Radiotipps für die Woche vom 21. bis 28. Februar 2016

Bürgermeister mit zwei Pässen
Wie der Marokkaner Ahmed Aboutaleb Rotterdam regiert

Von Claudia Heissenberg

Dienstag, 23.02.2016, 19:15 Uhr, DLF

Die Wahl war geheim und das Ergebnis eine Sensation: Im Januar 2009 übernahm der gebürtige Marokkaner Ahmed Aboutaleb das höchste Amt in Rotterdam. Die zweitgrößte Stadt der Niederlande, in der fast die Hälfte der 600.000 Einwohner Ausländer sind, gilt als eine Hochburg der Rechten.

Die Wahl war geheim und das Ergebnis eine Sensation: Im Januar 2009 übernahm der gebürtige Marokkaner Ahmed Aboutaleb das höchste Amt in Rotterdam. Die zweitgrößte Stadt der Niederlande, in der fast die Hälfte der 600.000 Einwohner Ausländer sind, gilt als eine Hochburg der Rechten. Die rechtspopulistische Partei „Lebenswertes Rotterdam“, damals die größte Fraktion im Parlament der Stadt, bezeichnete den neuen Bürgermeister auch prompt als den falschen Mann an der Spitze einer Stadt, in der sich ein Großteil der Migranten der Integration verweigere.

Für viele Migranten hingegen ist der Sozialdemokrat und strenge Muslim, der bis heute neben der niederländischen auch die marokkanische Staatsbürgerschaft besitzt, der lebende Beweis, dass auch Einwanderer in den Niederlanden Karriere machen können. Für andere ist er ein Überläufer und Verräter, einer, der vergessen hat, wo er herkommt. Denn Aboutaleb ist ein Mann der klaren Worte. Von seinen Landsleuten verlangt er rigoros, die Normen und Werte der niederländischen Gesellschaft zu akzeptieren. Nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ polterte er in einer Fernsehansprache: „Wenn es Euch hier nicht gefällt, wenn Euch Karikaturisten nicht passen, dann haut doch ab!“

Im Visier der Taliban
Ein Feature über afghanische Helfer in deutschen Diensten

Von Rainer Schwochow

Mittwoch, 24.02.2016, 22.03 Uhr, SWR2

Seit 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Ohne einheimische Helfer hätte sie ihre Aufgaben nicht erfüllen können. Doch mit dem teilweisen Abzug deutscher Soldaten ist das Leben dieser „Ortskräfte“ gefährlich geworden. Als Mitarbeiter der „Ungläubigen“ werden sie von den Taliban mit dem Tode bedroht. Die Flucht nach Deutschland erscheint vielen deshalb als einziger Ausweg. Doch ihre Anträge auf Einreise bearbeitet die Bundeswehr zögerlich und lehnt sie oft auch ab. Mit fatalen Konsequenzen: Einige Helfer wurden schon umgebracht. Warum reagiert Deutschland so zurückhaltend? Nach welchen Kriterien wird entschieden? Der Autor trifft ehemalige Ortskräfte in Deutschland und Afghanistan; er sucht nach Erklärungen bei Verantwortlichen in Politik und Bundeswehr.

Erinnerungen an Fritz J. RaddatzDandy und Dichter

Von Rosvita Krausz

Freitag, 26.02.2016, 20:10 Uhr, DLF

Fritz J. Raddatz war der widersprüchlichste deutsche Intellektuelle seiner Generation: so gebildet wie geistreich, so streitbar wie umstritten. Geboren 1931 in Berlin, war er von 1960 bis 1969 stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlages, von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der „Zeit“, von 1969 bis 2011 Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung.

Die bekanntesten Bücher von ihm sind seine beiden Tagebuchbände. Ohne Rücksicht auf Verluste teilt er darin aus. Oft mit einem Einschlag ins Komische, Übertreibende und rigoros Selbstironische. Rainald Goetz kommentierte: „Den Roman liest man im Rausch, hunderte Seiten in ein paar Tagen, so gierig wie Raddatz gelebt hat“.

Sein letztes Buch hat er noch drei Wochen vor seinem Tod in Hamburg vorgestellt, elegant und wortgewaltig wie immer. Für viele war sein selbstgewählter Tod ein großer Schock. Ein Jahr später geht das Feature dem Leben und Sterben dieses widersprüchlichen Intellektuellen nach.

Über Krieg, Geschichte und Trauma
Jenseits der Trivialisierung des Tötens

Von Heike Brunkhorst und Roman Herzog

Samstag, 27.02.2016, 18.05 Uhr, DR Kultur

Die Psychoanalytiker Françoise Davoine und Jean-Max Gaudillière verfolgen seit 40 Jahren die Weitergabe von Traumata über Generationen hinweg. Ihr Fazit: Gewalt ist das Fundament unserer Kultur.

Was macht extreme Gewalt mit Menschen, die ihr ausgesetzt sind? Janine di Giovanni berichtet seit über 20 Jahren von immer brutaleren Kriegen. Erst im gewöhnlichen Alltagsleben ist sie zusammengebrochen.

Ein israelischer Scharfschütze hat an gezielten Tötungen mitgewirkt und sein Schweigen gebrochen.

Die Draufgängerin

Von Egon Koch

Sonntag, 28.02.2016, 14.05 Uhr, SWR2

Party. Drogen. Koma. Der 16-jährigen Tochter des Autors Egon Koch passierte das, wovor alle Eltern Angst haben. 54 Stunden dauerte es, bis sie wieder aufwachte. Die Zeit auf der Intensivstation war der Höhepunkt im Drama ihres Erwachsenwerdens. In jungen Jahren hatte sie bereits einiges erlebt: Trennung der Eltern und Tod des neuen Partners der Mutter. Überfordert damit, ihrer trauernden Mutter eine Mutter zu sein, suchte sie den Ausweg im exzessiven Feiern. Bis zum völligen Zusammenbruch. Im Krankenhaus erwacht sie als ein anderer Mensch. Auf die Katharsis folgen ein Tattoo, die erste Liebe und immer wieder die Suche nach Momenten von Freiheit und Glück. Sie wird 18, macht das Abitur und geht gereift in eine offene Zukunft. Die Geschichte einer Heranwachsenden ist zugleich eine über das Verhältnis zwischen Tochter und Vater. Seit ihren frühesten Kindertagen hat Egon Koch Gespräche mit seiner Tochter auf Band aufgezeichnet.