Radiotipps für die Woche vom 18. bis 24. Mai 2015

Über die Organisation einer Willkommenskultur

Von Ralph Gerstenberg

Dienstag, 19.05.2015, 19:15 Uhr, DLF

Im November 2013 wurde im Berliner Bezirk Pankow ein neues Flüchtlingsheim in Betrieb genommen. Befürchtete Proteste blieben weitestgehend aus, da das Bezirksamt unter dem Motto “Wir in Pankow – tolerant und weltoffen” eine Informationsoffensive aufgelegt hatte, mit der Anwohner von Anfang an für das Projekt gewonnen werden konnten.

Bei Ankunft der Asylbewerber waren die Lagerräume des Heimes mit Sachspenden prall gefüllt. Ein Unterstützerkreis hatte sich gebildet, der sich unter dem Slogan “Refugees welcome” mit den Flüchtlingen solidarisierte, Deutschkurse organisierte, Kinder betreute, bei Amtsgängen behilflich war. Gelegentliche Versuche, Stimmung gegen das Heim zu machen, verebbten bald.

Die Bürgerinitiative hingegen hält bis heute an. Am Beispiel des Pankower Asylbewerberheimes geht das Feature der Frage nach, wie in einem Stadtteil eine Willkommenskultur für Flüchtlinge geschaffen werden kann und wie daraus ein nachhaltiges Engagement in der Flüchtlingsbetreuung entsteht.

Ai Weiwei. Verdächtiger #1.7
Chinas Künstler und Dissident

Von Peter Moritz Pickshaus

Mittwoch, 20.05.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Im Westen ist der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei ein Megastar, in China wird er rund um die Uhr überwacht. Die chinesische Regierung wirft dem Künstler, Blogger, Architekten und Filmemacher Steuerhinterziehung und Pornografie vor. Bei seiner Verhaftung 2011 wird Ai Weiwei ein Sack mit der Aufschrift “Verdächtiger #1.7″ über den Kopf gestülpt.

Der Westen bewundert seinen Kampf für Gedankenfreiheit und Demokratie. Für seine offene Kritik am Regime droht ihm erneut die Verhaftung.

Im Rahmen der Biennale in Venedig 2013 und in seiner bisher größten Werkschau im Martin-Gropius-Bau 2014 in Berlin zeigte Ai Weiwei eine Nachbildung der Gefängniszelle, in der er seine 81-tägige Haft absaß.

Der Autor hat Ai Weiwei in seiner überwachten Wohnung in Peking besucht.

Abzocke im Schatten der Freizügigkeit
Über mafiöse Geschäfte mit Leiharbeitern in der EU

Von Dominik Bretsch

Mittwoch, 20.5.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Briefkastenfirmen in Slowenien haben sich darauf spezialisiert, Arbeiter aus Ländern wie Serbien, Bosnien oder Mazedonien nach Deutschland und in andere europäische Länder zu entsenden. Monatelang schuften sie dort auf Baustellen, ohne Geld zu bekommen. Schließlich müssen sie pleite in ihre Heimatländer zurückkehren. Die Hintermänner der Briefkastenfirmen dagegen kassieren von den deutschen Auftraggebern ab, melden Konkurs an und verschwinden von der Bildfläche. Kurz darauf gründen sie eine neue Firma und das Spiel beginnt von vorne. Möglich machen es Schlupflöcher in den EU Regelungen zur Freizügigkeit und die wirtschaftsliberale Haltung der slowenischen Regierung. Ein mafiöses System mit hohen Gewinnmargen und geringem Risiko. Tausende solcher betrügerischen Firmen existieren in Slowenien bereits. Die deutschen Auftraggeber interessiert das nicht, sie profitieren von den Dumpingangeboten. Ebenso der slowenische Staat, denn die vielen Schattenfirmen lassen die Wirtschaftsleistung des Landes gut aussehen.

Best of Mao, Hitler, Stalin
Diktatoren als empfindsame Künstler

Von Markus Metz und Georg Seeßlen

Freitag, 22.05.2015, 20:10 Uhr, DLF

Saddam Hussein schrieb Liebesromane, Muammar al-Gadafi verfasste Gedichte. Ob Hitler, Mao, Mussolini, Stalin oder Karadžić- diese Männer zählen nicht nur zu den größten Verbrechern der Menschheitsgeschichte, sie alle verstanden sich zugleich auch als Autoren.

Das Feature will indes nicht nur staunen über diese eigentümliche Mischung aus Kitsch, Naivität und Niedertracht; es ist mehr als eine Revue ihrer gruselig-komischen Werke. Vielmehr versucht es eine Beziehung herzustellen zwischen Schreiben und Tat, zwischen der Selbsterfindung durch anmaßende Kunst auf der einen und der mitleidlosen Gewalt ihrer Taten auf der anderen Seite. Für viele Tyrannen scheint die Poesie ein unverzichtbares Mittel der Selbstvergewisserung: Sie schreiben sich gewissermaßen eine Seele zu, um dann nur umso seelenloser zu handeln.

Die andere Stimme Amerikas
Das unabhängige Radionetzwerk “Pacifica”

Von Martina Groß

Samstag, 23.05.2015, 13:05 Uhr, BR2

“Hier ist KPFA. Dies ist unser erster Tag auf Sendung”: am 15. April 1949 ging in Berkeley das erste Hörer-finanzierte Programm der später landesweiten Rundfunk-Kette “Pacifica” auf Sendung. Ohne Werbung, dem friedlichen Dialog und der Meinungsfreiheit verpflichtet. Gestaltet von Sozialvisionären, Intellektuellen, Idealisten und Querdenkern. Heute sind es fünf Sender, die in über 65 Jahren immer wieder die Grenzen des Mediums Radio durchbrochen haben. Oft waren sie die ersten, die die amerikanischen Hörer über nationale und internationale politische Vorgänge informierten – und wichtige Reformen anmahnten. Pacificas Mikrophone sind bis heute die Megaphone für die Stimme des “anderen Amerika”. Inzwischen eine der letzten Bastionen amerikanischer Medienvielfalt, die immer wieder um ihr Überleben kämpfen müssen. Pacifica-Flaggschiffe wie Amy Goodman und ihre Sendung “Democracy Now!”, die im ganzen Land gehört wird ist eine der wichtigsten alternativen Stimmen im Land.
Martina Groß schreibt Radiofeatures über Politik, Kultur und Gesellschaft, häufig in den USA, manchmal vor der eigenen Haustür – in Berlin. Ihre Sendung über die KPFA Grande Dame des politischen Radios, Elsa Knight Thompson “Noch zehn Sekunden” hat 2010 den Juliane-Bartels-Medienpreis erhalten. In ihrer letzten Sendung “Wir sind wie Götter und wir könnten genauso gut werden wie sie”. (SWR/DLF 2014) erforschte sie die Geschichte der Hippies und des Cyberspace.

Abschied vom Dalai Lama
Die Zukunft des tibetische Kampfes für Unabhängigkeit

Von Peter Meier-Hüsing

Samstag, 25.05.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Vor zwei Jahren hat sich der Dalai Lama von seinen politischen Funktionen verabschiedet und konzentriert sich seither auf seine Rolle als religiöses Oberhaupt der tibetischen Buddhisten. Die erste Generation Tibeter, die nach 1951 im Exil geboren und aufgewachsen ist, kennt das unabhängige Tibet nur aus Filmen, Büchern und Erzählungen.

Jetzt hat sie führende Positionen in der Exil-Community übernommen. Doch der kulturelle Graben zwischen den Exil-Tibetern und denen, die unter chinesischer Herrschaft leben müssen, wächst. Die kompromisslose Haltung der chinesischen Führung in der Tibet-Frage führt zu Verzweiflung und Radikalisierung. Vielen erscheint der gewaltlose Weg des Dalai Lama überholt. Aber was ist die Alternative?

„Vom Negev über Galiläa nach Jerusalem“
Eine Pilgerreise durch das Heilige Land

Ein Feature von Rainer Schildberger

Sonntag, 24. Mai 2015, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Es ist das Pilgerziel schlechthin. Von dieser Landschaft geht seit Jahrhunderten ein Sog aus, der die Menschen zu den biblischen Stätten ins Heilige Land zieht.

Das ist ein Stück über Menschen, die befristet aus ihrem Alltag aussteigen, um sich auf die Spuren uralter Heilsversprechen zu begeben; in die überlieferte Welt der Zeichen, Wunder und Gleichnisse. Am See Genezareth, auf den Feldern und Hügeln der Bergpredigt, vor der Klagemauer, im Garten Gethsemane. Sie bringen Geschichten und Bilder mit, die sie seit der Kindheit aus der Bibel kennen. Endlich einmal dort stehen, wo sich alles abgespielt hat oder haben soll; die Magie der Orte erspüren, Gott erfahren.

Doch gibt es das alles überhaupt (noch) oder ist das nur ein frommer Wahn? Was hat diese Reise mit dem Leben in unserer Gegenwart zu tun? Eine Gratwanderung ist es allemal, lukrativ organisiert und genau überwacht von den christlichen Kirchen. Hier eine Art religiöses Disneyland, dort die reale Situation der Menschen im mühsam befriedeten Land. Mittendrin die Pilger mit dem eigenem, widersprüchlichem Erleben.

 

Radiotipps für die Woche vom 11. bis 17. Mai 2015

“Bakschischrepublik”
Nachklänge eines Wende-Songs der Band Herbst in Peking

Von Jürgen Balitzki

Dienstag, 12.05.2015, 19:15 Uhr, DLF

Sommer 89, die alternative Band Herbst in Peking nimmt Musik für ein Hörspiel des DDR-Rundfunks auf. Als der Abspann produziert wird, trifft sie ein Auftrittsverbot. Sänger Rex Joswig hatte bei einem Konzert in Brandenburg die Staatsmacht provoziert, indem er das Publikum zu einer Gedenkminute für die Opfer des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking aufrief.

Im Studio herrscht Ratlosigkeit. Was tun? Ein bauernschlauer Trick rettet die Produktion, die Band klaut das Tape mit dem Soundtrack und lässt es nach Westberlin schmuggeln. “Bakschischrepublik” wird im Frühjahr 1990 ein deutschlandweiter Hit. Neben dieser erstaunlichen Geschichte von der Geburt eines Rocksongs in stürmischen Zeiten erzählt das Feature, was die alten Kempen des DDR-Undergrounds in ihren enger gewordenen Reservaten heute treiben, zum Beispiel Prenzlauer-Berg-Dichter Bert Papenfuß in seiner Kulturspelunke Rumbalotte, wo Rex Joswig kellnert und surreale DJ-Shows zelebriert.

In China reisen und zurückkommen
Wo sind wir bitte wann?

Von Gesine Danckwart und Fabian Kühlein

Mittwoch, 13.05.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Das allererste Mal in China, aus Europa kommend. Die schnelle Gewöhnung an die allerfremdesten, allergrößten Geschichtengroßlandschaften. Eine chinesische Ingenieurin, die eine deutsche Bäckerei in Anting eröffnet. Ein Bürgermeister in Oranienburg, dessen Traum eine Art Chinatown vor Ort ist.

Die Texte Gesine Danckwarts entstanden während längerer Reisen in den Jahren 2006 bis 2008 nach China – und zurück. Im Mittelpunkt standen Peking, Shanghai und insbesondere Suzhou, eine alte und turbo-neue Stadt.

Mitleidsökonomie
Was steckt hinter der Tafelbewegung?

Von Christine Werner

Mittwoch, 13.05.2015, 22.30 Uhr, SWR2 Feature

Es gibt Lebensmittel im Überfluss in Deutschland und Menschen, die kein Geld haben, sie zu bezahlen. Die Tafeln wollen für einen Ausgleich sorgen. Derzeit gibt es mehr als 900 von ihnen und sie versorgen bundesweit über 1,5 Millionen Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner mit Nahrungsmitteln. Aus einer kleinen Initiative, die Obdachlosen helfen wollte, ist eine der größten sozialen Bewegungen der heutigen Zeit geworden. Inzwischen hat sie auch die Lebensmittelindustrie als neues Geschäftsfeld entdeckt. Für die Konzerne ist es oft günstiger, nicht oder schwer verkäufliche Waren abzugeben, als sie zu entsorgen. Kritiker monieren, dass sozial Schwache so zu “Müllverwertern” degradiert würden. Entsteht so ein zweiter Warenweg, eine “Mitleidsökonomie”, die dafür sorgt, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ändern müssen?

Auf dem Schlachtfeld der Worte

Von Christian Buckard

Freitag, 15.05.2015, 20:10 Uhr, DLF

In der letzten Maiwoche des Jahres 1940 befand sich Churchills Großbritannien in einer hoffnungslosen Lage: Fast die gesamte Armee saß im Hafen von Dünkirchen in der Falle und drohte in deutsche Gefangenschaft zu geraten.

Die Geheimprotokolle des Kriegskabinetts belegen, dass der britische Außenminister Lord Halifax, heftig unterstützt von den Konservativen, damals für einen Frieden mit Nazi-Deutschland plädierte. Es schien die einzige Möglichkeit, der drohenden Invasion durch die Deutschen zu entgehen.

Nur Churchill und die Sozialisten widersetzten sich dieser vermeintlich vernünftigen Lösung. Basierend auf den Protokollen des Kriegskabinetts und mit Unterstützung Sir Max Hastings und anderer britischer Historiker rekonstruiert das Feature jene entscheidenden Tage im Mai als eine Art Doku-Drama. Gleichzeitig entsteht in Interviews mit Churchills letzter Sekretärin sowie seiner Enkelin Celia Sandys ein intimes Porträt des britischen Kriegspremiers, der während jener Maitage seine wichtigste Schlacht schlug.

Gottlos in Texas
Eine Innenansicht des amerikanischen Atheismus

Von Ralf Büchele

Samstag, 16.05.2015, 13:05 Uhr, Bayern2

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Atheismus ist in. Mit jedem Anschlag von Fundamentalisten, mit jeder Kriegserklärung im Namen der Religion, mit jedem Missbrauchsskandal in der Kirche fühlen sich die Atheisten bestätigt: Ohne Religion wäre die Welt besser dran – und Gott gibt es sowieso nicht. Noch nie war es so leicht, sich offen zum Unglauben zu bekennen. In Austin hat Atheismus Tradition: Schon in den 60er Jahren wurden in der texanischen Hauptstadt die “American Atheists” gegründet. Seitdem ist die liberale Stadt mitten im konservativen “Bible Belt” ein Leuchtturm des Unglaubens. Großen Anteil an dieser Strahlkraft hat “The Atheist Experience”. Jeden Sonntag läuft die Diskussionssendung auf dem offenen Fernseh-Kanal von Austin. Das Prinzip: Zwei Moderatoren diskutieren mit Anrufern über Gott und die Welt. Auch nach 17 Jahren ist die Show noch immer die einzige ihrer Art in den USA. Weil in Amerika alles irgendwie mit Religion zu tun hat, wird in der Sendung kein großes Thema ausgespart: Es geht um Evolution, Bildung, Wissenschaft, Moral, Politik, Klimawandel, Abtreibung – und natürlich immer wieder um die Existenz Gottes. Viele Anrufer sind Christen, die ihren Glauben verteidigen. Sie scheitern fast ausnahmslos und werden ungnädig abserviert. Moderator Matt Dillahunty und seine Mitstreiter haben schon so ziemlich jedes Argument gehört. Seit einigen Jahren rufen immer mehr Atheisten an – die Bewegung wächst stetig. Doch vor allem für die ländlichen Regionen der Vereinigten Staaten gilt noch immer: Menschen, die sich als Ungläubige outen, bekommen Probleme – schließlich weiß jeder, dass sie einst in der Hölle schmoren werden. Also setzen Eltern, Freunde und Kirchen alles daran, die Abtrünnigen vor diesem Schicksal zu bewahren. Wer aber nicht mehr zum Glauben zurückfindet, verliert oft sein soziales Netzwerk. Wenn Ratsuchende bei “The Atheist Experience” anrufen, werden aus den streitbaren Atheisten mitfühlende Zuhörer; viele von ihnen haben das selbst erlebt.
“Gottlos in Texas” lässt die Protagonisten von “The Atheist Experience” ebenso zu Wort kommen wie Gläubige. Wir blicken durchs Brennglas auf einen Konflikt, der uns noch lange beschäftigen wird: den zwischen Fundamentalisten und Aufklärern. Und dabei sind die Rollen keineswegs eindeutig verteilt.

Tod in der Polizeizelle – Oury Jalloh
Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls

Von Margot Overath

Samstag, 16.05.2015 um 18:05 Uhr, DR Kultur

  1. Januar 2005, Dessau, Sachsen-Anhalt. In einer Polizeizelle verbrennt ein an Händen und Füßen gefesselter Mensch bei lebendigem Leib. Selbst verschuldet, sagen die einen. Ermordet, sagen die anderen.

Auch der zweite Prozess vor dem Landgericht Magdeburg bringt keine endgültige Aufklärung der Brandursache. Das Urteil zu einer Geldstrafe wegen Fahrlässiger Tötung wurde am 4. September 2014 rechtskräftig, damit könnte der Fall abgeschlossen sein – doch schon seit Dezember 2013 liegen neue Hinweise vor, dass Oury Jalloh das Feuer nicht selbst hat legen können. Die Staatsanwaltschaft Dessau nimmt Ermittlungen wegen Mordes auf.

Saat des Sieges
Wie Gärtner (mal wieder) die Welt retten wollen

Von Michael Lissek

Sonntag, 17.05.2015, 14.05 Uhr, SWR2 Feature am Sonntag

“Urban Gardening”, “Guerilla Gardening”, “Community Gardening”: Die Begriffe klingen cool. Das sollen sie. Gärtnern in der Stadt ist heute kein spießiges Schrebertum mehr, sondern sozial und ökologisch bewusstes Handeln: schlau, selbstbewusst und unabhängig – und ein Zukunftskonzept, wenn unsere gegenwärtige Form der Lebensmittelproduktion nicht mehr funktioniert. Üben städtische Tomatenpflanzer für den Versorgungsernstfall? Und könnten sie in diesem Fall die Welt retten? Michael Lissek beobachtet die aufgehende Saat. Und erinnert an die Früchte vergangener gärtnerischer Utopien und Erweckungsfantasien.

Eine deutsche Chirurgin im Nothilfeeinsatz im Süd-Sudan

Von Jörn Klare

Sonntag, 17. Mai 2015, 18:05 Uhr, hr2-Kultur

Es ist Carla Böhmes zwölfter Einsatz für eine Hilfsorganisation im Ausland. Meistens geht es für die Chirurgin aus Leonberg, die sonst in einer deutschen Klinik arbeitet, nach Afrika.

Diesmal reist sie im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen. Allein die deutsche Sektion der 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten internationalen Organisation schickt jährlich an die 300 Mitarbeiter in eines der zurzeit gut 60 Einsatzländer. Böhmes Ziel ist diesmal eine kleine Klinik im Süd-Sudan. Die 63-Jährige weiß nicht genau, was sie erwartet. Sicher ist: Sie sucht nicht die Gefahr, sie will helfen. Sie ist einverstanden, dass der Autor sie in den ersten Tagen ihres Einsatzes begleitet.

 

Radiotipps für die Woche vom 26. April bis 3. Mai 2015

Arbeitssklaven in Kalabrien
Labor des Wegwerf-Menschen

Von Aureliana Sorrento

Dienstag, 28.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

Rosarno ist eine Kleinstadt im Süden Kalabriens, deren Wirtschaft seit jeher auf dem Anbau von Zitrusfrüchten gründet. Einst ein florierendes Städtchen, hat es seit den 70er-Jahren einen stetigen Niedergang erlebt. Denn irgendwann konnten die kalabrischen Orangen der billigen Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr standhalten.

Um zu überleben, haben die Orangenbauern Verträge mit transnationalen Handelsketten, Saft- und Getränkeherstellern wie etwa Coca-Cola geschlossen. Doch diese globalen Akteure diktieren die Preise auf dem Weltmarkt und drücken sie immer weiter nach unten. Die Orangenanbauer Kalabriens konnten nur überleben, indem sie bis heute vom Elend der Flüchtlingsströme aus Afrika und Osteuropa profitieren.

Die Einwanderer werden als Tagelöhner auf den Straßen Rosarnos angeheuert und schuften auf den Orangenplantagen für 20 oder 25 Euro am Tag. Wenn sie überhaupt bezahlt werden, und wenn sie überhaupt Arbeit finden. Vor allem die meist illegal eingereisten Afrikaner sind dem Gutdünken der Bauern ausgeliefert. Für den Soziologen Fabio Mostaccio sind sie der Prototyp des Wegwerf-Arbeiters, den die neoliberale Globalisierung verlangt.

Kurzstrecke 37

Zusammenstellung: Ingo Kottkamp, Barbara Gerland und Marcus Gammel

Sendung am 29.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Kurz, ungewöhnlich und nicht länger als 20 Minuten: Innovative, zeitgemäße, radiophone Hörstücke aus den Genres Feature, Hörspiel und Klangkunst können an uns geschickt werden. Wir wählen die interessantesten aus und stellen sie in dieser monatlichen Sendung vor.

Der Künstler sagt, es geht um das Thema Angst
Stimmen und Mikrointervalle aus der Psychiatrie
Von Tobias Klich

Pillenbox mit sieben Tageseinsätzen
Voice meets noise
Von müller/ziermann

The sound of white noise
Ich glaub, mein Empfänger ist kaputt
Von Davide Tidoni

Thilo Sarrazin Monolog
Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt: Mein Name ist Thilo Sarrazin
Von Wolfram Lotz

Außerdem: Neues aus der “Wurfsendung” mit Julia Tieke

1945. Zeitenwende
Das Jahr im Radio

Collage von Wolfram Wessels

Mittwoch, 29.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Ein letztes Mal wurde im Januar noch des Tages der nationalsozialistischen Machtübernahme gedacht, Hitler hält seine übliche Rede und ruft zum Entscheidungskampf. Im Februar wird Dresden bombardiert, im März werden Kinder mobilisiert, im April berichtet das Radio erstmals ausführlich über die Gräuel in den KZs, im Mai vom Selbstmord Hitlers und der Kapitulation. Im Juni und Juli beginnen die Versuche, eine desorientierte Bevölkerung zur Einsicht zu bringen, im August endet der Zweite Weltkrieg nach den Angriffen auf Hiroshima auch im Pazifik, im Oktober werden erste Schlüsse aus der Niederlage gezogen, im November beginnen die Nürnberger Prozesse und im Dezember ist das einzige Weihnachtsgeschenk der Deutschen: Frieden. Mit O-Tönen ausschließlich aus den jeweiligen Monaten folgen wir dem Lauf dieses außergewöhnlichen Jahres in 12 Collagen.

Berlins jüdische Israelis
Meschugge Mischpoke und West-Ost-Divan

Von Babette Michel

Freitag, 01.05.2015, 11:05 Uhr, DLF

Wenn Ronit Land am Denkmal “Züge ins Leben – Züge in den Tod” vor dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin steht, dann denkt sie an ihre Mutter. Ende August 1939 saß das zwölfjährige jüdische Mädchen Cilly Salomon hier und wartete auf den Kindertransport, mit dem ihr die Flucht aus Nazideutschland gelingen sollte.

Andere Kinder wurden von hier aus direkt ins KZ deportiert. Keine Kleinigkeit für die israelische Choreografin Ronit, jetzt hierher nach Berlin zu ziehen. Und doch wirkt Berlin neuerdings wie ein Magnet auf jüdische Israelis. Vor allem junge unangepasste Journalisten, Studenten, Musiker, Unternehmer und Designer sind zu Hunderten gekommen, um hier zu leben. In Neukölln und Moabit, Kreuzberg und Mitte starten sie Multi-Art-Projekte und unkoschere Gay-Partys, verkaufen die schmackhaftesten Berliner Brezeln und gründen gesellschaftskritische hebräische Magazine. Die Stadt überzeugt mit moderaten Mieten und Platz für Kultur, mit bewusster Geschichtsaufarbeitung und Raum für west-östliche Friedensprojekte.

Und auch, wenn antijüdische Parolen und Übergriffe als Reaktion auf den Gaza-Krieg beängstigend sind: Berlin ist ihr Zuhause. Endlich schließt sich mit ihrem Umzug nach Berlin auch für Ronit der Kreis – im familiären wie im geschichtlichen Sinn.

Orson Welles
Ein Puzzle

Von Thomas von Steinaecker

Freitag, 01.05.2015, 20:05 Uhr, DLF

“Rosebud!”: Es ist eines der großen Rätsel der Filmgeschichte, das letzte Wort des Tycoons Citizen Kane in jenem Film, der regelmäßig an erster Stelle genannt wird, wenn es um Kinoranglisten geht. Zum 100. Geburtstag begibt sich der Schriftsteller Thomas von Steinaecker wie der Reporter in Citizen Kane auf die Suche nach den Puzzlesteinchen, deren Gesamtbild das Rätsel Welles erklären könnten.

Worin liegt überhaupt das Bahnbrechende an Welles’ Hörspielen und Filmen, die heute ein bedeutungsvolles Raunen umgibt? Ist es gerade jene Masse an Filmschnipseln unrealisierter Projekte, in denen das beispiellos schöpferische Kraftwerk, aber auch die Tragik Orson Welles sichtbar wird?

Svalbard
Norwegens Joker im Run auf die Arktis

Von Harald Brandt

Samstag, 02.05.2015, 13.05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Svalbard – “kühle Küste” wird die Inselgruppe auf norwegisch genannt. Der 1920 in Paris unterzeichnete Spitzbergenvertrag gesteht Norwegen die volle Souveränität über den gewaltigen Archipel im Polarmeer zu. Allerdings muss Norwegen allen vierzig Unterzeichnerstaaten die gleichen Rechte bei der Ausbeutung von Bodenschätzen gewährleisten, über die es selbst verfügt. Und nicht nur die vermuteten Öl- und Gasvorkommen im Norden sind begehrt. Auf Svalbard beginnt der Run auf die Arktis. Etwa 2000 Menschen leben in der Hauptsiedlung Longyearbyen, über ein Viertel sind Studenten aus aller Welt. In Barentsburg kommen noch etwa 400 russische Minenarbeiter und Wissenschaftler dazu. Norwegen verfügt zwar über die Souveränität, aber wird es den Wettlauf gewinnen?

Die Kinder des Premysl Pitter

Von Jörn Klare

Samstag, 02.05.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Eine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs. – Es sind nicht mehr viele. Die jüngsten sind knapp 80 Jahre alt. Sie leben in Jerusalem und Berlin, in einem oberbayrischen Dorf oder einer hessischen Kleinstadt. Sie erinnern sich an die Zeit, als der Krieg zu Ende ging und ihr Leben bedroht war.

Bis sie einem tschechischen Humanisten begegneten, der im Mai 1945 aus Schlössern in der Nähe von Prag Heime für zumindest zeitweise elternlose Kinder machte. Jüdische Kinder, die Auschwitz überlebt hatten, zusammen mit nichtjüdischen, deutschen Kindern, die in den neuen Internierungslagern der Sieger zu sterben drohten. Wer war dieser Mann, der alles daran setzte, diese Kinder zu retten, egal ob sie von Opfern oder Tätern stammten?

„Getragen von Euren Gebeten …“
Nachwirkungen eines Soldatentods

Von Andreas Fischer

Sonntag, 03.05.2015, 14.05 Uhr, SWR2

“Herzlichst und Heil Hitler, Euer Junge.” 100 Briefe und Postkarten hatte er an die Familie geschrieben: Onkel Günther, geboren 1921, gefallen nach sechs Tagen Kriegseinsatz 1941 in der Ukraine. Jetzt hat sein Neffe die Hinterlassenschaft: Andreas Fischer, der den Onkel kaum vom Hörensagen kannte. Denn in der Familie wurde kaum über ihn geredet. Wer war dieser ominöse Onkel? Offenbar ein glühender Nazi. Offenbar jemand, der sich und seinem Vater, der Soldat im 1. Weltkrieg war, etwas beweisen wollte. Und was noch? Je mehr sich Andreas Fischer mit den Briefen des Bruders seiner Mutter befasst, desto klarer wird ihm: Onkel Günther war und ist nicht zuletzt die Ursache eines familiären Traumas, das bis in die Gegenwart fortwirkt.

Der Teufel hat Ärger

Von Jörn Klare

Sonntag, 3. Mai 2015, 18:05 Uhr, hr2

Auf der Terrasse seines einfachen Hauses am Rand der liberianischen Hauptstadt Monrovia lässt sich Joshua Milton Blahyi im Licht der untergehenden Sonne den ohnehin schon so gut wie kahlen Kopf scheren. Neben ihm liest sein kleiner Sohn laut in der Bibel.

Später wird Blahyi in einer kleinen Kirche predigen. Sie liegt in einem Teil Monrovias, in dem ihn viele noch aus seinem anderen Leben kennen. Denn hier hat er als Gegner von Charles Taylor in einem barbarischen Bürgerkrieg gekämpft. Blahyi war ein Warlord, Herr über bis zu 7000 meist minderjährige Krieger. Er war ein Priester der schwarzen Magie, der vor seinen Kämpfen regelmäßig Kinder opferte, um deren Herz zu verspeisen. Er soll für den Tod von 20.000 Menschen verantwortlich sein. Sein Kampfname lautete “Butt-Naked”, weil er komplett nackt in die Gefechte stürmte, bis sich ein Mann in sein Hauptquartier wagte, um ihn auf den Weg Gottes zu führen. Dies ist die Geschichte einer Verwandlung.

 

Radiotipps für die Woche vom 20. bis 26. April 2014

Im Käfig
Hans Uhlmanns Aufzeichnungen während der Haft 1934/35

Von Carmela Thiele

Dienstag, 21.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

“Vorbereitung zum Hochverrat”, lautete die Anklage, die Hans Uhlmann 1934 für eineinhalb Jahre ins Gefängnis Berlin-Tegel brachte. Der Künstler war einer von 60.000 Kommunisten, die damals festgenommen wurden. Um dem Haftalltag zu entfliehen, führte der Bildhauer ein Tagebuch, dem er seine Zukunftspläne, seine Empfindungen und Beobachtungen anvertraute.

Karge Kost und mangelnde Bewegung machten den noch jungen Mann mürbe, aber auch empfindlich für die Metamorphosen des Lichts, den Wandel der Jahreszeiten und die Kakophonie dieses Ortes, den er “Käfig” nannte. Angeregt durch seine Lektüre, zu der Autoren wie Jean Cocteau zählten, erlebte er die Gefangenschaft als surreale Szenerie. Gedanken zu einer neuen Plastik aus Metall gehen über in Erinnerungen an die grausamen Wochen der Gestapo-Haft, poetische Passagen stehen neben erstaunlich klaren Einschätzungen der politischen Lage. Getarnt als französische Studien überdauerte das Tagebuch die NS-Zeit.

Der Makel – Ein deutsch-jüdisches Familienstück

Von Andreas Müller

Mittwoch, 22.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

“1994, im Alter von 67 Jahren, offenbarte mir meine Mutter, dass mein Großvater nicht mein Großvater ist. Ein anderer Mann hätte die Großmutter mit ihrem Kind “über Nacht” verlassen. Ein weißer Fleck in der Geburtsurkunde: Vater unbekannt.

Vielleicht hätte ich es dabei belassen, wäre da nicht noch lange Zeit dieses Flüstern meiner Mutter geblieben, wenn wir darüber sprachen, und wäre da nicht das Datum seines Verschwindens: 1933, Ziel Palästina.

Im Januar 2011, nach 17-jähriger Suche, erhielt ich aus England eine E-Mail, lapidar überschrieben: “Welcome to the family!” Meine Mutter hatte eine Cousine in London und eine Halbschwester in Israel. Wie würden sie sich begegnen?”

Raubgräber

Von Günther Wessel

Mittwoch, 22.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Ägypten wird geplündert. Metertief führen ungesicherte Stollen in Wüstengräber. Kinder kriechen hinein, bringen Nachschub für den internationalen Antikenmarkt. Auf sechs bis acht Milliarden Euro pro Jahr schätzen Fahnder den Umsatz aus dem Verkauf illegal erlangter Kulturgüter weltweit. Tendenz steigend. Nur mit Drogen und Waffen wird noch mehr Geld gemacht. Die Gier der Sammler, Grabräuber und Händler zerstört nicht nur die Vergangenheit von Völkern, sondern finanziert auch Terrornetzwerke wie den IS. Hehler schaffen das Raubgut ins Ausland und schließlich nach Westeuropa: nach London, Brüssel oder München. Auktionshäuser, Privatleute, Galerien oder Internethändler verkaufen die Ware mit gefälschten Zertifikaten weiter. Vor allem in Deutschland kann der Markt ungehindert florieren.

Nicht kampflos sterben!
Jüdischer Widerstand im weißrussischen Gedächtnis

Von Johannes Kirsten

Freitag, 24.04.2015, 20:10 Uhr, DLF

Im offiziellen weißrussischen Geschichtsbild nehmen die heldenhaften Partisanen im Kampf gegen die Nazibesatzung einen zentralen Platz ein. Was wenig bekannt ist: Zwei Partisanenverbände bestanden aus gläubigen Juden. Nirgendwo sonst in dieser Zeit gab es einen vergleichbaren jüdischen Widerstand.

Allein die Bielski-Brüder schleusten 1.200 Menschen aus den Gettos und formierten mit ihnen im Naliboki-Wald ein geheimes Schtetl, ein funktionierendes Gemeinwesen, von dem aus ihre Einheiten operierten. Jack Kagan und Michail Treijster wurden als Kinder von den Bielskis gerettet und schlossen sich ihren Aktionen an. Heute erzählen sie gegen den Verlust des historischen Gedächtnisses an. Unterstützung finden sie dabei von jungen Autoren, die ihrerseits als Partisanen agieren: Als P-ART-isanen der Kunst unterlaufen sie den Partisanenmythos der Regierung Lukaschenko.

„Und es brennt mein Herz tagelang“

Von Daniel Guthmann und Stepan Gantralyan

Samstag, 25.04.2015, 18.05 Uhr, DR Kultur

Die Erinnerung an Jeghische Tscharenz (1897–1937) hat für die Armenier eine besondere Bedeutung. Tscharenz wird nicht nur als Begründer der modernen armenischen Dichtung verehrt, sondern zugleich als ein Märtyrer der armenischen Nation.

In seiner Lebensgeschichte und in seinen Werken spiegelt sich das tragische Schicksal des armenischen Volkes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Geschichte, die mit dem Völkermord an den Armeniern beginnt und im stalinistischen Terror der 30er-Jahre gewaltsam endet. Bis Mitte der 50er-Jahre galt der Dichter als verfemt. Selbst seine Tochter Anahit konnte nur schwer in Erfahrung bringen, wer ihr Vater war.

Im Widerstand zu Hause sein?
Eine Erkundung zur Kritik als Lebensform

Von Angelika Brauer

Sonntag, 26.04.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Die Dramen der Vergangenheit, die Schieflagen der Gegenwart, die Kluft zwischen Arm und Reich – jeder weiß Bescheid. Man kann sich empören, solidarisieren, als Wutbürger auf die Straße gehen und sein Nein demonstrieren. Ist dieser spontane Widerstand – anlassbezogen, zielgerichtet und so schnell, dass er verschwindet, bevor er ökonomisch vereinnahmt wird – nicht der einzige, der heute überhaupt noch zur Freiheit der Selbstbestimmung passt? Eine prinzipielle Frage. Mit Antworten von Philosophen und Künstlern.

 

Radiotipps für die Woche vom 13. bis 19. April 2015

Venezuela – Auf dem Weg zur Diktatur?
Eindrücke aus einem gebeutelten Land

Von Peter B. Schumann

Dienstag, 14.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

15 Jahre nach dem Amtsantritt von Hugo Chávez, zwei Jahre nach seinem Tod befindet sich Venezuela in einer tiefen Krise. Im ölreichsten Land Lateinamerikas herrscht heute ein Mangel an Benzin und Elektrizität, an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten. Die Inflation beträgt rund 70 Prozent.

Was ist aus der einstigen “bolivarischen Revolution” geworden, die einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts verfocht? Ist der Niedergang des Landes, gegen den seine Bürger seit Monaten protestieren, nur der Politik des Nachfolgers von Chávez, Nicolás Maduro, zuzuschreiben? Der jedenfalls versucht zunehmend, die Führungsspitze der Opposition zu kriminalisieren und greift in die Etats autonomer staatlicher Universitäten und in die Haushalte oppositioneller Stadtverwaltungen ein.

Hans Magnus Enzensberger
Das unendliche Zimmer

Von Michael Augustin und Walter Weber

Mittwoch, 15.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Bereits als junger Autor war der 1929 in Kaufbeuren geborene und in Nürnberg aufgewachsene Hans Magnus Enzensberger polyglott unterwegs.

Gewohnt hat er an vielen Orten der Welt: in Freiburg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Berlin und München, in Frankreich und Norwegen, Russland, den USA und in Kuba.

Enzensberger steht für die in Deutschland seltene Verbindung von Homme de Lettres, Homo Politicus und Bonvivant. Sein Rückblick kommt ohne Altersmilde aus.

„9 to 5“ – Nein Danke
Selbstbestimmt Arbeiten 2.0

Von Regina Burbach

Mittwoch, 15.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Sie sind um die 30, haben Studium und Ausbildung hinter sich und sind gut gerüstet, um in der Wirtschaft an den größeren Rädern zu drehen. Sie hatten auch schon mal einen Fuß in der Tür, saßen an diversen Schreibtischen als High Potential mit Festvertrag und Urlaubsgeld. Aber die Zweifel kamen: Soll das alles gewesen sein und immer so weitergehen? Von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr, “9 to 5″, ein Leben lang und fremdbestimmt? – Nein, haben sie gesagt und einen anderen Weg gewählt, einen mit viel mehr Risiko, und teils zum Unverständnis ihrer Freunde und Bekannten. Sie haben Start-Ups gegründet, sind mutig ihren eigenwilligen Ideen gefolgt. Das Porträt einer neuen Generation.

Mythos Luis Trenker
Ein Mann, ein Berg

Von Katrin Hildebrand

Freitag, 17.04.2015, 20:10 Uhr, DLF

Wer den Namen Luis Trenker hört, denkt sofort an die Südtiroler Berge. Dabei war Luis Trenker in Wirklichkeit nur ein mittelmäßiger Kletterer. In den fast 98 Jahren seines Lebens arbeitete er als Architekt, Unternehmer, Dolomitenführer, Skilehrer, Soldat, Schauspieler, Filmemacher, Schriftsteller sowie als Märchenonkel für den Bayerischen Rundfunk.

Im Privaten galt er als Frauenheld und Patriarch, als Egomane mit hohem Unterhaltungswert. Als Regisseur arrangierte er sich mit den Nationalsozialisten und Mussolinis Faschisten. Bis heute hat sich das Bild eines aufrechten Strahlemanns gehalten. Wie hat er das geschafft?

Oury Jalloh
Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalles

Von Margot Overath

Samstag, 18.04.2015, 13:05 Uhr , BR2

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Siebter Januar 2005, Dessau, Sachsen-Anhalt. In einer Polizeizelle verbrennt ein an Händen und Füßen gefesselter Mensch bei lebendigem Leib. Selbst verschuldet, sagen die einen. Ermordet, sagen die anderen. Was geschehen ist, wird nur gedeutet. Klare Beweise liegen nicht vor. Da auch der dritte Prozess vor dem Landgericht Magdeburg keine endgültige Aufklärung zum Entstehen des Brandes bringt, knüpft die Autorin an ihre Recherche für ihr erstes Feature zum Fall Jalloh “Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf” an und hinterfragt die Ermittlungsergebnisse erneut.

Mit Unterstützung von Gerichtsmedizinern, Toxikologen und Kriminalbeamten geht sie Ungereimtheiten nach und bekommt Hinweise auf einen dritten Mann. Ging es am Anfang um unterlassene Hilfeleistung des Dienstgruppenleiters, ermittelt die Staatsanwaltschaft Dessau seit 2014 gegen Unbekannt wegen Mord.

Zaaatari

Von Monika Kalcsics

Samstag, 18.04.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Das Flüchtlingslager Zaatari der Vereinten Nationen in Jordanien ist das zweitgrößte weltweit. Es liegt im Norden des Landes an der Grenze zu Syrien, wo seit drei Jahren Bürgerkrieg herrscht.

2012, als das Lager errichtet wurde, kamen pro Nacht 1500 Menschen an. Heute leben 100 000 Menschen auf 530 Hektar Land. Eine logistische Herausforderung für die UNO und die Hilfsorganisationen. Auch der Deutsche Kilian Kleinschmidt arbeitet hier, er wurde gerufen, als das Lager im Chaos zu versinken drohte.

“Ich glaube, dass wir sowieso politisch sind”

Geschichten von Leuten, die sich einmischen

Von Günter Rohleder

Sonntag, 19.04.2015, 14.05 Uhr, SWR2 Feature am Sonntag

Demokratie ist ein Prozess und muss täglich neu errungen werden. Sie lebt davon, dass Menschen hinsehen und aufbegehren, wenn sie auf Unzumutbares und Ungerechtes stoßen. Doch Temperament, Mut und Handlungsbereitschaft fallen sehr unterschiedlich aus. Wie ticken Menschen, die sich einmischen? Was treibt sie zum Handeln? Und wann werden Wut und Empörung gefährlich? Neun Menschen, die sich einmischen über ihre Motive und ihre Zweifel.

Ich habe sie geheiratet, weil sie mich gefragt hat
Sylvia Platz und Ted Hughes

Von Manuela Reichart

Sonntag, 19. April 2015, 18:05 Uhr, hr2

Sylvia Plath und Ted Hughes: eines der großen Dichterpaare des 20. Jahrhunderts. Als sie sich im Winter 1962 umbringt, scheint er vielen der Schuldige – und wird trotzdem zu ihrem erfolgreichen Nachlassverwalter.

Begonnen hat ihre Liebesgeschichte 1956 in Cambridge, wo sich die begabte Amerikanerin Sylvia Plath und der aufstrebende englische Lyriker Ted Hughes zum ersten Mal begegnen. Sie bewundern einander und verlieben sich, kämpfen um Anerkennung als Autoren, bekommen zwei Kinder, haben wenig Geld – und scheitern in der Ehe. Bis heute ist Sylvia Plath das Opfer in diesem Liebesdrama, Ted Hughes der Täter, der sie betrog und in den Selbstmord trieb. Ihre Ehegeschichte wurde zur Projektionsfläche, auf der viele das geschlechtsspezifische Liebesdrama erkannten. Aber sind solche Geschichten nicht immer komplizierter?

 

Radiotipps vom 6. bis 12. April 2015

Im Tale grünet Hoffnungsglück –
Osterfest und Frühlingsfeier

Von Hans-Joachim Simm

Montag, 6. April 2015, 12:05 Uhr, hr2

Ostern, das Urfest des Christentums, knüpft an die Pessachfeier und an die antiken Frühjahrsriten an. Die Sendung widmet sich – mit kulturhistorischen und literarischen Texten – der Entstehung, Entwicklung und Bedeutung des Osterfestes. Hans-Joachim Simm beschreibt die Ereignisse vom Palmsonntag über den ‚Krummen Mittwoch‘, den Gründonnerstag und Karfreitag bis zum ‚Weißen Sonntag‘, ergänzt um die mit dem Frühlingsanfang verbundenen und noch heute bekannten Sitten und Bräuche, von Flurumgängen und vom Wasserschöpfen bis zu Lichterprozession und Osterfeuer.

Lady Day – Das Leben der Billie Holiday

Von Grace Yoon und Alfred Koch

Dienstag, 07.04.2015, 19:15 Uhr, DLF

Billie Holiday ist die Stimme des Jazz und vielleicht auch die Stimme des 20. Jahrhunderts. Ihr Leben war so intensiv wie ihre Musik, eine außergewöhnlich talentierte Frau, die ein Leben auf dem Drahtseil führte, stets vom Unrecht der Rassentrennung, von falschen Freunden und den Auswirkungen ihrer Drogensucht bedroht.

1939 sang sie erstmals den Song “Strange Fruit”, ein Aufschrei gegen die Lynchjustiz an Schwarzen. In dem Film “New Orleans” (1946) durfte sie nur die Rolle spielen, die Hollywood damals für Schwarze vorsah: das Dienstmädchen. Billie Holiday starb mit nur 44 Jahren. Ihre Autobiografie wurde in viele Sprachen übersetzt.

Diana Ross spielte Lady Day in dem Film “Lady sings the Blues” und immer wieder tauchen Samples ihres Gesangs in modernen Re-Mixes, Techno- und Rap-Produktionen auf.

Check – shoot – goal
Innenansicht eines Eishockeyclubs

Von Ulrich Land

Mittwoch, 08.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Eishockey ist nach Fußball der beliebteste und lauteste Mannschaftssport. Eine Allianz aus Eleganz und Aggression. Für das Porträt der Kölner Haie wurde die komplette Mannschaft mit Mikrofonen verkabelt; sechs Mikrofone hingen von der Decke, und zusätzlich wurden zahlreiche Einzelaktionen sowie das Publikum separat aufgenommen.

Moritz Müller, Star-Verteidiger der vor über 40 Jahren gegründeten Kölner Haie, kommentiert von der Bande aus. Welchen Teamspirit bringen die Spieler mit? Welche Bedeutung haben die Schneidezähne für einen Hai? Und wie geht die Mannschaft mit der Rolle des ewigen Vizemeisters um?

Svalbard
Norwegens Joker im Run auf die Arktis

Von Harald Brandt

Mitttwoch, 08.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Svalbard – “kühle Küste” wird die Inselgruppe auf norwegisch genannt. Der 1920 in Paris unterzeichnete Spitzbergenvertrag gesteht Norwegen die volle Souveränität über den gewaltigen Archipel im Polarmeer zu. Allerdings muss Norwegen allen 40 Unterzeichnerstaaten die gleichen Rechte bei der Ausbeutung von Bodenschätzen gewährleisten, über die es selbst verfügt. Und nicht nur die vermuteten Öl- und Gasvorkommen im Norden sind begehrt: Auf Svalbard beginnt der Run auf die Arktis. Etwa 2000 Menschen leben in der Hauptsiedlung Longyearbyen, über ein Viertel sind Studenten aus aller Welt. In Barentsburg kommen noch etwa 400 russische Minenarbeiter und Wissenschaftler dazu. Norwegen verfügt zwar über die Souveränität, aber wird es den Wettlauf gewinnen?

Viva Fluxus
Mein Leben mit Vostell

Von Rilo Chmielorz

Freitag, 10.04.2015, 20:10 Uhr, DLF

40 Jahre lang war Mercedes Guardado de Vostell die Frau an der Seite von Wolf Vostell, des wohl bekanntesten Fluxus-Künstlers, der diese Bewegung Anfang der 60er-Jahre mitbegründet hat. Fluxus wollte die Grenze zwischen Kunst und Leben aufheben. Alles sollte fließen: KUNST=LEBEN=KUNST.

Das Publikum wurde zum Protagonisten der Happenings. Man wohnte im Atelier, und auch im Privaten wurden die Grenzen fließend. Als sich Mercedes und Wolf 1958 in Guadalupe kennenlernten, war Wolf ein unbekannter Maler und Mercedes eine junge Lehrerin, die gerade zu unterrichten begonnen hatte. Hals über Kopf folgte sie ihm nach Köln.

Noch heute spricht Mercedes von ihm als “Vostell” und nennt ihn weder beim Vornamen noch “meinen Mann”. Sie war Muse, Mutter, Modell, engste Mitarbeiterin, Museumsgründerin, Familienunternehmerin. Obwohl inzwischen schon 81 Jahre alt, ist sie immer noch die künstlerische Direktorin des Museo Vostell Malpartida und hält das bewegte Erbe lebendig. Viva Mercedes! Viva Fluxus!

Mein ungerechtes Land
Warum in Deutschland immer noch die soziale Herkunft zählt

Samstag, 11.04.2015, 13:05 bis 14:00 Uhr, Bayern 2

Von Marco Maurer

Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Ein junger Mann hat den Traum Sportreporter zu werden. Dagegen stehen eine Hauptschulempfehlung, der Mann vom Arbeitsamt und manchmal auch das eigene Milieu. Dennoch ist er, Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers, entgegen der Prognose seiner Lehrer Journalist geworden. Sein eigener Marsch durch die Bildungsinstitutionen war der Ausgangspunkt, sich in einer drei Jahre langen Recherche einmal gründlich die deutsche Bildungswirklichkeit anzuschauen: Von 100 Akademiker-Kindern schaffen 71 den Sprung auf die Universität, von 100 Nichtakademiker-Kindern sind es nur 24. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer sozialen Auslese.
Im Gespräch mit Politikern wie Ole von Beust, sozialen Aufsteigern wie Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn, und Experten, etwa dem Eliteforscher Michael Hartmann, geht der Autor des Features der Bildungsungerechtigkeit auf den Grund. Er will wissen, warum es in Deutschland gute Bildung immer noch nicht für alle gibt, Kinder aus bildungsfernen Milieus systematisch benachteiligt, ihre Talente und Begabungen nicht gefördert werden und so ein ganzes Land seine Zukunft verspielt.

Fremdes Land
Mein Exil Zuhause

Von Ruth Fruchtman

Samstag, 11.04.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Wer sagt, dass Zuhause nur ein bequemer Ort sei? Wer behauptet, dass man dort bleiben muss, wo man geboren wurde? Im selben Land, in derselben Stadt, gar in derselben Straße und derselben Wohnung? Heimatlosigkeit muss kein Nachteil sein. Das Land, die Kultur und die Sprache zu wechseln, kann eine andere Sicht auf die Welt, auf andere Menschen ermöglichen – und vor allem auf sich selbst.
Leila Ibn Hasar, deutsch-arabischer Herkunft, Maciej Luszynski aus Polen, Ines Meyer-Kormes, jüdische Ostberlinerin und die ebenfalls jüdische, in London geborene Autorin Ruth Fruchtman erzählen von der Suche nach Heimat und der Konstruktion eines Zuhauses.

„Ich schrieb das schnell auf“
Rolf Dieter Brinkmann und die Suche nach dem Unmittelbaren

Von Norbert Hummelt

Sonntag, 12.04.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Vielleicht sei es ihm “manchmal gelungen, Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus”, schrieb Rolf Dieter Brinkmann zu seinem letzten Gedichtband Westwärts 1 & 2, der im Mai 1975 posthum erschien. Kurz zuvor war der gerade 35-jährige Dichter in London von einem Bus überfahren worden. Der Versuch, unmittelbar an die Dinge, an den Augenblick, an das Leben heranzukommen, zeichnete sein Schreiben von Beginn an aus. Dazu entwickelte er die Snap Shots, ganz kurze Gedichte, die sich fotografisch an den Moment heften. Kommen wir heute, 40 Jahre nach Brinkmanns Tod, noch an die erloschenen Augenblicke heran? Was empfinden wir, wenn wir seine Stimme hören wie in seiner letzten Aufnahme, die kurz vor seinem Tod in Cambridge aufgezeichnet wurde? Finden wir in seinen Gedichten noch eigene Erfahrungen oder sind sie schon weit abgerückt?

 

Radiotipps für die Woche vom 29. März bis 5. April 2015

Mittelamerikanischer Exodus
Wenn Kinder nur noch weg wollen

Von Erika Harzer

Dienstag, 31.03.2015, 19:15 Uhr, DLF

Sie kommen aus Guatemala, El Salvador und Honduras. Sie sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und durchqueren alleine Mexiko. Eine mörderische Route, die sie nur mit viel Glück unversehrt hinter sich bringen können, ohne dabei in die Hände von Drogenkartellen, Entführern, Menschenhändlern oder auch der Migrationspolizei zu gelangen.

All die Gefahren halten sie nicht davon ab, sich auf den Weg zu machen. Zu Hunderten sitzen sie dicht gedrängt auf Dächern von Güterzügen und hoffen täglich aufs Neue, ihr Ziel zu erreichen. Die USA. Dort glauben sie, ein Leben leben zu können, dass ihnen mehr bietet, als der gewalttätige Alltag, den sie in ihren Heimatländern erlitten haben. Doch Präsident Obama erwägt angesichts des Ansturms Minderjähriger eine Gesetzesänderung, um diese Kinder schneller abschieben zu können. Die Heimatländer gelten nicht als Kriegsregionen und doch sind sie Ausgangspunkt des Exodus. Die Geschichte der Kinder einer vergessenen Region, die Geschichte einer humanitären Katastrophe.

Es brummt

Von Beate Mayer

Mittwoch, 01.04.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Der mysteriöse Tiefton, den nur wenige Menschen hören können, ist ein Rätsel – weder Quelle noch Ursache sind bisher bekannt. Die Autorin Beate Mayer begab sich auf die Suche nach dem Brummton. Es wurde eine Reise in die Welt der tiefen Töne.

“Das Bett vibriert, das Kopfkissen brummt, das Herz rast und der Blutdruck erhöht sich. Es hört sich an, als brumme im Keller ein Kühlschrank.” So beschreibt einer von 900 Brummton-Betroffenen in Deutschland sein Leiden, das ihm seit Jahren den Schlaf raubt.

Den mysteriösen Tiefton hören nur wenige Menschen. Das ist ein Rätsel, denn weder Quelle noch Ursache des Phänomens sind bisher bekannt. Wohl aber die Wirkung, die niederfrequente Töne auf den menschlichen Organismus haben, obwohl man sie nicht bewusst wahrnimmt.

Die Autorin begab sich auf die Suche nach dem Brummton. Aus der Recherche wurde eine Reise quer durch die Republik und in die Welt der tiefen Töne, die alles andere als ungefährlich ist.

Die Stadt, der Cop, die Fehlurteile
Justizskandal in New York

Von Simone Hamm

Mittwoch, 01.04.2015, 22.03 Uhr, SWR2

In den 80er-Jahren war New York die Hauptstadt der Kriminalität. Drogenhändler beherrschten die Straße, Morde waren an der Tagesordnung. Die Polizei brauchte dringend Erfolge und Detektive Louis Scarcella lieferte sie. Er brachte Mörder gleich dutzendweise auf die Anklagebank. Die Staatsanwälte glaubten ihm gerne, dass Augenzeugen gleich mehrere Morde gesehen haben wollten, fiel ihnen nicht auf und niemand fragte, warum etliche Angeklagte auf ihrer Unschuld beharrten. Sie wurden verurteilt und erhielten langjährige Haftstrafen. New York schien wieder sicher. Nach über 20 Jahren stellt sich heraus, dass viele unschuldig im Gefängnis saßen. Über 70 Fälle werden jetzt neu aufgerollt, die ersten Häftlinge wurden inzwischen freigelassen. Wie konnte es dazu kommen? Verurteilte kommen zu Wort, Anwälte, Politiker und Bürgerrechtler, die zu erklären versuchen, wie Fehlurteile in diesem Ausmaß überhaupt möglich waren. Es zeigt sich: Louis Scarcella ist nur Teil eines sehr viel größeren Problems.

Elser

Hörspiel von Fred Breinersdorfer

Freitag, 03.04., 20.03 Uhr, SWR2 Hörspiel am Sonntag

Es fehlten 13 Minuten, die die Weltgeschichte ändern und Millionen Menschenleben hätten retten können. Doch Adolf Hitler verließ die Kundgebung im Münchner Bürgerbräukeller an diesem 8. November 1939 zu früh. Er wollte schnellstens zurück nach Berlin, konnte aber nicht fliegen, weil Nebel herrschte. Erst im Sonderzug erreichte ihn und seine Paladine die Nachricht, dass der Ort, an dem sie noch kurz zuvor des ›Marschs auf die Feldherrenhalle‹ gedacht hatten, durch eine Bombenexplosion zertrümmert worden war.

»Wir alle sind wie durch ein Wunder dem Tode entronnen«, schrieb Goebbels in sein Tagebuch. Die Vorsehung habe den »Führer« gerettet. Er stehe, so pries die Propaganda, »unter dem Schutz des Allmächtigen« und werde erst sterben, »wenn seine Mission erfüllt ist«.

Georg Elser, der Attentäter, der die heraufziehende Katastrophe des Zweiten Weltkriegs früher als viele andere erkannt und durch Tyrannenmord hatte verhindern wollen, war dem Leiter der Kripo Arthur Nebe und Gestapo-Chef Heinrich Müller in Berlin überstellt worden. Nach brutalen Verhören gestand er schließlich. Doch die Nazis glaubten nicht, dass dieser einfache Schreiner aus dem schwäbischen Königsbronn allein gehandelt haben konnte. Sie hielten ihn für ein Werkzeug des englischen Geheimdienstes. Für einen Schauprozess ließ man Elser noch jahrelang im KZ am Leben. Erst kurz vor Kriegsende wurde er auf Befehl Hitlers in Dachau ermordet.

Das Hörspiel über den Hitler-Attentäter entstand in Abstimmung zwischen den Redaktionen Fernsehfilm und Hörspiel des Südwestrundfunks. Erfolgreich zusammengearbeitet hatten sie zuletzt beim großen »Rommel«-Film des SWR. Diesmal stand die Kino-Koproduktion »Elser« am Anfang, in der Oliver Hirschbiegel Regie führt. Drehbuchautor Fred Breinersdorfer schrieb für das Hörspiel eine neue, eigenständige Version. Seine wichtigste historische Quelle waren die Gestapo-Protokolle, die, bis auf wenige Ausnahmen, allerdings nicht den Wortlaut der Verhöre wiedergeben, sondern als Zusammenfassungen der Protokollanten in der Sprache der Nazis gehalten sind. Im Unterschied zum Film wählte Breinersdorfer vor allem die Innenperspektive Elsers, um den minutiös geplanten An-schlag und seine Hintergründe zu schildern. In Rückblenden, andrängenden Erinnerungen und im inneren Monolog werden die Überzeugungen und Motive, aber auch die Zweifel des Attentäters deutlich.

Auf dem Weg nach Çankiri
Der Komponist und der Völkermord

Von Daniel Guthmann

Freitag, 03.04.2015, 20:05 Uhr, DLF

Am 24. April 1915 werden in Konstantinopel mehr als 220 Armenier festgenommen und in den folgenden Tagen ins Landesinnere nach Çankiri deportiert. Der Vorwurf lautet: Hochverrat. Zu den prominenten Gefangenen gehört einer der berühmtesten armenischen Künstler: der Komponist und Priester Komitas Vardapet.

Die Verhaftungen bilden den Auftakt zum ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1915 und 1917 bringen die Türken schätzungsweise 1,5 Millionen Armenier im Osmanischen Reich um. Obwohl Komitas zu den Überlebenden der Deportationen gehört, zerbricht er aus Verzweiflung über das Leid seiner Nation.Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbringt er in psychiatrischen Anstalten in Konstantinopel und Paris.

Das Feature erzählt mit Hilfe von Auszügen aus unveröffentlichten Originalquellen, Krankenakten und armenischen Zeitzeugenberichten, und macht deutlich, was der Leidensweg des Komponisten für die Armenier von heute bedeutet.

Die Liebe zum Standard
Feldforschungen in der Welt der Kaninchenzüchter

Von Jörn Klare

Samstag, 04.04.2015 um 18:05 Uhr

Jörn Klare war schon in fast aller Welt und an beinahe jedem Krisenherd. Jetzt aber führen ihn seine investigativen Recherchen in eine besonders exotische Welt: das Universum der deutschen Kaninchenzüchter.

Das Wenige, das man über sie weiß, stammt aus dem Lokalteil der Zeitung. Dort, wo angeblich jeder Reporter mal angefangen hat (um möglichst schnell weg- und weiterzukommen), erschließt sich dem Autor ein vielfältiger Kosmos mit komplexen Regeln und Gebräuchen.

Allen voran: der “Standard”, der buchstäblich Kaninchen haarklein festschreibt, was ein schönes Kaninchen von einem weniger schönen unterscheidet. Die Kleintierwelt als Großmetapher. Jörn Klare hat auch versucht, mit den Kaninchen selbst zu sprechen.

„Es muss doch schön sein“
Paul Kuhn – vom Wunderkind zur Jazzlegende

Von Nadja Mayer

Sonntag, 5. April 2015, 18:05 Uhr, hr2

Als die Alliierten während des zweiten Weltkriegs in der Normandie landeten, saß der Sechzehnjährige mit fünf Revuegirls in einem Schnellboot Richtung Brest, während über ihren Köpfen die Bomben flogen. Er spielte nach dem Krieg in den Clubs der GIs und auf dem ersten Deutschen Jazzfestival in Frankfurt am Main. Schon bald aber versprach er: “Ich spiele alles, was Sie hören möchten” und sang mit weicher Stimme und ernster Miene vom “Mann am Klavier”. Es sollte die Hymne der Nachkriegsjahre werden. In den 1970er Jahren machte er das Tanzorchester des SFB zu einer Big Band von Weltruhm und fing noch einmal bei null an, als die Ära der Band jäh zu Ende ging.

Paul Kuhn, der mit seiner Musik immer lieber Menschen unterhalten, als Kritiker begeistern wollte, pflegte ein konsequentes Desinteresse an Einteilungen in E- und U-Musik, in Jazz und Schlager. “Es muss doch schön sein”, lautete sein Credo, mit dem er zumindest in den Feuilletons lange Zeit auf Unverständnis stieß. Erst spät kehrte er zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und fand endlich auch als Jazzpianist gebührende Anerkennung. Das Feature zeichnet das facettenreiche Leben von Paul Kuhn nach, der 2013 im Alter von 85 Jahren gestorben ist.

 

Radiotipps für die Woche vom 22. bis 29. März 2015

Bis Zurawlów probt den Aufstand
Ein polnisches Dorf im Streit mit der Fracking-Industrie

Von Martin Sander

Dienstag, 24.03.2015, 19:15 Uhr, DLF

Kaum ein Land in Europa hat so auf Schiefergas gesetzt wie Polen in den vergangenen Jahren. Experten wollten in Ostpolen riesige Vorkommen ausgemacht haben, in Warschau feierte man die künftige Unabhängigkeit von Gazprom. Westliche Energiekonzerne spekulierten auf Gewinn und viele Menschen in der Provinz auf gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Einwohner von Żurawlów aber waren von Beginn an zutiefst skeptisch.

Seit vor zwei Jahren Vertreter von Chevron mit allerlei Versprechen, doch ohne Genehmigung der Behörden in ihrem malerischen Dorf erschienen, herrschte Aufruhr. Man fürchtete eine Verunreinigung des Grundwassers und den Verlust von Grund und Boden. “Wir lassen uns nicht noch einmal vertreiben!”, lautete eine Parole, die auf die Zwangsumsiedlungen der Bewohner im Zweiten Weltkrieg anspielt.

Eigensinnig widerständisch verbündeten sich katholische Patrioten mit international versierten Aktivisten. Nach Monaten des Protests verschwand das Gerät vom Testfeld – nachts, spurlos, ohne Erklärung. Ein alter Bauwagen, das Winterquartier der Protestler ist stehen geblieben – nicht nur als Museum des Widerstands, sondern auch für den Fall, dass Chevron wiederkommen sollte.

„Das Verschwinden der Natalia Aschenbrenner“
Hörspielserie in sechs Folgen

Von Friedrich Ani

„Der Anruf“, Folge 1, Dienstag, 24. März 2015, 19.20 Uhr, SWR2

Wovon “Tatort”-Fans und Tourismusmanager zwischen Bad Wildbad und Freiburgträumen, das ist beim Kulturradio SWR2 demnächst Realität: eine eigene Krimi-Serie aus dem Schwarzwald! Denn zum ersten Mal muss der eigenbrötlerische Privatdetektiv Tabor Süden, für den Friedrich Ani (Deutscher Krimipreis) bereits mehrere Romane und Originalhörspielegeschrieben hat, im Südwesten eine vermisste junge Frau aufspüren. Die sechsteilige Hörspielserie „Das Verschwinden der Natalia Aschenbrenner“ führt den wortkargen Spurensucher aus München in die dunkelsten Ecken des Schwarzwalds. Zwischen dem eleganten Kurort Baden-Baden und dem abgelegenen Dorf Henkersbach gerät er immer tiefer in den Sog einer düsteren Welt. SWR2sendet die 25-minütigen Folgen jeweils dienstags, 24. März bis 28. April2015, um 19.20 Uhr. Auf der Suche nach der vermissten Maskenbildnerin Natalia Aschenbrenner tritt Tabor Süden (Klaus Spürkel) auf die Köchin Eloise Valéry, die seit Jahren alleine in einem heruntergekommenen Hotellebt. Was Süden nicht weiß: Zwei Männer sind nach Henkersbachzurückgekehrt, mit denen die Köchin Geheimnisse aus der Vergangenheit teilt. Doch während Süden längst vergangenen Verbrechen auf die Spur kommt, bleibt die verschwundene Natalia unauffindbar und der Ermittler wird selbst zum Gejagten… Die beeindruckende Radio-Stimme von Tabor Süden gehört übrigens dem Freiburger Schauspieler Klaus Spürkel (Theaterbühne “KUMEDI”,”Tatort” Stuttgart 1995–2007, “Laible und Frisch”, “Die Fallers” etc.)

Weitere Sendetermine:
„Der Fremde“, Folge 2, Dienstag, 31. März 2015, um 19.20 Uhr
„Die Lügnerin“, Folge 3, Dienstag, 7. April 2015, um 19.20 Uhr
„Das Schattenhaus“, Folge 4, Dienstag, 14. April 2015, um 19.20 Uhr
„Der Abgrund“, Folge 5, Dienstag. 21. April 2015, um 19.20 Uhr
„Südens End“, Folge 6, Dienstag, 28. April 2015, um 19.20 Uhr
Alle Folgen gibt es nach der Ausstrahlung auch zum Herunterladen aufwww.SWR2.de/hoerspiel.

Letztes Wochenende
Grenzerfahrungen einer verlorenen Generation in Franken

Von Jonas Heldt

Mittwoch, 25.03.2105, 00:05 Uhr, DR Kultur

“Gleichwertige Lebensbedingungen” – das verspricht die bayerische Staatsregierung im fernen München. Im Nordosten Bayerns, an der Grenze zu Tschechien, sieht die Realität anders aus. Marge will als frische Abiturientin nach Berlin, sie flüchtet sich von Wochenende zu Wochenende, von Rausch zu Rausch.

Ihr Begleiter Keksi tut sich mit der Arbeitssuche schwer als Skinhead und Bürgerschreck. Denn Perspektiven sind rar im Grenzgebiet. Auf der tschechischen Seite dieser Grenze mitten im neuen Europa treibt sich Roman herum, Crystal Meth ist sein Begleiter. Neben einem Motocross-Platz für die Deutschen baut er sich ein Baumhaus im Drogenwald.

Kinder am Ende des Lebens
Über Palliativmedizin und Sterbehilfe

Von Karla Krause

Mittwoch, 25.03.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe auch für Minderjährige hat nicht nur die belgische Gesellschaft aufgewühlt. Dabei sind Eltern unheilbar erkrankter Kinder immer wieder vor existentielle Entscheidungen gestellt, die ihnen auch ein Gesetzgeber nicht abnehmen kann: Denn ob ein Kind wiederbelebt, operiert, beatmet, künstlich ernährt werden soll, kann über Leben oder Tod entscheiden. Eine Abwägung, die Eltern häufig überfordert. Im Kinderhospiz Sonnenhof unterstützt ein Palliativteam von Ärzten, Pflegern und Therapeuten betroffene Familien – weit über die medizinische Betreuung hinaus. Es hilft bei Entscheidungen und bemüht sich um die Lebensqualität von todkranken Mädchen und Jungen und die liebevolle Begleitung von Sterbenden. Kann eine solche Versorgung die aktive Sterbehilfe bei Kindern überflüssig machen?

Hip-Hop und Heavy Metal
Die verborgenen Hochkulturen

Von Jörg Scheller

Freitag, 27.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Während sich die Sensationsmedien bevorzugt Sexismus und Gewaltverherrlichung im Gangsta-Rap oder Satanismus und rechtem Gedankengut im Heavy Metal widmen – die es fraglos auch gibt – geht es in dieser Sendung darum, das wachsende progressive und emanzipatorische Potenzial der Szenen auszuloten. So schöpfen Metal-Musiker aus dem Erbe der Klassik, die Songtexte von Rappern werden in Anthologien veröffentlicht. Virtuose Math-Core Bands wie The Dillinger Escape Plan knüpfen an die Komplexität des Jazz an.

Liebe und andere Zwischenfälle
Vom Erwachsen-Werden mit dem Down-Syndrom

Von Helmut Kopetzky

Samstag, 28.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Kleine Kinder mit dem “Down-Syndrom” sind überwältigend in ihrer Zuneigung, Mittelpunkt jedes Kindergeburtstags. Aber wie geht es weiter in ihrem Leben? Jeder zehnte Mensch mit “Trisomie 21″ erreicht heute das 70. Lebensjahr.

Petra und Sven sind 27 bzw. 30 Jahre alt. Petra hat sich in Sven verliebt. Fast täglich telefonieren sie miteinander. Die beiden reden von Hochzeit. Mehrmals haben sie bereits gemeinsam die Nacht verbracht. Svens Eltern sind noch skeptisch, Petras Eltern befürworten die Verbindung. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte spiegelt auch die Diskussion um “Normalität”, die Autonomie “Behinderter”, Fortpflanzung und genetische Risiken.

Zwischen Aragaz und Ararat
Eine Reise mit der Autorin Katerina Poladjan nach Armenien

Von Andreas Kebelmann und Robert Schmidt

Sonntag, 29.03.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Drei Anfänge. New York 2010. Moskau 1973. Berlin 2014. So könnte der Roman von Katerina Poladjan beginnen. Der Großvater starb Anfang der 70er-Jahre kurz nach ihrer Geburt in Moskau, die Großmutter fast 30 Jahre später in New York. Über ihren Vater bekommt die Autorin einige alte Fotos, ein Tonband und einen armenischen Namen: Poladjan. Die Familiengeschichte geht zurück bis ins Jahr 1915 nach Ordu an der anatolischen Schwarzmeerküste. Die Spurensuche führt weiter – über Kontinente und Jahrhunderte. In Jerewan im Matenadaran-Institut, dem Zentralarchiv für armenische Handschriften, endet die Reise und beginnt die Geschichte.

 

Radiotipps für die Woche vom 16. bis 22. März 2015

Die Tauben vom Hauptbahnhof
Psychologie eines Sehnsuchtsortes

Von Rainer Schildberger

Freitag, 20.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Bettler und Obdachlose, die Hast der Berufstätigen und die Träume der Wartenden. Der Bahnhof ist Sinnbild für das Etappenhafte, das Bruchstückhafte, das Fragmentarische, die Instabilität, aber auch für die Bewegung unseres Lebens. “Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt”, dieser Satz von Joseph Beuys ist Ausgangspunkt und zentraler Fokus des Features.

Gemeint ist, dass Erkenntnisse über den Sinn des Lebens auf der Straße zu finden sind. Besonders am Hauptbahnhof als Nukleus und exemplarischer Ort des Geheimnisses. Der Autor geht hinein in die ergebnisoffenen Situationen, die der Bahnhof bietet. Er trifft Menschen, die einfach nur sitzen und schauen und andere, die herumfahren müssen, weil sie es Zuhause nicht aushalten. Und dann ist da noch die Taube hoch oben in der gläsernen Kuppel. Sie kennt jeden, sie sieht alles. Sie erzählt von den Banalitäten und Besonderheiten eines Sehnsuchtsortes.

Erfahrung und was daraus folgt

Von Martina Groß

Mittwoch, 18.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Er gilt als der “Vater der Beatgeneration”, auch wenn er diese Einordnung nicht mochte. Alle kamen sie zu den legendären Freitags-Soireen in den 50er-Jahren. Als Anarchist und Bohemien schlug er eine Brücke zur Arbeiterbewegung und zum frühen Jazz Chicagos.

Als Buddhist und Übersetzer japanischer und chinesischer Dichtung brachte er die asiatische Ideenwelt den Amerikanern näher. Spirituelle Erfahrung und Religion waren für ihn nichts, an das man glaubt, sondern etwas Praktiziertes. Auch wenn Kenneth Rexroth (1905-1982) heute ein fast vergessener Dichter ist: Er stand am Anfang der vielen Formen asiatischer Spiritualität, die die Autorin auf ihrer Reise entlang der Westküste der USA gefunden hat.

Die gekaufte Stadt
Serge Dassault und das politische Business in Frankreich

Von Margit Hillmann

Mittwoch, 18.03.2015, 22.03 Uhr, SWR2

Die französische Arbeiterstadt Corbeil-Essonnes bei Paris galt lange als uneinnehmbare Hochburg der Kommunistischen Partei. – Bis Mitte der 1990er-Jahre ein konservativer Politiker das Rathaus eroberte: Flugzeugbauer Serge Dassault. Der Großindustrielle hatte versprochen, die Stadt auf Erfolgskurs zu bringen. Heute – 20 Jahre später – steht Corbeil-Essonnes für eine der dreistesten Korruptionsaffären Frankreichs: Dassault soll seine Wahlerfolge in der Stadt nach Mafia-Manier und mit Millionenbeträgen erkauft haben. Das Feature spürt die Mechanik des System Dassault auf und leuchtet die Hintergründe eines Skandals aus, dessen Ausmaße erst nach und nach ans Tageslicht kommen.

Der letzte Mensch
Wie wir überleben, wenn wir überleben

Von Thomas Palzer

Samstag, 21.03.2015, 14.00 Uhr, Bayern 2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

“Die globale Welt ist heute so beschaffen, dass es irgendwann einen großen Knall geben wird”, sagt der Philosoph Slavoj Žižek.
“Aber erst wenn wir das als unausweichliches Schicksal akzeptieren, können wir auch wirklich etwas dagegen tun.” Und wir tun etwas. Wir kümmern uns ums Überleben. In Gedanken sind wir alle längst dabei, das Ende der Zivilisation zu imaginieren und uns darauf mental vorzubereiten. Und wer etwa eine Großstadt besucht, der kann den Eindruck gewinnen, dass immer mehr Menschen den Ernstfall auch wirklich proben. Studios wie CrossFit werben damit, das härteste Workout der Welt anzubieten. Hier werden ganz gewöhnliche Stadtbewohner zu Gladiatoren, Elitesoldaten und Überlebenskämpfern ausgebildet – und auf größte physische Herausforderungen und Notfälle vorbereitet. In den USA nennt man diesen Trend Sufferfest – Leidensfest. Angesichts der zahllosen Krisen, die die Gegenwart erschüttern – neue Seuchen, Flüchtlingskrisen, Syrien, Ukraine, der IS, der neue autoritäre Kapitalismus, aber auch die üblichen Verdächtigen wie Versorgungskrisen, Überbevölkerung usw. – scheint die Angst vor dem “Einbruch des Realen” (Slavoj Žižek) zu wachsen. Wir fühlen uns vom kommenden Klimakrieg bedroht, von sich anbahnenden ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen, von der drohenden Verdunkelung der Erde; von neuen Seuchen, vom Zusammenbruch der “Systeme” und von der übersteigerten Selbstermächtigung des Menschen. Wir lieben es, die Zukunft als Desaster zu denken.
Das Feature will die Geschichte der Gegenwart schon mal probeweise zu Ende erzählen und befragt dazu Menschen, die sich auf den Ernstfall vorbereiten.
Welche Art Zukunft liegt eigentlich vor uns – und: Können wir diese überleben? Was täten wir, wenn der Supermarkt an der Ecke nach Panikkäufen leergeräumt wäre? Und: Sind unsere sozialen Beziehungen belastbar – in einer möglichen Krise?

Drei Schwestern und ein Downsyndrom
Inszenierung von Familienbeziehungen

Von Annika Erichsen

Samstag, 21.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Elisabeth ist arbeitslos, Christina ist Single und Theresa ist behindert. So kann man die drei Schelhas-Schwestern beschreiben. Es geht aber auch anders: Elisabeth will die Größte, Schönste, Stärkste sein, Christina fühlt sich zu kurz gekommen und Theresa steht mit beiden Beinen im Leben.

Oder: Erstgeborene, Sandwichkind und Nesthäkchen. Welche Beschreibung ist am Treffendsten? Die drei inzwischen erwachsenen jungen Frauen stehen gemeinsam auf einer Theaterbühne, um herauszufinden, wer welche Rolle im echten Leben spielt. Und wie frei sie ihren Lebensentwurf tatsächlich wählen können.

Artisten (3/)
Peggy Traber – Fallhöhe

Von Judith Fehrenbacher

Sonntag, 22.03.2105, 15.04 Uhr, SWR2

Peggy Traber ist Hochseilartistin. Eine aus der großen Artisten-Dynastie der Trabers, die seit 1799 ununterbrochen auf dem Seil unterwegs sind. Doch Peggy Traber gehört nicht zum glamourösen Familienzweig, der in Baden ansässig ist, sondern zu einer östlichen Linie, die in der DDR und der Sowjetunion Karriere machte. Eine seltene Karriere im Sozialismus: auf schmalem Draht in hoher Luft. Natürlich gehen auch ihre drei Töchter aufs Seil. Gefallen ist Peggy Traber erst Jahre nach der Wende – als sie sich in ihren Schwiegersohn in spe verliebte. Familienkrieg, Finanzprobleme. Schließlich landete sie ganz unten – im Gefängnis. Doch nun ist sie frei und will wieder rauf. Und rauf kann für sie nur bedeuten: auf’s Seil. “Das Leben ist ein Hochseilakt”, sagt sie. Und sie ist die einzige, die das sagen kann, ohne dass es eine abgedroschene Metapher ist.

Weder schwarz noch weiß:
Asiatische Einwanderer in den USA

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

Sonntag, 22. März 2015, 18:05 Uhr, hr2-kultur

Amerika ist seit seiner Entdeckung durch Europäer eine Zone der Einwanderung, und die transatlantische Verbindung ist Grundlage unseres Amerikabildes. Fast unbekannt ist dagegen die pazifische Seite der Einwanderung nach Amerika.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erreichen Millionen Menschen den Kontinent über den Pazifik, und heute beträgt ihr Anteil in Städten wie Los Angeles, San Francisco, San Jose oder Seattle bis zu 30 Prozent der Bevölkerung. Ihre Lage wird zuweilen mit dem Begriff der “Model Minority” beschrieben, einer “besseren” Minderheit, die den American Way of Life durch Anpassung und Leistungsbereitschaft schafft.

Aber ist das die ganze Wahrheit? Seit den 1960er Jahren kämpfen die Asian Americans um gesellschaftliche Anerkennung und politische Mitbestimmung. Heute ist in San Francisco der Bürgermeister asiatischer Herkunft, fünf von elf der gesetzgebenden und vom Volk gewählten Verwaltungsräte / Supervisors ebenfalls. Jane Tversted und Martin Zähringer gehen den Spuren der Asian Americans in der Bay Area nach, es entsteht der Lagebericht einer etwas anderen Migration.

 

Radiotipps für die Woche vom 8. bis 14. März 2015

Abgehängt
Wie die Krise in das Leben der Franzosen eingreift

Von Ruth Jung

Dienstag, 10.03.2015, 19:15 Uhr, DLF

Jeder vierte Franzose unter 25 Jahren ist arbeitslos. Rund fünf Millionen gelten als arm. Und die Armut breitet sich immer mehr aus. In Paris führt ein Obdachloser Interessierte an die Stätten des zunehmenden sozialen Elends. 2013 verteilten die “Resto du coeur” mehr als 130 Millionen kostenlose Mahlzeiten.

Aus der Initiative des Komikers Coluche von 1985 ist ein karitatives Großunternehmen geworden. Armut hat heute ein anderes Gesicht als vor 30 Jahren: Nullwachstum, prekäre Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Depression, Ausgrenzung. Von dieser tiefgreifenden sozialen und politischen Krise profitiert die extreme Rechte, die 2014 zwölf Rathäuser erobern konnte.

Bei der Europawahl erhielt der Front National ein Viertel der abgegebenen Stimmen. Umfragen lassen befürchten, dass dessen Spitzenkandidatin Marine Le Pen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen vorn liegen könnte. Derweil streiten sich die regierenden Sozialdemokraten über mögliche Wege aus der Krise.

Textverarbeitung
Über das Büchermachen in digitalen Zeiten

Von Joachim Büthe

Freitag, 13.03.2015, 20:10 Uhr, DLF

Über das Verschwinden des Buches sind schon viele Bücher geschrieben worden. Es verschwindet aber nicht, sondern es wird sogar schöner, auch durch den Druck der digitalen Konkurrenz. Verloren hat es sein Monopol und das kann ein Anlass sein, seine Qualitäten neu zu bestimmen und auch die Positionen von Verlegern, Gestaltern und Lesern.

Kann es neue Verlagsformen geben, die weniger hierarchisch gegliedert sind als bisher? Welche Rollen werden Gestalter spielen, nicht nur im Medium des Buches, sondern auch in den digitalen Publikationen? Ist es für die Aufnahmefähigkeit des Lesers gleichgültig, in welchem Medium er liest? Und müssen die rivalisierenden Medien wirklich Gegner sein? Sie werden noch lange nebeneinander und miteinander auskommen müssen. Warum nicht einen Vorteil daraus machen?

Unterwegs im alpinen Europa
Wörterberge

Von Alessandro Bosetti

Mittwoch, 11.03.2015, 00:05 Uhr, DR Kultur

Sein Interesse an Sprache hat den Soundkünstler Alessandro Bosetti in das “Little Europe” der Alpen geführt. Dieses Gebirgsmassiv in der Mitte Europas ist vielsprachig, überschreitet nationale Grenzen, beherbergt Regionen mit starker Eigenidentität, die um politische Autonomie kämpfen. Gleichzeitig prägen Migration und Wanderarbeiter das Bild.

Bosetti ging dorthin, wo auf überschaubarem Raum Walserisch, Frankoprovenzalisch, Ladino, Cimbro, Slowenisch und viele andere Sprachen gesprochen werden. Er besuchte Bergbauern auf der Alm und verfolgte in den Tälern hitzige Dorfdebatten über den richtigen Kurs Europas.

Wenn Kinder nur noch weg wollen
Der mittelamerikanische Exodus

Von Erika Harzer

Samstag, 14.03.2015 13:05 Uhr, BR2
Wiederholung am Sonntag, 21.05 Uhr

Sie kommen aus Guatemala, El Salvador und Honduras. Sie sind Kinder oder Jugendliche und durchqueren alleine Mexiko. Eine mörderische Route, die sie nur mit viel Glück unversehrt hinter sich bringen können, ohne dabei in die Hände von Drogenkartellen, Entführern, Menschenhändlern oder auch der Migrationspolizei zu gelangen. All die Gefahren halten sie nicht davon ab, sich auf den Weg zu machen. Zu Hunderten sitzen sie dicht gedrängt auf Dächern von Güterzügen und hoffen täglich aufs Neue, ihr Ziel zu erreichen. Die USA. Dort glauben sie, ein Leben führen zu können, das ihnen mehr bietet, als der gewalttätige Alltag, den sie in ihren Heimatländern erlitten haben. Doch Präsident Obama erwägt angesichts des Ansturms Minderjähriger eine Gesetzesänderung, um diese Kinder schneller abschieben zu können. Die Heimatländer gelten nicht als Kriegsregionen und doch sind sie Ausgangspunkt des Exodus. Die Geschichte der Kinder einer vergessenen Region, die Geschichte einer humanitären Katastrophe.

Stecker raus – Menschen ohne Strom

Von Dieter Jandt

Samstag, 14.03.2015, 18:05 Uhr, DR Kultur

Jährlich sind bundesweit mehr als 300 000 Haushalte von Stromsperrungen betroffen, Tendenz steigend. Auch der vermehrte “Stromklau” ist ein Indiz dafür, dass vielen Menschen Energie zu teuer geworden ist. Verbraucherverbände fordern ein Grundrecht auf Strom.

Die Realität aber sieht düster aus. Manche Menschen bleiben über Monate ohne Strom und verbringen den Abend bei Kerzenlicht. Sozial schwache Familien können sich keine energiesparenden Geräte leisten, nicht einmal Sparlampen. Was wäre zu tun, damit Strom für alle bezahlbar ist?
Ein Ausflug zu Menschen, die ohne Strom leben müssen.

Artisten (2/3)
Milo Barus – Der stärkste Mann der Welt

Von Martin Becker und Tabea Soergel

Sonntag, 14.03.2015, 14.05 Uhr, SWR2

Er wuchtete vollbesetzte Straßenbahnen aus den Schienen und rang mit bloßer Muskelkraft Stiere nieder. 1906 wurde er im Sudetenland geboren, 1930 wurde ihm in Paris der Titel “Stärkster Mann der Welt” zugesprochen. Ebenso wie in London, Kalkutta, Kairo, Buenos Aires und New York. Schließlich aber landete er im thüringischen Stadtroda in der DDR. Immerhin: Für die ein oder andere Fernsehshow ging er immer noch vor die Kamera, um einen Hufnagel mit der Faust ins Holz zu schlagen und mit den Zähnen wieder herausziehen. Wie passt ein solitärer Kraftprotz in einen Staat der vereinten solidarischen Kräfte? Und wie passt er in die Gegenwart? Emil Bahr alias Milo Barus starb 1977. Heute wird im Eisenberger Mühltal ein Kraftsportwettkampf namens “Milo Barus Cup” veranstaltet.

(Teil 3, Sonntag, 22. März, 14.05 Uhr)

Billig – um jeden Preis!
Der Lebensmitteleinzelhandel: Einblicke in ein krankes System

Von Egon Koch

Sonntag, 15. März 2015, 18:05 Uhr, hr2

Beim Wettkampf um Marktanteile und die Gunst des Kunden spielt im Lebensmitteleinzelhandel der Preis die zentrale Rolle. Der deutsche Markt ist gesättigt. Marktanteile können nur noch durch die Verdrängung von Mitbewerbern gewonnen werden.

Die fünf führenden Supermarkt- und Discounterkonzerne Edeka, Rewe, Aldi, die Schwarzgruppe (Lidl und Kaufland) und Metro teilen den Markt unter sich auf. Featureautor Egon Koch spürt einem kranken System nach, das auf Kosten der Produzenten den Preis immer mehr drückt.