Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus”, schrieb Rolf Dieter Brinkmann zu seinem letzten Gedichtband Westwärts 1 & 2, der im Mai 1975 posthum erschien. Kurz zuvor war der gerade 35-jährige Dichter in London von einem Bus überfahren worden. Der Versuch, unmittelbar an die Dinge, an den Augenblick, an das Leben heranzukommen, zeichnete sein Schreiben von Beginn an aus. Dazu entwickelte er die Snap Shots, ganz kurze Gedichte, die sich fotografisch an den Moment heften. Kommen wir heute, 40 Jahre nach Brinkmanns Tod, noch an die erloschenen Augenblicke heran? Was empfinden wir, wenn wir seine Stimme hören wie in seiner letzten Aufnahme, die kurz vor seinem Tod in Cambridge aufgezeichnet wurde? Finden wir in seinen Gedichten noch eigene Erfahrungen oder sind sie schon weit abgerückt?

 

Radiotipps für die Woche vom 29. März bis 5. April 2015

Mittelamerikanischer Exodus
Wenn Kinder nur noch weg wollen

Von Erika Harzer

Dienstag, 31.03.2015, 19:15 Uhr, DLF

Sie kommen aus Guatemala, El Salvador und Honduras. Sie sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und durchqueren alleine Mexiko. Eine mörderische Route, die sie nur mit viel Glück unversehrt hinter sich bringen können, ohne dabei in die Hände von Drogenkartellen, Entführern, Menschenhändlern oder auch der Migrationspolizei zu gelangen.

All die Gefahren halten sie nicht davon ab, sich auf den Weg zu machen. Zu Hunderten sitzen sie dicht gedrängt auf Dächern von Güterzügen und hoffen täglich aufs Neue, ihr Ziel zu erreichen. Die USA. Dort glauben sie, ein Leben leben zu können, dass ihnen mehr bietet, als der gewalttätige Alltag, den sie in ihren Heimatländern erlitten haben. Doch Präsident Obama erwägt angesichts des Ansturms Minderjähriger eine Gesetzesänderung, um diese Kinder schneller abschieben zu können. Die Heimatländer gelten nicht als Kriegsregionen und doch sind sie Ausgangspunkt des Exodus. Die Geschichte der Kinder einer vergessenen Region, die Geschichte einer humanitären Katastrophe.

Es brummt

Von Beate Mayer

Mittwoch, 01.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Der mysteriöse Tiefton, den nur wenige Menschen hören können, ist ein Rätsel – weder Quelle noch Ursache sind bisher bekannt. Die Autorin Beate Mayer begab sich auf die Suche nach dem Brummton. Es wurde eine Reise in die Welt der tiefen Töne.

“Das Bett vibriert, das Kopfkissen brummt, das Herz rast und der Blutdruck erhöht sich. Es hört sich an, als brumme im Keller ein Kühlschrank.” So beschreibt einer von 900 Brummton-Betroffenen in Deutschland sein Leiden, das ihm seit Jahren den Schlaf raubt.

Den mysteriösen Tiefton hören nur wenige Menschen. Das ist ein Rätsel, denn weder Quelle noch Ursache des Phänomens sind bisher bekannt. Wohl aber die Wirkung, die niederfrequente Töne auf den menschlichen Organismus haben, obwohl man sie nicht bewusst wahrnimmt.

Die Autorin begab sich auf die Suche nach dem Brummton. Aus der Recherche wurde eine Reise quer durch die Republik und in die Welt der tiefen Töne, die alles andere als ungefährlich ist.

Die Stadt, der Cop, die Fehlurteile
Justizskandal in New York

Von Simone Hamm

Mittwoch, 01.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

In den 80er-Jahren war New York die Hauptstadt der Kriminalität. Drogenhändler beherrschten die Straße, Morde waren an der Tagesordnung. Die Polizei brauchte dringend Erfolge und Detektive Louis Scarcella lieferte sie. Er brachte Mörder gleich dutzendweise auf die Anklagebank. Die Staatsanwälte glaubten ihm gerne, dass Augenzeugen gleich mehrere Morde gesehen haben wollten, fiel ihnen nicht auf und niemand fragte, warum etliche Angeklagte auf ihrer Unschuld beharrten. Sie wurden verurteilt und erhielten langjährige Haftstrafen. New York schien wieder sicher. Nach über 20 Jahren stellt sich heraus, dass viele unschuldig im Gefängnis saßen. Über 70 Fälle werden jetzt neu aufgerollt, die ersten Häftlinge wurden inzwischen freigelassen. Wie konnte es dazu kommen? Verurteilte kommen zu Wort, Anwälte, Politiker und Bürgerrechtler, die zu erklären versuchen, wie Fehlurteile in diesem Ausmaß überhaupt möglich waren. Es zeigt sich: Louis Scarcella ist nur Teil eines sehr viel größeren Problems.

Elser

Hörspiel von Fred Breinersdorfer

Freitag, 03.04., 20.03 Uhr, SWR2 Hörspiel am Sonntag

Es fehlten 13 Minuten, die die Weltgeschichte ändern und Millionen Menschenleben hätten retten können. Doch Adolf Hitler verließ die Kundgebung im Münchner Bürgerbräukeller an diesem 8. November 1939 zu früh. Er wollte schnellstens zurück nach Berlin, konnte aber nicht fliegen, weil Nebel herrschte. Erst im Sonderzug erreichte ihn und seine Paladine die Nachricht, dass der Ort, an dem sie noch kurz zuvor des ›Marschs auf die Feldherrenhalle‹ gedacht hatten, durch eine Bombenexplosion zertrümmert worden war.

»Wir alle sind wie durch ein Wunder dem Tode entronnen«, schrieb Goebbels in sein Tagebuch. Die Vorsehung habe den »Führer« gerettet. Er stehe, so pries die Propaganda, »unter dem Schutz des Allmächtigen« und werde erst sterben, »wenn seine Mission erfüllt ist«.

Georg Elser, der Attentäter, der die heraufziehende Katastrophe des Zweiten Weltkriegs früher als viele andere erkannt und durch Tyrannenmord hatte verhindern wollen, war dem Leiter der Kripo Arthur Nebe und Gestapo-Chef Heinrich Müller in Berlin überstellt worden. Nach brutalen Verhören gestand er schließlich. Doch die Nazis glaubten nicht, dass dieser einfache Schreiner aus dem schwäbischen Königsbronn allein gehandelt haben konnte. Sie hielten ihn für ein Werkzeug des englischen Geheimdienstes. Für einen Schauprozess ließ man Elser noch jahrelang im KZ am Leben. Erst kurz vor Kriegsende wurde er auf Befehl Hitlers in Dachau ermordet.

Das Hörspiel über den Hitler-Attentäter entstand in Abstimmung zwischen den Redaktionen Fernsehfilm und Hörspiel des Südwestrundfunks. Erfolgreich zusammengearbeitet hatten sie zuletzt beim großen »Rommel«-Film des SWR. Diesmal stand die Kino-Koproduktion »Elser« am Anfang, in der Oliver Hirschbiegel Regie führt. Drehbuchautor Fred Breinersdorfer schrieb für das Hörspiel eine neue, eigenständige Version. Seine wichtigste historische Quelle waren die Gestapo-Protokolle, die, bis auf wenige Ausnahmen, allerdings nicht den Wortlaut der Verhöre wiedergeben, sondern als Zusammenfassungen der Protokollanten in der Sprache der Nazis gehalten sind. Im Unterschied zum Film wählte Breinersdorfer vor allem die Innenperspektive Elsers, um den minutiös geplanten An-schlag und seine Hintergründe zu schildern. In Rückblenden, andrängenden Erinnerungen und im inneren Monolog werden die Überzeugungen und Motive, aber auch die Zweifel des Attentäters deutlich.

Auf dem Weg nach Çankiri
Der Komponist und der Völkermord

Von Daniel Guthmann

Freitag, 03.04.2015, 20:05 Uhr, DLF

Am 24. April 1915 werden in Konstantinopel mehr als 220 Armenier festgenommen und in den folgenden Tagen ins Landesinnere nach Çankiri deportiert. Der Vorwurf lautet: Hochverrat. Zu den prominenten Gefangenen gehört einer der berühmtesten armenischen Künstler: der Komponist und Priester Komitas Vardapet.

Die Verhaftungen bilden den Auftakt zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1915 und 1917 bringen die Türken schätzungsweise 1,5 Millionen Armenier im Osmanischen Reich um. Obwohl Komitas zu den Überlebenden der Deportationen gehört, zerbricht er aus Verzweiflung über das Leid seiner Nation.Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbringt er in psychiatrischen Anstalten in Konstantinopel und Paris.

Das Feature erzählt mit Hilfe von Auszügen aus unveröffentlichten Originalquellen, Krankenakten und armenischen Zeitzeugenberichten, und macht deutlich, was der Leidensweg des Komponisten für die Armenier von heute bedeutet.

Die Liebe zum Standard
Feldforschungen in der Welt der Kaninchenzüchter

Von Jörn Klare

Samstag, 04.04.2015 um 18:05 Uhr

Jörn Klare war schon in fast aller Welt und an beinahe jedem Krisenherd. Jetzt aber führen ihn seine investigativen Recherchen in eine besonders exotische Welt: das Universum der deutschen Kaninchenzüchter.

Das Wenige, das man über sie weiß, stammt aus dem Lokalteil der Zeitung. Dort, wo angeblich jeder Reporter mal angefangen hat (um möglichst schnell weg- und weiterzukommen), erschließt sich dem Autor ein vielfältiger Kosmos mit komplexen Regeln und Gebräuchen.

Allen voran: der “Standard”, der buchstäblich Kaninchen haarklein festschreibt, was ein schönes Kaninchen von einem weniger schönen unterscheidet. Die Kleintierwelt als Großmetapher. Jörn Klare hat auch versucht, mit den Kaninchen selbst zu sprechen.

„Es muss doch schön sein“
Paul Kuhn – vom Wunderkind zur Jazzlegende

Von Nadja Mayer

Sonntag, 5. April 2015, 18:05 Uhr, hr2

Als die Alliierten während des zweiten Weltkriegs in der Normandie landeten, saß der Sechzehnjährige mit fünf Revuegirls in einem Schnellboot Richtung Brest, während über ihren Köpfen die Bomben flogen. Er spielte nach dem Krieg in den Clubs der GIs und auf dem ersten Deutschen Jazzfestival in Frankfurt am Main. Schon bald aber versprach er: “Ich spiele alles, was Sie hören möchten” und sang mit weicher Stimme und ernster Miene vom “Mann am Klavier”. Es sollte die Hymne der Nachkriegsjahre werden. In den 1970er Jahren machte er das Tanzorchester des SFB zu einer Big Band von Weltruhm und fing noch einmal bei null an, als die Ära der Band jäh zu Ende ging.

Paul Kuhn, der mit seiner Musik immer lieber Menschen unterhalten, als Kritiker begeistern wollte, pflegte ein konsequentes Desinteresse an Einteilungen in E- und U-Musik, in Jazz und Schlager. “Es muss doch schön sein”, lautete sein Credo, mit dem er zumindest in den Feuilletons lange Zeit auf Unverständnis stieß. Erst spät kehrte er zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und fand endlich auch als Jazzpianist gebührende Anerkennung. Das Feature zeichnet das facettenreiche Leben von Paul Kuhn nach, der 2013 im Alter von 85 Jahren gestorben ist.

 

Radiotipps für die Woche vom 22. bis 29. März 2015

Bis Zurawlów probt den Aufstand
Ein polnisches Dorf im Streit mit der Fracking-Industrie

Von Martin Sander

Dienstag, 24.03.2015, 19:15 Uhr, DLF

Kaum ein Land in Europa hat so auf Schiefergas gesetzt wie Polen in den vergangenen Jahren. Experten wollten in Ostpolen riesige Vorkommen ausgemacht haben, in Warschau feierte man die künftige Unabhängigkeit von Gazprom. Westliche Energiekonzerne spekulierten auf Gewinn und viele Menschen in der Provinz auf gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Einwohner von Żurawlów aber waren von Beginn an zutiefst skeptisch.

Seit vor zwei Jahren Vertreter von Chevron mit allerlei Versprechen, doch ohne Genehmigung der Behörden in ihrem malerischen Dorf erschienen, herrschte Aufruhr. Man fürchtete eine Verunreinigung des Grundwassers und den Verlust von Grund und Boden. “Wir lassen uns nicht noch einmal vertreiben!”, lautete eine Parole, die auf die Zwangsumsiedlungen der Bewohner im Zweiten Weltkrieg anspielt.

Eigensinnig widerständisch verbündeten sich katholische Patrioten mit international versierten Aktivisten. Nach Monaten des Protests verschwand das Gerät vom Testfeld – nachts, spurlos, ohne Erklärung. Ein alter Bauwagen, das Winterquartier der Protestler ist stehen geblieben – nicht nur als Museum des Widerstands, sondern auch für den Fall, dass Chevron wiederkommen sollte.

„Das Verschwinden der Natalia Aschenbrenner“
Hörspielserie in sechs Folgen

Von Friedrich Ani

„Der Anruf“, Folge 1, Dienstag, 24. März 2015, 19.20 Uhr, SWR2

Wovon “Tatort”-Fans und Tourismusmanager zwischen Bad Wildbad und Freiburgträumen, das ist beim Kulturradio SWR2 demnächst Realität: eine eigene Krimi-Serie aus dem Schwarzwald! Denn zum ersten Mal muss der eigenbrötlerische Privatdetektiv Tabor Süden, für den Friedrich Ani (Deutscher Krimipreis) bereits mehrere Romane und Originalhörspielegeschrieben hat, im Südwesten eine vermisste junge Frau aufspüren. Die sechsteilige Hörspielserie „Das Verschwinden der Natalia Aschenbrenner“ führt den wortkargen Spurensucher aus München in die dunkelsten Ecken des Schwarzwalds. Zwischen dem eleganten Kurort Baden-Baden und dem abgelegenen Dorf Henkersbach gerät er immer tiefer in den Sog einer düsteren Welt. SWR2sendet die 25-minütigen Folgen jeweils dienstags, 24. März bis 28. April2015, um 19.20 Uhr. Auf der Suche nach der vermissten Maskenbildnerin Natalia Aschenbrenner tritt Tabor Süden (Klaus Spürkel) auf die Köchin Eloise Valéry, die seit Jahren alleine in einem heruntergekommenen Hotellebt. Was Süden nicht weiß: Zwei Männer sind nach Henkersbachzurückgekehrt, mit denen die Köchin Geheimnisse aus der Vergangenheit teilt. Doch während Süden längst vergangenen Verbrechen auf die Spur kommt, bleibt die verschwundene Natalia unauffindbar und der Ermittler wird selbst zum Gejagten… Die beeindruckende Radio-Stimme von Tabor Süden gehört übrigens dem Freiburger Schauspieler Klaus Spürkel (Theaterbühne “KUMEDI”,”Tatort” Stuttgart 1995–2007, “Laible und Frisch”, “Die Fallers” etc.)

Weitere Sendetermine:
„Der Fremde“, Folge 2, Dienstag, 31. März 2015, um 19.20 Uhr
„Die Lügnerin“, Folge 3, Dienstag, 7. April 2015, um 19.20 Uhr
„Das Schattenhaus“, Folge 4, Dienstag, 14. April 2015, um 19.20 Uhr
„Der Abgrund“, Folge 5, Dienstag. 21. April 2015, um 19.20 Uhr
„Südens End“, Folge 6, Dienstag, 28. April 2015, um 19.20 Uhr
Alle Folgen gibt es nach der Ausstrahlung auch zum Herunterladen aufwww.SWR2.de/hoerspiel.

Letztes Wochenende
Grenzerfahrungen einer verlorenen Generation in Franken

Von Jonas Heldt

Mittwoch, 25.03.2105, 00:05 Uhr, DR Kultur

“Gleichwertige Lebensbedingungen” – das verspricht die bayerische Staatsregierung im fernen München. Im Nordosten Bayerns, an der Grenze zu Tschechien, sieht die Realität anders aus. Marge will als frische Abiturientin nach Berlin, sie flüchtet sich von Wochenende zu Wochenende, von Rausch zu Rausch.

Ihr Begleiter Keksi tut sich mit der Arbeitssuche schwer als Skinhead und Bürgerschreck. Denn Perspektiven sind rar im Grenzgebiet. Auf der tschechischen Seite dieser Grenze mitten im neuen Europa treibt sich Roman herum, Crystal Meth ist sein Begleiter. Neben einem Motocross-Platz für die Deutschen baut er sich ein Baumhaus im Drogenwald.

Kinder am Ende des Lebens
Über Palliativmedizin und Sterbehilfe

Von Karla Krause

Mittwoch, 25.03.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe auch für Minderjährige hat nicht nur die belgische Gesellschaft aufgewühlt. Dabei sind Eltern unheilbar erkrankter Kinder immer wieder vor existentielle Entscheidungen gestellt, die ihnen auch ein Gesetzgeber nicht abnehmen kann: Denn ob ein Kind wiederbelebt, operiert, beatmet, künstlich ernährt werden soll, kann über Leben oder Tod entscheiden. Eine Abwägung, die Eltern häufig überfordert. Im Kinderhospiz Sonnenhof unterstützt ein Palliativteam von Ärzten, Pflegern und Therapeuten betroffene Familien – weit über die medizinische Betreuung hinaus. Es hilft bei Entscheidungen und bemüht sich um die Lebensqualität von todkranken Mädchen und Jungen und die liebevolle Begleitung von Sterbenden. Kann eine solche Versorgung die aktive Sterbehilfe bei Kindern überflüssig machen?

Hip-Hop und Heavy Metal
Die verborgenen Hochkulturen

Von Jörg Scheller

Freitag, 27.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Während sich die Sensationsmedien bevorzugt Sexismus und Gewaltverherrlichung im Gangsta-Rap oder Satanismus und rechtem Gedankengut im Heavy Metal widmen – die es fraglos auch gibt – geht es in dieser Sendung darum, das wachsende progressive und emanzipatorische Potenzial der Szenen auszuloten. So schöpfen Metal-Musiker aus dem Erbe der Klassik, die Songtexte von Rappern werden in Anthologien veröffentlicht. Virtuose Math-Core Bands wie The Dillinger Escape Plan knüpfen an die Komplexität des Jazz an.

Liebe und andere Zwischenfälle
Vom Erwachsen-Werden mit dem Down-Syndrom

Von Helmut Kopetzky

Samstag, 28.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Kleine Kinder mit dem “Down-Syndrom” sind überwältigend in ihrer Zuneigung, Mittelpunkt jedes Kindergeburtstags. Aber wie geht es weiter in ihrem Leben? Jeder zehnte Mensch mit “Trisomie 21″ erreicht heute das 70. Lebensjahr.

Petra und Sven sind 27 bzw. 30 Jahre alt. Petra hat sich in Sven verliebt. Fast täglich telefonieren sie miteinander. Die beiden reden von Hochzeit. Mehrmals haben sie bereits gemeinsam die Nacht verbracht. Svens Eltern sind noch skeptisch, Petras Eltern befürworten die Verbindung. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte spiegelt auch die Diskussion um “Normalität”, die Autonomie “Behinderter”, Fortpflanzung und genetische Risiken.

Zwischen Aragaz und Ararat
Eine Reise mit der Autorin Katerina Poladjan nach Armenien

Von Andreas Kebelmann und Robert Schmidt

Sonntag, 29.03.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Drei Anfänge. New York 2010. Moskau 1973. Berlin 2014. So könnte der Roman von Katerina Poladjan beginnen. Der Großvater starb Anfang der 70er-Jahre kurz nach ihrer Geburt in Moskau, die Großmutter fast 30 Jahre später in New York. Über ihren Vater bekommt die Autorin einige alte Fotos, ein Tonband und einen armenischen Namen: Poladjan. Die Familiengeschichte geht zurück bis ins Jahr 1915 nach Ordu an der anatolischen Schwarzmeerküste. Die Spurensuche führt weiter – über Kontinente und Jahrhunderte. In Jerewan im Matenadaran-Institut, dem Zentralarchiv für armenische Handschriften, endet die Reise und beginnt die Geschichte.

 

Radiotipps für die Woche vom 16. bis 22. März 2015

Die Tauben vom Hauptbahnhof
Psychologie eines Sehnsuchtsortes

Von Rainer Schildberger

Freitag, 20.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Bettler und Obdachlose, die Hast der Berufstätigen und die Träume der Wartenden. Der Bahnhof ist Sinnbild für das Etappenhafte, das Bruchstückhafte, das Fragmentarische, die Instabilität, aber auch für die Bewegung unseres Lebens. “Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt”, dieser Satz von Joseph Beuys ist Ausgangspunkt und zentraler Fokus des Features.

Gemeint ist, dass Erkenntnisse über den Sinn des Lebens auf der Straße zu finden sind. Besonders am Hauptbahnhof als Nukleus und exemplarischer Ort des Geheimnisses. Der Autor geht hinein in die ergebnisoffenen Situationen, die der Bahnhof bietet. Er trifft Menschen, die einfach nur sitzen und schauen und andere, die herumfahren müssen, weil sie es Zuhause nicht aushalten. Und dann ist da noch die Taube hoch oben in der gläsernen Kuppel. Sie kennt jeden, sie sieht alles. Sie erzählt von den Banalitäten und Besonderheiten eines Sehnsuchtsortes.

Erfahrung und was daraus folgt

Von Martina Groß

Mittwoch, 18.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Er gilt als der “Vater der Beatgeneration”, auch wenn er diese Einordnung nicht mochte. Alle kamen sie zu den legendären Freitags-Soireen in den 50er-Jahren. Als Anarchist und Bohemien schlug er eine Brücke zur Arbeiterbewegung und zum frühen Jazz Chicagos.

Als Buddhist und Übersetzer japanischer und chinesischer Dichtung brachte er die asiatische Ideenwelt den Amerikanern näher. Spirituelle Erfahrung und Religion waren für ihn nichts, an das man glaubt, sondern etwas Praktiziertes. Auch wenn Kenneth Rexroth (1905-1982) heute ein fast vergessener Dichter ist: Er stand am Anfang der vielen Formen asiatischer Spiritualität, die die Autorin auf ihrer Reise entlang der Westküste der USA gefunden hat.

Die gekaufte Stadt
Serge Dassault und das politische Business in Frankreich

Von Margit Hillmann

Mittwoch, 18.03.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Die französische Arbeiterstadt Corbeil-Essonnes bei Paris galt lange als uneinnehmbare Hochburg der Kommunistischen Partei. – Bis Mitte der 1990er-Jahre ein konservativer Politiker das Rathaus eroberte: Flugzeugbauer Serge Dassault. Der Großindustrielle hatte versprochen, die Stadt auf Erfolgskurs zu bringen. Heute – 20 Jahre später – steht Corbeil-Essonnes für eine der dreistesten Korruptionsaffären Frankreichs: Dassault soll seine Wahlerfolge in der Stadt nach Mafia-Manier und mit Millionenbeträgen erkauft haben. Das Feature spürt die Mechanik des System Dassault auf und leuchtet die Hintergründe eines Skandals aus, dessen Ausmaße erst nach und nach ans Tageslicht kommen.

Der letzte Mensch
Wie wir überleben, wenn wir überleben

Von Thomas Palzer

Samstag, 21.03.2015, 14.00 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

“Die globale Welt ist heute so beschaffen, dass es irgendwann einen großen Knall geben wird”, sagt der Philosoph Slavoj Žižek.
“Aber erst wenn wir das als unausweichliches Schicksal akzeptieren, können wir auch wirklich etwas dagegen tun.” Und wir tun etwas. Wir kümmern uns ums Überleben. In Gedanken sind wir alle längst dabei, das Ende der Zivilisation zu imaginieren und uns darauf mental vorzubereiten. Und wer etwa eine Großstadt besucht, der kann den Eindruck gewinnen, dass immer mehr Menschen den Ernstfall auch wirklich proben. Studios wie CrossFit werben damit, das härteste Workout der Welt anzubieten. Hier werden ganz gewöhnliche Stadtbewohner zu Gladiatoren, Elitesoldaten und Überlebenskämpfern ausgebildet – und auf größte physische Herausforderungen und Notfälle vorbereitet. In den USA nennt man diesen Trend Sufferfest – Leidensfest. Angesichts der zahllosen Krisen, die die Gegenwart erschüttern – neue Seuchen, Flüchtlingskrisen, Syrien, Ukraine, der IS, der neue autoritäre Kapitalismus, aber auch die üblichen Verdächtigen wie Versorgungskrisen, Überbevölkerung usw. – scheint die Angst vor dem “Einbruch des Realen” (Slavoj Žižek) zu wachsen. Wir fühlen uns vom kommenden Klimakrieg bedroht, von sich anbahnenden ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen, von der drohenden Verdunkelung der Erde; von neuen Seuchen, vom Zusammenbruch der “Systeme” und von der übersteigerten Selbstermächtigung des Menschen. Wir lieben es, die Zukunft als Desaster zu denken.
Das Feature will die Geschichte der Gegenwart schon mal probeweise zu Ende erzählen und befragt dazu Menschen, die sich auf den Ernstfall vorbereiten.
Welche Art Zukunft liegt eigentlich vor uns – und: Können wir diese überleben? Was täten wir, wenn der Supermarkt an der Ecke nach Panikkäufen leergeräumt wäre? Und: Sind unsere sozialen Beziehungen belastbar – in einer möglichen Krise?

Drei Schwestern und ein Downsyndrom
Inszenierung von Familienbeziehungen

Von Annika Erichsen

Samstag, 21.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Elisabeth ist arbeitslos, Christina ist Single und Theresa ist behindert. So kann man die drei Schelhas-Schwestern beschreiben. Es geht aber auch anders: Elisabeth will die Größte, Schönste, Stärkste sein, Christina fühlt sich zu kurz gekommen und Theresa steht mit beiden Beinen im Leben.

Oder: Erstgeborene, Sandwichkind und Nesthäkchen. Welche Beschreibung ist am Treffendsten? Die drei inzwischen erwachsenen jungen Frauen stehen gemeinsam auf einer Theaterbühne, um herauszufinden, wer welche Rolle im echten Leben spielt. Und wie frei sie ihren Lebensentwurf tatsächlich wählen können.

Artisten (3/)
Peggy Traber – Fallhöhe

Von Judith Fehrenbacher

Sonntag, 22.03.2105, 15.04 Uhr, SWR2

Peggy Traber ist Hochseilartistin. Eine aus der großen Artisten-Dynastie der Trabers, die seit 1799 ununterbrochen auf dem Seil unterwegs sind. Doch Peggy Traber gehört nicht zum glamourösen Familienzweig, der in Baden ansässig ist, sondern zu einer östlichen Linie, die in der DDR und der Sowjetunion Karriere machte. Eine seltene Karriere im Sozialismus: auf schmalem Draht in hoher Luft. Natürlich gehen auch ihre drei Töchter aufs Seil. Gefallen ist Peggy Traber erst Jahre nach der Wende – als sie sich in ihren Schwiegersohn in spe verliebte. Familienkrieg, Finanzprobleme. Schließlich landete sie ganz unten – im Gefängnis. Doch nun ist sie frei und will wieder rauf. Und rauf kann für sie nur bedeuten: auf’s Seil. “Das Leben ist ein Hochseilakt”, sagt sie. Und sie ist die einzige, die das sagen kann, ohne dass es eine abgedroschene Metapher ist.

Weder schwarz noch weiß:
Asiatische Einwanderer in den USA

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

Sonntag, 22. März 2015, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Amerika ist seit seiner Entdeckung durch Europäer eine Zone der Einwanderung, und die transatlantische Verbindung ist Grundlage unseres Amerikabildes. Fast unbekannt ist dagegen die pazifische Seite der Einwanderung nach Amerika.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erreichen Millionen Menschen den Kontinent über den Pazifik, und heute beträgt ihr Anteil in Städten wie Los Angeles, San Francisco, San Jose oder Seattle bis zu 30 Prozent der Bevölkerung. Ihre Lage wird zuweilen mit dem Begriff der “Model Minority” beschrieben, einer “besseren” Minderheit, die den American Way of Life durch Anpassung und Leistungsbereitschaft schafft.

Aber ist das die ganze Wahrheit? Seit den 1960er Jahren kämpfen die Asian Americans um gesellschaftliche Anerkennung und politische Mitbestimmung. Heute ist in San Francisco der Bürgermeister asiatischer Herkunft, fünf von elf der gesetzgebenden und vom Volk gewählten Verwaltungsräte / Supervisors ebenfalls. Jane Tversted und Martin Zähringer gehen den Spuren der Asian Americans in der Bay Area nach, es entsteht der Lagebericht einer etwas anderen Migration.

 

Radiotipps für die Woche vom 8. bis 14. März 2015

Abgehängt
Wie die Krise in das Leben der Franzosen eingreift

Von Ruth Jung

Dienstag, 10.03.2015, 19:15 Uhr, DLF

Jeder vierte Franzose unter 25 Jahren ist arbeitslos. Rund fünf Millionen gelten als arm. Und die Armut breitet sich immer mehr aus. In Paris führt ein Obdachloser Interessierte an die Stätten des zunehmenden sozialen Elends. 2013 verteilten die “Resto du coeur” mehr als 130 Millionen kostenlose Mahlzeiten.

Aus der Initiative des Komikers Coluche von 1985 ist ein karitatives Großunternehmen geworden. Armut hat heute ein anderes Gesicht als vor 30 Jahren: Nullwachstum, prekäre Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Depression, Ausgrenzung. Von dieser tiefgreifenden sozialen und politischen Krise profitiert die extreme Rechte, die 2014 zwölf Rathäuser erobern konnte.

Bei der Europawahl erhielt der Front National ein Viertel der abgegebenen Stimmen. Umfragen lassen befürchten, dass dessen Spitzenkandidatin Marine Le Pen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen vorn liegen könnte. Derweil streiten sich die regierenden Sozialdemokraten über mögliche Wege aus der Krise.

Textverarbeitung
Über das Büchermachen in digitalen Zeiten

Von Joachim Büthe

Freitag, 13.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Über das Verschwinden des Buches sind schon viele Bücher geschrieben worden. Es verschwindet aber nicht, sondern es wird sogar schöner, auch durch den Druck der digitalen Konkurrenz. Verloren hat es sein Monopol und das kann ein Anlass sein, seine Qualitäten neu zu bestimmen und auch die Positionen von Verlegern, Gestaltern und Lesern.

Kann es neue Verlagsformen geben, die weniger hierarchisch gegliedert sind als bisher? Welche Rollen werden Gestalter spielen, nicht nur im Medium des Buches, sondern auch in den digitalen Publikationen? Ist es für die Aufnahmefähigkeit des Lesers gleichgültig, in welchem Medium er liest? Und müssen die rivalisierenden Medien wirklich Gegner sein? Sie werden noch lange nebeneinander und miteinander auskommen müssen. Warum nicht einen Vorteil daraus machen?

Unterwegs im alpinen Europa
Wörterberge

Von Alessandro Bosetti

Mittwoch, 11.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Sein Interesse an Sprache hat den Soundkünstler Alessandro Bosetti in das “Little Europe” der Alpen geführt. Dieses Gebirgsmassiv in der Mitte Europas ist vielsprachig, überschreitet nationale Grenzen, beherbergt Regionen mit starker Eigenidentität, die um politische Autonomie kämpfen. Gleichzeitig prägen Migration und Wanderarbeiter das Bild.

Bosetti ging dorthin, wo auf überschaubarem Raum Walserisch, Frankoprovenzalisch, Ladino, Cimbro, Slowenisch und viele andere Sprachen gesprochen werden. Er besuchte Bergbauern auf der Alm und verfolgte in den Tälern hitzige Dorfdebatten über den richtigen Kurs Europas.

Wenn Kinder nur noch weg wollen
Der mittelamerikanische Exodus

Von Erika Harzer

Samstag, 14.03.2015 13:05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Sie kommen aus Guatemala, El Salvador und Honduras. Sie sind Kinder oder Jugendliche und durchqueren alleine Mexiko. Eine mörderische Route, die sie nur mit viel Glück unversehrt hinter sich bringen können, ohne dabei in die Hände von Drogenkartellen, Entführern, Menschenhändlern oder auch der Migrationspolizei zu gelangen. All die Gefahren halten sie nicht davon ab, sich auf den Weg zu machen. Zu Hunderten sitzen sie dicht gedrängt auf Dächern von Güterzügen und hoffen täglich aufs Neue, ihr Ziel zu erreichen. Die USA. Dort glauben sie, ein Leben führen zu können, das ihnen mehr bietet, als der gewalttätige Alltag, den sie in ihren Heimatländern erlitten haben. Doch Präsident Obama erwägt angesichts des Ansturms Minderjähriger eine Gesetzesänderung, um diese Kinder schneller abschieben zu können. Die Heimatländer gelten nicht als Kriegsregionen und doch sind sie Ausgangspunkt des Exodus. Die Geschichte der Kinder einer vergessenen Region, die Geschichte einer humanitären Katastrophe.

Stecker raus – Menschen ohne Strom

Von Dieter Jandt

Samstag, 14.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Jährlich sind bundesweit mehr als 300 000 Haushalte von Stromsperrungen betroffen, Tendenz steigend. Auch der vermehrte “Stromklau” ist ein Indiz dafür, dass vielen Menschen Energie zu teuer geworden ist. Verbraucherverbände fordern ein Grundrecht auf Strom.

Die Realität aber sieht düster aus. Manche Menschen bleiben über Monate ohne Strom und verbringen den Abend bei Kerzenlicht. Sozial schwache Familien können sich keine energiesparenden Geräte leisten, nicht einmal Sparlampen. Was wäre zu tun, damit Strom für alle bezahlbar ist?
Ein Ausflug zu Menschen, die ohne Strom leben müssen.

Artisten (2/3)
Milo Barus – Der stärkste Mann der Welt

Von Martin Becker und Tabea Soergel

Sonntag, 14.03.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Er wuchtete vollbesetzte Straßenbahnen aus den Schienen und rang mit bloßer Muskelkraft Stiere nieder. 1906 wurde er im Sudetenland geboren, 1930 wurde ihm in Paris der Titel “Stärkster Mann der Welt” zugesprochen. Ebenso wie in London, Kalkutta, Kairo, Buenos Aires und New York. Schließlich aber landete er im thüringischen Stadtroda in der DDR. Immerhin: Für die ein oder andere Fernsehshow ging er immer noch vor die Kamera, um einen Hufnagel mit der Faust ins Holz zu schlagen und mit den Zähnen wieder herausziehen. Wie passt ein solitärer Kraftprotz in einen Staat der vereinten solidarischen Kräfte? Und wie passt er in die Gegenwart? Emil Bahr alias Milo Barus starb 1977. Heute wird im Eisenberger Mühltal ein Kraftsportwettkampf namens “Milo Barus Cup” veranstaltet.

(Teil 3, Sonntag, 22. März, 14.05 Uhr)

Billig – um jeden Preis!
Der Lebensmitteleinzelhandel: Einblicke in ein krankes System

Von Egon Koch

Sonntag, 15. März 2015, 18:05 Uhr, hr2

Beim Wettkampf um Marktanteile und die Gunst des Kunden spielt im Lebensmitteleinzelhandel der Preis die zentrale Rolle. Der deutsche Markt ist gesättigt. Marktanteile können nur noch durch die Verdrängung von Mitbewerbern gewonnen werden.

Die fünf führenden Supermarkt- und Discounterkonzerne Edeka, Rewe, Aldi, die Schwarzgruppe (Lidl und Kaufland) und Metro teilen den Markt unter sich auf. Featureautor Egon Koch spürt einem kranken System nach, das auf Kosten der Produzenten den Preis immer mehr drückt.

 

Radiotipps für die Woche vom 2. bis 7. März 2015

Das Plenum von Tuzla
Ein bosnischer Frühling

Von Zoran Solomun

Dienstag, 03.03.2015, 19.15 Uhr, DLF

Im Februar 2014 gingen in Bosnien und Herzegowina Arbeiter, Rentner und Arbeitslose auf die Straße, um gegen Armut und Korruption zu protestieren. Der bosnische Frühling begann in der ostbosnischen Stadt Tuzla und griff schnell auf das ganze Land über. Tagelang demonstrierten Tausende verbitterter Menschen.

Regierungsgebäude wurden in Brand gesetzt, mehrere Hundert Demonstranten und Polizisten verletzt. Von den politischen Führern der Serben wurden die Proteste als eine muslimische Verschwörung hingestellt, von den muslimischen Politikern als ein Komplott der Serben und von den kroatischen als eine koordinierte serbisch-muslimische Aktion zur Vernichtung des kroatischen Volkes. Doch diesmal funktionierte das bewährte Rezept nicht.

In Tuzla und in anderen Städten bildeten sich Plenen – öffentliche Versammlungen, an denen sich Hunderte Bürgerinnen und Bürger beteiligen und nach Lösungen für die dramatischen Probleme suchen. Basisdemokratie findet dort statt, wo es niemand vermutet hätte: an der längst vergessenen Peripherie Europas. Aus dem Plenum in Tuzla ist inzwischen die unabhängige Gewerkschaft Solidarnost entstanden, und als die unfähigen und desinteressierten Politiker während des Hochwassers im Sommer 2014 die Hände untätig in den Schoß legten, organisierten und koordinierten die Plenen Hilfe. Zum ersten Mal seit dem Krieg in Bosnien kamen Serben Muslimen zu Hilfe und umgekehrt.

Alleinsein

Von Reinhard Schneider

Mittwoch, 04.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Der Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster ist ein Traum: Die Elbe und ein weiter Himmel. Es hilft nichts. Johanna aus Hamburg, verheiratet mit einem beruflich erfolgreichen Mann, fühlt sich in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zweier Kinder oft allein.

Peter aus Berlin quält eine andere Art des Alleinseins. Nach seiner Ehescheidung vor 13 Jahren lebt er unfreiwillig ohne Partnerin. Der Krankenschwester Bärbel wird ihr Singledasein besonders dann bewusst, wenn sie Orte meidet, an denen Paare fröhlich zusammensitzen. Florian ist Erzieher und spielt gegen das Alleinsein Kontrabass in verschiedenen Bands. In Alltagssituationen und Erzählungen werden Geschichten des Alleinseins entfaltet: Sehnsüchte, Momente der Beklommenheit.

Venezuela: Auf dem Weg zur Diktatur
Eindrücke aus einem gebeutelten Land

Von Peter B. Schumann

Mittwoch, 04.03.2015, 22.03 Uhr, SWR2

15 Jahre nach dem Amtsantritt von Hugo Chávez, zwei Jahre nach seinem Tod befindet sich Venezuela in einer tiefen Krise. Im ölreichsten Land Lateinamerikas herrscht heute ein Mangel an Benzin und Elektrizität, an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten. Die Inflation beträgt rund 70 Prozent. Was ist aus der einstigen “bolivarischen Revolution” geworden, die einen “Sozialismus des 21. Jahrhunderts” verfocht? Ist der Niedergang des Landes, gegen den seine Bürger seit Monaten protestieren, nur der Politik des Nachfolgers von Chávez, Nicolás Maduro zuzuschreiben? Der jedenfalls versucht zunehmend, die Führungsspitze der Opposition zu kriminalisieren und greift in die Etats autonomer staatlicher Universitäten und in die Haushalte oppositioneller Stadtverwaltungen ein.

Das Kultur-Business
Blicke hinter den Heiligenschein

Von Tina Klopp und Rainer Link

Freitag, 06.03.2105, 20:10 Uhr, DLF

Kunstwerke, Bücher und andere Artefakte zählen normalerweise zu den Werten, die es um jeden Preis zu fördern und zu verteidigen gilt. Entsprechend verehrt werden Verleger, Mäzene und Kunstsammler, die sich mit viel Idealismus, Verve – und nicht zuletzt mit ihrem eigenen Geld – für die schönen Künste in die Bresche werfen.

Doch ihr Einsatz ist manchmal nicht ganz so uneigennützig, wie es scheint. Oft genug wird das gutwillige Publikum an der Nase herumgeführt, unterscheiden sich die Umtriebe der Kultureliten nur wenig von Mauscheleien und Vetternwirtschaft, wie sie aus der restlichen Unternehmens- und Finanzwelt vertraut sind. Zieht man den Heiligenschein erst einmal zur Seite, lassen sich hier ganz ähnliche Geschichten erzählen, von Eitelkeit und Vorteilsnahme auf der einen, Opportunismus, Karrierismus und Speichelleckertum auf der anderen. Wie immer geht es ums Kapital, sei es nun sozialer oder rein pekuniärer Natur.

Im Grenzbereich
Eine deutsche Chirurgin im Nothilfeeinsatz im Süd-Sudan

Von Jörn Klare

Samstag, 07.03.2105, 13.05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Es ist Carla Böhmes zwölfter Einsatz für eine Hilfsorganisation im Ausland. Meistens ging es für die Chirurgin aus Leonberg, die sonst in einer deutschen Klinik arbeitet, nach Afrika, und dabei immer in Regionen, in denen es irgendwelche Kämpfe oder Kriege gab. Viele der Wunden, die sie oftmals unter primitiven Bedingungen behandeln musste, stammten von Kugeln, Speeren oder Pfeilen.

Diesmal reist sie im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen. Allein die deutsche Sektion der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten internationalen Organisation schickt jährlich an die 300 Mitarbeiter in eines der zurzeit gut 60 Einsatzländer. Böhmes Ziel ist diesmal eine kleine Klinik im Süd-Sudan. Auch dort wird gekämpft. Viele Opfer fordert auch das Schwarze Fieber, eine Tropenkrankheit. Die 63-Jährige weiß nicht genau, was sie erwartet. Sicher ist: Sie sucht nicht die Gefahr, sie will helfen. Sie ist einverstanden, dass der Autor sie in den ersten Tagen ihres Einsatzes begleitet.

Democracy? No signal

Von Christian Lösch

Samstag, 07.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Im Sommer 2013 schloss die griechische Regierung über Nacht den öffentlichen Rundfunk ERT. “No Signal” stand auf den Fernsehbildschirmen – die Radiosender verschwanden aus dem Äther.

Die Mitarbeiter aber führten selbstverwaltet und unbezahlt das Programm ERT OPEN fort, auch nach der Räumung des Rundfunkhauptgebäudes in Athen durch Sondereinheiten der Polizei.

Christian Lösch sprach mit griechischen Künstlern und Journalisten und beschreibt ein gespaltenes Land, in dem die Regierung und ihre Anhänger neoliberale Maßnahmen als Erfolgsgeschichte propagieren und sich Bürger und Kulturschaffende in einem Zustand permanenten Widerstands befinden.

Artisten (1/3)
Carmen Zander – Unter Kontrolle

Von Judith Fehrenbacher

Sonntag, 08.03.2015, 14:05 Uhr, SWR2

Sie ist die Tigerqueen, die Tigerflüsterin, die Tigerküsserin. Carmen Zander, freiberufliche Raubtierdompteurin. Fünf Königstiger lässt sie durch Reifen springen, Männchen machen, in der Badewanne plantschen oder einfach mit sich schmusen. Ihr Unternehmen ist ein Ein-Frau-Betrieb. Sie füttert und pflegt ihre Tiere selbst und fährt auch alleine den 30-Tonnen-Truck zu ihren Auftritten. Wie sie das schafft? “Gezielt wegstecken, auf die Zähne beißen, mit dem Schmerz leben.” Carmen Zander hat sich unter Kontrolle. Das hat sie gelernt. Schon als Jungtalent im Sportgymnastik-Kader der DDR. Selbstdressur einer Dresseurin.

(Teil 2, Sonntag, 15. März, 14.05 Uhr)

„United Nothing“
Niederländische Blauhelmsoldaten 20 Jahre nach der Rückkehr aus Srebrenica

Von Rainer Schwochow

Sonntag, 08.03.2015, 18:05 Uhr, hr2

Ein Abgeordnetenbüro in Den Haag: Anne, 45. Ein Einfamilienhaus in einem idyllischen Vorort von Amsterdam: Hans, Ende 50. Ein Büro im Lager Westerbork, jenem Ort, von dem Anne Frank auf die Todesreise in die deutschen Vernichtungslager geschickt wurde: Ebel, 65. Vor 20 Jahren waren die drei als Blauhelmsoldaten in Srebrenica.

Dort wurden am 11. Juli 2014 175 Tote mit einer großen Zeremonie bestattet. Ermordet bei dem Massaker an moslemischen Bosniern im Juli 1995. Wenige Tage später, Mitte Juli 2014, stellte ein Gericht in Den Haag die Mitschuld der Niederlande am Tod von 300 bosnischen Männern fest. Aber wen belastet das Gericht mit seinem Schuldspruch? Die Regierung? Die Armeeführung? Die beteiligten Blauhelmsoldaten? Auch ohne dieses Urteil werden die drei Männer die Frage nach ihrer Verantwortung nicht mehr los. Wie haben sie die letzten Tage von Srebrenica erlebt und wie kommen sie heute damit zurecht?

 

Radiotipps für die Woche vom 15. bis 22. Februar 2015

Fair-Giftet
Fairtrade-Tee aus Indien

Von Philipp Jusim

Dienstag, 17.92.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Fair oder nicht fair? Allein in Deutschland gibt es 12 “Fair”-Siegel mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen. Da kann die Entscheidung am Supermarktregal zum Problem werden: “Fairtrade”, “Fairglobe”, “One World”, “Rainforest Alliance” – in ihrer Werbung geloben sie gerechten Handel, Nachhaltigkeit und ökologische Produktion. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Der Begriff “Fairtrade” ist nicht rechtlich geschützt, die Standards sind oft diffus formuliert. Der Einsatz gefährlicher Pestizide kann nicht nur Arbeiter in armen Ländern, ihre Familien und ganze Landschaften bedrohen, sondern auch ganz legal in “fairem” Tee enthalten sein. Ist das fair? Können die Verbraucher “Fairtrade”-Tee z.B. aus Indien vertrauen?

„That“s why I still sing the blues“
Alte Worksongs und neue Arbeitskämpfe in den Südstaaten

Von Sebastian Meissner

Dienstag, 17.02.2015, 19.05 Uhr, DLF

In den Südstaaten der USA gehen seit Langem Arbeit und Musik ein besonderes Bündnis ein. Afrikanische Musiktraditionen wurden zu Zeiten der Sklaverei brutal unerdrückt. Die Klagerufe (Hollers) der Schwrzen bei der harten Feldarbeit legten den Grundstein für Gospel, Blurs und Jazz.

Noch nach dem Ende der Sklaverei konnten schwarze Häftlinge weiterverpachtet werden. Alan Lomax hat das musikalische Zusammenspiel von Werkzeug und Stimmen eindrucksvoll dokumentiert. Jenseits von Touristenorten wie Memphis und New Orleans versuchen Enthusiasten heute die Geschichte des Blues im Bundesstaat Mississippi, dem Geburtsort des Blues, möglichst authentisch ans Publikum zu bringen.

50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung erregen Aktionen für die Arbeiterrechte in den Südsaaten wieder Aufmerksamkeit. Und auch bei der Konferenz der Genossenschaftsbewegung Jackson Rising werden Freiheitslieder angestimmt.

„Für solche Patrioten sind wir die Pest“
Junge Kiewer Kreative und der Kampf um die Ukraine

Von Julia Solovieva

Freitag, 20.02.2015, 20:10 Uhr, DLF

Die Eventmanagerin Marina hat mitten in Kiew ein Hilfswerk für die Flüchtlinge aus dem Osten der Ukraine aufgebaut. Die Drehbuchautorin Miriam sammelt Medikamente, Lebensmittel und warme Kleidung für die Armee. Der Manager, Blogger und freiwillige Soldat Ewgen kandidiert für das ukrainische Parlament.

All die jungen Leute und Majdan-Aktivisten – zwischen Krieg und Frieden zerrissen – setzen sich für ihre Zukunft in einer neuen Ukraine ein. Sie fühlen sich ihrem Land stark verbunden, grenzen sich aber von den “Bilderbuchpatrioten mit dickem Bauch, Schmalz in der Stimme und der ukrainischen Hymne auf dem Mobiltelefon” ab. “Für solche Patrioten”, sagt die Designerin Marianne, “sind wir wie die Pest”.

Espress Beirut
Die Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan

Von Jean-Claude Kuner

Samstag, 21.02.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Etel Adnan, geboren vor 90 Jahren in Beirut, ist Kosmopolitin, eine intellektuelle Nomadin zwischen den Welten, die sich in Amerika, im Libanon und in Paris zu Hause fühlt. Den größten Teil ihres Lebens hat sie gemalt und geschrieben, besessen davon, ihre Gedanken und Gefühle in Worte und Bilder zu fassen.

Die “documenta” im Jahr 2012 präsentierte ihre Malerei. Ihre Theaterstücke wurden seither auf zahlreichen europäischen Bühnen inszeniert, ihre literarischen Werke mehrfach ausgezeichnet. Heute kann sie nicht mehr so viel reisen, aber ihr Geist durchwandert noch immer die vielen unterschiedlichen Welten, in denen sie heimisch ist.

Dandy im Weltdorf
90 Jahre “The New Yorker”

Von Walter Bohnacker

Sonntag, 22.02.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Woody Allen, Hannah Arendt, Truman Capote, J. D. Salinger, Susan Sontag, John Updike – die Liste der Berühmtheiten, die für den “New Yorker” schrieben, ist beeindruckend. Berühmt sind auch die kritischen Reportagen und Kommentare, die Cover und Cartoons. Am berühmtesten aber ist die Perspektive des “New Yorker”: von der Neunten Avenue Richtung Westen über den Hudson River, hinter dem schon New Jersey nur noch ein schmaler brauner Streifen ist, der Rest der USA ein grünes Rechteck zwischen Mexiko und Kanada und hinterm Pazifik China, Japan und Russland in fernster Ferne liegen. Die berühmte Karikatur von Saul Steinberg zeigt den offensiven Manhattan-Zentrismus, mit dem das Magazin in die Welt hinein und auf die Welt hinabblickt – und doch die Welt sehr oft sehr richtig sieht.

 

Radiotipps für die Woche vom 2. bis 7. Februar 2015

Strich um Strich wie Wunden

Von Heinz Klunker

Dienstag, 3.2.2015, 19.15 Uhr, DLF

“Das herausdämmernde Licht des 14. Februar 1945 erhellt nur noch eine glühende, qualmende Brandstätte an der Elbe, da wo am Vortag Dresden gewesen war. Ausgebombt, hungernd, mit meiner Frau nur in provisorischen Bleiben hausend, geringgeschätzt in meiner Not, fand mein Vorhaben keinerlei Verständnis und wurde bestenfalls belächelt.”

“Das Wort Dokument ließ man einigermaßen gelten für meine Arbeit, so dass ich weiterarbeiten konnte. Instinktiv flohen und mieden die Menschen die tote Stadt. Gesindel machte sie unsicher. Mich aber zwang es, hineinzugehen und die toten Wohnstraßen aufzusuchen und sie zu zeichnen, die Unabsehbarkeit der zerstörten Flächen festzuhalten. So reihte sich Blatt an Blatt zu einem Werk, das im Frühjahr 1946 seinen Abschluss fand. 150 Rohrfederzeichnungen davon sind in einer Mappe vereinigt unter der Bezeichnung ‘Das zerstörte Dresden'”.

Ich will ein Geständnis“
Medikamentenversuche an Kindern in der Schweiz

Von Charly Kowalczyk

Mittwoch, 4.2.2015, 22.05 Uhr, SWR2

In Vormundschaftsakten der psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau finden sich Patienten-Protokolle, aus denen hervorgeht, dass in den 60er- und 70er-Jahren an Kindern Psychopharmaka getestet wurden. Die Kinder hatten in Heimen, etwa des katholischen Klosters Fischingen gelebt oder in Pflegefamilien. Die Pillen stammten vom Basler Konzern Ciba-Geigy, heute Novartis. Die Betroffenen leiden bis heute an den Folgen der Versuche: an extremem Bluthochdruck, Panikattacken, ständigen Kopfschmerzen. Wie war es möglich, dass an diesen Kindern experimentiert werden konnte? Und wer trägt Sorge für die Folgen? Welche ethischen Standards haben Pharmakonzerne heute, wenn sie in Indien, Rumänien oder Argentinien Arzneimittel testen?

Schreiben im Zeichen der Gewalt
Kolumbianische Literatur zwischen Kritik und Klischee

Freitag, 6.2.2015, 20.10 Uhr, DLF

Gewalt ist das zentrale Thema der kolumbianischen Literatur. Denn das Leben in dem latein-amerikanischen Land ist immer noch geprägt von Mord, Willkür und Verfolgung. Verschiedene Schriftsteller aus Kolumbien schreiben über ihre Eindrücke des Lebens.

Der große Name von Gabriel García Márquez mag mitunter den Blick dafür verstellt haben, dass die jüngere Generation längst ihre ganz eigenen Wege gefunden hat, die Erfahrung von Gewalt in Literatur zu verwandeln.

Da ist zum Beispiel Héctor Abad, dessen Vater von den Paramilitärs ermordet wurde. Seine Erfahrungen hat er in “Brief an einen Schatten” verarbeitet. Oder die Autorin Laura Restrepo. Sie schloss sich Anfang der 70er-Jahre den FARC an, bevor die Guerilla-Bewegung zur Terrororganisation verkam.

Juan Gabriel Vásquez und Evelio Rosero wiederum richten ihren Blick auf die Frage, wie Gewalt Familien und dörfliche Gemeinschaften zerstört hat. Und während sich Antonio Ungar an einem satirischen Umgang mit der Gewalt versucht, setzt Jorge Franco gar auf das Thriller-Genre.

Eine deutsche Chirurgin im Nothilfeeinsatz im Süd-Sudan

Von Jörn Klare

Samstag, 7.2.2015, 14.05 Uhr, BR2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Es ist Carla Böhmes zwölfter Einsatz für eine Hilfsorganisation im Ausland. Meistens ging es für die Chirurgin aus Leonberg, die sonst in einer deutschen Klinik arbeitet, nach Afrika, und dabei immer in Regionen, in denen es irgendwelche Kämpfe oder Kriege gab. Viele der Wunden, die sie oftmals unter primitiven Bedingungen behandeln musste, stammten von Kugeln, Speeren oder Pfeilen.
Diesmal reist sie im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen. Allein die deutsche Sektion der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten internationalen Organisation schickt jährlich an die 300Mitarbeiter in eines der zurzeit gut 60 Einsatzländer. Böhmes Ziel ist diesmal eine kleine Klinik im Süd-Sudan. Auch dort wird gekämpft. Viele Opfer fordert auch das Schwarze Fieber, eine Tropenkrankheit. Die 63-Jährige weiß nicht genau, was sie erwartet. Sicher ist: Sie sucht nicht die Gefahr, sie will helfen. Sie ist einverstanden, dass der Autor sie in den ersten Tagen ihres Einsatzes begleitet.

Zwischen Front und Exil
Syrische Flüchtlinge und der Krieg

Von Dominik Bretsch

Samstag, 7.2.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Jaffer ist Ende 20, smart, gut ausgebildet. Woanders könnte er voll durchstarten. Doch Jaffer ist syrischer Flüchtling in der Türkei. Immer wieder fährt er zur Grenze, um durch die Berichte von Flüchtenden und Verwandten hinüber zu horchen in den Krieg.

Er fragt sich: Sind die von den Rebellen kontrollierten Gebiete sicher genug, damit er mit seiner Familie zurückkehren kann? Die islamistischen Gruppen gewinnen immer mehr an Einfluss und die demokratisch gesinnten Rebellen werden zwischen den Fronten zerrieben. Müsste er nicht kämpfen, wie seine Cousins bei der Freien Syrischen Armee?

Der Kommissar aus Köpenick
Otto Busdorf – eine Polizistenkarriere vom Kaiserreich bis zur DDR

Von Peter Hillebrand

Sonntag, 8.2.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Kaiser Wilhelm II. belobigte ihn, weil er einen Mörder per Schnelldampfer bis nach New York verfolgt und gefasst hatte. In der Weimarer Republik galt er deutschlandweit als Experte für Wilderer-Morde an Forstbeamten. In Magdeburg verhinderte er eine antisemitisch motivierte falsche Mordanklage gegen einen jüdischen Fabrikanten und lieferte dem Gericht den richtigen Täter. Was ihn nicht daran hinderte, 1931 Mitglied der NSDAP und der SA zu werden.
Doch die kriminellen Methoden der Nazis konnte der Kriminalist nicht hinnehmen. So wurde er als Querulant aus dem Polizeidienst entlassen und als Sachbearbeiter in einem Verband der Viehwirtschaft kaltgestellt – um 1945 in der sowjetischen Besatzungszone als Volkspolizist wieder eingestellt zu werden. Bis 1948 herauskam, dass da doch ein dunkler Fleck auf seiner scheinbar weißen Westen war. Ein Blutfleck. 1950 kam er ins Zuchthaus, wo er 1957 starb. Otto Busdorf war Polizist in vier deutschen Staaten – und am Ende ein Krimineller.

Otto von Bismarck
Eine Biographie Teil 2

Von Frank Eckhardt

Sonntag, 8.2.2015, 18:05 Uhr, hr2

Otto von Bismarck zählt zu den bedeutendsten Staatsmännern des 19. Jahrhunderts, ist dabei aber umstritten wie kaum ein anderer Politiker.

Er stieg ohne jede Regierungserfahrung zum preußischen Ministerpräsidenten auf und war von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches. Innenpolitisch schuf er die repressiven Sozialistengesetze, führte aber gleichzeitig ein umfassendes Sozialversicherungssystem ein. Autor Frank Eckhardt schuf mit vielen Selbstzeugnissen Bismarcks, historischen Dokumenten und Gesprächen mit der englischen Bismarck-Kennerin Dr. Katherine Lerman von der Londoner Metropolitan University und dem deutschen Bismarck-Experten Professor Lothar Gall, der mehrere Werke über Bismarck und seine Zeit geschrieben hat, ein vielschichtiges Porträt des Politikers, der vor 200 Jahren, am 1. April 1815, geboren wurde.

 

Radiotipps für die Woche vom 25. Januar bis 2. Februar 2015

personabile – der Resonanzkörper Mensch

Von Giuseppe Maio und Tobias Dutschke

Mittwoch, 28.01.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Der Körper ist kein festes Gebilde. Er schwingt. Töne kommen in Wellen und erklingen in uns wie in einem Musikinstrument. Die per-sona ist das durch-klingbare, an feinsten Saiten gestimmte Wesen. Im Italienischen kommt die “Saite” von “Herz”, corda – cuore.

Auch das “Erinnern” ist eine musikalische Bewegung: ricordare.
Dieser musikalischen Spur folgt das Stück und stößt dabei immer wieder auf den Körper und seine Resonanzqualitäten. Jeder nutzt sie auf seine Weise: die Kontrabass-Spielerin und der Aikido-Lehrer, die Tänzer, der Psychologe und der U-Bahnfahrer.

Die ungewollte Nation.
In Israel und Palästina ist etwas zusammengewachsen, was nicht zusammengehören will

Von Daniel Cil Brecher

Dienstag, 27.01.2015, 19:15 Uhr, DLF

Nach dem Gaza-Krieg sind der gegenseitige Hass und das Misstrauen größer denn je. Seit 48 Jahren hält Israel die palästinensischen Gebiete besetzt, seit 23 Jahren wird über Lösungen verhandelt. Auf beiden Seiten wollen Mehrheiten eine Teilung des Gebiets in zwei Staaten. Doch ist das noch realistisch?

Die ungebremste Ausbreitung der Siedlungen hat dieses Lösungsmodell infrage gestellt. Seit Kurzem wird nun von israelischen Regierungsparteien erwogen, den in der Westbank wohnenden Arabern Bürgerrechte zu gewähren. Die Vorteile liegen für Hardliner auf der Hand – die Westbank würde Teil Israels werden, die Siedlungen könnten bleiben, Jerusalem müsste nicht geteilt werden. Auch unter Arabern gewinnt die Idee vom gleichberechtigten Zusammenleben in einem Staat an Terrain. Trotz des jüngsten Blutvergießens propagieren jüdische Siedler und arabische Bewohner der Westbank diese Lösung jetzt mit wachsender Dringlichkeit. Sie sehen keine Alternative mehr.

„Kleine Axt, großer Baum“
Die Geschichte des Sam’sK Le Jah oder Die Reggae-Revolte im Süden der Sahara

Von Patrick Batarilo

Mittwoch, 28.01.2015, 22:03 Uhr, SWR2

Im November 2014 gab es einen Umsturz im westafrikanischen Burkina Faso. Der autoritäre Staatschef Blaise Compaoré musste zurücktreten und das Land verlassen, das Militär ergriff die Macht. In den vorausgegangenen Massenprotesten war der Musiker und erfolgreiche Radio-Moderator Sam’sK Le Jah zu einem der wichtigsten Opposition-Führer geworden, seine Reggae-Revolte führte zu einem Erfolg.

In seinen Sendungen sprach er auch über Musik, vor allem aber kritisierte er die Zustände in seinem Land, vom Amtsmissbrauch über Missstände in den Krankenhäusern bis zu unaufgeklärten Morden an Journalisten. Offen rief er schon vor drei Jahren dazu auf, die Erfahrungen der arabischen Revolutionen auf Burkina Faso zu übertragen. Der Preis dafür: es gab Morddrohungen, sein Auto wurde angezündet, schließlich feuerte ihn der Sender. Doch die Mitschnitte seiner Sendungen kursierten weiter, und schließlich gingen die Menschen auf die Straße.

Voyeuristische Selbstversuche
Der Überwacher in Uns

Von Georg Cadeggianini und Tina Klopp

Freitag, 30.01.2015, 20:10 Uhr, DLF

Viel ist in letzter Zeit über die technischen Möglichkeiten der Überwachung geschrieben worden, über Kontobewegungen, Staatsgeheimnisse, Kundendaten. Doch das eigentliche Phänomen dahinter ist vermutlich deutlich älter als Merkels Handy, alltäglicher als NSA und Snowden und grundsätzlicher als die Vorratsdatenspeicherung.

Wir alle sammeln ständig Informationen über andere Menschen. Da ist der Blick ins Kellerabteil der Nachbarn oder ins Badschränkchen der Partygastgeber, der laute Streit der Bekannten und das Telefonat in der U-Bahn. Wir beobachten und lauschen, dechiffrieren verborgene Absichten und geheime Schwächen. Es geht um Neugier, um Macht und um Kontrolle. Hier nun überwacht die eine den anderen: Sie versucht, geheime Seiten ans Tageslicht zu zerren und sein Mailpostfach zu hacken, schaut durchs Schlüsselloch und in Müllsäcke, spitzelt in seinem Freundeskreis. Er versucht sich zu schützen. Und während der Gejagte anfängt sich selbst zu zensieren – wohl aus Angst, Seiten zu offenbaren, die er bislang lieber verborgen hat – erwacht umgekehrt bei ihr der Jagdtrieb, der Wunsch nach noch mehr Information, noch mehr Kontrolle, bis hin zum Einbruch in die Privatwohnung.

Kann man eine Persönlichkeit hacken? Unterstützt wird die Jägerin von Überwachungsexperten, die demonstrieren, was sie herauszufinden in der Lage wären, wenn man sie denn ließe: darunter ein Hacker, eine Psycholinguistin, ein Lockpicker, ein Eignungsdiagnostiker, ein Profiler, eine Physiognomikerin, eine Hypnotiseurin und ein Privatdetektiv.

Zwischen Königsberg und Kaliningrad
Spurensuche in der Heimat der Eltern

Ein Bilderbogen von Margot Litten

Samstag, 31.01.2015, 13:05 Uhr, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr, BR2

Drei Monate war Königsberg belagert worden, drei Tage lang wurde es gestürmt. Am 9. April 1945 war alles vorbei: 700 Jahre deutscher Geschichte ausgelöscht. Aus Königsberg wurde Kaliningrad, eine russische Stadt mit fremdem Erbe. Die Stadt der deutschen Ordensritter, die Stadt der Aufklärung, die Stadt Immanuel Kants – das war einmal. Doch das versunkene Königsberg führt ein Eigenleben und drängt nach oben. Die Stadt besinnt sich wieder ihrer deutschen Wurzeln – vielleicht, weil auch die Jugend längst intensiver nach Westen als nach Russland blickt.
Margot Litten interessiert sich nicht nur als Journalistin für den Brückenschlag zwischen russischer Gegenwart und ostpreußischer Vergangenheit. Ihre Familie stammt aus Königsberg – eine Familie, die Opfer der Nazis wurde. Und so ist ihre Reise ins ehemalige Ostpreußen auch eine persönliche Spurensuche – der Versuch, ein Land von gestern im Licht von heute zu entdecken.

Wilde Töne im Recorder
Bernie Krause und die Ökologie der Klanglandschaften

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

Samstag, 31.01.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Das Buch “Das große Orchester der Tiere – Vom Ursprung der Musik in der Natur”, verfasst vom Bioakustiker Bernie Krause, gab den Impuls. Es inspirierte den Komponisten Richard Blackford zu einer Symphonie für Orchester und wilde Klanglandschaften.

“Jetzt bin ich ein Zuhörer”, sagt der kalifornische Musiker, Buchautor und Bioakustiker Bernie Krause. Soundscape Ecology heißt das Konzept, die Biophonie ganzer Landschaften aufzunehmen und zu archivieren, wissenschaftlich und künstlerisch auszuwerten.

Krauses Buch über die vom Menschenlärm bedrohten Klangräume von Erde, Meer und Tierwelt, “Das große Orchester der Tiere”, hat den Komponisten Richard Blackford zu einer Symphonie für Orchester und wilde Klanglandschaften angeregt. Kann man den Ursprung der Musik wirklich in der Natur finden?

Gefährliche Liebschaften II
Remix

Von Elke Heinemann

Sonntag, 1. Februar 2015, 14:05 Uhr, SWR2

Frankreich, 1782: Der Untergang der höfischen Gesellschaft steht kurz bevor, als mit dem Briefroman “Les Liaisons Dangereuses” ein Buch herauskommt, das bis heute weltberühmt ist. Der Autor, Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos ist ein französischer Offizier, der die Libertinage des Adels kritisiert und dessen machtorientiertes, von sozialen Normen und Gefühlen abgelöstes Sexualverhalten. – Und heute? Sind Spekulationen über Sex und Gewalt in dekadenten Gesellschaften wieder ein Bestseller-Thema. Die französische Kunstkritikerin und Autorin Catherine Millet macht Furore mit ihren persönlichen Erfahrungsberichten über Sex und Gruppensex. Und die Schriftstellerin und Feministin Virginie Despentes erregt Aufsehen mit ihrem Roman “Baise-moi” – zu Deutsch: Fick mich! – über wahllosen Sex und wahllose Gewalt.

Otto von Bismarck – eine Biographie Teil 1

Von Frank Eckhardt

Sonntag, 1. Februar 2015, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Otto von Bismarck zählt zu den bedeutendsten Staatsmännern des 19. Jahrhunderts, ist dabei aber umstritten wie kaum ein anderer Politiker.

Er stieg ohne jede Regierungserfahrung zum preußischen Ministerpräsidenten auf und war von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches. Innenpolitisch schuf er die repressiven Sozialistengesetze, führte aber gleichzeitig ein umfassendes Sozialversicherungssystem ein. Autor Frank Eckhardt schuf mit vielen Selbstzeugnissen Bismarcks, historischen Dokumenten und Gesprächen mit der englischen Bismarck-Kennerin Dr. Katherine Lerman von der Londoner Metropolitan University und dem deutschen Bismarck-Experten Professor Lothar Gall, der mehrere Werke über Bismarck und seine Zeit geschrieben hat, ein vielschichtiges Porträt des Politikers, der vor 200 Jahren, am 1. April 1815, geboren wurde.