Radiotipps für die Woche vom 16. bis 22. März 2015

Die Tauben vom Hauptbahnhof
Psychologie eines Sehnsuchtsortes

Von Rainer Schildberger

Freitag, 20.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Bettler und Obdachlose, die Hast der Berufstätigen und die Träume der Wartenden. Der Bahnhof ist Sinnbild für das Etappenhafte, das Bruchstückhafte, das Fragmentarische, die Instabilität, aber auch für die Bewegung unseres Lebens. „Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt“, dieser Satz von Joseph Beuys ist Ausgangspunkt und zentraler Fokus des Features.

Gemeint ist, dass Erkenntnisse über den Sinn des Lebens auf der Straße zu finden sind. Besonders am Hauptbahnhof als Nukleus und exemplarischer Ort des Geheimnisses. Der Autor geht hinein in die ergebnisoffenen Situationen, die der Bahnhof bietet. Er trifft Menschen, die einfach nur sitzen und schauen und andere, die herumfahren müssen, weil sie es Zuhause nicht aushalten. Und dann ist da noch die Taube hoch oben in der gläsernen Kuppel. Sie kennt jeden, sie sieht alles. Sie erzählt von den Banalitäten und Besonderheiten eines Sehnsuchtsortes.

Erfahrung und was daraus folgt

Von Martina Groß

Mittwoch, 18.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Er gilt als der „Vater der Beatgeneration“, auch wenn er diese Einordnung nicht mochte. Alle kamen sie zu den legendären Freitags-Soireen in den 50er-Jahren. Als Anarchist und Bohemien schlug er eine Brücke zur Arbeiterbewegung und zum frühen Jazz Chicagos.

Als Buddhist und Übersetzer japanischer und chinesischer Dichtung brachte er die asiatische Ideenwelt den Amerikanern näher. Spirituelle Erfahrung und Religion waren für ihn nichts, an das man glaubt, sondern etwas Praktiziertes. Auch wenn Kenneth Rexroth (1905-1982) heute ein fast vergessener Dichter ist: Er stand am Anfang der vielen Formen asiatischer Spiritualität, die die Autorin auf ihrer Reise entlang der Westküste der USA gefunden hat.

Die gekaufte Stadt
Serge Dassault und das politische Business in Frankreich

Von Margit Hillmann

Mittwoch, 18.03.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Die französische Arbeiterstadt Corbeil-Essonnes bei Paris galt lange als uneinnehmbare Hochburg der Kommunistischen Partei. – Bis Mitte der 1990er-Jahre ein konservativer Politiker das Rathaus eroberte: Flugzeugbauer Serge Dassault. Der Großindustrielle hatte versprochen, die Stadt auf Erfolgskurs zu bringen. Heute – 20 Jahre später – steht Corbeil-Essonnes für eine der dreistesten Korruptionsaffären Frankreichs: Dassault soll seine Wahlerfolge in der Stadt nach Mafia-Manier und mit Millionenbeträgen erkauft haben. Das Feature spürt die Mechanik des System Dassault auf und leuchtet die Hintergründe eines Skandals aus, dessen Ausmaße erst nach und nach ans Tageslicht kommen.

Der letzte Mensch
Wie wir überleben, wenn wir überleben

Von Thomas Palzer

Samstag, 21.03.2015, 14.00 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

„Die globale Welt ist heute so beschaffen, dass es irgendwann einen großen Knall geben wird“, sagt der Philosoph Slavoj Žižek.
„Aber erst wenn wir das als unausweichliches Schicksal akzeptieren, können wir auch wirklich etwas dagegen tun.“ Und wir tun etwas. Wir kümmern uns ums Überleben. In Gedanken sind wir alle längst dabei, das Ende der Zivilisation zu imaginieren und uns darauf mental vorzubereiten. Und wer etwa eine Großstadt besucht, der kann den Eindruck gewinnen, dass immer mehr Menschen den Ernstfall auch wirklich proben. Studios wie CrossFit werben damit, das härteste Workout der Welt anzubieten. Hier werden ganz gewöhnliche Stadtbewohner zu Gladiatoren, Elitesoldaten und Überlebenskämpfern ausgebildet – und auf größte physische Herausforderungen und Notfälle vorbereitet. In den USA nennt man diesen Trend Sufferfest – Leidensfest. Angesichts der zahllosen Krisen, die die Gegenwart erschüttern – neue Seuchen, Flüchtlingskrisen, Syrien, Ukraine, der IS, der neue autoritäre Kapitalismus, aber auch die üblichen Verdächtigen wie Versorgungskrisen, Überbevölkerung usw. – scheint die Angst vor dem „Einbruch des Realen“ (Slavoj Žižek) zu wachsen. Wir fühlen uns vom kommenden Klimakrieg bedroht, von sich anbahnenden ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen, von der drohenden Verdunkelung der Erde; von neuen Seuchen, vom Zusammenbruch der „Systeme“ und von der übersteigerten Selbstermächtigung des Menschen. Wir lieben es, die Zukunft als Desaster zu denken.
Das Feature will die Geschichte der Gegenwart schon mal probeweise zu Ende erzählen und befragt dazu Menschen, die sich auf den Ernstfall vorbereiten.
Welche Art Zukunft liegt eigentlich vor uns – und: Können wir diese überleben? Was täten wir, wenn der Supermarkt an der Ecke nach Panikkäufen leergeräumt wäre? Und: Sind unsere sozialen Beziehungen belastbar – in einer möglichen Krise?

Drei Schwestern und ein Downsyndrom
Inszenierung von Familienbeziehungen

Von Annika Erichsen

Samstag, 21.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Elisabeth ist arbeitslos, Christina ist Single und Theresa ist behindert. So kann man die drei Schelhas-Schwestern beschreiben. Es geht aber auch anders: Elisabeth will die Größte, Schönste, Stärkste sein, Christina fühlt sich zu kurz gekommen und Theresa steht mit beiden Beinen im Leben.

Oder: Erstgeborene, Sandwichkind und Nesthäkchen. Welche Beschreibung ist am Treffendsten? Die drei inzwischen erwachsenen jungen Frauen stehen gemeinsam auf einer Theaterbühne, um herauszufinden, wer welche Rolle im echten Leben spielt. Und wie frei sie ihren Lebensentwurf tatsächlich wählen können.

Artisten (3/)
Peggy Traber – Fallhöhe

Von Judith Fehrenbacher

Sonntag, 22.03.2105, 15.04 Uhr, SWR2

Peggy Traber ist Hochseilartistin. Eine aus der großen Artisten-Dynastie der Trabers, die seit 1799 ununterbrochen auf dem Seil unterwegs sind. Doch Peggy Traber gehört nicht zum glamourösen Familienzweig, der in Baden ansässig ist, sondern zu einer östlichen Linie, die in der DDR und der Sowjetunion Karriere machte. Eine seltene Karriere im Sozialismus: auf schmalem Draht in hoher Luft. Natürlich gehen auch ihre drei Töchter aufs Seil. Gefallen ist Peggy Traber erst Jahre nach der Wende – als sie sich in ihren Schwiegersohn in spe verliebte. Familienkrieg, Finanzprobleme. Schließlich landete sie ganz unten – im Gefängnis. Doch nun ist sie frei und will wieder rauf. Und rauf kann für sie nur bedeuten: auf’s Seil. „Das Leben ist ein Hochseilakt“, sagt sie. Und sie ist die einzige, die das sagen kann, ohne dass es eine abgedroschene Metapher ist.

Weder schwarz noch weiß:
Asiatische Einwanderer in den USA

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

Sonntag, 22. März 2015, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Amerika ist seit seiner Entdeckung durch Europäer eine Zone der Einwanderung, und die transatlantische Verbindung ist Grundlage unseres Amerikabildes. Fast unbekannt ist dagegen die pazifische Seite der Einwanderung nach Amerika.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erreichen Millionen Menschen den Kontinent über den Pazifik, und heute beträgt ihr Anteil in Städten wie Los Angeles, San Francisco, San Jose oder Seattle bis zu 30 Prozent der Bevölkerung. Ihre Lage wird zuweilen mit dem Begriff der „Model Minority“ beschrieben, einer „besseren“ Minderheit, die den American Way of Life durch Anpassung und Leistungsbereitschaft schafft.

Aber ist das die ganze Wahrheit? Seit den 1960er Jahren kämpfen die Asian Americans um gesellschaftliche Anerkennung und politische Mitbestimmung. Heute ist in San Francisco der Bürgermeister asiatischer Herkunft, fünf von elf der gesetzgebenden und vom Volk gewählten Verwaltungsräte / Supervisors ebenfalls. Jane Tversted und Martin Zähringer gehen den Spuren der Asian Americans in der Bay Area nach, es entsteht der Lagebericht einer etwas anderen Migration.