Radiotipps für die Woche vom 15. bis 21. Dezember 2014

Sperrzonen
Sinti und Roma in Frankreich

Von Ruth Jung

Dienstag, 16.12.2014, 19:15 Uhr, DLF

Es waren schockierende Bilder. Gewaltsam räumten Polizisten im Sommer 2010 die Unterkünfte von Roma-Familien in Frankreich. “Ein Vorgehen wie zur Zeit des Vichy-Regimes”, empörte sich damals EU-Kommissarin Viviane Reding. Die angekündigten Sanktionen indessen blieben aus.

Seither hat sich an der Lage der Roma wenig geändert. Und noch immer zählen sie zu den Vergessenen der Geschichte. Dass es noch bis 1946 Konzentrationslager eigens für “Tsiganes” gab, erwähnt kein Geschichtsbuch. In Montreuil-Bellay, wo das größte Lager war, erstritten Überlebende und ein couragierter Lokalhistoriker die Anerkennung als Gedenkstätte – eingeweiht im August 2010. Denn mittlerweile lässt sich ein Aufbruch ausmachen: Zunehmend selbstbewusster werden französische Roma, sie wollen Diskriminierung und Misere nicht länger hinnehmen.

Dieses Feature war nominiert für den Deutsch-Französischen Journalistenpreis.

Timbuktu Blues
Eine Stadt kämpft für ihre Kultur und gegen die Islamisten

Von Bettina Rühl

Mittwoch, 17.12.2014 Uhr, 22.03 Uhr, SWR2

Die historische Kulturstadt Timbuktu in Mali wird weiterhin von radikalen Islamisten bedroht. Im Frühjahr 2012 hatten islamistische Gruppen den gesamten Norden des Landes erobert, und auch Timbuktu besetzt, die Oase am südlichen Rand der Sahara.

Die zum al-Qaida-Netzwerk gehörenden Kämpfer zerstörten die meisten historischen Mausoleen und verbrannten Teile einer berühmten Manuskript-Sammlung, deren älteste Handschriften aus dem frühen 13. Jahrhundert stammen. Die meisten Manuskripte hatten die Bewohner allerdings heimlich gerettet.

Seit einer französischen Militärintervention im Frühjahr 2013 sind die Islamisten geschwächt, aber nicht geschlagen. In der Region Timbuktu nimmt die Zahl der Anschläge auf UN-Soldaten und andere Ziele wieder zu. Aus den internationalen Schlagzeilen bleibt Timbuktu verschwunden. Vor Ort kämpfen die Menschen weiter um ihre Kultur, und gegen den radikalen Islam.

Glaubensgemeinschaften
Himmelgrün – Muslimas in Deutschland

Von Heike Tauch

Freitag, 19.12.2014, 20:10 Uhr, DLF

“Kopftuch?! – Nicht zu viel davon, sonst krieg ich ‘nen Schreikrampf. Gegen das Thema bin ich allergisch!”, ruft Halima Krausen ins Mikrofon. Für die aus einer christlichen deutschen Familie stammende Imamin der Hamburger Blauen Moschee ist die Kopftuchfrage pure Ablenkung von wichtigeren Themen.

Durch solche Debatten sei die Glaubensgemeinschaft in die Defensive geraten, in der nur noch reagiert anstatt kreativ der gesellschaftliche Prozess mitgestaltet werde. Kopftuch on oder off? Für die porträtierten Muslimas ist das eine sehr persönliche Entscheidung. Die Frauen sind Anfang 20 bis Mitte 60 Jahre alt, in Deutschland aufgewachsen und sie gestalten hier ihr Leben. Selbstbewusst erzählen die interviewten Frauen von ihrer Entscheidung, ihren Glauben sichtbar zu machen bzw. es sein zu lassen, und von der Wirkung, die diese Entscheidung in unserer Gesellschaft mit sich bringt. “Sind wir schlechtere Menschen, wenn wir unser Haar bedecken?”, wird die Reporterin gefragt.

Nächste Etage: Erlösung
Eine religiöse Weltreise in sechs Stockwerken

Von Matthias Leitner

Samstag, 20.12.2014, 13.05 Uhr, Bayern 2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

“München ist die City of God”, ruft Joe Danqua, Pastor der versammelten Gläubigen aus Afrika. Wenige Sekunden zuvor hat er den heiligen Geist beschworen, jetzt weint vor ihm eine junge Frau und betet in Ekstase zu Jesus. Ein Stockwerk darüber beenden zeitgleich indische Sikh gerade ihr Sonntagsmahl, gemeinsames Essen ist essentieller Teil der Zeremonie. Egal welcher Religion man angehört, egal ob arm oder reich, ob Mann oder Frau, für jeden Gast haben die Sikh einen warmen Chai-Tee und würziges Daal.
Die Mitglieder von sieben verschiedenen Religionen beten in den sechs Stockwerken der Machtlfinger Straße 10 in München. Neben der afrikanischen Pfingstgemeinde und den Sikh bereiten sich auch afghanischen Sunniten, irakische Schiiten, Muslime aus dem Togo und Indonesien, sowie Engelsgläubige aus Südamerika zum Gebet vor. Begonnen hat alles damit, dass der ehemalige Imam der afghanischen Gemeinde, Sidigullah Fadai, einen Ort schaffen wollte, in dem verschiedene Religionen zusammenkommen, sich austauschen und friedlich koexistieren. Mittlerweile hat er das Haus wieder verlassen, nicht ganz freiwillig und enttäuscht über die Engstirnigkeit seiner eigenen Gemeinde. Das Feature “Nächste Etage: Erlösung” ist eine Weltreise in gerade einmal sechs Stockwerke, eine Reise von Indien bis Ghana, vom Irak bis nach Afghanistan, eine Reise ins religiöse Herzen Münchens, das Portrait eines chaotischen Mikrokosmos, vor allem aber der Menschen die täglich darin aus und eingehen.

BoNT
Oder: Die Krankheit, die es nicht gibt

Von Nora Bauer

Samstag, 13.12.2014, 18:05 Uhr, DR Kultur

BoNT steht für Botulinum Neurotoxin, ein Nervengift, Stoffwechselprodukt der Bakterienspezies Clostridium Botulinum. Die Autorin folgt seiner Spur.

Sie geht auf Bauernhöfe, wo seit einigen Jahren Hochleistungsmilchkühe erkranken – auch Menschen haben sich schon angesteckt. Sie besucht Veterinärmediziner und Toxikologen, die das Bakterium als Ursache vermuten: es wird mit der Nahrung aufgenommen, vermehrt sich im Darm und produziert dort sein tödliches Gift. Schließlich befragt sie Aufsichtsbehörden, denen der Verdacht auf chronischen Botulismus gemeldet wird. Doch für die Behörde existiert die Krankheit nicht. Auf einmal geht es nicht bloß um Kühe: Gärreste aus Biogasanlagen, die auf die Böden als Dünger ausgebracht werden, stehen im Verdacht, kontaminiert zu sein.

„Sei selber die Laterne“
Das schillernde, konsequente Leben und Werk des Widerstandskünstlers Fred Denger

Von Hannelore Hippe

Sonntag, 21.12.2014, 14.05 Uhr, SWR2

Niemand kennt Fred Denger, dabei hat er ein umfangreiches Lebenswerk hinterlassen. Als junger Mann kämpfte er in einer skurrilen Widerstandsgruppe gegen die Nazis, verfasste danach engagierte Dramen und schrieb zahlreiche Romane. Sein bekanntestes Theaterstück ist “Langusten”, das mit der großen Durieux Erfolge feierte. Dann machte er Karriere als Drehbuchautor: “Der Ölprinz” und “Der unheimliche Mönch”, Filme nach Karl May und Edgar Wallace. Bis er schließlich ins Wendland zog und zu einer Lichtgestalt der Anti-Atommüllbewegung wurde. Da hatte er bereits das Alte Testament in den Jargon des späten 20. Jahrhunderts übertragen. Den Erfolg seines “Großen Boss” erlebte er nicht mehr. Denn er fiel vorher besoffen die Treppe runter. Der Tod erlöste ihn auch von der Suche nach der richtigen Frau – nach zwölf Ehen. Hannelore Hippe erinnert mit Hilfe von Weggefährten Dengers an einen außergewöhnlichen Menschen.

 

Hörfunktipps für die Woche vom 8. bis 14. Dezember 2014

Themenwoche “Ware Welt”
TTIP – Transatlantischer Traum oder der Ausverkauf der Demokratie

Von Peter Kreysler

Dienstag, 09.12.2014, 19.15 Uhr, DLF

Im Frühjahr 2013 wurden der EU-Lobby-Expertin Pia Eberhardt von einer unbekannten Quelle geheime Dokumente eines EU-Verhandlungsmandats zugespielt. Es ging um geheime Details des geplanten Freihandelsabkommens TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) zwischen den USA und der EU.

Zur Debatte steht eine lange Wunschliste von Konzernlobbyisten und Finanzinstituten: die Lockerung der Lebensmittelsicherheit, laxere Umwelt- und Chemiestandards, Arbeitsschutzbestimmungen des Arbeitsrechts, staatlicher Schutz für Bildung und Kultur. Kurz: es geht um die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, der gesamten Daseinsvorsorge. Sonderschiedsgerichte, besetzt von global agierenden Anwaltskanzleien, sollen den “Investitionsschutz multinationaler Unternehmer” garantieren.

Rechtsstaatliche Errungenschaften sowie nationale Rechtsstandards zählen dann nicht mehr. Politiker versprechen Wachstum und Arbeitsplätze. Doch die Zahl der Kritiker wächst, die öffentliche Stimmung droht zu kippen, während der Propagandaapparat der Lobbyisten auf vollen Touren läuft.

Tag der Verkäuferinnen

Von Lisa Kristwaldt

Mittwoch, 10.12.2014, 00.05 Uhr, DR Kultur

Hinter der munteren Betriebsamkeit eines Kaufhauses steckt ein durchorganisierter, festgelegter Arbeitsablauf.

Verkäuferinnen und leitende Angestellte berichten in Lisa Kristwaldts Originalton-Sendung von ihrem Arbeitsalltag: von den strengen Hierarchien und den genauen Vorschriften für die durchzuführenden Tätigkeiten, von den verordneten Pausen, den schmerzenden Beinen und dem ersehnten und verdienten Feierabend.

Passagen aus Emile Zolas Roman “Das Paradies der Damen” erzählen parallel dazu die Geschichte der jungen Verkäuferin Denise im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Daneben singt der NDR-Chor die Vorschriften für Selbstkassierer und Auszüge aus der Warenhausbetriebsordnung.

Anwalt der Verlorenen
Der Kampf des Clive Stafford Smith

Von Peter F. Müller und Michael Mueller

Mittwoch, 10.12.2014, 22.03 Uhr, SWR2

Seit Jahrzehnten kämpft Clive Stafford Smith gegen die Fehlurteile der US Justiz, gegen staatliche Folter, gegen die Willkür des sog. war on terror. So wie im Fall von Kris Maharaj, der seit 27 Jahren unschuldig in Florida im Gefängnis sitzt für einen Doppelmord, den er nicht begangen hat. Oder der Fall Noor Khan, der seinen Vater bei einem Drohnen-Angriff auf eine Dorfversammlung in Pakistan verlor und mit Hilfe von Clive Stafford Smith eine Verurteilung der USA vor dem obersten pakistanischen Gericht erreichte. Das Feature erzählt vom unermüdlichen Kampf eines Besessenen, einem Mann für hoffnungslose Fälle, für den die Menschenrechte das höchste Gut darstellen.

Themenwoche “Ware Welt”
Wohin mit der ganzen Musik?

Von Matthias Mainz

Freitag, 12.12.2014, 20.10 Uhr, DLF

Im Sommer 2013 sitzt der Kölner Musiker Matthias Mainz im Grant Avenue Studio in Hamilton, Ontario, in dem zuvor Größen wie U2, Johnny Cash, Brian Eno und Jon Hassel produziert hatten. Morgens holt ihn eine Limousine ab und zum ersten Mal in der Karriere des studierten, bepreisten und stipendiengeförderten Künstlers scheint alles so, wie er es sich als Student vorgestellt hatte.

Doch nichts kann darüber hinwegtäuschen, dass es schwer verkäufliche improvisierte Musik ist, und dass die Aufnahme vor dem Hintergrund tiefgreifender Umwälzungen in der Musiklandschaft stattfindet. Seit Musik jeder Epoche im Internet kostenlos zu haben ist, wird damit immer weniger Geld verdient. Auch das Publikum hat sich verändert. Und die Hochschulen bilden nach wie vor Generationen junger Musiker mit dem Künstlerideal des 19. Jahrhunderts aus.

Matthias Mainz reflektiert über seine Gegenwart: Hat meine Musik einen eigenen Wert, oder nur dann, wenn sie andere wichtig und teuer erscheinen lassen? Er hat die Stimmen wohlmeinender Coaches im Ohr, die behaupten, mit ihren Methoden werde er effizienter, produktiver, erfolgreicher und glücklicher, befragt Kollegen, Kulturmanager und -förderer, um herauszufinden, wie es die anderen machen und wo die Zukunft liegen kann.

Aus den Augen, aus dem Sinn
Deutscher Atommüll in Russland

Von Laura Döing und Olga Kapustina

Samstag, 13.12.2014, 13:05 Uhr , Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Die Suche nach einem geeigneten Endlager für hochradioaktive Abfälle in Deutschland beginnt wieder von vorne. Im Geheimen wurde bereits nach Optionen im Ausland gesucht, auch in Russland. Obwohl der Export offiziell politisch nicht erwünscht ist – Spuren gibt es dennoch: Vertrauliche Kostenpläne eines deutschen Energiekonzerns, die Ersparnisse durch den Export aufzeigen, russische Ministeriumspapiere, die mit den zahlungskräftigen Kunden aus Deutschland kalkulieren. Das Feature folgt diesen Spuren in Deutschland und Russland. Sie führen bis an den Zaun der geschlossenen Stadt Krasnojarsk-26, einem Zentrum der russischen Atomindustrie und in die Vorstandsetage der deutschen EnBW in Karlsruhe.

„Schimpfen Sie, aber schreiben Sie meinen Namen richtig“
Die Selbstinszenierungen des Herrn Professor Girtler

Von Carina Pesch

Sonntag, 14.05 Uhr, SWR2

Roland Girtler gilt als Österreichs bekanntester und umstrittenster Soziologe. Ein Medienstar. Ein Enfant Terrible. Ein wissenschaftlicher Performer. Und ein Selbstinszenierungskünstler, der gegen die vermeintlich graue Theorie das eigene intensivfarbige Leben setzt. Sein Publikum ist begeistert. Oder empört. Es schimpft und lobt. In Girtlers Forschungen dreht sich alles um Menschen am Rande der Gesellschaft: Polizisten und Gauner, Obdachlose, Prostituierte – zu allen findet er spielend Zugang. Wie schafft er das? Carina Pesch gibt dem Professor eine akustische Bühne. Vorhang auf für eine Selbstinszenierung – mit skurrilen Szenen, bissigen Momenten und gespaltenen Zuschauerreaktionen.

Wir verstehen Russisch, aber wir verstehen nicht Russland –
Eine Reise in die Westukraine

Von Hanne Kulessa

Sonntag, 14. Dezember 2014, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Anfang September vereinbarten Kiew und Moskau eine Waffenruhe für die Ostukraine. Eine Woche zuvor, Ende August, wurden Sätze von Wladimir Putin zitiert, die einen erschauern ließen: “Wenn ich will, kann ich Kiew in zwei Wochen erobern” und: er möchte daran erinnern, dass Russland eine der mächtigsten Nuklearmächte sei.

Trotz des Krieges in der Ostukraine fand in Czernowitz zum fünften Mal das “Internationale Lyrik Festival Meridian” statt. “Russland will uns unsere Kultur nehmen, wir halten mit Kultur dagegen”, sagte der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der zu den Initiatoren des Festivals gehört. Im Westen die Poesie, im Osten die immer wieder durchbrochene Waffenruhe. Eindrücke von einer Reise zwischen Kultur und Politik.

 

Radiotipps für die Woche vom 1. – 7. Dezember 2014

Die Helgoland im Süden, Hilfsgüter im Norden
Deutschlands Beteiligung am Vietnamkrieg

Von Jan Schilling

Mittwoch, 03.12.2014, 20.03 Uhr, SWR2

Für die USA stand in diesem Krieg nichts weniger als die freie Welt auf dem Spiel. Deswegen forderte Präsident Johnson Truppen von den Verbündeten, auch von Deutschland. Doch Kanzler Erhard trickste, sagte Unterstützung zu, schickte aber keine Soldaten in den Dschungel, sondern die MS Helgoland, ein vom Vergnügungsdampfer rasch zum schwimmenden Krankenhaus umgebautes Schiff, besetzt mit Ärzten und Schwestern aus der BRD. Aber die Solidarität mit Vietnam einte die Menschen auf beiden Seiten der Mauer. Die DDR unterstützte derweil den kommunistischen Norden nach Kräften mit Hilfsgütern und Millionenzahlungen. Während die MS Helgoland inzwischen als Kreuzfahrtschiff vor Galapagos verkehrt, erinnern sich in Deutschland die Veteranen an ihren einstigen Einsatz.

Unsichtbare Konfession
Ohne Gott in Deutschland

Von Gaby Mayr

Freitag, 05.12.2014, 20:10 Uhr, DLF

Papst Franziskus ist ein Medienstar. Sämtliche Kabinettsmitglieder haben bei ihrer Vereidigung Gottes Hilfe angerufen. Die Banken arbeiten mit Hochdruck, damit zum 1. Januar 2015 auch wirklich von allen Kirchenmitgliedern eine Zusatzsteuer auf Kapitalerträge eingezogen werden kann, so wie es das Gesetz vorschreibt.

Ist Deutschland ein christlicher Gottesstaat – nicht mit Gotteskriegern natürlich, sondern dank dezenter Allgegenwart des Christentums, kirchlichem Lobbyismus und einer parteiübergreifenden Nähe der Politik zu den Kirchen?

Eine erstaunliche Nähe, sinken doch die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen stetig. In Städten liegen sie unter 50 Prozent, in den neuen Bundesländern bilden die Gläubigen eine Minderheit. Die Nichtgläubigen/Nichtkirchenmitglieder sind in Deutschland mittlerweile die größte “Konfession”.

Aber die Millionen, die ohne Gott leben, treten nicht organisiert auf – weil Gott für die meisten von ihnen einfach kein Thema ist. Auch das erleichtert den Kirchen, ihre Sicht der Welt von Sterbehilfe bis Ethikunterricht durchzusetzen.

Zaatari
Gebrauchsanleitung eines Flüchtlingslagers

Von Monika Kalcsics

Samstag, 06.12.2014, 13.05 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Das Flüchtlingslager Zaatari der Vereinten Nationen in Jordanien ist das zweitgrößte Flüchtlingslager weltweit. Es liegt im Norden des Landes an der Grenze zu Syrien, wo seit 3 Jahren Bürgerkrieg herrscht. 2012 wurde das Lager errichtet. Damals kamen pro Nacht 1500 Menschen an. Mittlerweile ist das Lager Zaatari die fünftgrößte Stadt Jordaniens. 100.000 Menschen leben auf 530 Hektar Land. Eine logistische Herausforderung für die UNO und die Dutzenden Hilfsorganisationen, die im Lager tätig sind. Das “Handbook for Emergencies” der Flüchtlingsagentur UNHCR dient als Leitfaden für weltweite Einsätze. Doch jedes Lager hat seine eigene Geschichte.
In Zaatari blüht der Handel. Es soll 2000 Geschäfte geben. Die meisten drängeln sich auf einer Straße, die ausgerechnet Champs-Elysées heißt. Auch eine Zweigstelle einer internationalen Supermarktkette hat aufgemacht. Dort gehen die Flüchtlinge mit Einkaufswagen ihre Gutscheine einlösen, statt sich in langen Schlangen für die Nahrungsmittelausgabe anzustellen. Derzeit kostet das Lager der internationalen Gemeinschaft täglich 500.000 US Dolla

Kinder kandiert
Wie die Nahrungsmittelindustrie den Nachwuchs verführt und warum sie niemand dabei stört

Von Tom Schimmeck

Samstag, 06.12.2014, 18.05 Uhr, DLF

Essen ist Belohnung, Lust, Trost und ein gutes Geschäft. Mit Milliardenetats bewerben Hersteller von Softdrinks, Fastfood und Süßigkeiten ihre Produkte.

„Wir sind wie Götter und können genauso werden“
Die Hippies und der Cyberspace

Von Martina Groß

Sonntag, 08.12.2014, 14.50 Uhr, SWR2

Auf dem Cover der ersten Ausgabe des “Whole Earth Catalogs” prangte ein Foto der Erde, aufgenommen aus dem All. Wir sitzen alle in einem Boot, war die Botschaft. Im Katalog fanden sich Anleitungen zum Bau geodätischer Kuppeln und elektronischer Rechenmaschinen neben Literatur von Buckminster Fuller bis Gregory Bateson. Apple-Gründer Steve Jobs verglich die Rolle des Katalogs mit Google, bevor es Google gab. Für Zehntausende von Aussteigern, die Ende der 60er-Jahre in den USA aufs Land zogen und Kommunen gründeten, war der Katalog wie eine Bibel. Und die Verkündigung lautete: Zur Veränderung von Mensch und Gesellschaft bedarf es keiner politischen Aktionen, sondern neuer Technologien. Manche haben diesen Glauben bis heute nicht verloren …

Begleitet von lieben Tieren, lustigen Helden und Online-Spielen rücken die Verlockungen im Kinderzimmer ein. Schon Kleinkinder erkennen das “M” von McDonald’s. Zehnjährige haben bereits Hunderte Marken im Kopf. Wissenschaftler fordern im Kampf gegen die “globale Fettleibigkeits-Epidemie” Werbeverbote und Sondersteuern. Die Lobby der Konzerne hält mit Macht dagegen. Politiker propagieren mehr Bewegung und hoffen auf freiwillige Selbstbeschränkungen der Hersteller: nach Einschätzung von Experten eine süße Illusion.

Feinde wie wir –
Jugend auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs

Von Helmut Kopetzky

Sonntag, 7. Dezember 2014, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Sommer 1914. Väter übergeben ihre Söhne an das Vaterland zu treuen Händen. Und die kriegsberauschte Jugend singt, marschiert davon und lässt sich totschießen, vor Langemark in Belgien, bei Gallipoli in der Türkei, in der Schlacht bei Tannenberg, an der Drina.

Die meisten dieser jungen Männer sind kaum den Konfirmandenanzügen entwachsen, und sie haben wenig Ähnlichkeit mit “Stahlnaturen” und “Jongleuren des Todes”. Viele dieser jungen Helden – die jüngsten “Freiwilligen” sind 14 Jahre alt – sind eher soldatisch verkleidete Schuljungen: frisches Blut für die Schlachtfelder, zum baldigen Verbrauch bestimmt. Sie glauben den großmäuligen Ersatzvätern aus Schule, Politik und Militär, die ihnen Blitzsiege versprechen, und sie bezahlen dafür mit dem Tod oder grausamer Verstümmelung. Bei der Produktion des Features “Feinde wie wir” wirkten fünf Studierende der Hochschule für Musik und Theater Hannover mit. Sie wurden im Studio angeleitet von Autor und Regisseur Helmut Kopetzky.

 

 

Radiotipps für die Woche vom 24. – 28. November 2014

Hippies und Cyberspace
“Wir sind wie Götter und wir können genauso gut werden”

Von Martina Groß

Dienstag, 25.11.2014, 19:15 Uhr, DLF

Auf dem Cover der ersten Ausgabe des “Whole Earth Catalogs” prangte ein Foto der Erde, dem Spaceship Earth, aufgenommen aus dem All. Der Katalog versprach Zugang zu Werkzeugen und Ideen. Anleitungen zum Bau geodätischer Kuppeln fanden sich neben elektronischen Rechenmaschinen und Literatur von Norbert Wiener bis Buckminster Fuller.

Apple-Gründer Steve Jobs verglich die Rolle des Katalogs mit Google, bevor es Google gab. Für Zehntausende von Aussteigern, die Ende der 60er-Jahre in den USA aufs Land zogen und Kommunen gründeten, war der Katalog wie eine Bibel. Und die Verkündigung lautete: Zur Veränderung von Mensch und Gesellschaft bedarf es weniger politischer Aktionen denn neuer Technologien. Manche haben diesen Glauben bis heute nicht verloren.

Neue Heimat Salafismus

Von Paul Elmar Jöris und Irene Geuer

Mittwoch, 26.11.2014, SWR2

Plötzlich trägt sie Kopftuch, muss nicht mehr selbst über ihre Zukunft entscheiden. Auch die jungen Männer finden, was ihnen ansonsten in Deutschland fehlt: ein festes Ziel! Kämpfen für den Glauben – im Irak, in Syrien und anderswo. Der Salafismus entwickelt sich in Deutschland zur neuen Jugenddroge. Die Zahl der Anhänger steigt täglich, auch bei jungen Christen, die dafür zum Islam konvertieren müssen. Die Verfassungsschützer rechnen im Sommer 2014 mit 6.000 Salafisten in Deutschland. Hilfsorganisationen wissen: Wer sich einmal dieser radikalen Glaubensrichtung verschrieben hat, ist so gut wie verloren. Wie gelingt es den Salafisten, immer mehr junge Menschen von ihrer Sache und ihrer Gewaltbereitschaft zu überzeugen. Wie gehen die Sicherheitsbehörden mit dem Phänomen um? Hat Deutschland die kampfbereiten Anhänger bereits verloren?

Zwischen Hochkultur und Problembezirk
Szenensprünge mit dem türkischen Rapper Kutlu Yurtseven

Von Almut Schnerring und Sascha Verlan

Freitag, 28.11.2014, 20:10 Uhr, DLF

An manchen Tagen hat Kutlu Yurtseven mit fünf Szenen gleichzeitig zu tun: Morgens arbeitet er als Sozialarbeiter in Kölner Problembezirken. Abends spielt er in einem Theaterstück über den Anschlag gegen Migranten in der Kölner Keupstraße im Schauspiel Köln.

Zwischendurch trifft er die Väter seiner Problemfälle im türkischen Kulturverein, um zwischen den Einwanderern der unterschiedlichen Generationen zu vermitteln. Außerdem steht er seit über 20 Jahren mit seiner Hip-Hop-Gruppe “Microphone Mafia” auf der Bühne. Mindestens so lange engagiert er sich auch politisch, kämpft gegen Rassismus auf der einen und Abschottung auf der anderen Seite.

Yurtseven muss viele Sprachen beherrschen: Nicht nur Türkisch und Deutsch, sondern auch die Sprache der Jugend und die ihrer Eltern, die Sprache der Musik und den Duktus der Sozialpädagogen genauso wie den der Kommunalpolitiker und Theaterliebhaber. So springt er zwischen den Szenen, übersetzt, hilft, vermittelt; und er kann spannende Einblicke liefern in die unterschiedlichen Szenen mit ihren je eigenen Konflikten und Vorurteilen.

Handelseinig

Von Gabriele Knetsch

Samstag, 29.11., 18.05 Uhr, DR Kultur

Im Adventsmonat geht es in einer Feature-Reihe um die schöne, bunte Warenwelt – und ihre Schattenseiten. Wie buhlt die Lebensmittelindustrie um Kinder? Welche Alternativen gibt es zum Wegwerfen? Oder auch: Warum erkranken immer mehr Hochleistungskühe?

Westliche Unternehmen wie Quelle, Aldi, Kaufhof und C&A haben jahrelang die Arbeitskraft von DDR-Häftlingen genutzt, die unter inakzeptablen Bedingungen und wegen fadenscheiniger Anschuldigungen im Gefängnis waren. Bis heute sind die meisten Firmen, die von Zwangsarbeit in der DDR profitierten, nicht zu einer historischen Aufarbeitung bereit, geschweige denn zu Entschädigungen.

 

Radiotipps für die Woche vom 23. bis 29. September 2014

 

Der relative Wert des Schönen
Vom Kampf um eine urbane Idylle

Von Tita Gaehme

Dienstag, 23.09.2014, 19:15 Uhr, DLF

“Am beschaulichen Meyerinckplatz lässt sich die Geburt des enragierten und erzürnten Bürgers beobachten”, sagt Michael Naumann, ehemals sozialdemokratischer Staatsminister für Kultur und Medien, jetzt bürgerbewegt im eigenen Wohnviertel.

Anwohner kämpfen in Berlin-Charlottenburg um ihren Kiez, in dem Lebenszusammenhänge jahrzehntelang fast störungsfrei gewachsen sind. Urbane Kultur hat hier in der erhaltenen Architektur der Jahrhundertwende einen Erinnerungsraum, gleichzeitig einen lebendigen Ideal-Ort: im Zentrum der Metropole, mit der sozialen Wärme eines idyllischen Dorfes. Wo so viel Widerspruch ist, wird der Kampf für ein altes Kino gegen einen Bio-Supermarkt zum Lernprozess für direkte Demokratie.

Dunkelkammer Psychiatrie

Von Wolfram Wessels

Mittwoch, 24.09.2014, 22.03 Uhr

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen in geschlossene Psychiatrien eingewiesen worden. In Deutschland entscheiden Richter darüber auf der Grundlage psychiatrischer Gutachter. Ob Allgemeinpsychiatrie oder Forensik – hinter Mauern und Zäunen verbirgt sich eine abgeschottete Welt. Der Autor recherchiert in den schwer einsehbaren Zonen formalrechtlich korrekter Verhältnisse. Er blickt hinter die Fassade einer fragwürdigen Normalität und fragt nach alltäglichen Grenzüberschreitungen und schweren Grundrechtsverletzungen. Amtliche und wissenschaftliche Akteure konfrontiert er mit ihren Rollen in diesem System aus Zwang und Sicherheit, das Bürger vielleicht zu oft als Risiko und Gefahr für die Allgemeinheit behandelt.

Traumtagebuch oder Die Kunst, nicht zu denken
Mit Rousseau auf der Petersinsel

Von Tobias Lehmkuhl

Sonntag, 28.09.2014, 14.50 Uhr, SWR2

Er wurde mit Steinen beworfen und flüchtete auf die Petersinsel im Bieler See. Hier verlebte er die schönste Zeit seines Lebens. Müßig lag er im Kahn und ließ die sanften Wogen durch seine Hand gleiten. Oder er lief botanisierend durch das Wäldchen, das sich auf einem Hügel erhob. Dann musste der Philosoph Jean-Jacques Rousseau auch von hier wieder fort. Doch was ist von ihm geblieben? Was wissen die Bieler noch von ihm? Wie beantworten sie heute die Fragen, die Rousseau sich vor 250 Jahren gestellt hat? Vor allem aber: Ist es möglich, an den Ufern des Sees das Denken hinter sich zu lassen und ins Träumen zu geraten? Einen jener Momente zu erleben, die Rousseau in seinen “Träumereien eines einsamen Spaziergängers” so inständig beschwört? Tobias Lehmkuhl hat das Experiment gewagt. Einheimische haben ihm dabei geholfen.

 

Radiotipps für die Woche vom 17. bis 23. November 2014

Werkbank Dongguan
Lebenswege made in China

Von Mathias Bölinger

Dienstag, 18.11.2014, 19:15 Uhr, 20.10 Uhr, DLF

Der eine hat letztes Jahr drei Finger in einer Stahlpresse verloren. Die andere träumt vom schönen Leben und wohnt an Chinas verruchtestem Ort. Der Dritte hat Millionen investiert und sucht nach einem neuen Geschäftsmodell. Geschichten aus Dongguan, der chinesischen Industriestadt an der Grenze zu Hongkong.

Sie wurde bekannt als Werkbank der Welt. Überall läuft man in Turnschuhen von hier, jede zweite Computermaus wird in dieser Stadt hergestellt. Doch während der Weltfinanzkrise brach die Produktion ein. Fabriken schlossen, Arbeiter gingen – der Beginn vom Ende des Geschäftsmodells Billiglohn. Zugleich florierte ein neues Gewerbe. Dongguan wurde zu Chinas “Sexhauptstadt” – nirgends fand Prostitution so offen statt wie hier. Bis der Staat durchgriff.

Spitzelnde Freunde
Deutschland und der amerikanische Geheimdienst NSA

Von Thomas Gaevert und Söhnke Streckel

Mittwoch, 19.11.2014, 22.03 Uhr, SWR2

Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist die amerikanische National Security Agency, kurz NSA genannt, in aller Munde. Sorgsam abgeschirmt, ist dieser Geheimdienst hierzulande mit einem besonders großen technischen Aufgebot und starker Manpower vertreten. Obwohl Deutschland seit 1994 souverän ist, blieben die US-Streitkräfte und ihre Geheimdienste hier weiterhin stationiert. Sie können vom exterritorialen Boden ihrer Kasernen aus handeln, ohne dass die Bundesregierung einen nennenswerten Einfluss darauf hat.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erklärte sich Deutschland mit den USA solidarisch, deren “Krieg gegen den Terror” uneingeschränkt zu unterstützen. Entsprechende Geheimverträge folgten. Seitdem führt die NSA unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung einen nachrichtendienstlichen Krieg auch von deutschem Boden aus. Die Aktivitäten des Geheimdienstes haben eine lange Tradition, die er nicht aufzugeben gedenkt.

Nuria und Daniel: zwei Madrileños in Berlin

Von Rilo Chmielorz

Freitag, 21.11.2014, 18.05 Uhr, DLF

Nuria und Daniel sind Anfang Januar 2013 zusammen mit Gus, ihrem Hund, nach Berlin gekommen. Daniel ist 38, Nuria 34 Jahre alt. Er ist promovierter Mathematiker. Sie hat schon vor vielen Jahren ihr Jura-Studium abgebrochen. In Madrid gab es keine Arbeit mehr.

Die Entscheidung, die krisengebeutelte Heimat zu verlassen, war nicht einfach, denn die spanischen Familienbande sind eng. In Deutschland hofft das Paar die Zukunft noch einmal neu planen und gestalten zu können.

Die Wahl fällt auf Berlin, nicht nur, weil hier seit zehn Jahren eine alte Freundin von Daniel wohnt, die den beiden immer wieder unter die Arme greift, sondern auch, weil Berlin Freiheit vom Familienzwang und niedrige Lebenshaltungskosten verheißt.

Wie gehen die beiden damit um? Was können sie in einem Jahr erreichen – außer Deutsch zu büffeln und von ihren Ersparnissen zu leben? Rilo Chmielorz hat Nuria und Daniel zwölf Monate lang begleitet.

Die sieben Leben der Marina Abramović
Der Körper als Kunstwerk

Von Nina Hellenkemper

Samstag, 22.11.2014, 13:05 Uhr, Bayern 2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Ikone, Grenzgängerin, Radikale: Die serbische Performancekünstlerin Marina Abramović fürchtet in ihren spektakulären Kunstaktionen weder Schmerz noch den Tod. Auch Lady Gaga zählt zu ihren Schülerinnen.
Sie geißelte sich mit Peitschen, Feuer, Eis oder legte Besuchern eine geladene Pistole zur freien Verfügung vor. Was Marina Abramovićs Arbeit bis heute prägt, ist die maximale Spannung, die sie zwischen sich und dem Publikum erzeugt. Als erste lebende Künstlerin holte sie 850.000 Besucher ins Museum of Modern Art. 2014 will sie in Hudson/New York das “Marina Abramovic Institute” eröffnen. Besucher müssen sich vertraglich verpflichten, mindestens sechs Stunden zu bleiben, um dann im weißen Laborkittel – ohne Uhr und Handy – die “AbramovićMethode” zu erlernen.

Die Tunnelgräber

Von Kai-Uwe Kohlschmidt

Samstag, 22.11.2014, 18:05 Uhr, DR Kultur

Nach dem Bau der Mauer war der Weg in den Westen von einem Tag auf den anderen versperrt, Familien getrennt, Liebende auseinandergerissen und Lebenslinien unterbrochen.

Auf der Suche nach einem Ausweg wurde der Untergrund Berlins zum Schauplatz spektakulärer Rettungsaktionen. Über 90 Fluchttunnel sind in den Jahren zwischen 1961 und 1964 in und um Berlin gegraben worden. Die Strapazen waren ungeheuer und die Gefahren groß. Alle, die bei den Unternehmungen mitmachten, taten dies unter Einsatz ihres Lebens. Die Montage aus Zeitzeugenaussagen, O-Tondokumenten, Unterlagen der MfS-Tunnelkartei und Spielszenen erzählt über den Erfolg des Tunnels 29 sowie die Tragödie um den Tunnel 57.

Liebe, Tod und Teufel
Acht Schauspielstudenten proben das Sterben und fühlen sich dabei sehr lebendig

Von Andreas Kebelmann und Robert Schmidt

Sonntag, 23.11.2014, 14.05 Uhr, SWR2

“Ich hatte mal ‘ne Zeit große Angst vorm Tod und jetzt geh’ ich eigentlich gar nicht mehr davon aus, dass ich sterbe. Also ich hab’s eigentlich nicht vor.” Sie sind Anfang 20 und üben das Sterben: acht Schauspielstudierende der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Auf der Bühne gibt es kaum ein Drama ohne Tod und auf die Bühne wollen sie. Aber wie lernt man die Rolle eines Sterbenden? Und welche Rolle spielt der Tod in ihrem Leben, welche Erfahrungen gibt es da? In diesem Feature treffen Leben und Tod aufeinander, auf der Bühne wie im Leben. Im Text wie im Dialog, in der Vorspielrolle und beim Arzt, am Morgen danach und beim Gastspiel in der Provinz. Bei jedem Erfolg und Misserfolg. Der Tod als Hinwendung zum Leben?

Die Philharmonie des kleinen Mannes: Über Leben auf dem Rummelplatz

Von Christian Blees

Sonntag, 23. November 2014, 18:05 Uhr, hr2

Der Rummelplatz als Tummelplatz der Gefühle fasziniert die Menschen schon seit langem. So gesellten sich bereits im Mittelalter zu den üblichen Handelsmärkten auch Gaukler, Artisten und Guckkastenbetreiber. Später kamen Betreiber von Karussells, Schaukeln und Riesenrädern hinzu.

Inzwischen sorgen immer aufwändigere Achterbahnen und Hightech-Karussells für Nervenkitzel. Dabei wird das Überleben für die Rummelplatz-Betreiber zunehmend schwieriger. Zum einen ist die Zahl der Volksfeste in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um knapp ein Viertel zurückgegangen. Zum anderen sehen sich die Schausteller an vielen Orten von den Behörden benachteiligt. Nicht nur die Umweltzone, sondern auch hohe Standgebühren sowie Energiekosten machen ihnen zu schaffen. Indem die Betroffenen eine offizielle Bewerbung der deutschen Volksfeste und Weihnachtsmärkte zum “immateriellen Kulturerbe” bei der Unesco eingereicht haben, versprechen sie sich eine bessere Wahrnehmung des Gewerbes und eine höhere Wertschätzung seitens der Politik. Das Feature wirft einen unterhaltsamen und informativen Blick hinter die Kulissen des Gewerbes.

 

Radiotipps für die Woche vom 10.- 16. November 2014

Das Herrhausen-Attentat “Wir wissen definitiv, wer die Täter waren”

Rekonstruktion einer Spurenverwischung

Von Paul Kohl

Dienstag, 11.11.2014, 19:15 Uhr, Deutschlandfunk

Der Autor Paul Kohl wurde in diesem Jahr mit dem renommierten Axel-Eggebrecht-Preis ausgezeichnet. Kohl rekonstruiert, wie von den Ermittlungsbehörden falsche Fährten gelegt wurden, und fragt, welche Interessen hinter dieser Spurenverwischung gestanden haben könnten.

In der Begründung heißt es: “Aussagen und Argumente werden unaufgeregt in eine präzise Sprache gefasst, sorgfältig Gegenargumenten gegenübergestellt und dramaturgisch geschickt verwoben. Dabei bleibt die Haltung des Autors zu seinem Thema nie verborgen. Der gedankliche Freiraum, der durch die sorgfältige Montage aller Elemente entsteht, lässt jedoch auch Platz für die eigene Meinungsbildung des Hörers, denn Paul Kohl will nicht die Wahrheit verkünden, er will durch Information aufklären.”

Das gilt so auch für Kohls Recherchen zum 1989 verübten und bis heute nicht aufgeklärten Attentat auf den damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen.

Kurzstrecke 31 Feature, Hörspiel, Klangkunst

Zusammenstellung: Jan Rohlf, Barbara Gerland Ingo Kottkamp

Mittwoch, 12.11.2014,0.05 Uhr, DR Kultur

Was hört man zwischen den Stühlen? Kann Radio auch anders? Heute schon mal kurz gefasst? Deutschlandradio Kultur sucht fortlaufend Neuproduktionen zwischen Feature, Hörspiel und Klangkunst.

In der aktuellen Ausgabe unserer Sendereihe finden Sie unter anderem:

Und irgendwo laichten die Lachse
Kann man sagen, wie ein Mensch war, bevor er gestorben ist?
Von Nicolai Busch

„Wir wollen keine Asylantenheime!”
Manchmal lohnt es sich, zweimal hinzusehen.
Von Nadine Bonengel

Unwritten
Eine Komposition von hunderten von Schreibgeräuschen (von der Feder bis zur Tastatur, vom Radiergummi bis zum Schredder), angereichert mit Gästen (eine Fliege, ein Wolf) und ergänzt um Akkordeon und Bassklarinette.
Von Martin Daske

Der Spezialist ist Autist

Von Anja Kempe

Mittwoch, 12. 11. 2014, 18.05 Uhr, SWR2 Feature

Die IT-relevanten Märkte werden sich in den nächsten zehn Jahren verdoppeln, und tausende Spezialisten in den Bereichen Softwareentwicklung, Netzwerktechnologie und Datenbank-Management fehlen. Google und Microsoft suchen daher fieberhaft nach Autisten und ihren herausragenden Fähigkeiten auf diesen Gebieten.
In der Anerkennung und Förderung sogenannter Asperger-Autisten ist die Schweiz heute weltweit führend. Eine Stiftung bildet sie zu Diplom-Informatikern aus. Auch der größte deutsche Softwarehersteller SAP beschäftigt seit 2014 Autisten. Die Autorin Anja Kempe hat sie besucht.

Die persische Gattin
Von der Herausforderung, im Iran zu heiraten

Von Renata Borowczak

Freitag, 14.11.2014, 20:10 Uhr, Deutschlandfunk

Anna heiratet in Deutschland schlicht und standesamtlich Ahmed, einen Iraner. Dann fährt sie mit ihm in sein Geburtsland, um die Verwandten kennen zu lernen. Sie wird als Ahmeds Ehefrau mit Respekt und Zuneigung behandelt. Doch auf einer Erkundungsreise durch den Iran muss Anna feststellen, dass ihre deutsche Heiratsurkunde nicht zählt.

Nicht einmal ein gemeinsames Hotelzimmer darf sie mit Ahmed beziehen, ohne die Rezeptionistin zu gefährden. Anna und Ahmed müssten nach hiesiger Sitte heiraten – vor einem Mullah. Aber dann könnte Anna ohne das Einverständnis ihres Mannes nicht mal das Land wieder verlassen. Obwohl Ahmed seit über 40 Jahren in Deutschland lebt, wird Anna bei diesem Gedanken mulmig zumute.

Und überhaupt: Wie lebt es sich eigentlich als persische Gattin? Anna lässt sich von den Frauen ihrer neuen Familie erzählen – besonders ihre Schwiegermutter, eine lebendige Dame von 84 Jahren, erweist sich als wahre Scheherezade.

Liebe, die um Abschied weiß
Vom Leben mit Alzheimer

Von Karla Krause

Samstag, 15.11.2014, 18.05 Uhr, DR Kultur

Der alte Mann starrt auf ein Foto von seiner Hochzeit – und erinnert sich an nichts. Eine alte Frau erzählt immer wieder von dem Walzer, den sie mit dem Geliebten tanzte. Einem anderen ist der Name seiner Krankheit entfallen.

Alzheimer hat viele Gesichter. Das Vergessen bis zur Umnachtung zieht sich über viele Jahre hin. Auch für den Angehörigen eine Tortur. Doch es gibt Versuche, das Leben mit der Krankheit erträglicher zu gestalten, den langen Abschied gemeinsam zu bewältigen.

Das Feature erhielt 2003 den Katholischen Medienpreis, 2004 den Robert Geisendörfer Preis und den Deutschen Sozialpreis.

Merav heiratet
Ein ganz persönlicher Nahostkonflikt

Von Florian Fricke

Samstag, 15.11.2014,13:05 Uhr , Bayern 2 ,Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Merav, Anfang 40, Jüdin bulgarischer Abstammung, aufgewachsen in Italien und Israel, hat geheiratet. Endlich, jubeln Freunde und Verwandte, denn sie war lange Zeit Single.

Zur Hochzeit konnten und wollten allerdings nicht alle ihrer Freunde kommen, denn sie konnte per Gesetz nicht in Israel stattfinden – Meravs Bräutigam ist nichtjüdischer Deutscher. Nun leben sie bei ihm, aber immer noch pendelt Merav zwischen Tel Aviv und Frankfurt. Sie besucht regelmäßig ihren Vater, arbeitet für ASSAF, einer NGO in Tel Aviv, die sich für afrikanische Flüchtlinge in Israel einsetzt. Sie ist Anhängerin des linken Fußballvereins Hapoel Tel Aviv, engagiert sich bei den Hash House Harriers und liebt Bier. Jerusalem allerdings hasst sie.

Merav ist auf der politischen Landkarte Israels weit links aufgestellt – und doch kann sie über ein Thema nicht wirklich sprechen: über Palästinenser. Araber bleiben bis heute in der Wahrnehmung der israelischen Gesellschaft vor allem eins: Feinde, die zu Terroristen werden können. Warum dies so ist, und wie sich Israel in Richtung einer “totalitären Demokratie” entwickeln konnte, will dieses Feature anhand einer sehr persönlichen Auseinandersetzung ergründen.

Lage, Lage, Lage
Auf Monopoly-Straßen von 1936 durch Berlin

Von Egon Koch

Sonntag, 15.11.2014, 14.05 Uhr, SWR2

Als das Monopoly-Spiel 1936 in Deutschland eingeführt wurde, gab es nur Berliner Straßennamen auf dem grünen quadratischen Spielfeld: vom ärmeren Nordwesten Moabits bis zum teuersten Grundstück: der Insel Schwanenwerder am Wannsee. Dort wohnte Propagandaminister Joseph Goebbels, der nicht als reichsreichster Bewohner einer Spitzenpreisimmobilie gelten wollte – und das Spiel noch im Jahr seines Erscheinens wieder verbot. 1953 kam ein neues Monopoly mit bundesdeutschen Allerweltsstraßennamen auf den Markt. Das alte Spiel wurde nie wieder aufgelegt. Autor Egon Koch spielt es jetzt noch einmal: Von “Los” geht er durch die alten Monopoly-Straßen und Bahnhöfe und ins Gefängnis – “nur zum Besuch”. Er entdeckt, wo das Spiel noch heute Wirklichkeit wird. Und wo in der heutigen Wirklichkeit das Spiel aufhört: bei Wohnungs- und Mietpreisen, bei Spekulation und Bankrott. Sei kein Spielverderber – lautet der Appell an die Toleranz. Wenn aber bereits das Spiel verdorben ist?

Von der Zumutung höchster Ansprüche“
Alfred Andersch und die Anfänge des Frankfurter Abendstudios

Von Hans Sarkowicz

Sonntag, 16. November 2014, 18:05 Uhr, hr2-kultur

1948 begründete der Schriftsteller Alfred Andersch im Hessischen Rundfunk das “Abendstudio”, das sich zentralen Fragen der Nachkriegszeit widmete. Die Sendungen des “Abendstudios” wurden in einer noch fernsehlosen Zeit von vielen Menschen gehört.

Andersch setzte sich mit den Folgen der NS-Diktatur ebenso auseinander wie mit der Avantgarde des Denkens und der Literatur. Bis zu seinem Ausscheiden Ende 1953 präsentierte Andersch das, was in den zwölf Jahren unter Hitler verboten oder unterdrückt worden war. Gleichzeitig begleitete er die Entwicklung der jungen Demokratie in Deutschland mit kritischer Sympathie. Das Feature stellt das damalige Programm in Original-Ausschnitten vor und lässt den vor 100 Jahren geborenen und 1980 verstorbenen Andersch auch selbst zu Wort kommen.

 

Radiotipps für die Woche vom 3. bis 9. November 2014

“Unser Görli”
Selbstermächtigungen im öffentlichen Raum

Von Ursula Rütten

Dienstag, 04.11.2014, 19:15 Uhr, DLF

Der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg: einzige grüne Freifläche in einem dicht besiedelten Wohngebiet, ein klar abgegrenztes urbanes Territorium für Naherholung und Freizeitgestaltung von Anwohnern und zunehmend Touristen.

Seit einiger Zeit ist er auch “Dorfplatz” für Asylbewerber aus Afrika und davon nicht klar unterscheidbarer Hotspot für zunehmend offensiven Drogenhandel. Ein Raum ungleicher Erfahrungen und Bedürfnisse, in dem sich kollektive Interessen bündeln, überkreuzen, ausschließen. Die traditionell solidarische, antirassistische, linksliberale Stimmung im multikulturellen Kiez droht zu kippen.

ARD Online-Avard

Anhören. Abstimmen. Auszeichnen. Bis zum 8. November.

Der #ARDOnlineAward für das BESTE HÖRSPIEL. Deine Entscheidung!
http://www.ard.de/home/radio/ARD_Online_Award/1178208/index.html

Am Mittwoch, 5. November eröffnet das größte Festival für Hörspielkunst im deutschsprachigen Raum – die ARD Hörspieltage. Bis zum 9. November stehen Karlsruhe, das Zentrum für Kunst und Medientechnologie und die Staatliche Hochschule für Gestaltung im Zeichen von Live-Inszenierungen, Wettbewerbsvorführungen, Jury-Diskussionen, Konzerten, Gesprächen und einer langen Hörspielnacht.

Der ARD Online Award wird vom Internet-Publikum vergeben, das über ein Online-Voting sein Lieblingsstück im Internet wählt. Das Stück mit den meisten Stimmen gewinnt. Abstimmen kann man bis zum 8.11. um 18 Uhr.

Wohin verschwinden die Grenzen?
Geschichten aus dem österreichisch-tschechischen Zwischenland

Von Antonia Kreppel

Mittwoch, 05.11.2014, 22.03 Uhr, SWR2

Das österreichische Grenzdorf Fratres und das tschechische Renaissancestädtchen Slavonice verbindet eine “Kulturbrücke” und trennt noch immer die Last der Geschichte. “Hüben und drüben” treffen sehr verschiedene Menschen aufeinander: Zugereiste, die Impulse setzen; Einheimische, die ums Überleben kämpfen; Rückkehrer, die kreative Versöhnungsarbeit leisten. Am ehemaligen Grenzübergang im Dreiländereck Böhmen, Mähren, Österreich steht ein Spruchband aus Metall: “Wohin verschwinden die Grenzen; Kam mizí hranice”? Ob Altenpflegerin oder Kunstsammler; Bauer oder Historiker; Familienforscher oder Kulturmanager; Automechaniker oder Künstler: 25 Jahre nach der Wende sind sich alle einig, dass die Grenzen nur langsam verschwinden oder sich am Ende nur verschieben.

Prix Europa 2014

Mittwoch, 05.11.2014, 0.05 Uhr, DR Kultur

Der Prix Europa zeichnet jedes Jahr die besten europäischen Medienproduktionen aus.

Das Festival findet in diesem Jahr vom 18. bis 25. Oktober in Berlin statt. In der Kategorie Hörfunk werden u.a. folgende Preise vergeben:

Bestes Radio-Feature

Beste investigative Radiosendung

Wir senden heute ein Preisträger-Feature.

Bauhaus, Buchenwald und Baudenkmäler
Die fantastische Karriere des Architekten Franz Ehrlich

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Freitag, 07.11.2014, 20.10 Uhr, DLF

Er war Kommunist und Kapitalist, Genie und Hochstapler, Querdenker und Opportunist zugleich: Franz Ehrlich hat Architekturikonen wie das für seine Akustik gerühmte Funkhaus in der Berliner Nalepastraße entworfen und mit seiner Möbelserie 602 im Bauhaus-Stil einen DDR-Exportschlager konzipiert.

Er kassierte Spitzenhonorare und war doch als Formalist verfemt, da er den Zuckerbäckerstil der Stalin-Ära ebenso kritisierte wie die Plattenbausiedlungen. Seine spektakulären Pläne für den Wiederaufbau Dresdens oder die Leipziger Messe wurden von den Funktionären zurückgewiesen. Das hat ihn nicht gehindert, intensiv mit der Stasi zusammenzuarbeiten. Verfolgt und doch geschätzt war Franz Ehrlich schon in der NS-Zeit, als er im KZ Buchenwald zunächst in der illegalen Zelle der KPD mitarbeitete, aber nach dem Ende seiner Haft Villen für SS-Kommandeure gestaltete.

“Ich will ein Geständnis”
Medikamentenversuche an Kindern in der Schweiz

Von Charly Kowalczyk

Samstag, 8.11.2014, 13.05 Uhr, DLF/BR/WDR 2014
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Zufällig finden sich in verschiedenen Vormundschaftsakten Patientenprotokolle der psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau. Ehemalige Zöglinge aus Kinderheimen und Pflegefamilien müssen nun feststellen, dass in den 60er- und 70er-Jahren an ihnen Tabletten getestet wurden – Psychopharmaka. Niemand hatte es ihnen gesagt. Als Kinder hatten sie im Heim des katholischen Klosters Fischingen oder in Pflegefamilien gelebt. Geliefert wurden die Pillen vom Basler Konzern Ciba, heute Novartis. An den Folgen der Versuche leiden die Betroffenen bis heute, sagen sie, an extremem Bluthochdruck, an Panikattacken und ständigen Kopfschmerzen. Wie war es möglich, dass man an diesen Kindern experimentieren konnte? Wer ist verantwortlich, trägt Sorge für die Folgen? Und heute? Kümmern sich Pharmakonzerne um ethische Standards, wenn sie in Indien, Rumänien oder Argentinien Arzneimittel testen? Unter welchen Umständen sind solche Tests überhaupt vertretbar?

Zwei Seiten Leben. Drei Trauerredner.
Ein Totentheater

Von Michael Lissek

Samstag, 08.11.2014, DR Kultur

Das Leben ist kurz, und lang ist der Tod. Ob während des Lebens Mitteilenswertes geschehen ist, darüber entscheiden am Ende die Hinterbliebenen (und ihre Sprachfähigkeit) sowie der Trauerredner (und seine Befragungs-, Schreib- und Performancetechnik).

Michael Lissek porträtiert drei Trauerredner und -rednerinnen, begleitet sie zu Bestattungen und zu Hinterbliebenen, und er lässt sie Trauerreden auf sich selbst halten. Es wird viel gesungen, eine Menge Luft geatmet, Yoga gemacht und an keiner Stelle geweint. Aus Totentheater wird Radio.

Wir sind das Volk – Die deutsche Wiedervereinigung

Von Dorothee Meyer-Kahrweg

Sonntag, 09. 11. 2014, 18:05 Uhr, hr2

Als US-Präsident Ronald Reagan 1987 am Brandenburger Tor rief: “Mr. Gorbatschow, tear down this wall!”, hielten die meisten Deutschen dies für eine utopische Forderung. Doch nur zwei Jahre später fiel die Mauer wirklich.

Die Entwicklung dieser aufregenden zwei Jahre zeichnet dieses Feature mit einer Fülle von Tondokumenten nach. Die Sendung ruft eine Zeit in Erinnerung, in der das Volk durch eine friedliche Revolution die Diktatur der SED-Herrschaft beendete. Das Feature erschien unter dem Titel “Wir sind das Volk” auch als Hörbuch beim Verlag “Der Hörverlag – DHV” München.

Radiotipps für die Woche vom 27. Oktober bis 2. November 2014

Kongos deutsche Hoffnung
Mit Martin Kobler unterwegs auf Friedensmission im Auftrag der UNO

Von David Hecht

Dienstag, 28.10.2014, 19:15 Uhr, DLF

Die neue Mission des ehemaligen deutschen Botschafters im Irak und in Afghanistan, Martin Kobler, scheint fast aussichtslos. Wie soll er eine UNO-Friedensmission mit 20.000 Soldaten aus 50 Ländern steuern in einem Land, das sieben Mal so groß wie Deutschland ist?

Wo die Allianzen zwischen den zahllosen bewaffneten Gruppen undurchschaubar sind, die Politiker oft unberechenbar? Die größtenteils US-geführte Mission der UNO in der Demokratischen Republik Kongo trat seit 15 Jahren auf der Stelle.

Seit Herbst 2013 gibt es ein “robustes” Mandat, alle nicht staatlichen bewaffneten Gruppen zu entwaffnen. Martin Kobler kann seine neue Macht nun einsetzen, nicht nur um Frieden zu sichern, sondern um Frieden auch zu erzwingen. Der Autor hat Kobler im Kongo begleitet.

Tropenträume zu verkaufen.
Zwei Dörfer in Kambodscha suchen ihre Zukunft

Von Barbara Kenneweg

Mittwoch, 29.10.2014, 0.05 Uhr, DR Kultur

Noch verfügt Kambodscha über riesige Urwälder und klare Küstengewässer mit enormer biologischer Vielfalt. Aber Investoren aus aller Welt teilen das unberührte Land unter sich auf:

Sie pachten Land für 99 Jahre, bauen Hotels, Kasinos, sogar ganze Städte. Andererseits versuchen diverse NGOs, Natur und gewachsene Kultur zu schützen. Das persönliche Interesse der westlichen Helfer ist dabei nicht selten die Flucht vor der übersättigten westlichen Welt.
Und die Einwohner? In einer Dschungelsiedlung, die einst die roten Khmer aus dem Boden gestampft haben, werden Wilderer zu Touristenführern und Hoteliers. Ein Fischerdorf verbündet sich mit einem britischen Taucher, der eigentlich nur die Seepferdchen retten wollte.

Die Sieger von Kundus.
Eine Bilanz der deutschen Afghanistan-Mission

Von Marc Thörner

Mittwoch, 29.10.2014, 18.05 Uhr, SWR2

„Si vis pacem, para bellum” Wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg!

“Wir haben Großartiges geleistet”, bilanziert Generalmajor Jörg Vollmer, Kommandeur der ISAF-Schutztruppe in Nordafghanistan. “Die afghanische Bevölkerung im Norden bewegt sich durch ihre Provinzen völlig normal.”
Und wenn nicht alle Ziele vollständig erreicht wurden, so räumt man bei der Bundeswehr ein – das sei eben Afghanistan. Schließlich können “wir” “ihnen” westliche Standards nicht einimpfen. Der Autor hat die Entwicklungen in Kundus, dem Vorzeigegebiet des deutsch geführten Regionalkommandos Nord, über viele Jahre beobachtet. Ein Rechtsstaat wurde dort nicht einmal in Ansätzen aufgebaut. Woran liegt es? Um eigene Verluste zu vermeiden und Mittel einzusparen, schloss die Bundeswehr Allianzen mit korrupten Provinzfürsten, mit Klein- und Schwerkriminellen. Sie sind die eigentlichen Gewinner des bislang größten deutschen Auslandseinsatzes.

Pfarrer
Hörstück nach dem gleichnamigen Dokumentarfilm.

Von Stefan Kolbe und Chris Wright

Samstag, 01.11.2014, 18.05 Uhr, DLF

Was passiert, wenn zwei atheistische Autoren Zugang zu einem Predigerseminar bekommen? Und das in Wittenberg, der Lutherstadt, einst Hochburg der deutschen Reformation, heute gelegen in einer der ungläubigsten Ecken Europas.

Ein Jahr lang begleiten die Autoren eine Gruppe Männer und Frauen in ihrer Ausbildung zum Pfarrer. Anfangs geht es noch um das Erlernen religiösen Handwerks. Aber im Laufe der Zeit sehen sich Protagonisten wie Filmemacher zunehmend mit den grundlegendsten menschlichen Fragen konfrontiert. Grenzen verschwimmen – zwischen Glauben und Unglauben, Trost und Verzweiflung. Es entsteht ein intimer Dialog über unsere fundamentalen Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Sinn.

Die Liebe zum Standard.
Feldforschungen in der Welt der Kaninchenzüchter

Von Jörn Klare

Sonntag, 2.11.2014, 14.05 Uhr, SWR2

Der Journalist Jörn Klare war schon in fast aller Welt und an beinahe jedem Krisenherd. Jetzt aber führen ihn seine investigativen Recherchen in eine besonders fremde und ferne Szene: die Welt der deutschen Kaninchenzüchter. Das Wenige, was man über sie weiß, weiß man aus dem Lokalteil der Zeitung. Dort wo angeblich jeder Reporter mal angefangen hat (um möglichst schnell weg- und weiterzukommen), erschließt sich dem erfahrenen Journalisten ein vielfältiger Kosmos mit komplexen Regeln und Gebräuchen, allen voran: der “Standard”, der buchstäblich kaninchenhaarklein festschreibt, was ein schönes Kaninchen von einem weniger schönen unterscheidet, was wiederum die Grundlage für die Unterscheidung von Gewinnern und Verlierern ist. Die Kleintierwelt als Großmetapher. Natürlich hat Jörn Klare auch versucht, mit den Kaninchen selbst zu sprechen …

„Zur Vermeidung weiterer Provokationen“
Die kurze Lebensgeschichte des Michael Gartenschläger

Von Roman Grafe

Sonntag, 2. November 2014, 18:05 Uhr, hr2

Strausberg bei Berlin im August 1961: Der 17-jährige Lehrling Michael Gartenschläger protestiert mit vier Freunden gegen den Mauerbau. “Macht das Tor auf!” und “Freie Wahlen!” pinseln sie an Garagen und Einfahrten.

Die “konterrevolutionäre Terrorbande” wird festgenommen. Michael Gartenschläger wird zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Nach zehn Jahren Haft in der DDR wird er 1971 von der Bundesrepublik freigekauft. Er zieht nach Hamburg, betätigt sich als Fluchthelfer und holt 31 Menschen aus der DDR. Im Frühjahr 1976 demontiert Gartenschläger an der DDR-Grenze zwei Selbstschussapparate. Der “Spiegel” veröffentlicht die Funktionsweise der “Todesautomaten”, deren Existenz die DDR bis dahin immer geleugnet hatte.

Als sich Gartenschläger am 30. April 1976 erneut dem DDR-Grenzzaun nähert, wird er von einem Stasi-Kommando erschossen. Die Todesschützen werden nach dem Fall der Mauer freigesprochen. Eine deutsch-deutsche Tragödie, an die Roman Grafe in diesem Feature erinnert.

 

 

Radiotipps für die Woche vom 20. bis 26. Oktober 2014

Psychopharmaka “Ich will ein Geständnis”
Medikamentenversuche an Kindern in der Schweiz

Von Charly Kowalczyk

Dienstag, 21.10.2014, 19:15 Uhr, DLF

Zufällig finden sich in verschiedenen Vormundschaftsakten Patientenprotokolle der psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau. Ehemalige Zöglinge aus Kinderheimen und Pflegefamilien müssen nun feststellen, dass in den 60er- und 70er-Jahren an ihnen Tabletten getestet wurden – Psychopharmaka.

Niemand hatte es ihnen gesagt. Als Kinder hatten sie im Heim des katholischen Klosters Fischingen oder in Pflegefamilien gelebt. Geliefert wurden die Pillen vom Basler Konzern Ciba, heute Novartis. An den Folgen der Versuche leiden die Betroffenen bis heute, sagen sie, an extremem Bluthochdruck, an Panikattacken und ständigen Kopfschmerzen.

Wie war es möglich, dass man an diesen Kindern experimentieren konnte? Wer ist verantwortlich, trägt Sorge für die Folgen? Und heute? Kümmern sich Pharmakonzerne um ethische Standards, wenn sie in Indien, Rumänien oder Argentinien Arzneimittel testen? Unter welchen Umständen sind solche Tests überhaupt vertretbar?

Stimme der Stimmlosen
Community Radios in Indonesien

Von Mandy Fox

Mittwoch, 22.10.2014, 0.05 Uhr, DR Kultur

Sie warnen vor Vulkanausbrüchen, gründen Schulen, organisieren Krankenbesuche, geben Tipps für die Ernte. Lokalradios sind in Indonesien ein unverzichtbares Kommunikationsmittel.

Schließlich verteilt sich das Land auf über 17.000 Inseln. Gesendet wird aus Hinterzimmern oder von unterwegs, die Sender sind mobil. Gehört wird zu Hause oder bei der Arbeit auf dem Feld. Warum? Weil es das einzige Medium für Bildung und Information in den oft abgelegenen Siedlungen ist. Die Lokalradios könnten die Demokratisierung des Landes vorantreiben. Der Regierung sind sie allerdings häufig ein Dorn im Auge, weil sie zu selbstständig, zu selbstbewusst agieren.

Nazi-Netzwerk NSU

Von Ralf Homann und Thies Marsen

Mittwoch, 21. Oktober 2014, 22.03 Uhr, SWR2

“Der NSU war nach dem Ergebnis der Ermittlungen […] stets eine singuläre Vereinigung aus drei Personen”, sagt der Generalbundesanwalt. Doch Strategie und Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds waren alles andere als isoliert und einzigartig. Rechte Terrorakte gab es in der Vergangenheit in ganz Europa und den USA. Folgt man den Spuren des Terrors, stößt man immer wieder auf das nationalsozialistische Netzwerk “Blood & Honour”. Zum harten Kern zählten – laut Ermittlern – auch die späteren NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe. Doch Vernetzungen spielen bei der Aufarbeitung der NSU-Morde kaum eine Rolle. Stattdessen verfolgen die Behörden lediglich die “erweiterte Einzeltätertheorie”. Werden die terroristischen Gefahren von rechts schon wieder unterschätzt?

Rien ne va plus
Warum sich der Boulevardreporter Günter Stampf das Leben nahm

Von Rosvita Krausz

Freitag, 24.10.2014, 20:10 Uhr, DLF

Günter Stampf galt in der Medienbranche als Naturtalent. Charismatisch, hoch intelligent, gut aussehend. Mit 23 war der Österreicher, Ressortleiter der Zeitschrift “Bunte”, mit 24 Chefreporter bei “Bild”, zwei Jahre später kehrte er als stellvertretender Chefredakteur zur “Bunte” zurück – für 450.000 Mark Jahresgehalt.

Dann wechselte er zum Fernsehen. 1994 erreichte er als stellvertretender Chefredakteur von Thomas Gottschalks RTL-Late-Night-Show bis zu drei Millionen Zuschauer täglich. 2002 gründete er seine eigene Firma Stampfwerk. Sendungen wie “Das Leben der Superreichen”, “Megaman”, “Boat of Love”, “Der Amoklauf von Erfurt”, “Urteil Mord”, “Die World Awards” mit Präsident Michael Gorbatschow und “Der Kannibale von Rothenburg” hat er produziert. Dazu kam Werbung für Banken.

Günter Stampf arbeitete wie ein Besessener. “Ich gehe die Extrameile” war seine Devise. Nach oben schien es keine Grenze zu geben. Aber dann kam die Weltwirtschaftskrise. Auf seine Berater, er solle rechtzeitig auf die Flaute reagieren, hörte er nicht. Es war ihm doch bislang in seinem Leben alles geglückt. Warum war Günter Stampf, der mit geschäftlichem Stress souverän umgehen konnte, plötzlich am Ende?

miles and more
Rücktrittsdramaturgien in der Politik

Von Helgard Haug und Heike Haug

Samstag, 25.10.2014, 18.50 Uhr, DR Kultur

“Nach zehn Jahren Bundestag sind Sie für das normale Leben nicht mehr resozialisierbar”, sagte Wolfgang Bötsch (CDU) vor seinem Ausscheiden aus dem Bundeskabinett. Rücktritte sind Konstanten im politischen Geschäft.

Sie sind selten das Ergebnis inhaltlicher Überzeugungen, eher der erzwungene kathartische Akt, mit dem das politische System auf angeheizte Skandale reagiert. Die oft kläglichen Abgänge sind meist perfekt inszeniert. Welchen Mustern und Ritualen sie folgen und welchen Beitrag Medien, Öffentlichkeit und Parteifreunde dabei leisten, zeigt dieses Feature.

Das Deutsch und sein Twäng

Von Henrik von Holtum

Sonntag, 22. Oktober 2014, 14.05 Uhr, SWR 2

Kkkkkrrrrrrff – chpfchpfchpf – schschschtttt – grwmpstrl. Welchen Klang hat die deutsche Sprache? Welche Kontur und welche Kultur? Wie wird Deutsch von Nicht-Deutschen wahrgenommen? Als Gurgeln, Krächzen, Röcheln? Ist es das, was Charlie Chaplin in “Der große Diktator” persifliert hat? Oder ist das nur das böse Hitlerdeutsch als Sonderfall? Es gibt andere Sonderfälle: das Grönemeyer-Deutsch, das sich kaugummiartig dehnt und biegt, als wolle es lieber Englisch sein, das Heino-Deutsch, das aus jedem Vokal eine Gymnastikübung für den Mundraum macht. Es gibt einen speziellen Nachrichtenton und einen bestimmten Werbeton, es gibt Kampfdeutsch und Schmeicheldeutsch. Und dann auch noch die weichgelutschten Dialekte … Hat all das irgendeine Gemeinsamkeit, einen Ton – nennen wir ihn “Twäng” – der für die gesprochene deutsche Sprache typisch ist? So wie das “Twäng” der Gitarre eines Johnny Cash definitiv anders klingt als das “Twäng” eines Reinhard Mey, wenn er in die Saiten greift? Henrik von Holtum horcht dem Klang des Deutschen nach.