Radiotipps für die Woche vom 2. bis 7. März 2015

Das Plenum von Tuzla
Ein bosnischer Frühling

Von Zoran Solomun

Dienstag, 03.03.2015, 19.15 Uhr, DLF

Im Februar 2014 gingen in Bosnien und Herzegowina Arbeiter, Rentner und Arbeitslose auf die Straße, um gegen Armut und Korruption zu protestieren. Der bosnische Frühling begann in der ostbosnischen Stadt Tuzla und griff schnell auf das ganze Land über. Tagelang demonstrierten Tausende verbitterter Menschen.

Regierungsgebäude wurden in Brand gesetzt, mehrere Hundert Demonstranten und Polizisten verletzt. Von den politischen Führern der Serben wurden die Proteste als eine muslimische Verschwörung hingestellt, von den muslimischen Politikern als ein Komplott der Serben und von den kroatischen als eine koordinierte serbisch-muslimische Aktion zur Vernichtung des kroatischen Volkes. Doch diesmal funktionierte das bewährte Rezept nicht.

In Tuzla und in anderen Städten bildeten sich Plenen – öffentliche Versammlungen, an denen sich Hunderte Bürgerinnen und Bürger beteiligen und nach Lösungen für die dramatischen Probleme suchen. Basisdemokratie findet dort statt, wo es niemand vermutet hätte: an der längst vergessenen Peripherie Europas. Aus dem Plenum in Tuzla ist inzwischen die unabhängige Gewerkschaft Solidarnost entstanden, und als die unfähigen und desinteressierten Politiker während des Hochwassers im Sommer 2014 die Hände untätig in den Schoß legten, organisierten und koordinierten die Plenen Hilfe. Zum ersten Mal seit dem Krieg in Bosnien kamen Serben Muslimen zu Hilfe und umgekehrt.

Alleinsein

Von Reinhard Schneider

Mittwoch, 04.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Der Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster ist ein Traum: Die Elbe und ein weiter Himmel. Es hilft nichts. Johanna aus Hamburg, verheiratet mit einem beruflich erfolgreichen Mann, fühlt sich in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zweier Kinder oft allein.

Peter aus Berlin quält eine andere Art des Alleinseins. Nach seiner Ehescheidung vor 13 Jahren lebt er unfreiwillig ohne Partnerin. Der Krankenschwester Bärbel wird ihr Singledasein besonders dann bewusst, wenn sie Orte meidet, an denen Paare fröhlich zusammensitzen. Florian ist Erzieher und spielt gegen das Alleinsein Kontrabass in verschiedenen Bands. In Alltagssituationen und Erzählungen werden Geschichten des Alleinseins entfaltet: Sehnsüchte, Momente der Beklommenheit.

Venezuela: Auf dem Weg zur Diktatur
Eindrücke aus einem gebeutelten Land

Von Peter B. Schumann

Mittwoch, 04.03.2015, 18:05 Uhr, SWR2

15 Jahre nach dem Amtsantritt von Hugo Chávez, zwei Jahre nach seinem Tod befindet sich Venezuela in einer tiefen Krise. Im ölreichsten Land Lateinamerikas herrscht heute ein Mangel an Benzin und Elektrizität, an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten. Die Inflation beträgt rund 70 Prozent. Was ist aus der einstigen “bolivarischen Revolution” geworden, die einen “Sozialismus des 21. Jahrhunderts” verfocht? Ist der Niedergang des Landes, gegen den seine Bürger seit Monaten protestieren, nur der Politik des Nachfolgers von Chávez, Nicolás Maduro zuzuschreiben? Der jedenfalls versucht zunehmend, die Führungsspitze der Opposition zu kriminalisieren und greift in die Etats autonomer staatlicher Universitäten und in die Haushalte oppositioneller Stadtverwaltungen ein.

Das Kultur-Business
Blicke hinter den Heiligenschein

Von Tina Klopp und Rainer Link

Freitag, 06.03.2105, 20:10 Uhr, DLF

Kunstwerke, Bücher und andere Artefakte zählen normalerweise zu den Werten, die es um jeden Preis zu fördern und zu verteidigen gilt. Entsprechend verehrt werden Verleger, Mäzene und Kunstsammler, die sich mit viel Idealismus, Verve – und nicht zuletzt mit ihrem eigenen Geld – für die schönen Künste in die Bresche werfen.

Doch ihr Einsatz ist manchmal nicht ganz so uneigennützig, wie es scheint. Oft genug wird das gutwillige Publikum an der Nase herumgeführt, unterscheiden sich die Umtriebe der Kultureliten nur wenig von Mauscheleien und Vetternwirtschaft, wie sie aus der restlichen Unternehmens- und Finanzwelt vertraut sind. Zieht man den Heiligenschein erst einmal zur Seite, lassen sich hier ganz ähnliche Geschichten erzählen, von Eitelkeit und Vorteilsnahme auf der einen, Opportunismus, Karrierismus und Speichelleckertum auf der anderen. Wie immer geht es ums Kapital, sei es nun sozialer oder rein pekuniärer Natur.

Im Grenzbereich
Eine deutsche Chirurgin im Nothilfeeinsatz im Süd-Sudan

Von Jörn Klare

Samstag, 07.03.2105, 13.05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Es ist Carla Böhmes zwölfter Einsatz für eine Hilfsorganisation im Ausland. Meistens ging es für die Chirurgin aus Leonberg, die sonst in einer deutschen Klinik arbeitet, nach Afrika, und dabei immer in Regionen, in denen es irgendwelche Kämpfe oder Kriege gab. Viele der Wunden, die sie oftmals unter primitiven Bedingungen behandeln musste, stammten von Kugeln, Speeren oder Pfeilen.

Diesmal reist sie im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen. Allein die deutsche Sektion der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten internationalen Organisation schickt jährlich an die 300 Mitarbeiter in eines der zurzeit gut 60 Einsatzländer. Böhmes Ziel ist diesmal eine kleine Klinik im Süd-Sudan. Auch dort wird gekämpft. Viele Opfer fordert auch das Schwarze Fieber, eine Tropenkrankheit. Die 63-Jährige weiß nicht genau, was sie erwartet. Sicher ist: Sie sucht nicht die Gefahr, sie will helfen. Sie ist einverstanden, dass der Autor sie in den ersten Tagen ihres Einsatzes begleitet.

Democracy? No signal

Von Christian Lösch

Samstag, 07.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Im Sommer 2013 schloss die griechische Regierung über Nacht den öffentlichen Rundfunk ERT. “No Signal” stand auf den Fernsehbildschirmen – die Radiosender verschwanden aus dem Äther.

Die Mitarbeiter aber führten selbstverwaltet und unbezahlt das Programm ERT OPEN fort, auch nach der Räumung des Rundfunkhauptgebäudes in Athen durch Sondereinheiten der Polizei.

Christian Lösch sprach mit griechischen Künstlern und Journalisten und beschreibt ein gespaltenes Land, in dem die Regierung und ihre Anhänger neoliberale Maßnahmen als Erfolgsgeschichte propagieren und sich Bürger und Kulturschaffende in einem Zustand permanenten Widerstands befinden.

Artisten (1/3)
Carmen Zander – Unter Kontrolle

Von Judith Fehrenbacher

Sonntag, 08.03.2015, 14:05 Uhr, SWR2

Sie ist die Tigerqueen, die Tigerflüsterin, die Tigerküsserin. Carmen Zander, freiberufliche Raubtierdompteurin. Fünf Königstiger lässt sie durch Reifen springen, Männchen machen, in der Badewanne plantschen oder einfach mit sich schmusen. Ihr Unternehmen ist ein Ein-Frau-Betrieb. Sie füttert und pflegt ihre Tiere selbst und fährt auch alleine den 30-Tonnen-Truck zu ihren Auftritten. Wie sie das schafft? “Gezielt wegstecken, auf die Zähne beißen, mit dem Schmerz leben.” Carmen Zander hat sich unter Kontrolle. Das hat sie gelernt. Schon als Jungtalent im Sportgymnastik-Kader der DDR. Selbstdressur einer Dresseurin.

(Teil 2, Sonntag, 15. März, 14.05 Uhr)

„United Nothing“
Niederländische Blauhelmsoldaten 20 Jahre nach der Rückkehr aus Srebrenica

Von Rainer Schwochow

Sonntag, 08.03.2015, 18:05 Uhr, hr2

Ein Abgeordnetenbüro in Den Haag: Anne, 45. Ein Einfamilienhaus in einem idyllischen Vorort von Amsterdam: Hans, Ende 50. Ein Büro im Lager Westerbork, jenem Ort, von dem Anne Frank auf die Todesreise in die deutschen Vernichtungslager geschickt wurde: Ebel, 65. Vor 20 Jahren waren die drei als Blauhelmsoldaten in Srebrenica.

Dort wurden am 11. Juli 2014 175 Tote mit einer großen Zeremonie bestattet. Ermordet bei dem Massaker an moslemischen Bosniern im Juli 1995. Wenige Tage später, Mitte Juli 2014, stellte ein Gericht in Den Haag die Mitschuld der Niederlande am Tod von 300 bosnischen Männern fest. Aber wen belastet das Gericht mit seinem Schuldspruch? Die Regierung? Die Armeeführung? Die beteiligten Blauhelmsoldaten? Auch ohne dieses Urteil werden die drei Männer die Frage nach ihrer Verantwortung nicht mehr los. Wie haben sie die letzten Tage von Srebrenica erlebt und wie kommen sie heute damit zurecht?

 

Radiotipps für die Woche vom 15. bis 22. Februar 2015

Fair-Giftet
Fairtrade-Tee aus Indien

Von Philipp Jusim

Dienstag, 17.92.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Fair oder nicht fair? Allein in Deutschland gibt es 12 “Fair”-Siegel mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen. Da kann die Entscheidung am Supermarktregal zum Problem werden: “Fairtrade”, “Fairglobe”, “One World”, “Rainforest Alliance” – in ihrer Werbung geloben sie gerechten Handel, Nachhaltigkeit und ökologische Produktion. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Der Begriff “Fairtrade” ist nicht rechtlich geschützt, die Standards sind oft diffus formuliert. Der Einsatz gefährlicher Pestizide kann nicht nur Arbeiter in armen Ländern, ihre Familien und ganze Landschaften bedrohen, sondern auch ganz legal in “fairem” Tee enthalten sein. Ist das fair? Können die Verbraucher “Fairtrade”-Tee z.B. aus Indien vertrauen?

„That“s why I still sing the blues“
Alte Worksongs und neue Arbeitskämpfe in den Südstaaten

Von Sebastian Meissner

Dienstag, 17.02.2015, 19.05 Uhr, DLF

In den Südstaaten der USA gehen seit Langem Arbeit und Musik ein besonderes Bündnis ein. Afrikanische Musiktraditionen wurden zu Zeiten der Sklaverei brutal unerdrückt. Die Klagerufe (Hollers) der Schwrzen bei der harten Feldarbeit legten den Grundstein für Gospel, Blurs und Jazz.

Noch nach dem Ende der Sklaverei konnten schwarze Häftlinge weiterverpachtet werden. Alan Lomax hat das musikalische Zusammenspiel von Werkzeug und Stimmen eindrucksvoll dokumentiert. Jenseits von Touristenorten wie Memphis und New Orleans versuchen Enthusiasten heute die Geschichte des Blues im Bundesstaat Mississippi, dem Geburtsort des Blues, möglichst authentisch ans Publikum zu bringen.

50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung erregen Aktionen für die Arbeiterrechte in den Südsaaten wieder Aufmerksamkeit. Und auch bei der Konferenz der Genossenschaftsbewegung Jackson Rising werden Freiheitslieder angestimmt.

„Für solche Patrioten sind wir die Pest“
Junge Kiewer Kreative und der Kampf um die Ukraine

Von Julia Solovieva

Freitag, 20.02.2015, 20:10 Uhr, DLF

Die Eventmanagerin Marina hat mitten in Kiew ein Hilfswerk für die Flüchtlinge aus dem Osten der Ukraine aufgebaut. Die Drehbuchautorin Miriam sammelt Medikamente, Lebensmittel und warme Kleidung für die Armee. Der Manager, Blogger und freiwillige Soldat Ewgen kandidiert für das ukrainische Parlament.

All die jungen Leute und Majdan-Aktivisten – zwischen Krieg und Frieden zerrissen – setzen sich für ihre Zukunft in einer neuen Ukraine ein. Sie fühlen sich ihrem Land stark verbunden, grenzen sich aber von den “Bilderbuchpatrioten mit dickem Bauch, Schmalz in der Stimme und der ukrainischen Hymne auf dem Mobiltelefon” ab. “Für solche Patrioten”, sagt die Designerin Marianne, “sind wir wie die Pest”.

Espress Beirut
Die Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan

Von Jean-Claude Kuner

Samstag, 21.02.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Etel Adnan, geboren vor 90 Jahren in Beirut, ist Kosmopolitin, eine intellektuelle Nomadin zwischen den Welten, die sich in Amerika, im Libanon und in Paris zu Hause fühlt. Den größten Teil ihres Lebens hat sie gemalt und geschrieben, besessen davon, ihre Gedanken und Gefühle in Worte und Bilder zu fassen.

Die “documenta” im Jahr 2012 präsentierte ihre Malerei. Ihre Theaterstücke wurden seither auf zahlreichen europäischen Bühnen inszeniert, ihre literarischen Werke mehrfach ausgezeichnet. Heute kann sie nicht mehr so viel reisen, aber ihr Geist durchwandert noch immer die vielen unterschiedlichen Welten, in denen sie heimisch ist.

Dandy im Weltdorf
90 Jahre “The New Yorker”

Von Walter Bohnacker

Sonntag, 22.02.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Woody Allen, Hannah Arendt, Truman Capote, J. D. Salinger, Susan Sontag, John Updike – die Liste der Berühmtheiten, die für den “New Yorker” schrieben, ist beeindruckend. Berühmt sind auch die kritischen Reportagen und Kommentare, die Cover und Cartoons. Am berühmtesten aber ist die Perspektive des “New Yorker”: von der Neunten Avenue Richtung Westen über den Hudson River, hinter dem schon New Jersey nur noch ein schmaler brauner Streifen ist, der Rest der USA ein grünes Rechteck zwischen Mexiko und Kanada und hinterm Pazifik China, Japan und Russland in fernster Ferne liegen. Die berühmte Karikatur von Saul Steinberg zeigt den offensiven Manhattan-Zentrismus, mit dem das Magazin in die Welt hinein und auf die Welt hinabblickt – und doch die Welt sehr oft sehr richtig sieht.

 

Radiotipps für die Woche vom 2. bis 7. Februar 2015

Strich um Strich wie Wunden

Von Heinz Klunker

Dienstag, 3.2.2015, 19.15 Uhr, DLF

“Das herausdämmernde Licht des 14. Februar 1945 erhellt nur noch eine glühende, qualmende Brandstätte an der Elbe, da wo am Vortag Dresden gewesen war. Ausgebombt, hungernd, mit meiner Frau nur in provisorischen Bleiben hausend, geringgeschätzt in meiner Not, fand mein Vorhaben keinerlei Verständnis und wurde bestenfalls belächelt.”

“Das Wort Dokument ließ man einigermaßen gelten für meine Arbeit, so dass ich weiterarbeiten konnte. Instinktiv flohen und mieden die Menschen die tote Stadt. Gesindel machte sie unsicher. Mich aber zwang es, hineinzugehen und die toten Wohnstraßen aufzusuchen und sie zu zeichnen, die Unabsehbarkeit der zerstörten Flächen festzuhalten. So reihte sich Blatt an Blatt zu einem Werk, das im Frühjahr 1946 seinen Abschluss fand. 150 Rohrfederzeichnungen davon sind in einer Mappe vereinigt unter der Bezeichnung ‘Das zerstörte Dresden'”.

Ich will ein Geständnis“
Medikamentenversuche an Kindern in der Schweiz

Von Charly Kowalczyk

Mittwoch, 4.2.2015, 22.05 Uhr, SWR2

In Vormundschaftsakten der psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau finden sich Patienten-Protokolle, aus denen hervorgeht, dass in den 60er- und 70er-Jahren an Kindern Psychopharmaka getestet wurden. Die Kinder hatten in Heimen, etwa des katholischen Klosters Fischingen gelebt oder in Pflegefamilien. Die Pillen stammten vom Basler Konzern Ciba-Geigy, heute Novartis. Die Betroffenen leiden bis heute an den Folgen der Versuche: an extremem Bluthochdruck, Panikattacken, ständigen Kopfschmerzen. Wie war es möglich, dass an diesen Kindern experimentiert werden konnte? Und wer trägt Sorge für die Folgen? Welche ethischen Standards haben Pharmakonzerne heute, wenn sie in Indien, Rumänien oder Argentinien Arzneimittel testen?

Schreiben im Zeichen der Gewalt
Kolumbianische Literatur zwischen Kritik und Klischee

Freitag, 6.2.2015, 20.10 Uhr, DLF

Gewalt ist das zentrale Thema der kolumbianischen Literatur. Denn das Leben in dem latein-amerikanischen Land ist immer noch geprägt von Mord, Willkür und Verfolgung. Verschiedene Schriftsteller aus Kolumbien schreiben über ihre Eindrücke des Lebens.

Der große Name von Gabriel García Márquez mag mitunter den Blick dafür verstellt haben, dass die jüngere Generation längst ihre ganz eigenen Wege gefunden hat, die Erfahrung von Gewalt in Literatur zu verwandeln.

Da ist zum Beispiel Héctor Abad, dessen Vater von den Paramilitärs ermordet wurde. Seine Erfahrungen hat er in “Brief an einen Schatten” verarbeitet. Oder die Autorin Laura Restrepo. Sie schloss sich Anfang der 70er-Jahre den FARC an, bevor die Guerilla-Bewegung zur Terrororganisation verkam.

Juan Gabriel Vásquez und Evelio Rosero wiederum richten ihren Blick auf die Frage, wie Gewalt Familien und dörfliche Gemeinschaften zerstört hat. Und während sich Antonio Ungar an einem satirischen Umgang mit der Gewalt versucht, setzt Jorge Franco gar auf das Thriller-Genre.

Eine deutsche Chirurgin im Nothilfeeinsatz im Süd-Sudan

Von Jörn Klare

Samstag, 7.2.2015, 14.05 Uhr, BR2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Es ist Carla Böhmes zwölfter Einsatz für eine Hilfsorganisation im Ausland. Meistens ging es für die Chirurgin aus Leonberg, die sonst in einer deutschen Klinik arbeitet, nach Afrika, und dabei immer in Regionen, in denen es irgendwelche Kämpfe oder Kriege gab. Viele der Wunden, die sie oftmals unter primitiven Bedingungen behandeln musste, stammten von Kugeln, Speeren oder Pfeilen.
Diesmal reist sie im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen. Allein die deutsche Sektion der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten internationalen Organisation schickt jährlich an die 300Mitarbeiter in eines der zurzeit gut 60 Einsatzländer. Böhmes Ziel ist diesmal eine kleine Klinik im Süd-Sudan. Auch dort wird gekämpft. Viele Opfer fordert auch das Schwarze Fieber, eine Tropenkrankheit. Die 63-Jährige weiß nicht genau, was sie erwartet. Sicher ist: Sie sucht nicht die Gefahr, sie will helfen. Sie ist einverstanden, dass der Autor sie in den ersten Tagen ihres Einsatzes begleitet.

Zwischen Front und Exil
Syrische Flüchtlinge und der Krieg

Von Dominik Bretsch

Samstag, 7.2.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Jaffer ist Ende 20, smart, gut ausgebildet. Woanders könnte er voll durchstarten. Doch Jaffer ist syrischer Flüchtling in der Türkei. Immer wieder fährt er zur Grenze, um durch die Berichte von Flüchtenden und Verwandten hinüber zu horchen in den Krieg.

Er fragt sich: Sind die von den Rebellen kontrollierten Gebiete sicher genug, damit er mit seiner Familie zurückkehren kann? Die islamistischen Gruppen gewinnen immer mehr an Einfluss und die demokratisch gesinnten Rebellen werden zwischen den Fronten zerrieben. Müsste er nicht kämpfen, wie seine Cousins bei der Freien Syrischen Armee?

Der Kommissar aus Köpenick
Otto Busdorf – eine Polizistenkarriere vom Kaiserreich bis zur DDR

Von Peter Hillebrand

Sonntag, 8.2.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Kaiser Wilhelm II. belobigte ihn, weil er einen Mörder per Schnelldampfer bis nach New York verfolgt und gefasst hatte. In der Weimarer Republik galt er deutschlandweit als Experte für Wilderer-Morde an Forstbeamten. In Magdeburg verhinderte er eine antisemitisch motivierte falsche Mordanklage gegen einen jüdischen Fabrikanten und lieferte dem Gericht den richtigen Täter. Was ihn nicht daran hinderte, 1931 Mitglied der NSDAP und der SA zu werden.
Doch die kriminellen Methoden der Nazis konnte der Kriminalist nicht hinnehmen. So wurde er als Querulant aus dem Polizeidienst entlassen und als Sachbearbeiter in einem Verband der Viehwirtschaft kaltgestellt – um 1945 in der sowjetischen Besatzungszone als Volkspolizist wieder eingestellt zu werden. Bis 1948 herauskam, dass da doch ein dunkler Fleck auf seiner scheinbar weißen Westen war. Ein Blutfleck. 1950 kam er ins Zuchthaus, wo er 1957 starb. Otto Busdorf war Polizist in vier deutschen Staaten – und am Ende ein Krimineller.

Otto von Bismarck
Eine Biographie Teil 2

Von Frank Eckhardt

Sonntag, 8.2.2015, 18:05 Uhr, hr2

Otto von Bismarck zählt zu den bedeutendsten Staatsmännern des 19. Jahrhunderts, ist dabei aber umstritten wie kaum ein anderer Politiker.

Er stieg ohne jede Regierungserfahrung zum preußischen Ministerpräsidenten auf und war von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches. Innenpolitisch schuf er die repressiven Sozialistengesetze, führte aber gleichzeitig ein umfassendes Sozialversicherungssystem ein. Autor Frank Eckhardt schuf mit vielen Selbstzeugnissen Bismarcks, historischen Dokumenten und Gesprächen mit der englischen Bismarck-Kennerin Dr. Katherine Lerman von der Londoner Metropolitan University und dem deutschen Bismarck-Experten Professor Lothar Gall, der mehrere Werke über Bismarck und seine Zeit geschrieben hat, ein vielschichtiges Porträt des Politikers, der vor 200 Jahren, am 1. April 1815, geboren wurde.

 

Radiotipps für die Woche vom 25. Januar bis 2. Februar 2015

personabile – der Resonanzkörper Mensch

Von Giuseppe Maio und Tobias Dutschke

Mittwoch, 28.01.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Der Körper ist kein festes Gebilde. Er schwingt. Töne kommen in Wellen und erklingen in uns wie in einem Musikinstrument. Die per-sona ist das durch-klingbare, an feinsten Saiten gestimmte Wesen. Im Italienischen kommt die “Saite” von “Herz”, corda – cuore.

Auch das “Erinnern” ist eine musikalische Bewegung: ricordare.
Dieser musikalischen Spur folgt das Stück und stößt dabei immer wieder auf den Körper und seine Resonanzqualitäten. Jeder nutzt sie auf seine Weise: die Kontrabass-Spielerin und der Aikido-Lehrer, die Tänzer, der Psychologe und der U-Bahnfahrer.

Die ungewollte Nation.
In Israel und Palästina ist etwas zusammengewachsen, was nicht zusammengehören will

Von Daniel Cil Brecher

Dienstag, 27.01.2015, 19:15 Uhr, DLF

Nach dem Gaza-Krieg sind der gegenseitige Hass und das Misstrauen größer denn je. Seit 48 Jahren hält Israel die palästinensischen Gebiete besetzt, seit 23 Jahren wird über Lösungen verhandelt. Auf beiden Seiten wollen Mehrheiten eine Teilung des Gebiets in zwei Staaten. Doch ist das noch realistisch?

Die ungebremste Ausbreitung der Siedlungen hat dieses Lösungsmodell infrage gestellt. Seit Kurzem wird nun von israelischen Regierungsparteien erwogen, den in der Westbank wohnenden Arabern Bürgerrechte zu gewähren. Die Vorteile liegen für Hardliner auf der Hand – die Westbank würde Teil Israels werden, die Siedlungen könnten bleiben, Jerusalem müsste nicht geteilt werden. Auch unter Arabern gewinnt die Idee vom gleichberechtigten Zusammenleben in einem Staat an Terrain. Trotz des jüngsten Blutvergießens propagieren jüdische Siedler und arabische Bewohner der Westbank diese Lösung jetzt mit wachsender Dringlichkeit. Sie sehen keine Alternative mehr.

„Kleine Axt, großer Baum“
Die Geschichte des Sam’sK Le Jah oder Die Reggae-Revolte im Süden der Sahara

Von Patrick Batarilo

Mittwoch, 28.01.2015, 22:03 Uhr, SWR2

Im November 2014 gab es einen Umsturz im westafrikanischen Burkina Faso. Der autoritäre Staatschef Blaise Compaoré musste zurücktreten und das Land verlassen, das Militär ergriff die Macht. In den vorausgegangenen Massenprotesten war der Musiker und erfolgreiche Radio-Moderator Sam’sK Le Jah zu einem der wichtigsten Opposition-Führer geworden, seine Reggae-Revolte führte zu einem Erfolg.

In seinen Sendungen sprach er auch über Musik, vor allem aber kritisierte er die Zustände in seinem Land, vom Amtsmissbrauch über Missstände in den Krankenhäusern bis zu unaufgeklärten Morden an Journalisten. Offen rief er schon vor drei Jahren dazu auf, die Erfahrungen der arabischen Revolutionen auf Burkina Faso zu übertragen. Der Preis dafür: es gab Morddrohungen, sein Auto wurde angezündet, schließlich feuerte ihn der Sender. Doch die Mitschnitte seiner Sendungen kursierten weiter, und schließlich gingen die Menschen auf die Straße.

Voyeuristische Selbstversuche
Der Überwacher in Uns

Von Georg Cadeggianini und Tina Klopp

Freitag, 30.01.2015, 20:10 Uhr, DLF

Viel ist in letzter Zeit über die technischen Möglichkeiten der Überwachung geschrieben worden, über Kontobewegungen, Staatsgeheimnisse, Kundendaten. Doch das eigentliche Phänomen dahinter ist vermutlich deutlich älter als Merkels Handy, alltäglicher als NSA und Snowden und grundsätzlicher als die Vorratsdatenspeicherung.

Wir alle sammeln ständig Informationen über andere Menschen. Da ist der Blick ins Kellerabteil der Nachbarn oder ins Badschränkchen der Partygastgeber, der laute Streit der Bekannten und das Telefonat in der U-Bahn. Wir beobachten und lauschen, dechiffrieren verborgene Absichten und geheime Schwächen. Es geht um Neugier, um Macht und um Kontrolle. Hier nun überwacht die eine den anderen: Sie versucht, geheime Seiten ans Tageslicht zu zerren und sein Mailpostfach zu hacken, schaut durchs Schlüsselloch und in Müllsäcke, spitzelt in seinem Freundeskreis. Er versucht sich zu schützen. Und während der Gejagte anfängt sich selbst zu zensieren – wohl aus Angst, Seiten zu offenbaren, die er bislang lieber verborgen hat – erwacht umgekehrt bei ihr der Jagdtrieb, der Wunsch nach noch mehr Information, noch mehr Kontrolle, bis hin zum Einbruch in die Privatwohnung.

Kann man eine Persönlichkeit hacken? Unterstützt wird die Jägerin von Überwachungsexperten, die demonstrieren, was sie herauszufinden in der Lage wären, wenn man sie denn ließe: darunter ein Hacker, eine Psycholinguistin, ein Lockpicker, ein Eignungsdiagnostiker, ein Profiler, eine Physiognomikerin, eine Hypnotiseurin und ein Privatdetektiv.

Zwischen Königsberg und Kaliningrad
Spurensuche in der Heimat der Eltern

Ein Bilderbogen von Margot Litten

Samstag, 31.01.2015, 13:05 Uhr, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr, BR2

Drei Monate war Königsberg belagert worden, drei Tage lang wurde es gestürmt. Am 9. April 1945 war alles vorbei: 700 Jahre deutscher Geschichte ausgelöscht. Aus Königsberg wurde Kaliningrad, eine russische Stadt mit fremdem Erbe. Die Stadt der deutschen Ordensritter, die Stadt der Aufklärung, die Stadt Immanuel Kants – das war einmal. Doch das versunkene Königsberg führt ein Eigenleben und drängt nach oben. Die Stadt besinnt sich wieder ihrer deutschen Wurzeln – vielleicht, weil auch die Jugend längst intensiver nach Westen als nach Russland blickt.
Margot Litten interessiert sich nicht nur als Journalistin für den Brückenschlag zwischen russischer Gegenwart und ostpreußischer Vergangenheit. Ihre Familie stammt aus Königsberg – eine Familie, die Opfer der Nazis wurde. Und so ist ihre Reise ins ehemalige Ostpreußen auch eine persönliche Spurensuche – der Versuch, ein Land von gestern im Licht von heute zu entdecken.

Wilde Töne im Recorder
Bernie Krause und die Ökologie der Klanglandschaften

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

Samstag, 31.01.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Das Buch “Das große Orchester der Tiere – Vom Ursprung der Musik in der Natur”, verfasst vom Bioakustiker Bernie Krause, gab den Impuls. Es inspirierte den Komponisten Richard Blackford zu einer Symphonie für Orchester und wilde Klanglandschaften.

“Jetzt bin ich ein Zuhörer”, sagt der kalifornische Musiker, Buchautor und Bioakustiker Bernie Krause. Soundscape Ecology heißt das Konzept, die Biophonie ganzer Landschaften aufzunehmen und zu archivieren, wissenschaftlich und künstlerisch auszuwerten.

Krauses Buch über die vom Menschenlärm bedrohten Klangräume von Erde, Meer und Tierwelt, “Das große Orchester der Tiere”, hat den Komponisten Richard Blackford zu einer Symphonie für Orchester und wilde Klanglandschaften angeregt. Kann man den Ursprung der Musik wirklich in der Natur finden?

Gefährliche Liebschaften II
Remix

Von Elke Heinemann

Sonntag, 1. Februar 2015, 14:05 Uhr, SWR2

Frankreich, 1782: Der Untergang der höfischen Gesellschaft steht kurz bevor, als mit dem Briefroman “Les Liaisons Dangereuses” ein Buch herauskommt, das bis heute weltberühmt ist. Der Autor, Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos ist ein französischer Offizier, der die Libertinage des Adels kritisiert und dessen machtorientiertes, von sozialen Normen und Gefühlen abgelöstes Sexualverhalten. – Und heute? Sind Spekulationen über Sex und Gewalt in dekadenten Gesellschaften wieder ein Bestseller-Thema. Die französische Kunstkritikerin und Autorin Catherine Millet macht Furore mit ihren persönlichen Erfahrungsberichten über Sex und Gruppensex. Und die Schriftstellerin und Feministin Virginie Despentes erregt Aufsehen mit ihrem Roman “Baise-moi” – zu Deutsch: Fick mich! – über wahllosen Sex und wahllose Gewalt.

Otto von Bismarck – eine Biographie Teil 1

Von Frank Eckhardt

Sonntag, 1. Februar 2015, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Otto von Bismarck zählt zu den bedeutendsten Staatsmännern des 19. Jahrhunderts, ist dabei aber umstritten wie kaum ein anderer Politiker.

Er stieg ohne jede Regierungserfahrung zum preußischen Ministerpräsidenten auf und war von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches. Innenpolitisch schuf er die repressiven Sozialistengesetze, führte aber gleichzeitig ein umfassendes Sozialversicherungssystem ein. Autor Frank Eckhardt schuf mit vielen Selbstzeugnissen Bismarcks, historischen Dokumenten und Gesprächen mit der englischen Bismarck-Kennerin Dr. Katherine Lerman von der Londoner Metropolitan University und dem deutschen Bismarck-Experten Professor Lothar Gall, der mehrere Werke über Bismarck und seine Zeit geschrieben hat, ein vielschichtiges Porträt des Politikers, der vor 200 Jahren, am 1. April 1815, geboren wurde.

 

Radiotipps für die Woche vom 19. bis 24. Januar 2015

This ist not a love song
Die Geschichte der Punk-Ikone Nora Forster und Ari Up

Von Lorenz Schröter

Mittwoch, 21.01.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Eine blonde, junge Deutsche inmitten der brodelnden Londoner Clubszene der 1970er-Jahre: Nora Forster ist die Vertraute von Jimi Hendrix, Freundin des Gitarristen und ersten Sex-Pistols-Produzenten Chris Spedding und frühe Förderin von Punk-Musikern wie Joe Strummer.

Er gibt ihrer Tochter Ariane Gitarrenunterricht. Als Ari Up wird diese später zur legendären Sängerin der Punk-Reggae-Band “The Slits”. Doch wie kam Nora Forster, die Tochter eines schwerreichen und erzkonservativen Zeitungsbesitzers aus Schwaben, elegante Marlene-Dietrich-Erscheinung, in die Mitte des damaligen Musik-Geschehens? Wie wurde sie zur Femme fatale der Punk-Szene und warum entwickelte sie sich zur rätselumwobenen Sphinx?

Lorenz Schröter begibt sich auf die Spuren dieser ungewöhnlichen Frau. Sie selbst schweigt dazu. Meist.

Im Fadenkreuz

Von Gabriele Knetsch

Mittwoch, 21.01.2015, 18.05 Uhr, SWR2

Für die DDR waren sie “Menschenhändler”, für den Westen anfänglich idealisierte Helden, später Störfaktoren im deutsch-deutschen Dialog und Spielball ideologischer Ränke. Je nachdem was politisch gerade opportun erschien, waren sie mal Kämpfer gegen die Auswüchse des SED-Unrechtsregimes, mal kleinkriminelle “Schmutzkonkurrenz” offizieller Annäherungspolitik.

So doppelzüngig westdeutsche Politik und Medien offiziell “Grenzverletzungen” beurteilten, so umfangreich war die heimliche Unterstützung: Fluchthelfer profitierten von Geheimfonds des Gesamtdeutschen Ministeriums, kassierten Honorare von der Presse für gute Geschichten, bekamen Gasmasken von der Berliner Polizei oder wurden vom Verfassungsschutz gewarnt. Sie leisteten überdies gute Dienste, um CDU-Parteigenossen aus der DDR heraus zu holen. Stasi, Verfassungsschutz, BND und CIA wussten erstaunlich gut Bescheid über Fluchtwege, Fluchtorganisationen und geplante Schleusungen.

Beyond Privacy
Überwachungsalltag in den USA

Von Simone Hamm

Samstag, 24.01.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Die NSA hört mit, das ist inzwischen bekannt. Dass aber amerikanische Arbeitgeber regelmäßig ihre Mitarbeiter ausspähen, Telefonate mithören, Mails mitlesen, jede Bewegung am PC auswerten dürfen, das ist weit weniger bekannt.

Als die Autorin Simone Hamm nach New York zieht, um in den USA als Journalistin zu arbeiten, staunt sie: über die inquisitorischen Fragen des Wohnungsmaklers, über Bekannte, die von ihren Arbeitgebern rund um die Uhr abgehört werden, über Multimillionäre, die sich mit Abhörtechniken eine goldene Nase verdienen, über Handyfunktionen, mit denen man ausspioniert werden kann. Warum geben ausgerechnet die Bewohner des “land of the free” so bereitwillig ihre Privatsphäre auf?

The Ghost Club
Von Seelenfotografen und paranormalen Suffragetten

Von Christine Wunnicke

Sonntag, 24.01.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Als sich die Schwestern Margaret und Kate Fox 1848 in New York mit dem Geist eines Ermordeten unterhielten, konnten sie nicht ahnen, welche Lawine sie damit lostraten: Die Totenbeschwörung als Gesellschaftsspiel, als hohe Kunst und nicht zuletzt als “exakte” Wissenschaft wurde zu einem internationalen Modetrend, der ein gutes halbes Jahrhundert lang anhielt. Alle ließen sie die Tische rücken und die Kristallkugeln schimmern: Charles Dickens und Sir Arthur Conan Doyle, Queen Victoria und Abraham Lincoln, der Naturforscher Alfred Russel Wallace und der spätere Nobelpreisträger für Physik Lord Rayleigh. Die Begeisterung für Gespenster – fotografiert, vermessen, auf Herz und Nieren befragt – paarte sich mit der Begeisterung für revolutionäre Gedanken: Darwinismus und moderne Psychologie wurden in abgedunkelten Séance-Räumen populär und manch ein spiritistisches Medium mauserte sich zur Frauenrechtlerin.

 

Radiotipps für die Woche vom 15. bis 21. Dezember 2014

Sperrzonen
Sinti und Roma in Frankreich

Von Ruth Jung

Dienstag, 16.12.2014, 19:15 Uhr, DLF

Es waren schockierende Bilder. Gewaltsam räumten Polizisten im Sommer 2010 die Unterkünfte von Roma-Familien in Frankreich. “Ein Vorgehen wie zur Zeit des Vichy-Regimes”, empörte sich damals EU-Kommissarin Viviane Reding. Die angekündigten Sanktionen indessen blieben aus.

Seither hat sich an der Lage der Roma wenig geändert. Und noch immer zählen sie zu den Vergessenen der Geschichte. Dass es noch bis 1946 Konzentrationslager eigens für “Tsiganes” gab, erwähnt kein Geschichtsbuch. In Montreuil-Bellay, wo das größte Lager war, erstritten Überlebende und ein couragierter Lokalhistoriker die Anerkennung als Gedenkstätte – eingeweiht im August 2010. Denn mittlerweile lässt sich ein Aufbruch ausmachen: Zunehmend selbstbewusster werden französische Roma, sie wollen Diskriminierung und Misere nicht länger hinnehmen.

Dieses Feature war nominiert für den Deutsch-Französischen Journalistenpreis.

Timbuktu Blues
Eine Stadt kämpft für ihre Kultur und gegen die Islamisten

Von Bettina Rühl

Mittwoch, 17.12.2014 Uhr, 22.03 Uhr, SWR2

Die historische Kulturstadt Timbuktu in Mali wird weiterhin von radikalen Islamisten bedroht. Im Frühjahr 2012 hatten islamistische Gruppen den gesamten Norden des Landes erobert, und auch Timbuktu besetzt, die Oase am südlichen Rand der Sahara.

Die zum al-Qaida-Netzwerk gehörenden Kämpfer zerstörten die meisten historischen Mausoleen und verbrannten Teile einer berühmten Manuskript-Sammlung, deren älteste Handschriften aus dem frühen 13. Jahrhundert stammen. Die meisten Manuskripte hatten die Bewohner allerdings heimlich gerettet.

Seit einer französischen Militärintervention im Frühjahr 2013 sind die Islamisten geschwächt, aber nicht geschlagen. In der Region Timbuktu nimmt die Zahl der Anschläge auf UN-Soldaten und andere Ziele wieder zu. Aus den internationalen Schlagzeilen bleibt Timbuktu verschwunden. Vor Ort kämpfen die Menschen weiter um ihre Kultur, und gegen den radikalen Islam.

Glaubensgemeinschaften
Himmelgrün – Muslimas in Deutschland

Von Heike Tauch

Freitag, 19.12.2014, 20:10 Uhr, DLF

“Kopftuch?! – Nicht zu viel davon, sonst krieg ich ‘nen Schreikrampf. Gegen das Thema bin ich allergisch!”, ruft Halima Krausen ins Mikrofon. Für die aus einer christlichen deutschen Familie stammende Imamin der Hamburger Blauen Moschee ist die Kopftuchfrage pure Ablenkung von wichtigeren Themen.

Durch solche Debatten sei die Glaubensgemeinschaft in die Defensive geraten, in der nur noch reagiert anstatt kreativ der gesellschaftliche Prozess mitgestaltet werde. Kopftuch on oder off? Für die porträtierten Muslimas ist das eine sehr persönliche Entscheidung. Die Frauen sind Anfang 20 bis Mitte 60 Jahre alt, in Deutschland aufgewachsen und sie gestalten hier ihr Leben. Selbstbewusst erzählen die interviewten Frauen von ihrer Entscheidung, ihren Glauben sichtbar zu machen bzw. es sein zu lassen, und von der Wirkung, die diese Entscheidung in unserer Gesellschaft mit sich bringt. “Sind wir schlechtere Menschen, wenn wir unser Haar bedecken?”, wird die Reporterin gefragt.

Nächste Etage: Erlösung
Eine religiöse Weltreise in sechs Stockwerken

Von Matthias Leitner

Samstag, 20.12.2014, 13.05 Uhr, Bayern 2, Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

“München ist die City of God”, ruft Joe Danqua, Pastor der versammelten Gläubigen aus Afrika. Wenige Sekunden zuvor hat er den heiligen Geist beschworen, jetzt weint vor ihm eine junge Frau und betet in Ekstase zu Jesus. Ein Stockwerk darüber beenden zeitgleich indische Sikh gerade ihr Sonntagsmahl, gemeinsames Essen ist essentieller Teil der Zeremonie. Egal welcher Religion man angehört, egal ob arm oder reich, ob Mann oder Frau, für jeden Gast haben die Sikh einen warmen Chai-Tee und würziges Daal.
Die Mitglieder von sieben verschiedenen Religionen beten in den sechs Stockwerken der Machtlfinger Straße 10 in München. Neben der afrikanischen Pfingstgemeinde und den Sikh bereiten sich auch afghanischen Sunniten, irakische Schiiten, Muslime aus dem Togo und Indonesien, sowie Engelsgläubige aus Südamerika zum Gebet vor. Begonnen hat alles damit, dass der ehemalige Imam der afghanischen Gemeinde, Sidigullah Fadai, einen Ort schaffen wollte, in dem verschiedene Religionen zusammenkommen, sich austauschen und friedlich koexistieren. Mittlerweile hat er das Haus wieder verlassen, nicht ganz freiwillig und enttäuscht über die Engstirnigkeit seiner eigenen Gemeinde. Das Feature “Nächste Etage: Erlösung” ist eine Weltreise in gerade einmal sechs Stockwerke, eine Reise von Indien bis Ghana, vom Irak bis nach Afghanistan, eine Reise ins religiöse Herzen Münchens, das Portrait eines chaotischen Mikrokosmos, vor allem aber der Menschen die täglich darin aus und eingehen.

BoNT
Oder: Die Krankheit, die es nicht gibt

Von Nora Bauer

Samstag, 13.12.2014, 18:05 Uhr, DR Kultur

BoNT steht für Botulinum Neurotoxin, ein Nervengift, Stoffwechselprodukt der Bakterienspezies Clostridium Botulinum. Die Autorin folgt seiner Spur.

Sie geht auf Bauernhöfe, wo seit einigen Jahren Hochleistungsmilchkühe erkranken – auch Menschen haben sich schon angesteckt. Sie besucht Veterinärmediziner und Toxikologen, die das Bakterium als Ursache vermuten: es wird mit der Nahrung aufgenommen, vermehrt sich im Darm und produziert dort sein tödliches Gift. Schließlich befragt sie Aufsichtsbehörden, denen der Verdacht auf chronischen Botulismus gemeldet wird. Doch für die Behörde existiert die Krankheit nicht. Auf einmal geht es nicht bloß um Kühe: Gärreste aus Biogasanlagen, die auf die Böden als Dünger ausgebracht werden, stehen im Verdacht, kontaminiert zu sein.

„Sei selber die Laterne“
Das schillernde, konsequente Leben und Werk des Widerstandskünstlers Fred Denger

Von Hannelore Hippe

Sonntag, 21.12.2014, 14.05 Uhr, SWR2

Niemand kennt Fred Denger, dabei hat er ein umfangreiches Lebenswerk hinterlassen. Als junger Mann kämpfte er in einer skurrilen Widerstandsgruppe gegen die Nazis, verfasste danach engagierte Dramen und schrieb zahlreiche Romane. Sein bekanntestes Theaterstück ist “Langusten”, das mit der großen Durieux Erfolge feierte. Dann machte er Karriere als Drehbuchautor: “Der Ölprinz” und “Der unheimliche Mönch”, Filme nach Karl May und Edgar Wallace. Bis er schließlich ins Wendland zog und zu einer Lichtgestalt der Anti-Atommüllbewegung wurde. Da hatte er bereits das Alte Testament in den Jargon des späten 20. Jahrhunderts übertragen. Den Erfolg seines “Großen Boss” erlebte er nicht mehr. Denn er fiel vorher besoffen die Treppe runter. Der Tod erlöste ihn auch von der Suche nach der richtigen Frau – nach zwölf Ehen. Hannelore Hippe erinnert mit Hilfe von Weggefährten Dengers an einen außergewöhnlichen Menschen.

 

Hörfunktipps für die Woche vom 8. bis 14. Dezember 2014

Themenwoche “Ware Welt”
TTIP – Transatlantischer Traum oder der Ausverkauf der Demokratie

Von Peter Kreysler

Dienstag, 09.12.2014, 19.15 Uhr, DLF

Im Frühjahr 2013 wurden der EU-Lobby-Expertin Pia Eberhardt von einer unbekannten Quelle geheime Dokumente eines EU-Verhandlungsmandats zugespielt. Es ging um geheime Details des geplanten Freihandelsabkommens TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) zwischen den USA und der EU.

Zur Debatte steht eine lange Wunschliste von Konzernlobbyisten und Finanzinstituten: die Lockerung der Lebensmittelsicherheit, laxere Umwelt- und Chemiestandards, Arbeitsschutzbestimmungen des Arbeitsrechts, staatlicher Schutz für Bildung und Kultur. Kurz: es geht um die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, der gesamten Daseinsvorsorge. Sonderschiedsgerichte, besetzt von global agierenden Anwaltskanzleien, sollen den “Investitionsschutz multinationaler Unternehmer” garantieren.

Rechtsstaatliche Errungenschaften sowie nationale Rechtsstandards zählen dann nicht mehr. Politiker versprechen Wachstum und Arbeitsplätze. Doch die Zahl der Kritiker wächst, die öffentliche Stimmung droht zu kippen, während der Propagandaapparat der Lobbyisten auf vollen Touren läuft.

Tag der Verkäuferinnen

Von Lisa Kristwaldt

Mittwoch, 10.12.2014, 00.05 Uhr, DR Kultur

Hinter der munteren Betriebsamkeit eines Kaufhauses steckt ein durchorganisierter, festgelegter Arbeitsablauf.

Verkäuferinnen und leitende Angestellte berichten in Lisa Kristwaldts Originalton-Sendung von ihrem Arbeitsalltag: von den strengen Hierarchien und den genauen Vorschriften für die durchzuführenden Tätigkeiten, von den verordneten Pausen, den schmerzenden Beinen und dem ersehnten und verdienten Feierabend.

Passagen aus Emile Zolas Roman “Das Paradies der Damen” erzählen parallel dazu die Geschichte der jungen Verkäuferin Denise im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Daneben singt der NDR-Chor die Vorschriften für Selbstkassierer und Auszüge aus der Warenhausbetriebsordnung.

Anwalt der Verlorenen
Der Kampf des Clive Stafford Smith

Von Peter F. Müller und Michael Mueller

Mittwoch, 10.12.2014, 22.03 Uhr, SWR2

Seit Jahrzehnten kämpft Clive Stafford Smith gegen die Fehlurteile der US Justiz, gegen staatliche Folter, gegen die Willkür des sog. war on terror. So wie im Fall von Kris Maharaj, der seit 27 Jahren unschuldig in Florida im Gefängnis sitzt für einen Doppelmord, den er nicht begangen hat. Oder der Fall Noor Khan, der seinen Vater bei einem Drohnen-Angriff auf eine Dorfversammlung in Pakistan verlor und mit Hilfe von Clive Stafford Smith eine Verurteilung der USA vor dem obersten pakistanischen Gericht erreichte. Das Feature erzählt vom unermüdlichen Kampf eines Besessenen, einem Mann für hoffnungslose Fälle, für den die Menschenrechte das höchste Gut darstellen.

Themenwoche “Ware Welt”
Wohin mit der ganzen Musik?

Von Matthias Mainz

Freitag, 12.12.2014, 20.10 Uhr, DLF

Im Sommer 2013 sitzt der Kölner Musiker Matthias Mainz im Grant Avenue Studio in Hamilton, Ontario, in dem zuvor Größen wie U2, Johnny Cash, Brian Eno und Jon Hassel produziert hatten. Morgens holt ihn eine Limousine ab und zum ersten Mal in der Karriere des studierten, bepreisten und stipendiengeförderten Künstlers scheint alles so, wie er es sich als Student vorgestellt hatte.

Doch nichts kann darüber hinwegtäuschen, dass es schwer verkäufliche improvisierte Musik ist, und dass die Aufnahme vor dem Hintergrund tiefgreifender Umwälzungen in der Musiklandschaft stattfindet. Seit Musik jeder Epoche im Internet kostenlos zu haben ist, wird damit immer weniger Geld verdient. Auch das Publikum hat sich verändert. Und die Hochschulen bilden nach wie vor Generationen junger Musiker mit dem Künstlerideal des 19. Jahrhunderts aus.

Matthias Mainz reflektiert über seine Gegenwart: Hat meine Musik einen eigenen Wert, oder nur dann, wenn sie andere wichtig und teuer erscheinen lassen? Er hat die Stimmen wohlmeinender Coaches im Ohr, die behaupten, mit ihren Methoden werde er effizienter, produktiver, erfolgreicher und glücklicher, befragt Kollegen, Kulturmanager und -förderer, um herauszufinden, wie es die anderen machen und wo die Zukunft liegen kann.

Aus den Augen, aus dem Sinn
Deutscher Atommüll in Russland

Von Laura Döing und Olga Kapustina

Samstag, 13.12.2014, 13:05 Uhr , Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Die Suche nach einem geeigneten Endlager für hochradioaktive Abfälle in Deutschland beginnt wieder von vorne. Im Geheimen wurde bereits nach Optionen im Ausland gesucht, auch in Russland. Obwohl der Export offiziell politisch nicht erwünscht ist – Spuren gibt es dennoch: Vertrauliche Kostenpläne eines deutschen Energiekonzerns, die Ersparnisse durch den Export aufzeigen, russische Ministeriumspapiere, die mit den zahlungskräftigen Kunden aus Deutschland kalkulieren. Das Feature folgt diesen Spuren in Deutschland und Russland. Sie führen bis an den Zaun der geschlossenen Stadt Krasnojarsk-26, einem Zentrum der russischen Atomindustrie und in die Vorstandsetage der deutschen EnBW in Karlsruhe.

„Schimpfen Sie, aber schreiben Sie meinen Namen richtig“
Die Selbstinszenierungen des Herrn Professor Girtler

Von Carina Pesch

Sonntag, 14.05 Uhr, SWR2

Roland Girtler gilt als Österreichs bekanntester und umstrittenster Soziologe. Ein Medienstar. Ein Enfant Terrible. Ein wissenschaftlicher Performer. Und ein Selbstinszenierungskünstler, der gegen die vermeintlich graue Theorie das eigene intensivfarbige Leben setzt. Sein Publikum ist begeistert. Oder empört. Es schimpft und lobt. In Girtlers Forschungen dreht sich alles um Menschen am Rande der Gesellschaft: Polizisten und Gauner, Obdachlose, Prostituierte – zu allen findet er spielend Zugang. Wie schafft er das? Carina Pesch gibt dem Professor eine akustische Bühne. Vorhang auf für eine Selbstinszenierung – mit skurrilen Szenen, bissigen Momenten und gespaltenen Zuschauerreaktionen.

Wir verstehen Russisch, aber wir verstehen nicht Russland –
Eine Reise in die Westukraine

Von Hanne Kulessa

Sonntag, 14. Dezember 2014, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Anfang September vereinbarten Kiew und Moskau eine Waffenruhe für die Ostukraine. Eine Woche zuvor, Ende August, wurden Sätze von Wladimir Putin zitiert, die einen erschauern ließen: “Wenn ich will, kann ich Kiew in zwei Wochen erobern” und: er möchte daran erinnern, dass Russland eine der mächtigsten Nuklearmächte sei.

Trotz des Krieges in der Ostukraine fand in Czernowitz zum fünften Mal das “Internationale Lyrik Festival Meridian” statt. “Russland will uns unsere Kultur nehmen, wir halten mit Kultur dagegen”, sagte der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der zu den Initiatoren des Festivals gehört. Im Westen die Poesie, im Osten die immer wieder durchbrochene Waffenruhe. Eindrücke von einer Reise zwischen Kultur und Politik.

 

Radiotipps für die Woche vom 1. – 7. Dezember 2014

Die Helgoland im Süden, Hilfsgüter im Norden
Deutschlands Beteiligung am Vietnamkrieg

Von Jan Schilling

Mittwoch, 03.12.2014, 20.03 Uhr, SWR2

Für die USA stand in diesem Krieg nichts weniger als die freie Welt auf dem Spiel. Deswegen forderte Präsident Johnson Truppen von den Verbündeten, auch von Deutschland. Doch Kanzler Erhard trickste, sagte Unterstützung zu, schickte aber keine Soldaten in den Dschungel, sondern die MS Helgoland, ein vom Vergnügungsdampfer rasch zum schwimmenden Krankenhaus umgebautes Schiff, besetzt mit Ärzten und Schwestern aus der BRD. Aber die Solidarität mit Vietnam einte die Menschen auf beiden Seiten der Mauer. Die DDR unterstützte derweil den kommunistischen Norden nach Kräften mit Hilfsgütern und Millionenzahlungen. Während die MS Helgoland inzwischen als Kreuzfahrtschiff vor Galapagos verkehrt, erinnern sich in Deutschland die Veteranen an ihren einstigen Einsatz.

Unsichtbare Konfession
Ohne Gott in Deutschland

Von Gaby Mayr

Freitag, 05.12.2014, 20:10 Uhr, DLF

Papst Franziskus ist ein Medienstar. Sämtliche Kabinettsmitglieder haben bei ihrer Vereidigung Gottes Hilfe angerufen. Die Banken arbeiten mit Hochdruck, damit zum 1. Januar 2015 auch wirklich von allen Kirchenmitgliedern eine Zusatzsteuer auf Kapitalerträge eingezogen werden kann, so wie es das Gesetz vorschreibt.

Ist Deutschland ein christlicher Gottesstaat – nicht mit Gotteskriegern natürlich, sondern dank dezenter Allgegenwart des Christentums, kirchlichem Lobbyismus und einer parteiübergreifenden Nähe der Politik zu den Kirchen?

Eine erstaunliche Nähe, sinken doch die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen stetig. In Städten liegen sie unter 50 Prozent, in den neuen Bundesländern bilden die Gläubigen eine Minderheit. Die Nichtgläubigen/Nichtkirchenmitglieder sind in Deutschland mittlerweile die größte “Konfession”.

Aber die Millionen, die ohne Gott leben, treten nicht organisiert auf – weil Gott für die meisten von ihnen einfach kein Thema ist. Auch das erleichtert den Kirchen, ihre Sicht der Welt von Sterbehilfe bis Ethikunterricht durchzusetzen.

Zaatari
Gebrauchsanleitung eines Flüchtlingslagers

Von Monika Kalcsics

Samstag, 06.12.2014, 13.05 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Das Flüchtlingslager Zaatari der Vereinten Nationen in Jordanien ist das zweitgrößte Flüchtlingslager weltweit. Es liegt im Norden des Landes an der Grenze zu Syrien, wo seit 3 Jahren Bürgerkrieg herrscht. 2012 wurde das Lager errichtet. Damals kamen pro Nacht 1500 Menschen an. Mittlerweile ist das Lager Zaatari die fünftgrößte Stadt Jordaniens. 100.000 Menschen leben auf 530 Hektar Land. Eine logistische Herausforderung für die UNO und die Dutzenden Hilfsorganisationen, die im Lager tätig sind. Das “Handbook for Emergencies” der Flüchtlingsagentur UNHCR dient als Leitfaden für weltweite Einsätze. Doch jedes Lager hat seine eigene Geschichte.
In Zaatari blüht der Handel. Es soll 2000 Geschäfte geben. Die meisten drängeln sich auf einer Straße, die ausgerechnet Champs-Elysées heißt. Auch eine Zweigstelle einer internationalen Supermarktkette hat aufgemacht. Dort gehen die Flüchtlinge mit Einkaufswagen ihre Gutscheine einlösen, statt sich in langen Schlangen für die Nahrungsmittelausgabe anzustellen. Derzeit kostet das Lager der internationalen Gemeinschaft täglich 500.000 US Dolla

Kinder kandiert
Wie die Nahrungsmittelindustrie den Nachwuchs verführt und warum sie niemand dabei stört

Von Tom Schimmeck

Samstag, 06.12.2014, 18.05 Uhr, DLF

Essen ist Belohnung, Lust, Trost und ein gutes Geschäft. Mit Milliardenetats bewerben Hersteller von Softdrinks, Fastfood und Süßigkeiten ihre Produkte.

„Wir sind wie Götter und können genauso werden“
Die Hippies und der Cyberspace

Von Martina Groß

Sonntag, 08.12.2014, 14.50 Uhr, SWR2

Auf dem Cover der ersten Ausgabe des “Whole Earth Catalogs” prangte ein Foto der Erde, aufgenommen aus dem All. Wir sitzen alle in einem Boot, war die Botschaft. Im Katalog fanden sich Anleitungen zum Bau geodätischer Kuppeln und elektronischer Rechenmaschinen neben Literatur von Buckminster Fuller bis Gregory Bateson. Apple-Gründer Steve Jobs verglich die Rolle des Katalogs mit Google, bevor es Google gab. Für Zehntausende von Aussteigern, die Ende der 60er-Jahre in den USA aufs Land zogen und Kommunen gründeten, war der Katalog wie eine Bibel. Und die Verkündigung lautete: Zur Veränderung von Mensch und Gesellschaft bedarf es keiner politischen Aktionen, sondern neuer Technologien. Manche haben diesen Glauben bis heute nicht verloren …

Begleitet von lieben Tieren, lustigen Helden und Online-Spielen rücken die Verlockungen im Kinderzimmer ein. Schon Kleinkinder erkennen das “M” von McDonald’s. Zehnjährige haben bereits Hunderte Marken im Kopf. Wissenschaftler fordern im Kampf gegen die “globale Fettleibigkeits-Epidemie” Werbeverbote und Sondersteuern. Die Lobby der Konzerne hält mit Macht dagegen. Politiker propagieren mehr Bewegung und hoffen auf freiwillige Selbstbeschränkungen der Hersteller: nach Einschätzung von Experten eine süße Illusion.

Feinde wie wir –
Jugend auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs

Von Helmut Kopetzky

Sonntag, 7. Dezember 2014, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Sommer 1914. Väter übergeben ihre Söhne an das Vaterland zu treuen Händen. Und die kriegsberauschte Jugend singt, marschiert davon und lässt sich totschießen, vor Langemark in Belgien, bei Gallipoli in der Türkei, in der Schlacht bei Tannenberg, an der Drina.

Die meisten dieser jungen Männer sind kaum den Konfirmandenanzügen entwachsen, und sie haben wenig Ähnlichkeit mit “Stahlnaturen” und “Jongleuren des Todes”. Viele dieser jungen Helden – die jüngsten “Freiwilligen” sind 14 Jahre alt – sind eher soldatisch verkleidete Schuljungen: frisches Blut für die Schlachtfelder, zum baldigen Verbrauch bestimmt. Sie glauben den großmäuligen Ersatzvätern aus Schule, Politik und Militär, die ihnen Blitzsiege versprechen, und sie bezahlen dafür mit dem Tod oder grausamer Verstümmelung. Bei der Produktion des Features “Feinde wie wir” wirkten fünf Studierende der Hochschule für Musik und Theater Hannover mit. Sie wurden im Studio angeleitet von Autor und Regisseur Helmut Kopetzky.

 

 

Radiotipps für die Woche vom 24. – 28. November 2014

Hippies und Cyberspace
“Wir sind wie Götter und wir können genauso gut werden”

Von Martina Groß

Dienstag, 25.11.2014, 19:15 Uhr, DLF

Auf dem Cover der ersten Ausgabe des “Whole Earth Catalogs” prangte ein Foto der Erde, dem Spaceship Earth, aufgenommen aus dem All. Der Katalog versprach Zugang zu Werkzeugen und Ideen. Anleitungen zum Bau geodätischer Kuppeln fanden sich neben elektronischen Rechenmaschinen und Literatur von Norbert Wiener bis Buckminster Fuller.

Apple-Gründer Steve Jobs verglich die Rolle des Katalogs mit Google, bevor es Google gab. Für Zehntausende von Aussteigern, die Ende der 60er-Jahre in den USA aufs Land zogen und Kommunen gründeten, war der Katalog wie eine Bibel. Und die Verkündigung lautete: Zur Veränderung von Mensch und Gesellschaft bedarf es weniger politischer Aktionen denn neuer Technologien. Manche haben diesen Glauben bis heute nicht verloren.

Neue Heimat Salafismus

Von Paul Elmar Jöris und Irene Geuer

Mittwoch, 26.11.2014, SWR2

Plötzlich trägt sie Kopftuch, muss nicht mehr selbst über ihre Zukunft entscheiden. Auch die jungen Männer finden, was ihnen ansonsten in Deutschland fehlt: ein festes Ziel! Kämpfen für den Glauben – im Irak, in Syrien und anderswo. Der Salafismus entwickelt sich in Deutschland zur neuen Jugenddroge. Die Zahl der Anhänger steigt täglich, auch bei jungen Christen, die dafür zum Islam konvertieren müssen. Die Verfassungsschützer rechnen im Sommer 2014 mit 6.000 Salafisten in Deutschland. Hilfsorganisationen wissen: Wer sich einmal dieser radikalen Glaubensrichtung verschrieben hat, ist so gut wie verloren. Wie gelingt es den Salafisten, immer mehr junge Menschen von ihrer Sache und ihrer Gewaltbereitschaft zu überzeugen. Wie gehen die Sicherheitsbehörden mit dem Phänomen um? Hat Deutschland die kampfbereiten Anhänger bereits verloren?

Zwischen Hochkultur und Problembezirk
Szenensprünge mit dem türkischen Rapper Kutlu Yurtseven

Von Almut Schnerring und Sascha Verlan

Freitag, 28.11.2014, 20:10 Uhr, DLF

An manchen Tagen hat Kutlu Yurtseven mit fünf Szenen gleichzeitig zu tun: Morgens arbeitet er als Sozialarbeiter in Kölner Problembezirken. Abends spielt er in einem Theaterstück über den Anschlag gegen Migranten in der Kölner Keupstraße im Schauspiel Köln.

Zwischendurch trifft er die Väter seiner Problemfälle im türkischen Kulturverein, um zwischen den Einwanderern der unterschiedlichen Generationen zu vermitteln. Außerdem steht er seit über 20 Jahren mit seiner Hip-Hop-Gruppe “Microphone Mafia” auf der Bühne. Mindestens so lange engagiert er sich auch politisch, kämpft gegen Rassismus auf der einen und Abschottung auf der anderen Seite.

Yurtseven muss viele Sprachen beherrschen: Nicht nur Türkisch und Deutsch, sondern auch die Sprache der Jugend und die ihrer Eltern, die Sprache der Musik und den Duktus der Sozialpädagogen genauso wie den der Kommunalpolitiker und Theaterliebhaber. So springt er zwischen den Szenen, übersetzt, hilft, vermittelt; und er kann spannende Einblicke liefern in die unterschiedlichen Szenen mit ihren je eigenen Konflikten und Vorurteilen.

Handelseinig

Von Gabriele Knetsch

Samstag, 29.11., 18.05 Uhr, DR Kultur

Im Adventsmonat geht es in einer Feature-Reihe um die schöne, bunte Warenwelt – und ihre Schattenseiten. Wie buhlt die Lebensmittelindustrie um Kinder? Welche Alternativen gibt es zum Wegwerfen? Oder auch: Warum erkranken immer mehr Hochleistungskühe?

Westliche Unternehmen wie Quelle, Aldi, Kaufhof und C&A haben jahrelang die Arbeitskraft von DDR-Häftlingen genutzt, die unter inakzeptablen Bedingungen und wegen fadenscheiniger Anschuldigungen im Gefängnis waren. Bis heute sind die meisten Firmen, die von Zwangsarbeit in der DDR profitierten, nicht zu einer historischen Aufarbeitung bereit, geschweige denn zu Entschädigungen.

 

Radiotipps für die Woche vom 23. bis 29. September 2014

 

Der relative Wert des Schönen
Vom Kampf um eine urbane Idylle

Von Tita Gaehme

Dienstag, 23.09.2014, 19:15 Uhr, DLF

“Am beschaulichen Meyerinckplatz lässt sich die Geburt des enragierten und erzürnten Bürgers beobachten”, sagt Michael Naumann, ehemals sozialdemokratischer Staatsminister für Kultur und Medien, jetzt bürgerbewegt im eigenen Wohnviertel.

Anwohner kämpfen in Berlin-Charlottenburg um ihren Kiez, in dem Lebenszusammenhänge jahrzehntelang fast störungsfrei gewachsen sind. Urbane Kultur hat hier in der erhaltenen Architektur der Jahrhundertwende einen Erinnerungsraum, gleichzeitig einen lebendigen Ideal-Ort: im Zentrum der Metropole, mit der sozialen Wärme eines idyllischen Dorfes. Wo so viel Widerspruch ist, wird der Kampf für ein altes Kino gegen einen Bio-Supermarkt zum Lernprozess für direkte Demokratie.

Dunkelkammer Psychiatrie

Von Wolfram Wessels

Mittwoch, 24.09.2014, 22.03 Uhr

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen in geschlossene Psychiatrien eingewiesen worden. In Deutschland entscheiden Richter darüber auf der Grundlage psychiatrischer Gutachter. Ob Allgemeinpsychiatrie oder Forensik – hinter Mauern und Zäunen verbirgt sich eine abgeschottete Welt. Der Autor recherchiert in den schwer einsehbaren Zonen formalrechtlich korrekter Verhältnisse. Er blickt hinter die Fassade einer fragwürdigen Normalität und fragt nach alltäglichen Grenzüberschreitungen und schweren Grundrechtsverletzungen. Amtliche und wissenschaftliche Akteure konfrontiert er mit ihren Rollen in diesem System aus Zwang und Sicherheit, das Bürger vielleicht zu oft als Risiko und Gefahr für die Allgemeinheit behandelt.

Traumtagebuch oder Die Kunst, nicht zu denken
Mit Rousseau auf der Petersinsel

Von Tobias Lehmkuhl

Sonntag, 28.09.2014, 14.50 Uhr, SWR2

Er wurde mit Steinen beworfen und flüchtete auf die Petersinsel im Bieler See. Hier verlebte er die schönste Zeit seines Lebens. Müßig lag er im Kahn und ließ die sanften Wogen durch seine Hand gleiten. Oder er lief botanisierend durch das Wäldchen, das sich auf einem Hügel erhob. Dann musste der Philosoph Jean-Jacques Rousseau auch von hier wieder fort. Doch was ist von ihm geblieben? Was wissen die Bieler noch von ihm? Wie beantworten sie heute die Fragen, die Rousseau sich vor 250 Jahren gestellt hat? Vor allem aber: Ist es möglich, an den Ufern des Sees das Denken hinter sich zu lassen und ins Träumen zu geraten? Einen jener Momente zu erleben, die Rousseau in seinen “Träumereien eines einsamen Spaziergängers” so inständig beschwört? Tobias Lehmkuhl hat das Experiment gewagt. Einheimische haben ihm dabei geholfen.